Beschreibung
Prunkvoll uniformiert, ganz nach den Vorschriften der königlichen Ordonnanzen des Reiterregiments: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722–1789) porträtierte den französischen Besatzungsoffizier Louis Gaucher (1737–1762) mit eleganter Leichtigkeit im Kontrapost posierend auf einer Anhöhe. Fest erwidert der französische Militär den Blick des Betrachtenden, stemmt selbstbewusst die linke behandschuhte Faust in die Hüfte. Mit dem Zeigefinger seiner entblößten Rechten deutet er bestimmt auf eine sich auf dem Fels entrollende Karte, neben der sein Dreispitz ruht. En détail lassen sich auf der Karte die Stadtmauern und das Umland Kassels erkennen. In der Ferne der weiten Landschaft ist die heutige Wilhelmshöhe mit der Kolossalstatue des Herkules und dem Schloss am Weißenstein zu sehen: Louis Gaucher, der während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) Teil der Besatzung Kassels war, trennt mit seiner Figur im Gemälde die linksseitig liegenden topografischen Merkmale der Landgrafschaft Hessen-Kassel von dem rechts aufgebauten französischen Feldlager.
Das der Forschung jahrzehntelang unbekannte Werk Tischbeins d. Ä. fügt sich nun in die kunsthistorisch bedeutsame Reihe der Kasseler Porträtsammlung ein: Bei einer anonymen Versteigerung am 19. April 2016 erhielt die Museumslandschaft Hessen Kassel durch die Förderung der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung die Möglichkeit, das Porträt zu erwerben. Zurück an seinem Ursprungsort vervollständigt das Werk den hochkarätigen Bestand der Sammlung Alte Meister. Diese glückliche Entwicklung zeichnet nun der vorliegende Patrimonia-Band vor dem historischen Hintergrund nach. Konzentriert wie fachkundig stellt der Leiter der Sammlung den Bildtypus des neuzeitlichen Ganzkörperporträts und seine Meister – von Tizian und Ruben über van Dyck bis Rembrandt – vor, schildert der akademische Oberrat des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde die Kriegsgeschehnisse in der Region sowie ihre Auswirkungen auf diese, deckt eine Mitarbeiterin der Kasseler Gemäldegalerie die Berufs- und Lebenswege Tischbeins d. Ä. auf.