Das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe erwirbt das Archiv Gerry Schum (1938–1973) und Ursula Wevers (*1943). Es dokumentiert die Aktivitäten der Fernsehgalerie Gerry Schum und der videogalerie schum zwischen 1968 und 1973, mit denen Gerry Schum und Ursula Wevers Pionierarbeit im Bereich der Fernseh- und Videokunst leisteten. Die Kulturstiftung der Länder fördert den Ankauf.
Dazu Dr. Christine Regus, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder: „Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers ist ein einzigartiges Zeugnis der Video- und Medienkunst und zugleich ein Stück deutsche Fernsehgeschichte. Es dokumentiert exemplarisch, wie Künstlerinnen und Künstler in der Nachkriegszeit neue Ausdrucksformen fanden und Kunst jenseits des etablierten Museums- und Galeriebetriebs präsentierten. Mit seiner international ausgewiesenen Kompetenz in der Bewahrung und Erforschung audiovisueller Medien ist das ZKM der ideale Ort, um dieses kulturelle Erbe langfristig zu sichern und zugänglich zu machen.“
Der Filmemacher und Produzent Gerry Schum entwickelte Ende der 1960er-Jahre mit der „Fernsehgalerie“ ein neues Konzept, Kunst eigens für das Medium Fernsehen zu produzieren – zunächst in Zusammenarbeit mit Bernhard Höke und Hannah Weitemeier und ab Oktober 1968 maßgeblich mit der Kunsthistorikerin und Künstlerin Ursula Wevers, mit der Schum ab 1969 verheiratet war. Die Fernsehausstellungen wurden in der ARD ausgestrahlt und zeigten – ohne erklärende Kommentare – Werke von Künstlern wie Joseph Beuys, Daniel Buren, Gilbert & George, Mario Merz, Richard Serra und Lawrence Weiner. Alle Arbeiten der Fernsehgalerie entstanden eigens für dieses Format; die Filme der Fernsehgalerie sind die einzige Überlieferung dieser Performances bzw. Werke, die nur temporär existierten. Die erste dieser „Fernsehausstellungen“ trug den Titel LAND ART und zeigte u. a. Kunstwerke von Richard Long, Robert Smithson und Walter De Maria. Die Arbeiten wurden in ruhigen Kamerafahrten inszeniert. Das Fernsehen selbst wurde zum Ausstellungsraum. Schum und Wevers prägten den Begriff „Land Art“, der sich neben dem zeitgleich in den USA verwendeten Begriff „Earth Art“ als Bezeichnung einer neuen künstlerischen Praxis etablierte, die sich durch künstlerische Eingriffe in die Landschaft auszeichnete. Die experimentellen Formate stießen jedoch zunehmend an die Grenzen des Fernsehbetriebs. Nachdem die Sender die Zusammenarbeit nicht fortsetzten, gründeten Schum und Wevers 1971 in Düsseldorf die videogalerie schum.
Das nun vom ZKM erworbene Archiv, das Ursula Wevers über mehr als fünf Jahrzehnte bewahrt hat, enthält u. a. originale 16-mm-Filme, Videobänder, Tonaufzeichnungen, Fotografien, Korrespondenzen, Presse- und Publikationsmaterialien, technische Unterlagen sowie originales Videoequipment.
Mit der Fernsehgalerie schufen Schum und Wevers einen Gegenentwurf zur Präsentation von Kunst im Museum und den Logiken des Kunstmarkts. Künstlerische Strömungen der Nachkriegsavantgarde wie Fluxus, Konzeptkunst, Performance und Land Art wandten sich ab den 1960er Jahren von klassischen Werkformen wie Malerei und Skulptur ab und entwickelten stattdessen prozesshafte, performative, ortsgebundene und häufig das Publikum einbeziehende Arbeiten, die sich den herkömmlichen Formen des Sammelns und Ausstellens entzogen.
Mit seinem hauseigenen Labor für antiquierte Videosysteme verfügt das ZKM über eine besondere Expertise in der wissenschaftlichen Konservierung, Restaurierung und Digitalisierung historischer audiovisueller Medien und bietet damit die Voraussetzung, das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers langfristig zu sichern und wissenschaftlich zu erschließen. Das Konvolut ist ab dem 30. Mai im ZKM in der Ausstellung „Der Fernseher als Galerie: Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers“ zu sehen.
Weiterer Förderer: Stadt Karlsruhe, Land Baden-Württemberg