Länderporträt Thüringen

Nazarenerin, Hofmalerin, Kustodin

Die Künstlerin und Goethe-Freundin Louise Seidler war erfolgreich wie wenige ihrer Zeit.

von Uta Baier

Ja! noch eine Neuigkeit, ich bekomme eine deutsche Malerin, die Mamsell Seidler, ich glaube aus Dresden, zur Nachbarin; sie wird neben meinem Studium [gemeint ist das Atelier] das ihrige haben“, schrieb Julius Schnorr von Carolsfeld 1818 nach Hause an seine Schwester. Und weiter erklärte er: „Mir ist’s nicht lieb, sie ist weder jung, schön, noch liebenswürdig, noch kann sie was, ich werde ihre nähere Bekanntschaft vermeiden. Ich kann diesen Schlag von Weibern nicht leiden, gewöhnlich sind sie unverschämt und eitel.“

Louise Seidler, Selbstbildnis, 1820; ehemals Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett (Kriegsverlust)
Louise Seidler, Selbstbildnis, 1820; ehemals Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett (Kriegsverlust)

Schnorr von Carolsfeld irrte sich in nahezu jedem Punkt, denn Mamsell Seidler stammte aus Jena, „konnte was“, war weder unverschämt noch eitel und auch nur acht Jahre älter als er. Außerdem galt sie als sehr liebenswürdig, selbst bei den männlichen Künstlern in Rom, denn sie konnte ihnen den einen und anderen Auftrag vermitteln. Schnorr von Carolsfeld sah das bald ein und schrieb bereits wenige Monate später: „Fräulein Seidler aus Jena ist nun schon lange meine Nachbarin. Ich habe mich vollkommen über die Nachbarschaft getröstet.“ Und eben das ist das Problem: Sich über eine Nachbarschaft trösten kann alles Mögliche bedeuten, nur nicht Achtung vor der Leistung einer Kollegin. Aber so erging es der Malerin Louise Seidler (1786–1866) allzu häufig. Sie wurde geschätzt – doch nicht in erster Linie für ihre Kunst, sondern zu Lebzeiten aufgrund ihrer Freundlichkeit und ihrer guten  Beziehungen zu Mäzenen. Und nach ihrem Tod wegen ihrer so liebenswürdig-ausführlichen Lebenserinnerungen. In ihnen erzählt sie nicht nur Autobiographisches, sondern viel aus dem Leben der Künstlerfreunde und Künstlerfreundinnen sowie über ihre intensive Bekanntschaft mit Johann Wolfgang von Goethe. All das ließ und lässt sich hervorragend als Quelle zur Beschreibung der Lebenswege anderer Künstler nutzen. Außerdem eignen sich ihre zahlreichen Porträts von Kollegen und Freundinnen perfekt als Illustrationen und verstellen den Blick auf die Künstlerin.

Soweit der Befund aus knapp 150 Jahren Rezeption. Änderung ist in Sicht, wenn auch nur in kleinen Schritten. Die Neuauflage der Erinnerungen kam – aus verkaufsfördernden Überlegungen – selbst im Jahr 2003 nicht ohne den Bezug zu Goethe aus und heißt deshalb „Goethes Malerin“. Louise Seidler wäre mit diesem Titel wahrscheinlich gar nicht so unzufrieden gewesen. Denn ihre Bekanntschaft zu Goethe bestimmte ihr Leben lange Zeit, oft entscheidend, immer wieder. Der Dichter förderte und unterstützte sie auf ihrem Weg zur Künstlerin, auch wenn sie niemals „seine“ Malerin wurde, sondern ihren eigenen Weg fand und ging.

Die 1786 geborene Tochter des Jenaer Universitätsstallmeisters galt schon in der Kindheit als künstlerisch begabt, lernte bei Leberecht Vogel und Gerhard von Kügelgen in Dresden malen und kopieren und begann im Alter von 31 Jahren mit einem Stipendium der Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach und Gotha-Altenburg und aufgrund der Fürsprache Goethes an der Kunstakademie in München ein einjähriges Studium. Anschließend ging sie nach Rom, wo sie fünf Jahre lebte und arbeitete. Sie wurde Nazarenerin, malte Bilder mit religiösen Inhalten, zeichnete, kopierte porträtierte und verkaufte gut. Vor allem ihre Aquarell­-Porträts zeigen Können, Eigenheit und künstlerische Meisterschaft. Mit leichtem Strich, präzisem Blick, feinem Gespür für die Besonderheiten eines Gesichts zeichnete Seidler wahrhaftig wirkende Bilder ihrer Auftraggeber, ihrer Freunde und Freundinnen, ohne sie bloßzustellen. Ein solch selbstbestimmter Lebensweg war allerdings nur möglich, weil Seidler unverheiratet blieb und sich nicht um Kinder und Haushalt kümmern musste, sondern allein für die Kunst leben konnte. Diesen Weg hatte Louise Seidler – nicht ganz freiwillig – schon 1810 gewählt, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Verlobter, ein französischer Arzt in Militärdiensten, im Krieg an einem Fieber gestorben war. Doch sie lag mit diesem Entschluss im Trend ihrer Zeit: „Für die Entscheidung, als Künstlerin zu leben und zu wirken, hatten diese Malerinnen den Verzicht auf eine eigene Familie in Kauf zu nehmen“, heißt es im Katalog zur Ausstellung „Zwischen Ideal und Wirklichkeit“ von 1999, die in Gotha und Konstanz gezeigt wurde.

Man muss sich Louise Seidler also, trotz aller Liebenswürdigkeit, als äußerst selbst- und zielbewusste Frau vorstellen. Dass sie von Georg Friedrich Kersting 1812 als „Die Stickerin“ gemalt wurde, kann eigentlich nur mit ihrer Bereitschaft erklärt werden, dem befreundeten Maler kostenlos Modell zu sitzen. Denn auch Kersting konnte nicht zweifeln, dass Louise niemals dieses genügsame, handarbeitende Frauen-Wesen sein würde, das er da im sanften Licht gemalt hatte. Zwar verdiente sie sich zeitweise durchaus Geld mit nächtlichen Handarbeiten – doch nur, um sich die eigene Kunst zu ermöglichen. „Den Lebensunterhalt, dessen ich in Dresden bedurfte, bezahlte ich von einer kleinen Summe, die ich mir in Jena durch heimliches Nähen von Wäsche und Anfertigung von Stickereien erworben hatte“, schrieb Seidler, die Kersting nicht nur Modell saß. In einer für ihre Großherzigkeit typischen, geradezu rührenden Aktion versuchte sie gemeinsam mit Goethe, dem nahezu mittellosen Kersting einige Bilderverkäufe zu ermöglichen. Die Idee half ihm allerdings nicht viel weiter: Er wurde durch die Aktion weder reich, noch fand seine Kunst neue Freunde. So wurde er erfolgreicher Malervorsteher an der Porzellanmanufaktur in Meißen (siehe Arsprototo 2/2011).

Das Bewusstsein, einen Weg zu gehen, der ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit war, gehörte zu Seidlers Leben wie zum Leben ihrer Kolleginnen. Obwohl es durchaus gute Jahre für emanzipatorische Bestrebungen waren, lebten auch in der Zeit der Romantik Männer wie Frauen mit den althergebrachten Vorstellungen von einer fest gefügten Bestimmung der Geschlechter. „Typisch für Seidler ist die auffällige Beachtung und Würdigung von Frauen, die ihren Lebensweg kreuzten“, schreibt Sylke Kaufmann im Nachwort zur Neuherausgabe der „Erinnerungen der Louise Seidler“. Diese Wertschätzung zeigt sich nicht nur in den Texten, sondern vor allem in den Bildern. Es sind selbstbewusste Frauen, die Seidler malt. Künstlerinnen, Persönlichkeiten, keine Hausmütterchen. Den Konventionen entkam die Künstlerin trotzdem nicht und die Anerkennung durch männliche Kollegen empfand sie als besondere Auszeichnung. Beglückt schreibt sie über ihre Abschiedsfeier von Rom, die ihr die Freunde „nach Sitte der männlichen Kunstgenossen“ ausgerichtet haben: „Die Orvieto kreiste zu den schmackhaften Speisen, und alle Lieder, welche sonst dem abreisenden Künstler zu Ehren gesungen wurden, erschallten nun abgeändert für die ,reisende Maid‘ in frischen, wehmüthig-fröhlichen Klängen.“

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Von der nachitalienischen Zeit erzählen die Lebenserinnerungen leider nicht mehr. Louise Seidler hatte mit dem Abfassen der Erinnerungen erst in ihren letzten Lebensjahren begonnen, weil sie wegen ihrer Erblindung nicht mehr malen und zeichnen konnte. Einen größeren Teil diktierte sie wohl auch und starb darüber. Der Originaltext ist verschollen – bekannt ist allein die Bearbeitung von Hermann Uhde, der die Erinnerungen 1873/1874 herausgab.  Dass so viele Jahre des Lebens und Wirkens nicht in den „Lebenserinnerungen“ beschrieben sind, ist wahrlich schade. Denn als sie Rom verlassen musste, um beim Vater in Weimar zu sein, war Louise Seidler gerade 37 Jahre alt und leistete noch Bedeutendes, das in ihrer subjektiven Beschreibung sicher einen ebenso großen Reiz gehabt hätte wie die frühen Jahre. Die Fakten sind freilich bekannt. Zurück in Weimar wurde sie Zeichenlehrerin der Prinzessinnen Marie und Auguste von Sachsen-Weimar-Eisenach und – durch Goethes Fürsprache – erste Kustodin der Herzoglichen Gemäldegalerie, später auch Hofmalerin. Leider gehört die Personalakte der Kustodin Seidler zu den Kriegsverlusten. Trotzdem kann man feststellen: Eine solche Karriere war nicht vielen Künstlern ihrer Zeit vergönnt – und schon gar keinen Künstlerinnen.

Doch mit der Wertschätzung war es bald nach ihrem Tod 1866 vorbei. Louise Seidler geriet in Vergessenheit und der Kunsthistoriker und Künstlerbiograph Hermann Grimm (ein Sohn Wilhelm Grimms), der sie noch persönlich gekannt hatte, veröffentlichte 1874 eine vernichtende Kritik. „Konnte Goethe nicht etwas Besseres tun, als seine Protection an solch schöne Mädchen verschwenden, während wirklichen Talenten vielleicht Förderung versagt und Geldmittel vorweg genommen wurden“, so Grimm in seinem Essay „Goethe und Luise Seidler“, worin er solche Frauen als „geringe Existenzen“ bezeichnet, die den „weltfremden Dichterfürsten umlagert“ hätten.

Es wäre nicht mehr als die ätzende Kritik eines einzelnen Herrn und damit „nur“ Zeitkolorit, wenn sich diese Einschätzung nicht für lange Zeit festgesetzt hätte. In einer Ausgabe der Erinnerungen von 1964 im Kiepenheuer Verlag Weimar heißt es im Nachwort von Joachim Müller: „Sie rang tapfer und sehr bewusst um die gesellschaftliche Anerkennung der eigenständig und unabhängig schaffenden Frau. Doch war sie auf dem Gebiete der Malerei und Zeichenkunst, so souverän sie die formalen Mittel ihrer Epoche handhabte, keine Pioniernatur. (…) Sie versuchte eher auszugleichen, abzurunden und liebenswürdig zu verklären. Man kann verstehen, dass ihr Kinderporträts und Heiligenbilder besonders gut gelangen.“ Das Wort Nazarenerin kommt nicht einmal vor. Werkverzeichnis-Autorin Sylke Kaufmann sieht darin bis heute das zentrale Problem bei der Rezeption der Seidler und ihrer kritischen Einordnung in die Kunst ihrer Zeit.

Das Künstlerlexikon Thieme/Becker von 1936 verzeichnet wenig mehr als 30 Arbeiten von Louise Seidler. Sylke Kaufmann recherchierte vor einigen Jahren mehr als 1.000. Die meisten – über 500 – finden sich in der Klassik Stiftung Weimar. Viele andere in den Goethe-Museen in Frankfurt am Main und Düsseldorf. Sie alle sammelten die Werke der Seidler nur, weil sie einen Bezug zu Goethe haben. Andere, wie das Thorvaldsens Museum in Kopenhagen oder das Lindenau-Museum in Altenburg, besitzen von Louise Seidler gemalte Porträts, die sich perfekt zum Illustrieren der eigenen Themen eignen. Auch in Weimar waren Louise Seidlers Werke lange Zeit nur willkommene Bebilderung zum Thema „Goethe und sein Kreis“. „In den neu konzipierten Ausstellungen haben sich die Prioritäten verschoben“, sagt Margarete Oppel, Kustodin in der Graphischen Sammlung. Jetzt werde der eigene künstlerische Wert der Seidler-Werke anerkannt und gewürdigt.

Eines der großen Auftragswerke hängt in der Kirche zu Sehestedt in Schleswig-Holstein. „Christus als Heiland“ wurde von Charlotte von Ahlefeld bei Louise Seidler in Auftrag gegeben und 1829 gestiftet. Im Gegensatz zu den vielen Bildern, die ein Depotdasein fristen, wird dieses Bild geliebt. „Vielleicht liegt es ja auch an diesem Bild, dass man sich in dieser Kirche einfach willkommen und geborgen fühlt“, heißt es auf der Internetseite der Kirchengemeinde. Auch die Familie des Jenaer Verlegers Carl Friedrich Ernst Frommann hatte schon immer ein inniges Verhältnis zu Louise Seidler. Die Porträts, die sie von den Familienmitgliedern malte und zeichnete, waren immer in Familienbesitz. Sie hängen – geliebt, verehrt, bewundert – auch heute noch in den Wohnungen und werden von Generation zu Generation vererbt.

Doch es bleibt schwierig, dem fest gefügten Künstlerkosmos des frühen 19. Jahrhunderts und dem der Nazarener auch nur eine weitere Persönlichkeit hinzuzufügen, selbst wenn es einzelne Veröffentlichungen zu Louise Seidler und Ausstellungen über Künstlerinnen ihrer Zeit gab. Das merkt vor allem Sylke Kaufmann, die sich bisher vergeblich bemühte, ihr als Dissertation vorliegendes Werkverzeichnis als Buch herauszubringen, um ihre Forschungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit dem Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums in Weimar hat sie immerhin einen wohlwollenden Partner gefunden, der Interesse an einer Veröffentlichung hat. Nun fehlt nur noch die Finanzierung.

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.