Titelthema Kulturen des Austauschs

„Gemeinsames euro­päisches kulturelles Eigentum“

Mit Karina Dmitrieva von der Rudomino-Bibliothek in Moskau sprach Hans-Georg Moek über die Erforschung der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion abtransportierten Bibliotheken dreier deutscher Widerstandskämpfer.

von Hans-Georg Moek

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Hans-Georg Moek: Frau Dmitrieva, welche Buchbestände beherbergt die Rudomino-Bibliothek?

Karina Dmitrieva: Unsere Bibliothek ist auf ihre Weise einzigartig. Sie ist eine Bibliothek ausländischer Literatur, die in Moskau im Jahre 1922, in den Jahren des Bürgerkriegs, von einer jungen Frau gegründet wurde – Margarita Ivanovna Rudomino (1900 –1990).

Schon unter der Leitung der Generaldirektorin Ekaterina Genieva wurde der Rudomino-Bibliothek große Aufmerksamkeit für das Thema kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter zuteil. Warum war das so?

Dahinter stehen vor allem Zivilcourage, Intellekt, enormes Interesse für Kultur als Ganzes und für europäische Kultur. Die Bibliothek für ausländische Literatur verwahrt, bewahrt und verbreitet jene Büchersammlungen, die nach dem Jahr 1945 aus Deutschland nach Russland und insbesondere in die Bibliothek ausländischer Literatur gekommen sind.

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Sie persönlich haben in den vergangenen Jahren mit solchen deutsch-russischen Forschungsprojekten gearbeitet, zuletzt mündend in der Publikation von Karl August von Hardenberg, die jüngst veröffentlicht wurde. Was ist Ihre Motivation für diese Projekte?

Hinter all diesen Projekten steht die enorme Schaffenskraft meines Teams, meiner Kolleginnen und Kollegen der vergangenen Generationen und der gegenwärtigen. Als wir die Arbeit an diesem Projekt aufnahmen, war uns bewusst, dass eine große und wichtige analytische Forschungstätigkeit zu den Sammlungen vor uns liegt. Es stellte sich heraus, dass sie nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich und aus Polen stammen. Was ich selbst daran so spannend finde: Es ist ein großes Feld wissenschaftlicher Forschungsarbeit, mit der sich nur wenige beschäftigen.

Es geht hier um die Entdeckung neuer Namen, neuer und sehr persönlicher Geschichten. Diese tiefgründigen Geschichten ermöglichen es uns, tief in das historische Material einzutauchen und die Bindungen zwischen Russland und Deutschland und zwischen den Familien zu verstehen. Vordergründig handelt es sich um ein einziges Thema: kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter. Aber das Thema enthält eine so breite Anzahl anderer Geschichten. Man hört nicht auf, sich zu wundern über die Vielfalt dessen, was man entdeckst.

Die Kooperationen zwischen Ihrem Haus, der Rudomino-Bibliothek, und der Kulturstiftung der Länder ist schon 15 Jahre alt und hat zur Gründung des Deutsch-Russischen Museumsdialogs geführt. Wie kommt es, dass Sie auf russischer Seite die Ansprechpartnerin sind?

Es ist immer wieder erstaunlich, dass wir in der Kulturstiftung der Länder und die Stiftung in uns einen zuverlässigen Partner gefunden haben. Wir haben uns gegenseitig sofort verstanden. Was mich bei der Kulturstiftung der Länder schon immer gefesselt hat, insbesondere beim Museumsdialog, ist das Interesse, die Energie, die Wissbegierde, der Wunsch, so viele interessante und wichtige Berührungspunkte wie möglich zu finden und dabei auch ein Ergebnis zu erzielen.

Kataloge, Ausstellungen, Seminare, Konferenzen, egal welches Projekt wir mit der Kulturstiftung der Länder angegangen sind, es fand seinen Ausgang in einer ganz konkreten Sache. Oder sogar mit der Rückgabe von Büchern und Museumsobjekten aus Deutschland in die russischen Museen und Bibliotheken. Wir verbeugen uns tief davor und sind grenzenlos dankbar. Die Kulturstiftung der Länder versteht, dass die Bewegungsrichtung bei diesem schwierigen Thema ein Aufeinander-Zugehen ist. Wir gehen auf ein und demselben Weg und gehen aufeinander zu.

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In über zehn Jahren hat es drei Publikationen gegeben, die man zusammenfassen kann unter der Überschrift „Bibliotheken des Widerstands“. Das sind drei Bibliotheken, die während des Zweiten Weltkriegs nach Russland transportiert wurden: die Bibliothek von Prinz Karl August von Hardenberg 2019, die von Friedrich Werner Graf von Schulenburg im Jahr 2009 und die von Graf Yorck von Wartenburg im Jahr 2012. Diese Bibliotheken waren verteilt auf verschiedene russische Bibliotheken und Sie haben in einem Forschungsprojekt alles zusammen­gesammelt und in einer Publikation veröffentlicht, welche Bücher vorhanden sind und wo sie stehen. Wie läuft so ein Forschungsprojekt ab?

Diese drei Publikationen verbinden tatsächlich drei markante Namen der Geschichte Deutschlands und der Geschichte Russlands. Sie sind so bedeutend, dass es gar keiner großen Anstrengung bedurfte und wir niemandem groß erklären mussten, warum wir Kataloge dieser privaten Bibliotheken machen wollten. Sie haben in der Geschichte merkliche Spuren hinterlassen und waren im Zweiten Weltkrieg alle Teil der Widerstandsbewegung. Die moralische Komponente dieser Persönlichkeiten, die Neubewertung ihrer Wertvorstellungen, die sie in den Jahren des Krieges durchmachten, ihre Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und ihre Erkenntnis,  welches  Unglück  dieser  über Deutschland und die ganze Welt gebracht hat, waren der Grund, warum wir genau diese Namen ausgesucht haben.

Wir haben in den 2000er-Jahren eine Umfrage unter den Bibliotheken Russlands durchgeführt, ob sie bereit sind, an diesen Projekten teilzunehmen und sich an der Arbeit an zusammen­fassenden Katalogen zu beteiligen. Viele Bibliotheken wussten schon, woran wir arbeiteten, dass wir gründliche Forschungsarbeit betrieben und dass wir Sammlungen, die nach dem Krieg zu uns gelangt waren, erforschen und rekonstruieren. Da diese gemeinsames europäisches kulturelles Eigentum sind und wir zusammen alles möglich machen müssen, damit diese Bibliotheken nicht verschwinden.

Wie viele Häuser waren an dem Projekt beteiligt? Kann man davon ausgehen, dass diese ihren Bestand schon systematisch erfasst hatten oder haben sie sich erst auf die Suche gemacht?

Das ist sehr unterschiedlich. In der Majakowski-Stadtbibliothek von Sankt Petersburg, mit der wir am Projekt zur Bibliothek von Yorck von Wartenburg zusammenarbeiteten, gab es einiges an Material, das inventarisiert und bekannt war. Aber durch ihre Beteiligung an diesem Projekt fanden sie weitere Bücher, von denen sie nicht geahnt hatten, dass sie sie haben. Wir haben ihnen geholfen, eine noch ausführlichere Beschreibung zu erstellen. Hinter unserem Projekt verbirgt sich nicht einfach die Vorbereitung eines Kataloges, sondern die Möglichkeit, an jedem Exemplar individuell zu forschen. Das heißt, alle Inschriften und Eigentumsmerkmale zu beschreiben, zu schauen, wie dieses Buch mit oder nach seinem Besitzer lebte, ob und von wem es gelesen wurde. Auf diese Weise arbeiten wir wie Weber, wir weben den Teppich des Lebens einer ganzen Bibliothek und ergänzen die Geschichte der Bibliothek hier in Russland. Wir beschreiben nicht nur mit Hilfe deutscher Quellen, wie diese Bibliothek entstanden ist. Sondern wir ergänzen sie um die Umstände, die der Sammlung hier in Russland widerfahren sind. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass es gar keine bewusste Zuteilung der Privatbibliotheken gab. Die Bibliotheken bestellten ein Buch und auf diese Weise wurden die Sammlungen zerstreut, und jetzt sammeln wir alles wieder ein.

Auf wie viele Bibliotheken sind Sie zugegangen, von denen Sie wussten: Da liegen diese Bestände?

Zu Beginn der Arbeit an der Hardenberg Sammlung waren drei, vier Bibliotheken an dem Projekt beteiligt. Als wir bereits bei  der  Erstellung  des  Manuskripts waren,  haben  wir  bei  Auftritten  auf verschiedenen Konferenzen und Seminaren von unserem Projekt erzählt. Und wir haben uns sehr gefreut, als wir Rückmeldungen aus Rostow am Don und aus Tschuwaschien erhielten. Sie hatten dort nicht besonders viele Exemplare, aber wichtig war, dass wir Rückmeldungen erhalten haben, dass die Leute uns hören und bereit sind, sich einzubringen.

Gibt es weitere Projekte oder Bibliotheken, von denen Sie denken, dass sie in ähnlicher Weise erforscht und zusammengeführt werden sollten?

Ja natürlich. Sogar in Bezug auf Sammlungen, die bereits inventarisiert sind, wie zum Beispiel die Bibliothek in Woronesch. Sie wissen dort über ihre ausländische Sammlung bestens Bescheid. Aber wenn es um einen konkreten Katalog geht, dann kommen Details zum Vorschein, die besonders reizvoll und verführerisch sind. Man beginnt Widmungsinschriften zu entziffern, findet alle möglichen Lesezeichen und Foto­grafien in den Büchern. So beginnt man, eine sehr persönliche Geschichte zu beschreiben. Das gefällt den Leuten und ruft auch professionelles Interesse hervor.

Gibt es für unsere Leserinnen und Leser möglicherweise bekannte Namen und Lebensdaten, die mit diesen anstehenden Forschungs­­projekten verknüpft sind?

Es befinden sich beispielsweise die prachtvollen Sammlungen zweier sehr bekannter deutscher Sprachwissenschaftler, Vater und Sohn von der Gabelentz [Hans Conon, 1807–1874, und Hans Georg Conon von der Gabelentz, 1840 –1893, Anm. d. Red.], in unserer Bibliothek. Wir haben dort sogar eine Handschrift von Nikolai Miklucho-Maklai [1846 –1888, Anm. d. Red.] gefunden, die er aus Papua-Neuguinea extra an die russische Akademie der Wissenschaften schickte mit der Bitte, diese an Gabelentz weiterzuleiten, da er wusste, dass dieser sich mit der Erforschung der Sprachen beschäftigt und eine einzig­artige Sammlung aufbaut. Diese Handschrift kam 1945 zurück nach Russland und wird heute in der Bibliothek für ausländische Literatur aufbewahrt.

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Welche Bedeutung haben solche ­Projekte für Ihr Haus? Und wie groß ist die Resonanz in der russischen Öffentlichkeit?

Die Resonanz in der Öffentlichkeit ist sehr unterschiedlich, das will ich nicht verheimlichen. Einige – und das sind nicht wenige – Menschen in Russland verstehen bis heute nicht, warum und wofür wir uns damit beschäftigen. Einige professionelle Kreise interessieren sich sehr dafür, unterstützen uns und sind auch bereit sich zu beteiligen. Dafür haben wir das damals zusammen mit Ekaterina Genieva auch alles angefangen. Wir wollen erklären, zeigen und erzählen, dass uns verbindet, was uns eigentlich voneinander trennen sollte, wie Ekaterina Genieva immer sagte. Mit den deutschen und russischen Kolleginnen und Kollegen verbindet uns der Wunsch, weiter zu forschen und es dann – so ausführlich und attraktiv wie möglich – aufzubereiten. Damit die Leute mehr über unsere Bibliotheken und unsere internationalen Kontakte erfahren. Und dass dies alles zur Festigung unserer Beziehungen beiträgt.

Ein wunderbares Abschlussplädoyer. Vielen Dank für das Gespräch!

Hans-Georg Moek

Hans-Georg Moek

ist Kommunikationsleiter der Kulturstiftung der Länder.