Erwerbungsförderung

Märchen aus dem Moor

Für die Otto-Modersohn-Stiftung in Fischerhude erwarb die Gesellschaft-Otto-Modersohn-Museum
e. V. das repräsentativste der sogenannten Märchenbilder des Malers. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf der „Märchenerzählerin“ (1896).

Im niedersächsischen Teufelsmoor gründete sich 1889 die Künstlerkolonie Worpswede. Fernab der großen Kunstakademien suchten die Künstler Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn (1865–1943) in der weiten Moorlandschaft nach Inspiration und Motiven. Um seine eigenen Arbeiten und die seiner Kollegen in einer ersten großen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle zu sehen, reiste Modersohn im Frühjahr 1895 in die Hansestadt. Zeitgleich stellte dort auch die Münchner Künstlergenossenschaft aus, deren Präsident, Freiherr Eugen Ritter von Stieler, auf der Durchreise ebenfalls die Kunsthalle besuchte. Dieser begeisterte sich nicht nur für die „Worpsweder“, sondern lernte auch den anwesenden Modersohn persönlich kennen. Ein glücklicher wie folgenreicher Zufall: Die innovativen Maler aus der norddeutschen Provinz erhielten die Einladung, noch im selben Jahr an der Münchner Jahresausstellung teilzunehmen. „Sie waren das Ereignis der Saison. Mackensen und Modersohn vor allem. Modersohn vielleicht noch mehr“, fasste Rainer Maria Rilke, Freund und Zeitgenosse des Malers, den Erfolg zusammen. Der nationale Durchbruch war geschafft. International interessierte die Kunstwelt sich im darauffolgenden Jahr für Modersohn, der dieses Mal mit 11 Bildern in einem eigenen Saal auf der bayerischen Ausstellung vertreten war. „Herbst im Moor“ und „Die Märchenerzählerin“ erwarb der Schweizer Kunsthändler Oscar Miller direkt vor Ort.

Otto Modersohn, Die Märchenerzählerin, 1896, 125 × 108,5 cm; Otto-Modersohn-Museum, Fischerhude
Otto Modersohn, Die Märchenerzählerin, 1896, 125 × 108,5 cm; Otto-Modersohn-Museum, Fischerhude

In seinem Tagebuch schrieb Modersohn im November 1896 eine Erklärung für seinen plötzlichen Erfolg nieder: „Neben großer koloristischer Gesamtstimmung ging ich möglichst intim auf die Einzelheiten ein.“ So auch in seinem Gemälde „Die Märchenerzählerin“, das die innige Stimmung zwischen der erzählenden Alten und den zwei vor ihr knienden Kindern einfängt. Am Zeigefinger der erhobenen rechten Hand der Erzählerin manifestiert sich die Spannung der Erzählung, gebannt lauschen ihre Zuhörer. Geborgenheit verleiht dieser Szene nicht nur der blühende Strauch hinter der Figurengruppe, sondern auch das Schutz bietende Fachwerkhaus rechts sowie die beiden Bäume mit ihren ausladenden Kronen links. Dieses stimmungsvolle Bild zählt zu den wenigen, doch bedeutenden Märchenbildern des Malers aus den 1890er-Jahren. Zugleich führt es beispielhaft eine neue künstlerische Technik Modersohns vor Augen: In der Tradition der französischen Freilichtmalerei malte der an den Düsseldorfer und Karlsruher Kunstakademien ausgebildete Künstler zunehmend en plein air. Bildmotive sammelnd, spazierte er mit seinem Notizbuch durch die ihm so liebe Moorlandschaft. Aber auch mit seinen Leinwänden verließ er das Atelier, fing mit pastosem Auftrag in kräftigen Farben die Natur ein. Durch mehrfaches Abschleifen und nachträgliches Lasieren im Atelier erhielt Modersohn schließlich die gewünschte Bildqualität.

„Die Kulturstiftung der Länder freut sich, dass sie die Gesellschaft-Otto-Modersohn-Museum e. V. beim Kauf des Gemäldes ‚Die Märchenerzählerin‘ unterstützen konnte. Als prominentes Beispiel des ‚subjektiven Naturalismus‘ des Künstlers gibt es der Verein als Schenkung an die Otto-Modersohn-Stiftung in Fischerhude. Das Otto-Modersohn-Museum kommt seinem Vermittlungsauftrag ganz unmittelbar nach, indem es den Neuzugang als Anlass für die Ausstellung ‚Otto Modersohn – Die Märchenbilder‘ nimmt“, betonte Frank Druffner, kommissarischer Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder. Ab dem 27. Mai 2018 erzählt „Die Märchenerzählerin“ nun erstmals als Sammlungsbesitz in der Ausstellung von Modersohns entscheidender Werkphase, nachdem es bereits sechsmal als Leihgabe Schauen des Hauses schmückte. Dass das Ölgemälde nun aus Schweizer Privatbesitz erworben werden konnte, verdankt sich neben der Kulturstiftung der Länder auch dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Stiftung der Kreissparkasse Verden, der Waldemar Koch Stiftung, einer privaten Spende aus Potsdam sowie zahlreichen privaten Spenden und Spenden der Mitglieder der Gesellschaft-Otto-Modersohn-Museum e. V.