Erwerbungen

Gehe, Buch!

Influencer der Frühneuzeit: Der Kunst­händler und Agent Philipp Hainhofer und sein „Großes Stammbuch“

von Johannes Fellmann

Podcast zur Erwerbung des Großen Stammbuchs von Philipp Hainhofer:

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Das Prinzip Amazon – beileibe keine Erfindung unserer Zeit: Einen Marktplatz für Waren aller Art, das gab es auch schon im 17. Jahrhundert. Der Augsburger Kaufmann Philipp Hainhofer (1578–1647) war einer der erfolgreichsten Plattformbetreiber seiner Zeit. In der schwäbischen Reichsstadt, trotz bereits kriselnder Wirtschaft eine der bedeutendsten Handelsstädte der Welt, betrieb Hainhofer sein florierendes Unternehmen mit exquisitem Showroom und einer enorm leistungsfähigen Schreibstube. Die Bestellliste seines langjährigen Kunden, Herzog August d. J. (1579–1666), ließe sich übrigens noch deutlich verlängern, ­Hainhofer konnte fast alles Erdenkliche aus Luxus, Kunst und Alltag liefern, vom Nähkörbchen bis zum Prunkmöbel, von ­Preziosen bis zum Prinzenerzieher. Dieser gute Kunde, der Herzog von Braunschweig-Lüneburg, der sich die richtig teuren Kunstwerke nicht leisten konnte, investierte stattdessen in Papier und baute die seinerzeit größte Bibliothek Europas auf. Ihr historischer Bestand macht die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel heute zum internationalen Forschungsort zum Mittelalter und der Frühneuzeit.

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Bei der Bücherbeschaffung an vorderster Stelle dabei ist ein Händler, der nicht nur den Waren- und Kunstbedarf an Fürstenhöfen zu bedienen weiß, sondern der sich auch als Kunstagent und Diplomat einen hervorragenden Ruf erarbeitete. ­Jurist, weltläufig, humanistisch gebildet, mehrsprachig, aus einer traditions­reichen Kaufmannsfamilie: Philipp ­Hainhofer verkehrte mit Kaisern und Königen, Wissenschaftlern und Künstlern, spannte sein europäisches Netzwerk quer durch alle Fronten der zerstrittenen Konfessionen, auch quer durch die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs. Das weiß man deshalb so genau, weil sich Herzog August nach Hainhofers Tod den schrift­lichen Nachlass des Kaufmanns sicherte und sich in ­Wolfenbüttel seine abertausend Briefe erhalten haben. Mit u. a. diesem Archiv­schatz hat der Kunsthistoriker Michael Wenzel Philipp Hainhofers politisches Wirken analysiert und den noch ­größeren Einfluss auf Kunstproduktion und -transfer ausführlich erforscht (siehe Buchhinweis).

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Dorthin, in diese ehemalige herzogliche Bibliothek, gelangte jetzt ein Album Philipp Hainhofers mit 227 Seiten und 20,8 × 16 cm Seitengröße, das schon zu Lebzeiten des Kaufherrs einen legendären Ruf besaß. Herzog August wollte sich das sogenannte Große Stammbuch unbedingt sofort nach ­Hainhofers Tod sichern – und erlangte es nicht. Jahrhundertelang galt das Album als verschollen, bevor es vor einigen Jahren wieder in Privat­besitz auftauchte. Jetzt kommt es dank einer großen Finanzierungskoalition u. a. mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder nach Wolfenbüttel. Die Süddeutsche Zeitung begrüßte die lose Blättersammlung, die für 2,8 Millionen Euro erworben wurde, als „Wunderwerk“. Doch warum nennt man sie die „Königin der Stammbücher“, was macht dieses Buch mit den Schmuckblättern, den vielen handschriftlichen Widmungen, heute wie zu ­seiner Zeit, zu einer Sensation?

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Hainhofer war ein Meister des Fernmarketings, nutzte gerne extrem aufwändige Kunstwerke aus Augsburger Produktion für seine Kundenakquise. Prunkmöbel mit Fächern, Türen, Schubladen und unzähligen Miniaturobjekten, die an den Fürstenhöfen für Aufsehen und Gespräch sorgten. Doch für die Kundenwerbung hatte er ein noch flexibleres und wirkungsvolleres Medium entdeckt: Hainhofer etablierte ein Vehikel, das sich im persönlichen Kontakt mit der politischen Elite als Türöffner entpuppte. Seine lose gehaltene Sammlung aus hochwertigen Grafiken, Bildern und illuminierten, handschriftlichen Widmungen der aristokratischen Elite gilt als „Who’s who“ des 17. Jahrhunderts, so zahlreich sind die hochgestellten Persönlichkeiten, die sich mit einem individuellen Eintrag verewigten. Gestalten ließ er die bunten Seiten, viele auf Pergament, von namhaften Künstlern. Zusammengefasst bildeten sie sein „Großes Stammbuch“, eigentlich ein damals verbreitetes sogenanntes Album amicorum. Diese Stammbücher, als Gattung entstanden in den 1530er-Jahren innerhalb des Wittenberger Reformatoren­kreises, dokumentierten durch persönliche Einträge von Mitstudenten, Professoren und von anderen gesellschaftlich anerkannten Gruppen das Netzwerk ihres Besitzers, listeten Studienorte und Auslandsaufenthalte auf. Aus diesem beliebten Objekt der Bildungselite entwickelte Hainhofer nach und nach ein wirkungsvolles Medium seines merkantilen Imperiums. Auf die Gestaltung und Erweiterung dieses Großen Stammbuchs, das er von 1596 bis 1633 führte, verwendete er viel Mühe, um aus ihm ein begehrtes Anschauungsobjekt zu machen. Leicht ließ es sich mit auf Reisen nehmen, per Post den Fürsten zur Besichtigung senden, auch einzelne Seiten waren entnehmbar, da das Buch in einer Schraubvorrichtung gebunden war. Dank der vielen prominenten Beiträger wurde das Album zum Selbstläufer, der Adel stand Schlange: eine erstaunliche Entwicklung für ein eigentlich privates, ja auch noch bürgerliches Stammbuch. Kaiser, Markgrafen, Herzöge und Kurfürsten beteiligten sich mit Widmungsblättern, die Hainhofer, manchmal nach Wünschen der Beiträger, aber natürlich auf ihre Rechnung, gestalten ließ. Routiniert durchbrach Hainhofer damit die Standesgrenzen. Der Kaufherr wird zeitlebens bestenfalls als Patrizier angesehen, sein wichtigstes Medium Album amicorum aber ist längst nobilitiert und in höchsten Kreisen heißbegehrt.

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Ab der Mitte des Albums versammeln sich in der heute überlieferten Ordnung zahlreiche Akteure des Dreißigjährigen Kriegs aus allen politischen Lagern. Das Album war ­wirkmächtiges Zeugnis von der „guten Kundschaft und Freundschaft“ mit der gesellschaftlichen Elite, wie Hainhofer nicht müde wurde zu betonen. Und durch die exklusive Ausstaffierung konnte er beweisen, dass man höchste künstlerische Qualität zu liefern imstande war. Heute durchzieht das Stammbuch die Spur der politischen Entwicklungen vor und während des Dreißigjährigen Kriegs. Sichtbar wird auch die Rolle der Korrespondenten und Gesandten, die im diplomatischen Austausch der Fürstenhöfe damals an Bedeutung gewannen.

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Philipp Hainhofer schwebte ein Buch von sagenhaftem Reiz vor – von flämischer und venezianischer Malerei bis zur Prager Hofkunst und Dürer-Renaissance reichte bald das Spektrum: Künstler wie die Augsburger Maler Daniel Fröschl (1573–1613), Joseph Heintz d. Ä. (1564–1609) oder der Star der rudolphinischen Hofkunst, Hans von Aachen (1552–1615), trugen Illustrationen und Grafik bei. Mit Martin Schongauer (ca. 1430–1491) und Hans Sebald Behm (1500–1550) waren zwei Hauptmeister der altdeutschen Druckgrafik mit von der Partie. Philipp ­Hainhofer kündigte im Vorwort bereits „königliche Sprüche großer ­Fürsten“ an. Der Kunstkniff dabei: Hainhofer instrumentalisierte die ansehnliche Blattsammlung, machte das Album zu einem Botschafter seines Könnens, seines politischen Netzwerks. ­Das Stammbuch, so kann Michael Wenzel es mit vielen Belegen beschreiben, wurde zu einem handelnden Akteur im merkantilen wie diplomatischen Kosmos: „I liber“ heißt es im Vorspann, im Incipit, „gehe, Buch“.

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Von seinem Hauptquartier in der Reichsstadt Augsburg hatte Hainhofer dank eines deutlich schneller werdenden Postwesens die Potentaten, darunter auch viele Fürsten der zweiten Reihe, mit politischen Informationen, Reiseberichten und Neuigkeiten versorgt. Warenlisten wurden den Sendungen beigegeben, Hainhofer übersetzte und verbreitete aber auch neueste wissenschaftliche Traktate für die fürstlichen Auftrag­geber. Haupteinnahmequelle wurden raffinierte und innovative Kunstwerke. Sein Faible war die geschickte Weiterentwicklung vorhandener Genres. Als ein Spezialgebiet bot Hainhofer sogenannte Kunstschränke an, die er speziell für die jeweiligen Höfe im ­Augsburger Kunsthandwerk und seinen versierten Künstlern anfertigen ließ. Für diese hybriden Kunstmöbel, die in ihren teilweise verborgenen Schüben und hinter den Türchen politische und religiöse Themen in Objekten und Assemblagen präsentierten, entwickelte Hainhofer eine „Bildwelt“ und „eine allegorische Verdichtung von Raum“, wie Michael Wenzel das Prinzip nennt. Transportfähige Kunst- und Wunderkammern mit Botschaft im Miniaturformat: Im sogenannten Stipo Tedesco (1619–1625) für Florenz geht es um die konfessionelle Aussöhnung, im Dreißigjährigen Krieg hingegen thematisieren die Prunkmöbel Gewalt oder auch Motive der Sexualität. Dem kunstaffinen Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin (1573–1618), der eigentlich sein protestantisches Herrschertum im Kunstwerk gespiegelt sehen wollte, lieferte Hainhofer einen aus Ebenholz und Silber gefertigten, vom humanistischen Geist beeinflussten Schrank. Zum sagenhaften Preis von etwa 20.000 Gulden hatte Hainhofer das bedeutendste Kunstkammerobjekt seiner Zeit mit Hunderten Gegenständen ausgestattet – vom Schreibzeug über Spiele, Gemälde, Tafelsilber, Toilettenartikel bis hin zu wissenschaftlichen Instrumenten. Das Gehäuse verbrannte im Zweiten Weltkrieg an seinem Auslagerungsort in Berlin. Sein Inhalt hat sich dagegen im Kunstgewerbemuseum erhalten: Vielgestaltig wie selten erscheint dabei der Transfer zwischen Kunst und Politik.

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Inszenierte Hainhofer sich in Planungen zunächst als kundigen, hochgebildeten Gesprächspartner und beteiligte er die Fürsten gerne ausführlich bei der Ausgestaltung, so gingen die Übergaben seiner Kunstschränke dann als festliche Events über die Bühne. Dort wirkten sie wie Werbeflächen auch an räumlich weit entfernten Orten. Sie riefen Hainhofer immer wieder ins Bewusstsein oder weckten Neugier bei hochrangigen Gästen, ohne dass der Händler sich dafür selbst auf die beschwerliche Reise machen musste.

All das verdichtet sich im „Großen Stammbuch“, mit der Erwerbung kann nun auch mehr Licht in die nur grob erforschte Geschichte der heutigen Blättersammlung dringen. Die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel nimmt das Buch, unterstützt durch zusätzliche Mittel des Landes Niedersachsen, gründlich unter die Lupe: Entstehung und Botschaft vieler Einträge sind noch zu klären, die Reihung zu überprüfen, zu ergründen, wohin etliche Seiten der ursprünglichen Ordnung verstreut wurden. Denn das blieb das Album amicorum wohl auch nach dem Tod seines Erfinders, die letzten 400 Jahre lang: ein lebendiges, ­eigenwilliges Kunstprojekt, das nie abgeschlossen ist.

Herzog August Bibliothek
Lessingplatz 1, 38304 Wolfenbüttel
Telefon 05331-808-0
www.hab.de

© Foto: Laura Kunkel

Johannes Fellmann

ist Redakteur von Arsprototo, dem Magazin der Kulturstiftung der Länder.