H. von Kleist, Großer Bekenntnisbrief an Adolphine von Werdeck

Anschrift der geförderten Einrichtung:
Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte
Faberstraße 7
15230 Frankfurt/Oder

Artikelnummer: PATRIMONIA NR. 75 (1993).
Kategorie:
Jahr: 1993
Land: Brandenburg
Gattung: Literatur
Künstler: von Kleist; Heinrich

Beschreibung

Nach der Wiedervereinigung konnte durch eine außergewöhnliche, seit einem halben Jahrhundert nicht mehr vorhandene Ersteigerungsmöglichkeit für die Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte in Frankfurt an der Oder ein langer, eigenhändiger Brief von Heinrich von Kleist erworben werden (zehn Druckseiten Text). Die Empfängerin des Briefes, den Kleist am 28. und 29. Juli 1801 in Paris verfasste, wurde am 27.9.1772 als Tochter des Generalmajors Friedrich von Klitzing geboren. Schon seit der Kindheit kannten sich Kleist und Adolphine von Klitzing, die 1791 den Kriegs- und Steuerrat Christoph Wilhelm von Werdeck geheiratet hatte. Im Jahr 1801 ging Kleist auf Reisen und traf im Sommer in Paris ein. Hier ist er entsetzt über die vorherrschende Kälte in den Beziehungen der Menschen, er beklagt die Jagd nach Genuß und Vergnügen. Die Pariser Großstadtwelt mit ihren hohen Häusern, stinkenden Straßen und der verschmutzten Seine scheint ihm keine menschlichen Dimensionen zu haben. Was er benötigt, wonach er sich sehnt, ist das zur Einfühlung fähige Gegenüber. Denn was in ihm gärt und lastet, hat weniger mit dem Verstand als mit den Emotionen zu tun. So wendet er sich an Adolphine von Werdeck, mit einem zu moderner Reise- und Bekenntnisprosa gesteigerten Brief, um sich ihr anzuvertrauen. Die Rückschau auf die Reise verbindet sich mit einem seelischen Resümee der Jugendzeit. Er beklagt die Entwertung von Vergangenem, das Bewußtsein der Ungegenwärtigkeit, die Erkaltung des Herzens, die raumgreifende Entwurzelung – und entschließt sich, gegen den Strom der Zeit anzuschwimmen. Deutlich wird in dem Schreiben, was in Kleists Leben und Dichten eine konstituierende Größe werden wird: die Antinomie von gebrechlicher Welt und des sich ihrer erwehrenden Subjekts, inbegriffen die daraus resultierende Spannung.Durch das Zusammenwirken der Kulturstiftung der Länder, der Stadtverwaltung Frankfurt an der Oder, des Landes Brandenburg und der Bundesrepublik Deutschland sowie privater Sponsoren war es möglich, einen der seltenen Autographen Kleists für die Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte zu erwerben.