Geschichte der Stiftung

Von Sarkophag bis Silikat

Die Kulturstiftung der Länder sichert seit 1988 herausragende Zeugnisse unseres nationalen Kulturerbes für deutsche Museen, Bibliotheken und Archive.

Als 1983 das jahrzehntelang verschollene Evangeliar Heinrichs des Löwen in London verauktioniert werden sollte, musste alles blitzschnell gehen: Die mit Gold durchwirkte, prachtvoll illuminierte Handschrift aus dem Welfenschatz galt als nationale Kostbarkeit, und der Erhalt des künstlerisch herausragenden Zeugnisses hochromanischer Buchkunst für die deutsche Öffentlichkeit war daher eine kulturpolitische Aufgabe ersten Ranges. In einer konzertierten Rettungsaktion glückte es, die Handschrift aus dem 12. Jahrhundert gemeinsam für die Länder Niedersachsen und Bayern, den Bund sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu ersteigern. Das prunkvolle Evangeliar wird heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel verwahrt. Um zukünftig schnell und effizient unser Kulturerbe zu schützen, wuchs die Einsicht, ein schlagkräftiges Instrument zur Bewahrung nationaler Kunstschätze ins Leben zu rufen. Als Errichtung der elf bundesrepublikanischen Länder nahm die Kulturstiftung der Länder am 1. April 1988 in Berlin ihre Arbeit auf. Seit 1990 – dem Beitrittsjahr der neuen Länder zur Stiftung – bündeln 16 Länder solidarisch ihre Kräfte, um Kunst und Kultur zu bewahren, die unsere Identität bestimmt.

Der Stammbaum Christi aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen (um 1180) zeigt in den drei Medaillons der obersten Reihe Jesus Christus zwischen Maria und Joseph. (Foto: HAB)
Der Stammbaum Christi aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen (um 1180) zeigt in den drei Medaillons der obersten Reihe Jesus Christus zwischen Maria und Joseph. (Foto: HAB)

Bewahren von Kunst- und Kulturschätzen

Seit fast drei Jahrzehnten widmet sich die Kulturstiftung der Länder ihrer Kernaufgabe: Museen, Bibliotheken und Archive beim Erwerb für die deutsche Kultur besonders wichtiger Zeugnisse zu helfen. Dabei fungiert sie nicht nur als Geldgeber, sondern steht den Einrichtungen unseres künstlerischen wie kulturellen Gedächtnisses bei Ankäufen als Partner zur Seite – beratend, koordinierend und moderierend. Inzwischen wurden mit Unterstützung der Stiftung 1.000 Kunstwerke, Sammlungen von Archivalien, Nachlässe von Schriftstellern, wertvolle Handschriften und weiteres kostbares Kulturgut für öffentliche Sammlungen gesichert. Dabei wendete sie rund 166 Millionen Euro aus Ländermitteln auf, ohne selbst Eigentum an den Erwerbungen zu erlangen. Mit ihrem weit verzweigten Netzwerk aus Stiftungen, Unternehmen und Mäzenen kamen so – in Zeiten knapper Ankaufsetats der Institutionen – Kunstwerke im Gesamtwert von rund 625 Millionen Euro in öffentliche Sammlungen. Die Palette der Förderungen ist dabei ebenso vielfältig wie Deutschlands reiche Kultur: von archäologischen Sensationsfunden wie dem Gammertinger Fürstengrab über mittelalterliche Inkunabeln wie der ältesten Handschrift des Nibelungenlieds bis hin zu malerischen Meisterwerken von Hans Holbein, Peter Paul Rubens, Edvard Munch, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Martin Kippenberger oder Gerhard Richter; von literaturhistorischen Kostbarkeiten wie Franz Kafkas Romanmanuskript zum „Proceß“ über Musikalien wie Ludwig van Beethovens Autographen der „Diabelli-Variationen“ bis hin zu wertvollem Mobiliar wie dem Schreibtisch Friedrichs des Großen, der so ins Schloss Sanssouci zurückkehren konnte.

1/10

Vermitteln des kulturellen Erbes

Seit 2009 unterstützt die  Kulturstiftung der Länder kunst- und kulturhistorische Ausstellungen von überregionaler Strahlkraft. Um der kulturellen Vielfalt der deutschen Regionen gerecht zu werden, fördert die Stiftung vor allem Ausstellungsvorhaben mit regionaler Verankerung bei zugleich internationaler Bedeutung. Zahlreiche unterstützte Ausstellungen widmeten sich der nicht selten schöne Überraschungen bergenden Neuentdeckung ihrer musealen Sammlungen. Vielbeachtet waren beispielsweise die große Landesausstellung Baden-Württembergs „Hans Holbein d. Ä. – Die Graue Passion in ihrer Zeit“ (Staatsgalerie Stuttgart, 2010), die Landesschau Sachsen-Anhalts „Der Naumburger Meister – Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen“ (Naumburg, 2011) und „Bernini – Erfinder des Barocken Rom“ (Museum der bildenden Künste Leipzig, 2014). Seit einigen Jahren fördert die Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit der Kulturstiftung des Bundes herausragende Ausstellungen, wie zum Beispiel die Retrospektive „Alibis – Sigmar Polke“ (Museum Ludwig, Köln, 2015) und die kulturgeschichtliche Schau „Homosexualität_en“ (Schwules Museum und Deutsches Historisches Museum, Berlin 2015).

Erhalten kostbarer Kulturgüter

Bei der Hochwasserkatastrophe in Dresden 2002, dem Brand der Weimarer Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek 2004 und dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln 2009 stand die Kulturstiftung der Länder stets mit schneller Hilfe bereit, um einmalige Zeugnisse unserer Kultur zu erhalten. Seit 2014 engagiert sich die Stiftung bei „Kunst auf Lager“ – einem Restaurierungsbündnis von momentan vierzehn kulturfördernden Stiftungen, die Museen, Bibliotheken und Archive bei der Modernisierung und Erschließung ihrer Depots sowie bei der Konservierung und Restaurierung von wertvollem nationalen Kulturgut helfen wollen. Im Rahmen von „Kunst auf Lager“ konnten mit Hilfe der Kulturstiftung u. a. von der Glaskrankheit befallene Daguerreotypien im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, berstende Wirbeltierfossilien im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart oder Matthias Grünwalds eindrucksvolles Altarbild „Kreuztragung Christi“ (1523/25) in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe gerettet werden.

Seit 2011 widmet sich die Stiftung den papiernen Schätzen in zahlreichen Museen, Archiven und Bibliotheken Deutschlands: Die auf Initiative von Kulturstaatsminister Bernd Neumann gemeinsam von Bund und Ländern gegründete „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ (KEK) förderte bisher u. a. 190 Modellprojekte zur Rettung schriftlicher Zeugnisse unser Kultur vor dem Verfall und der Zerstörung durch Schädlinge, Schimmelbefall und Säurefraß. Zu den Hauptaufgaben der Koordinierungsstelle zählen zudem die Erarbeitung eines nationalen Bestandserhaltungskonzepts für schriftliche Kulturgüter sowie die Vernetzung bestehender Institutionen und Kompetenzstellen. Damit regt die KEK aktiv die Forschung zu grundlegenden Fragen der Schriftenrettung sowie die Entwicklung innovativer Verfahren und Erfolg versprechender Techniken an. Ein besonderes Anliegen der Koordinierungsstelle ist es zudem, die Öffentlichkeit für die Gefährdungen des kulturellen Schrifterbes zu sensibilisieren: Denn ein geschärftes Problembewusstsein ist Grundlage für einen bewussteren Umgang mit erhaltenswertem Schriftgut.

1/5

Kulturpolitische Themen

Neben ihrer satzungsgemäßen Aufgabe der Förderung und Bewahrung unseres Kulturerbes engagiert sich die Kulturstiftung der Länder auch bei kulturpolitischen Themen:

Kulturelle Bildung

Im Jahr 2003 startete die Kulturstiftung der Länder ihre Bildungsinitiative „Kinder zum Olymp!“ mit dem Ziel, die ästhetische Bildung besser im Alltag und fest in den Lehrplänen der Schulen zu verankern. Die alle zwei Jahre veranstalteten Kongresse der Initiative sind Gipfeltreffen der kulturellen Bildung: Akteure der kulturellen Bildung – Lehrer, Macher aus den Museen, Theatern und Orchestern, aber auch Vertreter aus Bildungsministerien, Schul- und Kulturverwaltungen – trafen sich bisher in Leipzig, Hamburg, Saarbrücken, München, Dessau, Hannover und Freiburg, um in Workshops und Symposien neue kulturelle Bildungskonzepte zu diskutieren. Mit ihrem Wettbewerb „Schulen kooperieren mit Kultur“ prämierte die Kulturstiftung bis 2014 herausragende Kooperationen von Schulen mit kulturellen Institutionen und Künstlern. Zurzeit wird ein neues Wettbewerbskonzept entwickelt.

Kriegsbedingt verlagertes Kulturgut

Hunderttausende Kunstwerke und kostbares Kulturgut wurden von russischen Trophäenbrigaden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus deutschen Sammlungen abtransportiert. Welche Wege nahmen diese Kunstwerke, wo befinden sie sich heute? Auf der anderen Seite: Was wurde von deutschen NS-Sonderkommandos in sowjetischen Institutionen beschlagnahmt? Welche Verluste erlitten die reichen russischen Sammlungen im Krieg? Seit 2005 widmet sich die Stiftung mit eingeworbenen Drittmitteln dem Thema Beutekunst. Die Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog, dessen Geschäftsstelle in der Kulturstiftung angesiedelt ist, hat sich mit seinem deutsch-russischen Forscherteam zum Ziel gesetzt, diese Fragen wissenschaftlich aufzuklären und den fachlichen Austausch zwischen deutschen und russischen Museen zu fördern.

Provenienzforschung

2008 startete die Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit dem Bund erstmals die dringend notwendige, gründliche Erforschung der deutschen Museen, Bibliotheken und Archive nach Raubgut der NS-Zeit: Die Berliner „Arbeitsstelle für Provenienzforschung“ (AfP), dessen Geschäftsstelle die Stiftung finanzierte, vergab bis zum Jahresende 2014 Fördergelder in Höhe von rund 12 Millionen Euro für 170 Forschungsprojekte zur Suche nach NS-Raubkunst in 126 Sammlungen. Anfang 2015 ging die AfP in das vom Bund, den Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden neu geschaffene „Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste“ in Magdeburg über.

Eine Auswahl weiterer Initiativen und Projekte der Kulturstiftung der Länder

Durch Unterstützung des deutschen Theaterpreises DER FAUST würdigt die Kulturstiftung der Länder seit 2006 die reiche und weltweit einzigartige deutsche Theaterlandschaft.

Der Kulturstiftung der Länder obliegt seit 1996 die Organisation der Jurysitzungen zur Vergabe der Künstlerstipendien der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für die Villa Massimo in Rom, die Deutsche Akademie Rom Casa Baldi, für die Cité Internationale des Arts Paris sowie das Deutsche Studienzentrum Venedig.

Seit 1999 fördert der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder mit seinen rund 200 Mitgliedern zahlreiche Restaurierungsvorhaben von Museen, Bibliotheken und Archiven. Er vergibt zudem seit 2002 jährlich Reisestipendien zur internationalen Kunstmesse TEFAF in Maastricht zur Weiterbildung junger Museumsmitarbeiter. Seit 2011 fördert der Junge Freundeskreis mit rund 90 Mitgliedern den Museumsnachwuchs durch Vergabe von Reisestipendien für Volontäre zur ART BASEL.

Seit 2005 berichtet die Kulturstiftung der Länder in ihrem vierteljährlich erscheinenden Magazin Arsprototo mit spannenden Reportagen, kulturpolitischen Essays und und reich bebilderten Artikeln aus dem gesamten Kosmos der Stiftungsarbeit.