Heimaten

Menschenkind im Feuersturm

Begegnungen mit Wolf Biermann.

von Christoph Dieckmann

Das alte Band ist bestens erhalten, wie mein dazugehöriges DDR-Gefühl: erschrockene Verblüffung. Am 28. Juli 1974 saß ich in Sangerhausen am elterlichen Röhrenradio und hörte den „5-Uhr-Club“ auf NDR 2. Mein polnisches Tonbandgerät war fangbereit, doch diesmal füllte sich die ORWO-Spule nicht mit westlichen Rockmusik-Preziosen. Aus Hamburg empfing ich die rabiate Kunst eines Ostberliner Barden: parteifeindlichen Spott, derbe Pasquillen, sarkastische Balladen mit Drehleier und Flamenco-Gitarre. Der Dissident klang höhnisch („In China hinter der Mauer“), schweinisch („Von mir und meiner Dicken in den Fichten“), seelentief wahr. Unlängst war ich aus der sozialistischen Lehrausbildung geflogen und bitterte weltfeindlich vor mich hin. Da sang der Kerl in der Kiste:

Du, laß Dich nicht verhärten

In dieser harten Zeit

Die allzu hart sind, brechen

Die allzu spitz sind, stechen

Und brechen ab sogleich

Galt diese „Ermutigung“ ihm selbst? Seit 1965 litt der Dichter­sänger Wolf Biermann unter Auftritts- und Publikationsverbot. Kein Buch, keine Schallplatte von ihm erschien je in der DDR. Seine Autobiografie erzählt ein doppeldeutsches Leben. 1953 wurde der sechzehnjährige Hamburger Kommunistenjunge Karl Wolf Biermann, dessen jüdischer Vater in Auschwitz ermordet worden war, von der klassenbewussten Mutter ins bessere, das sozialistische Deutschland geschickt. Er muckte auf, er eckte an. Der Stalin-Glaube kam ihm bald abhanden – noch lange nicht die rote Religion. Er dichtete, sang und nannte sich „Liedermacher“, nach seinem Idol, dem „Stückeschreiber“ Bertolt Brecht. Auch der Epigone lavierte zwischen Ideal und Ideologie, bis sein poetischer Kommunismus mit dem Kommandismus des SED-Staats kollidierte. Das Zerwürfnis begann mit dem Gedicht „An die alten Genossen“ (1963). Biermann wurde ausgegrenzt und schikaniert; totschweigen ließ er sich nicht. Seine Dichtung verlegte Klaus Wagenbach in Westberlin. Drüben erschienen auch drei heimlich aufgenommene Langspielplatten, die Kronjuwelen seines Werks: „Chausseestraße 131“ (1968), „Warte nicht auf beßre Zeiten“ (1973) und „aah – ja!“ (1974). In der DDR kursierten verrauschte Bandkopien und abgetippte Texte, doch insgesamt war Biermann nur Eingeweihten bekannt. Er saß in der Chausseestraße 131, seiner bohemischen Ostberliner Höhle, und wartete auf bessre Zeiten – elf ewige Jahre.

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1971 stürzte Erich Honecker Walter Ulbricht. Der neue Parteichef, in den sechziger Jahren als SED-Sekretär für Sicherheit und Kader ein Hardliner erster Sorte, gerierte sich nun als Freund der Jugend. Männliches Haupthaar durfte wachsen, Rockmusik galt nicht länger als dekadenter Schüttelkrampf des Spätkapitalismus. West-Medien, erklärte Honecker, könne man „ein- und wieder ausschalten“. Er dekretierte: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.“ Freilich prüfte die Staatsmacht dieses Fundament.

Das Tauwetter währte bis zur Mitte des Jahrzehnts. Am 22. September 1975 wurde die höchst populäre Leipziger Klaus-Renft-Combo verboten, wegen unsozialistischer Texte. Die Kulturbehörde informierte die Musiker, „daß Sie auf Grund dieser Tatsachen nicht mehr existieren“. Am 18. August 1976 verbrannte sich vor der Zeitzer Michaeliskirche der pietistische Pfarrer Oskar Brüsewitz, neben seinem Trabant mit der Losung: „Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“ Lustvoll verhöhnte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ den „‚Pfarrer‘, der nicht alle fünf Sinne beisammen hatte“: „Ob er unter seinem General, zu dem er heimkehren wollte, Gott oder den BND verstand, wollen wir hier nicht näher erörtern.“

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Definitiv endete Honeckers Halbliberalismus mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Völlig überraschend durfte der Staatsschädling auf Einladung der IG Metall nach Köln reisen. Am 13. November 1976 sang und sprach er viereinhalb Stunden vor achttausend Bundesdeutschen, für seine Verhältnisse gemäßigten Tons. Am 17. November verkündete das „Neue Deutschland“: „Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen.“ War man denn Bürger dank obrigkeitlicher Gunst?

Die ARD entschloss sich zu einer Großtat der Fernseh­geschichte. Am späten Abend des 19. November sendete sie das komplette Konzert. Wir besaßen keinen Fernseher. Ich erlebte Biermanns Epochenschau bei einer evangelikalen alten Dame, die oben im elterlichen Pfarrhaus wohnte und diese Sternstunde der Menschheit wohl nicht als Erleuchtung empfand. Ich wurde überwältigt. Zwei Lieder verschmilzt die Erinnerung: „Das Land ist still – noch“ und „Die alte Stadt Lassan“, die seit Menschengedenken von der Seefahrt träumt.

Am Peenestrom, am Peenestrom,

da liegt ein Wrack aus Holz und Stein,

seit fünfmal hundert gleichen Jahrn,

die alte Stadt Lassan.

Die Fischköpfe faulen im Sommerglast,

der Kirchturm ist ein stolzer Mast,

die Bäume machen den Wind,

Doch nie kommt die Stadt vom Festland los

auf große Fahrt, das kommt wohl bloß,

weil keine Segel da sind.

Dann aber reißt die Stadt sich frei. Wirft sich ins Sturmgebraus. Klabautert durch die Lüfte, hinaus auf Meer. Juchhe! Doch wann? In dreizehn Jahren.

Nach dieser Fernsehnacht war die DDR ein anderes Land. Schlagartig kannten Millionen Biermann – und ihren Staat. Eine Protest-Resolution namhafter Autoren, initiiert von Biermanns frühem Förderer Stephan Hermlin, durcheilte die Republik und wurde hundertfach unterschrieben. Dagegen organisierte und druckte die SED-Macht Anti-Biermann-Stimmen. Man erkannte, wer welchen Geistes war. Man maß mit der Wahrheitselle; die Unterzeichner der Resolution gehörten fortan zum moralischen Adel. Man prüfte jeden, auch sich selbst: Staatsfrömmling oder freier Mensch? Dieser Riss durch die Gesellschaft heilte nie wieder. Biermanns Misshandlung bewirkte einen West-Exodus verehrter Artisten. Der Mansfelder Kupferkumpel, die Chemiearbeiterin im Leuna-Kombinat konnten auf Biermann verzichten, doch als 1977 der Volksgott Manne Krug ausreiste, war „das unverbrüchliche Miteinander von Partei- und Staatsführung und werktätigen Massen“ unleugbar im Eimer. Das Regime hatte auf Biermann gezielt und sich selbst getroffen.

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Wie es dem Geschassten drüben erging, erzählt Biermann in seiner Autobiografie. Letztlich habe die Untat der SED-Politbürokraten ihm Glück gebracht. Er wurde wieder Hamburger, er sah und traf die Welt, er fand seine Eheliebste Pamela, er verlor den kommunistischen Glauben, den er seinem ermordeten Vater zu schulden glaubte. Nach dem Tod seines Ersatzvaters Robert Havemann 1982 habe ihm Manès Sperber den Weg aus dem „Zynismus einer heillosen Hoffnungslosigkeit“ gewiesen: Wer wirklich Kommunist war, müsse nach Abermillionen kommunistischer Morde das Scheitern dieser Paradieshoffnung eingestehen. Der Rebell Biermann wurde zum Renegaten. Ich fand das begreiflich. Mir hatte der unbeugsame Mensch imponiert, nicht der schwarmrote Bekenner.

Dann kippte Honeckers Regime. Am sensationellen Umbruch in der DDR nahm Biermann heftig Anteil – von draußen. Im „Spiegel“, in der „Zeit“ lief er zu publizistischer Hochform auf. Am 4. November strömten Hunderttausende auf den Ost-Berliner Alexanderplatz und feierten, wie sich fünf Tage später zeigte, das große Finale der Friedlichen Revolution. Wolf Biermann war nicht dabei; die DDR-Grenzbehörden wiesen ihn zurück. Zwei Dutzend Redner traten auf. Jens Reich sprach „ein letztes freundliches Wort, vielleicht können wir bei einer anderen Veranstaltung Erich Loest oder Wolf Biermann dabeihaben. Vielleicht können wir die Leute dabeihaben, die nicht mehr bei uns sind, weggegangen sind und wiederkommen möchten.“

Am 1. Dezember 1989 war es soweit. Wolf Biermann, zutiefst gerührt, sang in der kahlen Leipziger Messehalle II und erwärmte bei minus fünf Grad fünftausend Menschen. Ost- und Westfernsehen übertrugen. Ich saß in Berlin vor einer kleinen Schwarzweiß-Flimmerkiste und freute mich auf den kommenden Abend, meine erste leibhaftige Begegnung mit dem sagenhaften Mann. Am 2. Dezember gastierte Biermann im Berliner Haus der Jungen Talente, inmitten von DDR-Liedermachern, Dissidenten und Wendepolitikern. Die unwiederbringliche Versammlung sang und palaverte fünfeinhalb Stunden lang: Bettina Wegner, Barbara Thalheim, Eva-Maria Hagen, Stephan Krawczyk, Gerhard Schöne, Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Steffen Mensching & Hans-Eckardt Wenzel, Matthias Görnandt, Wolfgang Templin, Friedrich Schorlemmer, Lutz Bertram, Jürgen Eger, Gerulf Pannach, Toni Krahl, Gregor Gysi, Dietmar ­Keller – und Wolf Biermanns Mutter Emma. Ihr Sohn erklärte zur Freude des Publikums, es sei ihm all die Jahre gut gegangen.

Er sang „Melancholie“, „Ermutigung“, „Und als wir ans Ufer ­kamen“. Und ein neues Kinderlied:

He he Gorbi

Hoffnung, die ich heg

Mütterchen, mein Rußland

Macht sich auf den Weg

Oi oi Mama

Blast mal in die Glut

Feuerchen, du wärmst mich

Und das macht mir Mut

Dann predigte er, lange: Er glaube nicht an Gott, aber fürchte sich vor Menschen, die an nichts glauben. Das Wort Wiedervereinigung könne er nicht ertragen, vor allem nicht das WIEDER. Zwei Deutschländer sollten sich im edlen demokratischen Wettstreit messen. Das hässliche Entlein DDR möge das Fliegen lernen, ohne die Bleigewichte der Bürokratie am Hintern. Und raus aus dem Teufelskreis der Rache! Wer Menschen zum Schwein stempelt, sprach Biermann, der will auch abschlachten, der hat das Messer schon hinterm Rücken.

Es war schon tiefe Nacht, kurz vor halb zwei. Eva-Maria ­Hagen rief: Wolf, es reicht!

Leider missachtete der Nichtpazifist und Polemiker seine eigene Mahnung. In Biermanns Freund-Feind-Rhetorik firmierten Gegner durchaus als Schweine. Im September 1991 wurde ich politischer Redakteur der „Zeit“. 1992 las ich im „Spiegel“ (Nr. 39) schockierende Biermann-Sätze: „Falls im Grauen des Morgengrauens, wenn die Diktatur gestürzt ist und das neue demokratische Recht noch nicht gilt, der Pöbel schreit: Hängt das Pack auf – dann gehöre ich zum Pöbel. […] Wer hängt die Aristokraten an die Laterne? […] So eine verbrecherische Triebabfuhr im Affekt mindert den gefährlichen Selbsthaß des demoralisierten Volkes.“ Ich schrieb eine entsetzte Erwiderung: „Der Pyromane“ („Die Zeit“ Nr. 42/1992). Damals war Biermann medial allgegenwärtig. Er verlangte sein altes Berliner Nest zurück, doch in der Chausseestraße 131 wohnte nun durch aberwitzigen Zufall Hanno Harnisch, der Pressesprecher der PDS. Darüber wollte ich schreiben. Aufgeregt rief ich Wolf Biermann an. Er brüllte los: HUNDESCHEISSSE hätte ich über ihn produziert, SO EINE HUNDESCHEISSSE, DA HALTE ICH NICHT NOCH DEN TELLER HIN! Mir war klar: In spätestens fünf Sekunden würde der Hörer aufgeschmissen.

Herr Biermann, sagte ich, da ich nun gleich aus Ihrer Leitung fliege, möchte ich rasch noch sagen, was Sie für mich in der DDR bedeutet haben: den Inbegriff eines mutigen Menschen. Außerdem war Ihr Rauswurf der erste Nagel im Sarg der DDR.

In Hamburg wurde nicht aufgelegt. Der Teilnehmer bezähmte sich und sprach, derlei habe er bereits des Öfteren vernommen; vielleicht stimme es gar. Er taute auf und wurde warm, dann lachte er. Wir plauderten eine Dreiviertelstunde. Die Chausseestraßen-Wohnung, sagte er, interessiere ihn weniger als Unterkunft; es gehe um die politische Bedeutung dieser Räume. Elf Jahre habe er dort gesessen, mit Schiss und trotzdem tapfer. Zum Abschied empfing ich die Weisung, offen durchs Leben zu schreiten. Nicht hinter jedem Strauch lauere ein Mörder.

Jahre später interviewte ich Wolf Biermann. Die Erst­erfahrung wiederholte sich: erst Gebuller, dann ein bekömm­liches Gespräch. Diesmal ärgerte ihn meine vermeintliche Deutungshoheit über ostdeutsche Themen in der „Zeit“. Es fiel ihm schwer, dass die Geschichte unseres Landes nach 1976 ohne ihn weiterging. Wolf Biermanns Ehrgeiz ist Eifersucht nicht fremd. In meinem Folk-Rock-Kosmos konnte ich ihn nie verorten. Er war und blieb Solitär. „Chronischer Allesalleinemacher“ nennt er sich selbst. Ich fragte, ob er je in einer Band spielen wollte. Nein, allein sei er immer am stärksten gewesen. Die elf Verbotsjahre mussten ihn vereinzeln; anderseits brauchte sein Widerstand genau diesen theatralisch Ungezähmten, der seiner Herrschaft vor den Thron schiss und verkündete, er sei der wahre Linke. Noch immer streitet Biermann mit lutherischer Rauflust, doch eine Drachentöter-Rolle wie in der DDR fand er nie wieder – zum Glück, gemäß Brechts „Galilei“: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Brechts Gegenspieler Gottfried Benn erklärte, selbst der größte Poet überlebe bestenfalls in einem Halbdutzend Gedichte. Nun denn: Mein Biermann-Survival-Kit enthält „Ermutigung“, „Das Barlach-Lied“, „Noch“, „Warte nicht auf beßre Zeiten“, „Die Ballade von der alten Stadt Lassan“ und „Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“. Bewegt hat mich, in Biermanns Verdeutschung, auch „Dos lid vunem ojsgehargetn jidischn volk“, Jizchak Katzenelsons „Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“. Seit dem siebzehnten Lebensjahr führt Wolf Biermann penibel Tagebuch. Eigentlich wollte er diese zweihundertbändige Chronik als Grundstock seiner Autobiografie nutzen, doch dann schrieb er „Warte nicht auf bessre Zeiten“ weitgehend frei: 530 Seiten Welt- als Biermann-Geschichte. Am innigsten erzählt er sein vorprominentes Leben. Erregt liest man von Hamburgs Zerbombung in der Todesnacht zum 28. Juli 1943. Damals, sagt Biermann, seien die Zeiger seiner Lebensuhr festgeschmolzen. Für immer bleibe er sechseinhalb Jahre alt: das Kind im Feuersturm.

Christoph Dieckmann

ist Journalist und erfolgreicher Buchautor („Woher sind wir geboren. Deutsche Welt- und Heimreisen“, 2021).