Interview

Stiftungen im Schulterschluss

Uta Baier im Gespräch mit Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, und Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung

Herr Hoernes, Sie sind seit zwei Jahren Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung (EvSK). Zuvor waren Sie stellvertretender Generalsekretär bei der Kulturstiftung der Länder. Sie kennen beide Stiftungen daher sehr gut. Wo sehen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten? 

Martin Hoernes: Im vergangenen Jahr haben die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Kulturstiftung der Länder 17 Ankäufe – von insgesamt 28 der EvSK – gemeinsam gefördert. Das zeigt, wir haben den gleichen Blick und die gleichen Ziele. Beide Stiftungen fördern den Ankauf hochkarätiger, überregional bedeutender Kunstwerke. Unterschiede sind: Die EvSK ist in der Lage, wichtige Ankäufe auch alleine zu finanzieren. Zusätzlich haben wir von Ernst von Siemens ein wunderbares Instrument in die Stiftungssatzung geschrieben bekommen: Wir können Ankäufe vorfinanzieren. Geld relativ schnell auf den Tisch legen zu können, wirkt sich auf den Preis und die Verkaufsbereitschaft der Partner durchaus positiv aus. Unser Stifter war eben auch ein erfolgreicher Unternehmer.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Dazu muss man ergänzen, dass diese Darlehen für die Museen zinslos sind. Das finde ich wirklich eine ermutigende Möglichkeit für die Häuser.

Was haben Sie zuletzt für wen gemeinsam gekauft? 

Martin Hoernes: Da gibt es in der Tat ein ganz aktuelles Beispiel. Wir haben gemeinsam den Ankauf eines bedeutenden Drachenaquamaniles für das Dommuseum Hildesheim gefördert (s. S. 40 in diesem Heft). Hier war die Möglichkeit der Vor­finanzierung entscheidend, damit das Museum – letztlich erfolgreich – bei einer internationalen Versteigerung mitbieten konnte. Parallel hierzu liefen intensive Provenienzrecherchen, denn das Stück war eine wirkliche Entdeckung, nie publiziert und der Forschung vollkommen unbekannt.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Das war wirklich eine spannende Ankaufsgeschichte. Aber es gibt auch komplexe und langwierige Ankäufe: Etwa den Nachlass des Foto­grafen UMBO, dessen Ankauf für die Berlinische Galerie, das Sprengel Museum in Hannover und das Bauhaus in Dessau Anfang Mai präsentiert wurde. Diese Erwerbung finanzieren 14 Partner, darunter unsere beiden Stiftungen. Solche Großankäufe können schon einmal drei oder vier Jahre in Anspruch nehmen.

Wie läuft so ein Kauf praktisch ab? 

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Es gibt mehrere Kriterien, die wir vor jeder Förderung prüfen. Zuerst ist da die Bewertung der Qualität. Ebenso wichtig ist die Frage, ob das Werk für den Ort und für die Sammlung relevant ist. Außerdem muss die Provenienz geklärt sein. Grundsätzlich lassen wir das Wunschobjekt von zwei externen Spezialisten begutachten. Und natürlich muss der Preis auch angemessen sein.

Martin Hoernes: Insofern ist der Ablauf immer derselbe: Antrag, Meinungs­bildung, Bewilligung oder Nichtbewilligung.

An jedem ausgestellten Werk, dessen Ankauf von der Ernst von Siemens Kunststiftung mitfinanziert wurde, muss das Logo der Stiftung angebracht sein. Warum? 

Martin Hoernes: Das finde ich nur korrekt, wir erwerben schließlich jedes Mal Eigentum oder Miteigentum. Ernst von Siemens hat verfügt, dass die Stiftung neue Glanzpunkte für die Museen mitfinanzieren soll, die in der Schausammlung gezeigt werden müssen. Darin wiederum unterscheiden wir uns nicht von der Kulturstiftung der Länder.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Ich persönlich finde solche mehrteiligen Eigentumsverhältnisse sehr gut. Je mehr Eigentümer, desto größer der Schutz vor einem Verkauf.

Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat aber schon die Möglichkeit des Weiterverkaufs? 

Martin Hoernes: Das ist überhaupt nicht vorgesehen! Jedes Stück kommt zwar in unsere Bilanz – aber immer nur mit einem „Erinnerungswert“ von einem Euro. Weder der aktuelle Marktwert noch eine eventuelle Wertsteigerung interessieren uns. Jeder Verkauf würde außerdem unserem Stiftungszweck entgegenstehen. Ernst von Siemens hat sich als Partner und Unterstützer der Museen verstanden, also als Mäzen.

Die Kulturstiftung der Länder wird zuverlässig von den Ländern finanziert. Viele kapitalfinanzierte Stiftungen haben angesichts niedriger Renditen und Zinsen derzeit Probleme. Muss auch die EvSK ihre Förderungen einschränken? 

Martin Hoernes: Die Stiftung ist großzügig ausgestattet und deshalb immer handlungsfähig. Wir haben ursprünglich einen großen privaten Aktienstock von Ernst von Siemens bekommen, dessen Dividende die Stiftung trägt. Ein Teil der Mittel ist inzwischen auch auf dem Kapitalmarkt angelegt, aber Sie wissen, dass es bei den Renditen seit einiger Zeit nicht besonders erfreulich aussieht. Daher freuen wir uns über die zusätzliche Unterstützung der Siemens AG. Sinkende Kapitalerträge sind für viele Stiftungen momentan aber ein großes Thema, ebenso wie der wachsende Verwaltungsaufwand. Daher  kann ich nur dafür plädieren, nicht unbedingt immer eine eigene Stiftung gründen zu wollen, sondern sich – z. B. mit Zu­stiftungen – an große Stiftungen wie die Kulturstiftung der Länder oder die Ernst von Siemens Kunststiftung zu wenden.

Uta Baier (links) im Gespräch mit Isabel Pfeiffer-Poensgen und Martin Hoernes © Stefan Gloede
Uta Baier (links) im Gespräch mit Isabel Pfeiffer-Poensgen und Martin Hoernes © Stefan Gloede

Beide Stiftungen gehören zum Bündnis „Kunst auf Lager“, das 2012 gegründet wurde und sich – zusammen mit derzeit 12 Partnern und Förderern – um verschiedene Aspekte des Erhalts von Kunst- und Kulturgütern kümmert. Wie ist Ihre Bilanz nach den ersten drei Jahren? 

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Die 14 Stiftungen und Förderer, die sich daran beteiligen, konnten in den vergangenen drei Jahren dabei helfen, 140 Projekte zu realisieren. Wir als Kulturstiftung der Länder haben mittlerweile 34 Restaurierungsprojekte finanziert.

Martin Hoernes: Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat als Partner von „Kunst auf Lager“ etwa 30 Restaurierungsprojekte ermöglicht. Dabei sind unsere Förderkriterien dieselben wie die der Kulturstiftung der Länder: Wir sind der Überzeugung, dass eine Restaurierung ebenso wichtig sein kann wie ein Neuankauf.

Können Sie ein Beispiel für eine gemeinsame Restaurierung mit positiven Folgen nennen?

Martin Hoernes: Ein solches Förderprojekt waren zum Beispiel die dornröschenhaft schlummernden Bestände des St. Annen-Museums in Lübeck. Etwa 30 Objekte konnten erforscht, restauriert und in einer großen Ausstellung gezeigt werden. Das wäre ohne unsere Förderung nicht möglich gewesen.

Wie geht es weiter mit „Kunst auf Lager“? 

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Im Sommer gibt es ein Treffen aller Partner. Dann beraten wir über die Zukunft, denn wir hatten bei der Gründung erst einmal einen Zyklus von drei Jahren vereinbart.

Warum? 

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Wir waren nicht sicher, wie groß die Resonanz sein würde und ob die Zusammenarbeit der verschiedenen Stiftungen des Bündnisses funktioniert. Denn am Anfang schlug uns schon einige Skepsis entgegen. Ich bin sogar von einem Museumsdirektor gefragt worden, was eine solche Initiative überhaupt soll. Schließlich sei in den Depots der Museen doch alles in Ordnung. Auch sein Museum hat mittlerweile Anträge auf Restaurierungsförderung gestellt – und bewilligt bekommen.

Martin Hoernes: Ich erinnere mich, dass die Situation für die Restauratoren durchaus – und verständlicherweise – heikel war, denn einerseits war es eine Sache des Arbeitsethos, auf die Not im Depot aufmerksam zu machen. Andererseits möchte niemand illoyal sein. Doch die Zeit der anfänglichen Zweifel ist vorbei. Was wir noch erreichen wollen, ist, Förderer zu gewinnen, die bisher noch keine Restaurierungen unterstützt haben. Daran müssen wir weiter arbeiten.

Beide Stiftungen fördern auch Ausstellungsvorhaben. Dadurch haben Sie einen guten Einblick in die Arbeit sehr verschiedener Museen. Wo sehen Sie die größten Probleme? 

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Das größte Problem der Museen ist die Unterfinanzierung. Deshalb verfügen sie oft über sehr wenig wissenschaftliches Personal. Auf der anderen Seite sind die Erwartungen der Kommunen an ihre städtischen Museen enorm. Wir sehen außerdem, dass eine Generation politische Verantwortung trägt, die oftmals wenig mit Kultur in Berührung gekommen ist. Wer keinen Zugang zur Kultur gefunden hat, dem fehlt häufig das Gespür, was eine kulturelle Einrichtung für eine Stadt bedeuten kann. Andererseits gab es auch Fehlentwicklungen in den Museen. Die Blockbuster-Träume und wandernden Sonderausstellungen sind für die wenigsten Museen geeignet. Die Wiederentdeckung der eigenen Sammlung ist dagegen sehr zu begrüßen, und die daraus ent­wickelten Ausstellungen werden durch unsere beiden Stiftungen gerne gefördert.

Martin Hoernes: Mit einer komplett eingekauften Ausstellung kann man ein Haus erfolgreich bespielen, eine wirklich gute Ausstellung können nur die Wissenschaftler, die ihre Sammlung kennen, erarbeiten. Wir fördern diese guten Ausstellungen, die aus den Beständen entwickelt werden, denn sie treiben die wissenschaftliche Erkenntnis zu einer Epoche oder zu einem Künstler voran.

Fördert großzügige Unterstützung, wie sie Stiftungen leisten, nicht auch den finanziellen Rückzug der Kommunen und Länder aus der Finanzierung ihrer Museen? 

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Bei allen Förderungsleistungen durch Stiftungen darf man nicht verschweigen, dass die öffentliche Hand den größten Teil der kulturellen Angebote in unserem Land finanziert. Aber die Gefahr des Rückzugs besteht immer. Auch deshalb verlangt die Kulturstiftung der Länder, dass ein Teil des finanziellen Engagements für eine Erwerbung aus der Region, vom Landkreis, vom Land kommt. Und nur wenn ein Museum gut ausgestattet ist, kann es gut arbeiten. Die Bedingungen dafür müssen die Träger der Museen schaffen, und darauf können zusätzliche Förderungen aufbauen. Unsere Aufgabe sehen wir nicht zuletzt darin, die Museen dabei zu unterstützen und zu begleiten.

Martin Hoernes: Nur wer exzellent arbeitet, bekommt eine Förderung von uns. Der Träger hat es also in der Hand, wie viel Geld ein professionell arbeitendes Museum einwerben kann. Dank der langjährigen Tätigkeit beider Stiftungen kennen wir die Sammlungen – und die Verantwortlichen. Und bei allem, was wir uns wünschen: Es wird enorm viel gute Arbeit geleistet, und wir helfen den Museen sammeln!