Erwerbungsförderung

Soundtrack der Kunst

Das Zentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg/Museum für moderne Kunst, Bremen, erwirbt die Sound Collection von Guy Schraenen, die bedeutendste Sammlung von auditivem und dokumentarischem Material zur weltweiten Entwicklung der Klangkunst mit u. a. 1.000 Vinyl-Künstlerschallplatten. Die Kulturstiftung der Länder und die Karin und Uwe Hollweg Stiftung ermöglichten den Ankauf.

Neue Musik und Sound Art-Performances, Radiokunst und Klanginstallationen – die akustische Kunst steht in Bremen seit den 1960er-Jahren hoch im Kurs: Die Stadt entwickelte sich zu einem Zentrum der Klangkunst-Avantgarde. Besonders in den 1970er- und 80er- Jahren erlangten die künstlerischen und medialen Aktionen internationale Bedeutung: Klangexperimente in der Weserburg, literarische Performances von Ernst Jandl und Gerhard Rühm oder europaweit ausstrahlende Festivals wie „pro musica nova“ prägten sich ein in das kulturelle Erbe einer ganzen Region. Vielfältig sind die Bezüge der Bremer Sound Art zu den nationalen und internationalen künstlerischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Die Sound Collection aus Klangkunstwerken, Radiokunst und Avantgardemusik zeugt vom starken Einfluss des Pop, der Neuen Musik, der experimentellen Literatur und der Medien auf die akustische Kunst. Die Sammlung, seit 2003 als Leihgabe in Bremen und jetzt dauerhaft mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder gesichert, war international unterwegs, insgesamt sind über 30 Ausstellungen mit Beteiligung der Sound Collection entstanden.

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Frank Druffner, kommissarischer Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, sagte: „Mit Klang und Sprache die Kunst neu ausloten: Die Sound Art sprengte die starren Grenzen der Hochkultur, die Avantgarde in Deutschland ist undenkbar ohne die Experimente in Neuer Musik und Klangkunst. Doch wie kooperierten die Künstler gattungsübergreifend miteinander, wie befruchteten sich sogenannte Hoch-und Populärkultur gegenseitig? Das können wir zukünftig dank des Klang- und Materialschatzes der Sammlung von Guy Schraenen in allen Facetten nachvollziehen.“

Guy Schraenen äußert sich zu seiner Sound Collection anlässlich einer Ausstellung 2010 im La Maison Rouge in Paris.

Die Klangkunst erweitert im 20. Jahrhundert die bildende Kunst und die Musik: Töne und Geräusche aus der alltäglichen Lebenswelt finden den Weg in die neuartigen Performances und Installationen. Die Sound Art bezieht Elemente und Einflüsse vieler Kunstformen und auch aus der Alltagswirklichkeit in die künstlerische Produktion mit ein. Besucher von Happenings werden zu Mit-Akteuren der Kunstereignisse, die nicht mehr linear, sondern simultan und in räumlicher Ausdehnung erlebt werden. Die Aktionen in Bremen, die Studios des WDR in Köln für Elektronische Musik und die Musiktage in Donaueschingen machten Deutschland zum Mittelpunkt der Klangkunst, viele internationale Künstler pilgerten zu den Veranstaltungen. Die sich rasant weiterentwickelnden massentauglichen Medien sorgten für neue Verbreitungswege.

Beitrag über die Ausstellung „Vinyl“ im Garage Museum of Contemporary Art in Moskau 2011.

Die von Guy Schraenen, der u. a. als Galerist, Verleger und Filmemacher tätig ist, über viele Jahre aufgebaute, international umfangreichste und bedeutendste Sammlung zur Sound Art enthält rund 1.000 aufwändig gestaltete Vinyl-Schallplatten mit Sound-Arbeiten bildender Künstler, Audio-CDs und -Kassetten von den Anfängen bis in die 1980er-Jahre: Sie dokumentiert mit teilweise seltenem Material die Rolle des Klangs und der damit verbundenen bildkünstlerischen Konzepte. Auditive Werke des Dadaismus, des Futurismus, aus Fluxus, Lettrismus, der Conceptual Art, des Wiener Aktionismus sowie der phonetischen wie der Lautpoesie machen die Sammlung zu einem breiten Panorama der klanglichen Avantgarde, zum vielstimmigen Gedächtnis der Sound Art. Grafiken, Zeichnungen, Partituren und Plakate ergänzen die Sound Collection. Das Zentrum für Künstlerpublikationen kann nun seine Forschung im Sinne der New Cultural History, die ihren Fokus weit über die sogenannte Hochkultur hinaus spannt, fortsetzen.