Länderporträt Rheinland-Pfalz

Der Sammler Joseph Benzino: „Joseph Benzino ist ein großer Kunstfreund“

Das Erbe Joseph Benzinos begründete die Pfalzgalerie Kaiserslautern und gab ihr den Auftrag, zu allen Zeiten das Zeitgenössische zu sammeln

von Uta Baier

Wie sich das Museum der Stadt Kaisers­lautern entwickelt hätte, wäre Joseph Benzino Vater geworden, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr sagen. Fest steht, dass der Kaufmann und Unternehmer  Joseph  Benzino  (1819 –1893)  und  seine  Frau Mathilde kinderlos blieben, Kunst sammelten und ihre Sammlung der Stadt samt Geld für einen Anbau an das bestehende Museum vererbten. Das war 1903. Seitdem besitzt das ehemalige Gewerbemuseum von Kaiserslautern eine Kunstsammlung und eine Idee, wohin es sich entwickeln könnte. Denn der 1819 im pfälzischen Landstuhl, einer Kleinstadt nahe Kaiserslautern, geborene Benzino sammelte nur das Modernste und das Aktuellste von Künstlern, die nach neuen Wegen, Motiven, Ausdrucksmöglichkeiten suchten. Diesem Schwerpunkt fühlt sich das Museum, das heute Pfalz­galerie Kaiserslautern heißt, seitdem verpflichtet.

In seinem Archiv existiert das Testament des Sammlers, in dem er die Übereignung der Sammlung mit 151 Gemälden samt 50.000 Mark verfügte. Viele andere Dokumente sind im Zweiten Weltkrieg verlorengegangen, eine Biografie des Sammlers existierte nie. Das beklagte bereits 1997 der Heimatforscher Robert Jung in einem der wenigen biografischen Aufsätze: „Jeder, der den Versuch unternimmt, sich mit der Person des Joseph Benzino zu befassen, wird sogleich mit dem bedauernswerten Umstand konfrontiert, dass es dazu bislang eigentlich nur recht wenig als Quellenmaterial auszuwerten gibt.“ In den vergangenen 20 Jahren hat sich das nicht grundlegend geändert. Joseph Benzinos Porträt als 62-Jähriger, gemalt von Theodor Pixis, zeigt einen gepflegten älteren Herrn ohne besondere Kennzeichen.

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Über den Erfolgreichen und Spendablen erfährt die Nachwelt in der Regel nur Positives, denn für Zwischen­töne ist in Ehrungen und Lobeshymnen auf große Verdienste kein Platz. Und so gibt es auch über Joseph Benzino nur Gutes zu berichten: Hineingeboren in eine Familie von Großhändlern und Gutsbesitzern, wurde auch Joseph Benzino Kaufmann und führte das Fami­lien­unternehmen in vierter Generation fort. Es handelte mit allem, was Gewerbetreibende und Landwirte benötigten. Großen Umsatz machte die Familie außerdem mit der Produktion von Brenn- und Schmieröl zur Beleuchtung der Waggons und Signalanlagen der bayerischen Eisenbahn und zum Schmieren von Achsen und Maschinen. Die Benzino-Unternehmen beschäftigten zwischen 500 und 600 Arbeiter.

Als die Geschäfte in Folge der Industrialisierung nicht mehr gut liefen, verkaufte Benzino Unternehmen und Land und wurde ab (etwa) 1863 Privatier, wie man das damals nannte. Da war er gerade 44 Jahre alt. Es begann für ihn jedoch keine Zeit des Müßiggangs, sondern eine Karriere als Abgeordneter der national­liberalen Partei im Bayerischen Landtag (1863 –1869) und als Mitglied des Zollparlaments in Frankfurt (1867–1870). Außerdem blieb er Sammler und wurde Kunstsachverständiger – ganz im Sinne der Familien­tradition. Schon Benzinos Vater Joseph Emanuel Ignaz Benzino sammelte Kunst und war mit dem Maler und Nazarener Georg Philipp Schmitt befreundet, sein Vetter war der Künstler Theodor Pixis (1831–1907) und sein Schwager der auf Kostümbilder mit Szenen des 16. und 17. Jahrhunderts spezialisierte Eugen Heß (1824 –1862). Ursprünglich stammte die Familie aus der norditalienischen Gegend um den Comer See. Benzinos Vorfahren wanderten Ende des 17. Jahrhunderts nach Kusel aus. Familienmitglieder ließen sich später unter anderem in Landstuhl nieder.

Man muss sich Joseph Benzino also nicht nur als Freund der Kunst, sondern auch als Freund der Künstler vorstellen, der gute Kontakte zu ihnen pflegte, in die Ateliers ging und dort kaufte. Und zwar das ­Neueste vom Neuesten. Das war damals die Kunst der Münchner Schule.

Zur Sammlung gehören beispielsweise ein überaus delikat gemaltes „Bauernmädchen“ von Franz von Defregger (1889 entstanden) ebenso wie „Der Märchenerzähler“ (1866) des damals noch unbekannten Anselm Feuerbach, der mit Benzinos Geld den „Vergolder, Logis und Modell“ bezahlen konnte. Direkt im Atelier von Carl Spitzweg kaufte Benzino „Hausgärtchen Zeitungsleser“ (1845/48), das heute unter dem Titel „Zeitungsleser im Hausgärtchen“ bekannt ist und zu den berühmtesten Werken der Galerie gehört. Zu den wahrscheinlich weniger bekannten, aber ungemein modernen Künstlerinnen gehört Tina Blau (1885 –1916), eine Wiener Landschaftsmalerin, die in München lebte und wie die französischen Impressionisten ihre Staffelei direkt in der Natur aufstellte. Ihr „Apriltag im Prater“ von 1889 ist ein Bild voller Luft und Licht und einem spannungsvollen Nebeneinander präzise wiedergegebener Bäume, Wolken und großer Farbflächen, die an Texturen erinnern. Daneben gibt es viele Tierbilder (zum Beispiel von Carl Jutz, Robert Eberle, Franz Adam), Stillleben (von Max Schödl, W. Lindemann), historische Szenen, Interieurs, Landschaften und Stadtansichten.

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Diese Aufzählung scheint aus heutiger Sicht dem Begriff des Modernen zu widersprechen. Doch die Münchner Schule, deren Entwicklung die Sammlung abbildet, war zu ihrer Zeit eine Kunst, die Neues propagierte, probierte und damit begeisterte. Das Lenbachhaus definiert die Münchner Kunst des 19. Jahrhundert kurz und treffend so: Eine romantische Landschaftsauffassung, ein von Gustave Courbet geprägter Realismus, die Begeisterung für die Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts sowie Einflüsse belgischer, holländischer, französischer und englischer Malerei prägten die Entwicklung der Kunst in München.

„Obwohl nahezu alle bei Benzino vertretenen Maler der Münchner Schule – zumindest zeitweise – angehörten, ist eine internationale Ausrichtung seiner Sammlung nicht zu übersehen. Die Künstler kamen nicht nur aus München, Berlin, Karlsruhe, Nürnberg und Düsseldorf, sondern auch aus Italien, Österreich, Polen, Belgien, Dänemark, Ungarn und der Schweiz“, schreiben Britta E. Buhlmann, Direktorin der Pfalz­galerie Kaiserslautern, und die Kunsthistorikerin ­Claudia Luxbacher über die Benzino-Sammlung.

Als die Kunstsammlung die durchaus großzügig bemessenen privaten Räume der Benzinos in ihrem Haus in Landstuhl, das wegen seiner Größe und aufwendigen Gestaltung auch „Schlösschen“ genannt wurde, sprengte, bauten sie 1864 einen sehr modernen Galerieflügel an. Er bekam eine gleichmäßige Beleuchtung durch Oberlichter und eine zusätzliche Mauerschale aus Ton-Hohlraumziegeln zur Wärmedämmung. Die deutliche Erweiterung hinderte das Ehepaar jedoch nicht, 1878 nach München umzuziehen. Das Stadt­palais in der Theresienstraße nahm einen Großteil der Sammlung auf, allein die Großformate blieben im „Schlösschen“ in Landstuhl, das das Ehepaar Benzino als Sommerhaus nutzte.

Die Beschäftigung Benzinos mit der Kunst seiner Zeit bekam in München eine ganz neue Qualität. Aus dem Sammler wurde nun außerdem ein wichtiger Berater beim Kunstkauf für die Neue Pinakothek. Benzino, der Kaufmann, wurde 1891 neben einem Gremium aus Berufs-Fachleuten – dem Generaldirektor der Kunstsammlungen, dem Direktor der Neuen Pinakothek, einem Akademieprofessor und einem Konservator – als einziger Laie Mitglied der „königlich-bayerischen Central-Gemälde-Commission“ zur „Bewerthung aller Kunstgegenstände, welche sich in der neuen Pinakothek befinden, bzw. zu deren Inventar­beständen, wenn auch anderweitig untergebracht, zählen“. Eingesetzt hatte die Kommission Prinzregent Luitpold (1821–1912) persönlich. Benzino machte seine Sache so gut, dass er schon ein Jahr später den Titel eines königlichen Hofrats verliehen bekam. In der Begründung waren seine Verdienste so zusammengefasst: „Joseph Benzino, Rentier und Gutsbesitzer dahier, ist ein großer Kunstfreund. Er hat während der letzten drei Jahrzehnte reiche Mittel auf die Förderung der Kunst verwendet und so das künstlerische Schaffen namentlich in München thatkräftig unterstützt. Er besitzt denn auch eine reiche und wertvolle Gemälde-Sammlung, in welcher eine große Anzahl von Namen der Münchner Schule und unter diesen nicht wenige der besten Meister derselben zum Theile mit hervorragenden Werken vertreten sind.“ Weiterhin werden die „uneigennützigen Dienstleistungen“ als Berater beim königlichen Kunstkauf, seine Liebe zur Kunst und die damit verbundene Förderung von Künstlern gewürdigt. Die Ehrung kam zur rechten Zeit, denn ein Jahr später starb der neue königliche Hofrat 74-jährig.

Heinrich Anton Heger, Das Rathaus in Lübeck, um 1870, 40 x 48 cm; Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern; © Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern / Foto: Gunther Balzer
Heinrich Anton Heger, Das Rathaus in Lübeck, um 1870, 40 x 48 cm; Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern; © Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern / Foto: Gunther Balzer

Bis seine testamentarische Verfügung greifen konnte, dauerte es noch einmal zehn Jahre. Denn Benzino hatte entschieden, die „gesamte Gemälde-Sammlung, wie solche nach meiner und meiner Frau Tode einst vorhanden sein, dem Pfälzischen Gewerbemuseum in Eigentum“ zu überlassen. Mathilde Benzino starb zehn Jahre nach ihrem Mann. 1903 kamen daher die 151 Gemälde und mehrere Aquarelle der Benzino-Sammlung nach Kaiserslautern. Heute umfasst sie 89 Gemälde und ein Aquarell, denn einige Gemälde wurden der Familie zurückgegeben, „offenbar, um das Museum von einer früher verabredeten Verpflichtung der dauernden Ausstellung des Legats zu befreien“, wie Britta E. Buhlmann und Claudia Luxbacher im Bestandskatalog der Benzino-Sammlung von 2002 schreiben. Außerdem wurden in den 1940er-Jahren Arbeiten aus der Sammlung gegen Gemälde von Max Slevogt und Wilhelm Trübner eingetauscht – eine durchaus typische Vorgehensweise für deutsche Museen während der NS-Zeit. Der „Rest“ blieb und bildet bis heute den Grundstock und die Grundorientierung des Sammelns und Ausstellens in Kaiserslautern. Denn mit der Schenkung änderte sich das Museum grundlegend. Bis 1903 definierte es sich als Gewerbemuseum, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, „in einer Sammlung kunstgewerblicher mustergültiger Gegenstände, teils in Originalen, teils in Reproduktionen den Gewerbetreibenden schöne und gute Muster sowohl aus früheren Zeiten wie aus der Neuzeit vorzuführen“.

Die Modernität des Stifters war und ist für seine Nachfolger Auftrag und Verpflichtung – auch gegen politischen Willen. So musste Museumsdirektor Wilhelm Weber (im Direktorenamt von 1965 bis 1978) nachdrücklich darauf hinweisen, dass mit der Benzino-Stiftung das „Vermächtnis dieses Stifters an die Pfalz­galerie überging, den Grundsatz der Modernität beim Ausbau der Pfalzgalerie zu wahren“. Wilhelm Webers Auseinandersetzung mit dem damals an ihn herange­tragenen „Einwand, die Pfalzgalerie solle ihre Ankäufe weniger auf die Moderne abstellen“, führte zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Stifter und seiner Sammelstrategie. So konnte Weber seine Behauptung, Benzino sei ein moderner Sammler gewesen, mit vielen interessanten Fakten belegen. Etwa dem, dass nur 18 der 108 Künstler in der Sammlung älter als der Sammler selbst waren. Ebenso viele waren gleich alt, die Mehrheit von 72 jedoch war jünger. „Wie bewusst Benzino unter den jahrgangsmäßig älteren Künstlern gerade diejenigen auswählte, die zu den fortschritt­lichen Künstlern zählten, beweist die Anwesenheit der Bilder von Peter Heß und dessen Schüler Dietrich Monten, auch von Albrecht Adam, denen in der Kunstgeschichte nachgerühmt wird, sie hätten den entscheidenden Schritt zu Gründung des neuen Sittenbildes sowie zu dem Naturalismus vollzogen“, schrieb Wilhelm Weber. Das eindrückliche Plädoyer hatte Erfolg: Auch heute versteht sich das Museum als Haus der zeitgenössischen Kunst.

Gabriel von Max, Atropa Belladonna, 1887, 46 x 37 cm; Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern; © Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern / Foto: Gunther Balzer
Gabriel von Max, Atropa Belladonna, 1887, 46 x 37 cm; Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern; © Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern / Foto: Gunther Balzer

„Benzino sammelte Landschaften, Genreszenen, Porträts sowie Darstellungen von Interieurs. Letztere finden sich, wie auch Porträts, im Museumsbestand des 20. Jahrhunderts. Landschaftsdarstellungen gibt es durch alle Stile auch unter den jüngeren Erwerbungen, wobei diese zeitgenössisch formuliert sind“, sagt Britta E. Buhlmann und zählt Werke von Camill Leberer, Michael Growe und Martin Streit auf. Die Museums­direktorin beschreibt die auf Benzinos Sammlung gründende Ausrichtung ihrer Arbeit so: „Das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern ist heute ein Museum abseits des Mainstream, ein Ort für Künstler und es gilt als ein Haus der Entdeckungen. Künstler und Künstlerinnen wie Carmen Herrera, Georgia Russel, Pierrette Bloch, Adolph Gottlieb, Richard Pousette-Dart, Charles Pollock oder Qiu Shihua wurden hier erstmals überhaupt oder erstmals in Deutschland mit einer Museumsausstellung gewürdigt.“

Uta Baier; © Studioline Fotostudio, München

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.