Die digitalen Fachveranstaltung “Between Research, Responsibility and Remembrance: Dealing with Human Remains from Colonial Contexts of Unknown Provenance” am 18. Februar 2026 widmete sich der Frage, wie mit menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten umzugehen ist, deren Provenienz nicht oder nur unzureichend geklärt werden kann.
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Videoaufnahme der digitalen Fachveranstaltung “Between Research, Responsibility and Remembrance: Dealing with Human Remains from Colonial Contexts of Unknown Provenance”
Im Mittelpunkt stand der Umgang mit Fällen, in denen mittel- und langfristig Unklarheit über die Provenienz bestehen wird. Dabei wurde deutlich, dass zwischen derzeit unbekannter, aber potenziell noch klärbarer Provenienz und faktisch kaum mehr aufklärbaren Fällen unterschieden werden muss. Aus dieser Situation ergibt sich eine doppelte Herausforderung: Einerseits besteht weiterhin ein erheblicher Bedarf an vertiefter, institutionenübergreifender und kollaborativer Provenienzforschung – etwa durch systematische Archivarbeit, interdisziplinäre Kooperation, die engere Einbindung von Herkunftsgesellschaften und bessere Vernetzung von Sammlungsbeständen. Andererseits bleiben strukturelle und praktische Grenzen, etwa fehlende Dokumentation oder Ressourcen. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang außerdem der Einsatz invasiver Methoden wie DNA-Analysen: Während aus musealer Perspektive häufig Zurückhaltung geboten erscheint, wurde zugleich argumentiert, dass im Kontext historischer Gewalt alle verfügbaren Mittel zur Identifizierung legitim sein können, um zumindest regionale Zuordnungen zu ermöglichen und so Rehumanisierung und Rückführung zu erleichtern.
Aus ethischer Sicht wurde hervorgehoben, dass die menschlichen Überreste infolge kolonialer Gewalt in europäische Sammlungen gelangt sind. Die weitere Aufbewahrung in europäischen Sammlungen kann daher als Fortsetzung dieser Gewalt wahrgenommen werden. Gleichzeitig wurde die Einrichtung würdiger Übergangslösungen – etwa in Form von sogenannten ‚Keeping Places‘ oder Gedenkorten – als möglicher Ausdruck institutioneller Verantwortung diskutiert. Konsens bestand darin, dass eine rein administrative Verwahrung ohne Perspektive ethisch nicht tragfähig ist.
Es wurde erörtert, warum menschliche Überreste aus kolonialen Gewaltkontexten in europäische Sammlungen gelangt sind und dass die weitere Aufbewahrung in europäischen Sammlungen als Fortsetzung der Gewalt wahrgenommen werden kann. Mit Blick auf die ethische Perspektive wurde daher die Einrichtung würdiger Übergangslösungen – etwas in Form von sogenannten ,Keeping Places‘ oder Gedenkorten – als möglicher Ausdruck institutioneller Verantwortung diskutiert
Die Diskussion machte zudem deutlich, dass Herkunftsgesellschaften keine homogenen Akteure sind. Während viele Nachfahrinnen und Nachfahren eine Rückgabe wünschen, existieren auch religiöse, kulturelle oder politische Kontexte, die eine unmittelbare Repatriierung erschweren. Die Rückkehr nicht oder teilweise identifizierter menschlicher Überreste wirft darüber hinaus praktische Anschlussfragen zur Bestattungs- und Erinnerungspraxis auf. Vor diesem Hintergrund wurden unterschiedliche Strukturmodelle erörtert: von zentralen, gegebenenfalls temporären Kompetenz- und Gedenkorten in Deutschland oder Europa bis hin zu regionalen oder kontinentalen Gedenkorten und Ruhestätten in den jeweiligen Herkunftsregionen. Entscheidend wäre in jedem Fall eine substanzielle Einbindung der Herkunftsgesellschaften in Entscheidungsprozesse.
Ein zentraler Aspekt der Diskussion war die Verknüpfung von Provenienzforschung und praktischer Rückführung. Es wurde betont, dass für einen erfolgreichen Prozess nicht nur die Forschungsphase, sondern auch die Umsetzung der Repatriierung, die Konsultationen vor Ort sowie langfristige Kooperationen inhaltlich und finanziell Hand in Hand gehen müssen. In diesem Zusammenhang wurde aus afrikanischer Perspektive die Finanzierung von Rückführungen als wesentlicher Teil einer partnerschaftlichen Verantwortung und als Ausdruck des Respekts gegenüber den Herkunftsgesellschaften hervorgehoben. Als Grundstein für diese Zusammenarbeit gelten Transparenz und die proaktive Bereitstellung von Informationen. Die Diskussion zeigte insgesamt, dass der Umgang mit menschlichen Überresten unbekannter Provenienz eine komplexe ethische, wissenschaftliche und politische Herausforderung darstellt. Nachhaltige Lösungen erfordern langfristige institutionelle Strukturen, verlässliche Finanzierungsinstrumente und international abgestimmte Verfahren, die Würde, Verantwortung und Kooperation gleichermaßen berücksichtigen.
Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der Kontaktstelle für Kulturgüter und menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten in Deutschland. Sie fand im Rahmen von zwei durch das Auswärtige Amt und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Projekte zum Umgang mit menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten statt.