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Wege der Kunst

Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zeigt Albrecht Dürers legendäre Reise in die Niederlande als kultur­historischen Bilderbogen seines künstlerischen Schaffens

von Jenny Berg

Das Ungetüm hatte seine Neugier entfacht. Albrecht Dürer wollte den angeschwemmten Wal bei Zierikzee unbedingt mit eigenen Augen sehen. Die seltene Chance, das an Land gespülte Tier von Nahem betrachten und haargenau studieren zu können, musste er ergreifen. Dürer war fest entschlossen, nahm Wind und Wetter in Kauf und ließ sich mit dem Schiff über mehrere Tage, selbst durch stürmische Wellen, bis zu der Stelle bringen, an der das Meerestier gesichtet worden war. Allein: Als er den Schauplatz endlich erreicht hatte, war der Wal schon wieder auf das Meer getrieben und davon gespült worden.

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Verschiedene, eindrucksvolle Tierstudien Dürers wie das 1502 entstandene Aquarell mit dem Feldhasen, sein Rhinozeros-Holzschnitt aus dem Jahre 1515 oder der mit Feder gezeichnete Kopf eines Walrosses von 1521 lassen erahnen, welche künstlerischen Früchte eine Begeg­nung mit dem gestrandeten Wal getragen hätte. Doch auch ohne den erhofften Anblick geboten bekommen zu haben, schuf Dürer während dieser Tage – so wie auf seiner gesamten Reise, fernab seiner Heimat und ohne eigene Werkstatt – zahlreiche Bilder wie Stadtansichten oder Porträts. Eines lässt sich also an dieser Anekdote durchaus festmachen: Unbeschwert war Albrecht Dürers Reise 1520/1521 mit Sicherheit nicht – zumindest nicht nur. Doch inspirierend, das war sie auf jeden Fall.

Der 49-jährige Künstler befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er im August 1520 zusammen mit seiner Frau Agnes und ihrer Magd Susanna aus Nürnberg aufbrach und die Reise in die Niederlande, genauer nach Antwerpen, antrat. Verschiedene Gründe dürften Dürer dazu veranlasst haben, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt aufzubrechen und seiner Heimatstadt für die darauffolgenden 13 Monate den Rücken zuzukehren. Die These, dass es in Nürnberg zu einem erneuten Ausbruch der Pest gekommen war und Dürer versuchte, sich der gesundheitlich bedrohlichen Lage zu entziehen, gilt inzwischen als überholt. Doch dürfte Dürer dringend nach einer Möglichkeit gesucht haben, Kaiser Karl V. persönlich zu begegnen. 1519 war dessen Vorgänger Kaiser Maximilian I. überraschend verstorben – als wichtiger Gönner und Freund in mehrfacher Hinsicht ein großer Verlust für Dürer. Der Kaiser hatte dem Künstler erst wenige Jahre zuvor eine Jahresrente zugesichert, die mit dessen Tod nun hinfällig zu werden drohte. Nur Karl V. als gekrönter Nachfolger Maximilians I. war in der Lage, ihm dieses Privileg zu erneuern. Dürer war gut vorbereitet, reiste aus den Niederlanden ab und traf im Oktober 1520 rechtzeitig zu den Krönungsfeierlichkeiten in Aachen ein, wo er insgesamt knapp drei Wochen bleiben sollte. Schließlich gelang es ­Dürer, nach einem weiteren Zwischenhalt in Köln, mit finanzieller Sicherheit und der Anerkennung Karls V. seine Reise durch die Niederlande fortzusetzen.

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Über den genauen Umfang und Inhalt des Gepäcks der Dürers lässt sich heute nur spekulieren. Doch was sie auf jeden Fall mit auf ihre Reise nahmen, waren Kunstwerke: Vor allem Stiche von s­einen ehemaligen Mitarbeitern, aber auch Blätter des druckgraphischen Werks Albrecht Dürers sowie von Dürer als Tüchlein bezeichnete und auf feiner Leinwand gemalte Bilder. Zweck dieser Stücke war es, sie in Kommission geben zu können, sie als Ware oder Geschenk zu überreichen, aber auch mit ihrem Einsatz Beziehungen zu pflegen und ein künstlerisches Netzwerk aufzubauen. Was Dürer außerdem mit Sicherheit bei sich führte, war sein Reisetagebuch. In diesem listete er neben herausragenden Ereignissen auch seine Einnahmen und Ausgaben, bis hin zum Trinkgeld, akribisch auf. Das Reisebuch ist in zwei Abschriften erhalten, die rund ein Jahrhundert später entstanden sind und heute in Bamberg und Nürnberg aufbewahrt werden. Das Nürnberger Exemplar bildet einen wichtigen Ausgangspunkt der ab dem 18. Juli 2021 geplanten Ausstellung des Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen. In Kooperation mit der National Gallery in London organisiert, will die Ausstellung mit dem Titel „Dürer war hier. Eine Reise wird Legende“ einen kulturhistorischen Bilderbogen spannen und widmet sich dem Künstler unter dem Brennglas seiner letzten großen und wichtigen Reise. Die zusammengetragenen Exponate, darunter Leihgaben aus Wien, Paris, London und Florenz, stellen Dürers außergewöhnliche Kunstfertigkeit unter Beweis und zeigen auf, welchen Quell der Inspiration die Zeit in den Niederlanden für ihn darstellte.

Heute gilt Albrecht Dürer (1471–1528) unbestritten als einer der Weltstars der europäischen Kunstgeschichte; Bildmotive wie der Feldhase ebenso wie sein frontales, christusgleiches Selbstporträt im Pelzrock von 1500 haben sich fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Mit 13 Jahren zeichnete der Sohn eines Goldschmiedemeisters bereits sein erstes Selbstporträt, ging später bei Michael Wohlgemuth in die Lehre, begab sich anschließend auf Wanderschaft, unter anderem nach Colmar, Basel und Straßburg, und studierte die Meisterwerke seiner Zeit. Im Laufe seiner Karriere gelang es Dürer, seinen – traditionell bedingten – Status vom Maler als den eines Handwerkers zu überwinden und das Selbstverständnis des eigenständigen Künstlers, wie wir es heute kennen, maßgeblich mit zu prägen. So war er auch einer der ersten europäischen Künstler, der seine Werke – mit dem berühmten Monogramm AD – systematisch signierte.

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Vor seiner Reise in die Niederlande war Albrecht Dürer mehrfach nach Italien gereist. In Venedig, eine der wichtigsten Handelsstädte und Kunstzen­tren Europas des 16. Jahrhunderts, war er schon bald als ernstzunehmender Konkurrent unter seinen italienischen Kollegen bekannt und als gerngesehener Gast der gehobenen venezianischen Gesellschaft willkommen. Dürer sog die Kunst der Renaissance nur so in sich auf und setzte die neu gewonnenen Einflüsse mit ­seiner eigenen Handschrift um. Nun also, nach dem er die Renaissancekunst südlich der Alpen eingehend kennengelernt und studiert hatte und sich als erfolgreicher Künstler einen Namen gemacht hatte, tauchte er 1520 ein in die kosmopolitische und dynamische Welt ­Antwerpens. Als Handelsstadt hatte Antwerpen die Stadt Brügge in ihrer Bedeutung und in ihrem Reichtum weit überholt. Es wurde mit Goldbrokat, mit Wein, Wolle, Tüchern, Getreide und Seidengewebe gehandelt, es gab zahlreiche internationale Faktoreien und Handelskontore, außerdem galt Antwerpen als das Kunstzentrum nördlich der Alpen, allen voran die Malergilde um Joos van Cleve. Man kann sich vorstellen, wie angetan Dürer von den neuen Einflüssen und Reizen gewesen sein musste. Von Antwerpen aus besuchte Dürer auch nahegelegene Städte wie Brüssel, Mechelen, Gent und Brügge, ‘s-Hertogenbosch und Bergen op Zoom. Er traf auf Kaufleute, Bankiers und andere Kunden, von denen er sich größere Aufträge erhoffte. Und so mag es nicht verwundern, dass dieser Abschnitt seines Lebens zeichnerisch eine der produktivsten Zeiten Dürers war. Mit Kohle, Silberstift und Feder schuf der Künstler eine beträchtliche Anzahl von Werken. Es entstanden Landschaften und Stadtansichten wie „Der Aachen Dom und Katschhof“ (1520) und „Der Hafen von Antwerpen“ (1520), Tierdarstellungen wie der „Aachener Hund“ (1520), aber auch Studien detailliert ausgeführter Projekte wie der „Heilige Hieronymus“ (1521). Den größten Teil jedoch machen die in jener Zeit entstandenen Bildnisse aus. Dürer porträtierte zahlreiche Personen, die ihm auf der Reise begegneten: reiche Kaufleute, Adlige und Gelehrte, Könige und Fürsten, Landsleute aus Nürnberg oder Augsburg, Wirte, die ihn beherbergten, und zahlreiche Künstlerkollegen wie Lucas van Leyden, Konrad Meit oder Bernhard van Orley.

Mit rund 90 Werken aus Albrecht Dürers Hand, darunter Gemälde, Zeichnungen und Graphiken, ermöglicht das Suermondt-Ludwig-Museum erstmals einen gebündelten Blick auf jene produktive Blüte seines künstlerischen Schaffens. Ihnen werden etwa 90 Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen von Künstlerkollegen zur Seite gestellt, die er während seiner Reise 1520/21 traf, die von ihm inspiriert wurden und die ihn inspirierten, sowie Seiten der Reisebuch-Abschriften, Briefe und geografische Karten. Die von der Kulturstiftung der Länder geförderte Schau zeichnet ein kunst-, kultur- und gesellschaftshistorisches Gesamtbild der Reise, das nicht nur einen präzisen Blick auf Albrecht Dürer und seinen – weit über Nürnberg hinausreichenden – gesellschaftlichen Aufstieg als Künstler ermöglicht, sondern ebenso anschaulich zeigt, welche nationenübergreifenden Wege die Kunst im 16. Jahrhundert durch das Reisen und dem ihr zu Grunde liegenden Inspirationsvermögen nehmen konnte.

Dürer war hier. Eine Reise wird Legende
Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen
18.7.– 24.10.2021
www.suermondt-ludwig-museum.de