Restaurierungen

Das Ferne so nah

Im Freiburger Museum Natur und Mensch wurden japanische Holzschnitte aus der Sammlung Ernst Grosse restauriert

von Ryan Schingerlin

Es war die bis dato folgenreichste Medienrevolution, vergleichbar nur mit der Entwicklung der Telekommunikation oder der digitalen Kommunikation unserer Zeit: drucken. Als im 8. Jahrhundert der Buddhismus Staatsreligion in Japan wurde, übernahm man mit den Erzählungen auch die Technik und Tradition des Holzschnitts aus China.

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Der Künstler Utagawa Hiroshige (1797–1858) wählt in seinem Druck Abendschauer über der Großen Brücke in Atake einen Blick aus der Vogelperspektive auf die Shin-Ōhashi-Brücke im Bezirk Atake, die den Fluss Sumida überquert. Dunkle Blau- und Grautöne bestimmen den Hintergrund, wodurch sich die helle Straße deutlich als Hauptmotiv abhebt. Auf ihr kämpfen sich Personen durch den heftigen Regen, sich unter Schirme, Hüte oder Decken duckend. Dabei ist der gesamte Druck durchzogen von dunklen und hellen, diagonal verlaufenden Linien, die das Niederprasseln des Regens eindrucksvoll wiedergeben. Diese Regendarstellung galt als charakteristisch für den Künstler und wurde als Hiroshige-Regen bekannt. Zahlreiche westliche Künstler haben diese Darstellungsform adaptiert, darunter auch Vincent van Gogh. Der Druck ist Teil der jetzt restaurierten Sammlung von Ernst Grosse im Freiburger Museum Natur und Mensch.

Zwar ist der Holzschnitt ein sehr aufwändiges Druckverfahren, an dem unterschiedlichste Berufsgruppen beteiligt sind, in der Hauptsache Künstler, Drucker, Holzschneider, Verleger. Doch für die Vervielfältigung von Texten war das Verfahren sehr effektiv: Handgeschriebene Abschriften waren oftmals fehlerhaft, weil eine einzige falsch gesetzte Linie den Inhalt erheblich verändern kann. Eine saubere, korrigierte Abschrift durch das Holzschnittverfahren genügte, um Texte sowie Bilder präzise und massenhaft zur Verfügung zu haben. So lebten die Abbildungen buddhistischer Gottheiten von einer sehr genauen und kleinteiligen Ikonographie, die eine Unterscheidung der verschiedenen Götter möglich machte. Auch hier konnte der kleinste Fehler den Inhalt einer Illustration verändern, die Identität einer Gottheit und deren Wirkmacht gefährden. Japanische Holzschnitte zeigen uns heute noch eine Welt voller bunter Farben, prachtvoller Gewänder, bekannter Landschaften. Kunstvoll ziehen die graphischen Linien und farbigen Flächen die Betrachtenden in ihren Bann. Dass die Stücke den Weg nach Freiburg fanden, ist dem Ethnologen und damaligen Direktor der Städtischen Kunstsammlungen Ernst Grosse (1862–1927) zu verdanken. 60 Blätter konnten dank der Förderung der Kulturstiftung der Länder im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“ restauriert werden.

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Die Edo-Zeit (1603–1867), benannt nach der Stadt Edo, heute Tokio, impliziert die längste Friedensperiode der japanischen Geschichte in der Regierungszeit der Tokugawa-Shogune. Mit ihr kam nicht nur Frieden, sondern auch mehr Wohlstand und Freizeit in das Land. Die Menschen entwickelten ein Bedürfnis nach Unterhaltung. Es entstanden lizensierte Vergnügungsviertel wie Yoshiwara oder unterhaltende Kunstformen wie das Kabuki-Theater. Aus dem traditionellen japanischen Theater entwickelten sich bald eigenständige Genres. So wurden Schlachtenszenen, die ursprünglich auf der Bühne aufgeführt wurden, nun in Druckform verewigt, wie in dem Bild Magische Szene aus dem Genpei-Krieg (1823). Dieses zeigt eine Schlüsselszene eines Kabuki-Stücks, das von der Vorherrschaft der Familien Taira und Minamoto über Japan insbesondere während des Genpei-Krieges (1180 –1185) erzählt. Die drei Figuren repräsentieren historische Persönlichkeiten dieser Zeit.

Japanische Holzschnitte waren im Westen sehr beliebt. Kunstkenner verehren die besondere Qualität des Druckes. Ernst Grosse befasste sich Zeit seines Lebens intensiv mit ostasiatischer Kunst. Für die universitäre Sammlung Freiburg und später für die Stadt Freiburg erwarb er bedeutende Kunstwerke, darunter zahlreiche Holzschnitte aus Japan. Mit späteren Ankäufen und Schenkungen von Grosse und seiner befreundeten Mäzenin Marie Meyer (1834–1915) ist ein umfangreiches Konvolut japanischer Drucke entstanden, das heute zur Ethnologischen Sammlung des Museums Natur und Mensch in Freiburg gehört. Durch die mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder im Rahmen des Programms „Kunst auf Lager“ erfolgte Restaurierung konnte ein Großteil der Drucke wieder ausgestellt werden. Ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen begleitete die bereits im Jahr 2018 gezeigte Ausstellung der Sammlung.

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Fans des Kabuki-Theaters kommen auf ihre Kosten in Utagawa Kunisadas (1786–1865) Winterszene mit Glück verheißender Schauspielerprozession, die um 1830 entstand. Eingehüllt in warme Kleidung passieren zehn Kabuki-Schauspieler die Ryogoku-Brücke, ein architektonisches Wahrzeichen Edos. Dort auf die verehrten Bühnenstars zu treffen, war zwar völlig unrealistisch, doch die Drucke verkauften sich ausnehmend gut, da die Szene den Fans eine gewisse Nähe zu ihren Stars vermittelte.

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Zu den künstlerischen Höhepunkten zählen die sogenannten surimono: Drucke, die zu privaten Anlässen in Auftrag gegeben wurden und deshalb gerne etwas mehr kosten durften. Auf teuren Materialien und mit aufwändiger Technik zeigen diese Drucke besondere Ereignisse im Leben wie Hochzeiten, Namensänderungen oder Jahreswechsel in Form einer Kombination aus Bild und Gedicht. Im Neujahrsdruck mit Fischen und Lackschale (ca. 1830) ist die besondere Qualität der Materialien unter anderem in der Lackschale erkennbar: Mit dem Einsatz von Metallspänen wird der Eindruck erweckt, die Schale sei mit Gold- und Silber verziert.

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Die Drucke der „schönen Frauen“, die nach Europa gelangten, prägten hier mehr als alles andere die Wahrnehmung der japanischen Frau als exotisches und erotisches Wesen. Delikat geschminkt und gehüllt in luxuriöse Kimonos – als Motive auf Holzschnitten begegneten japanische Frauen erstmals den Blicken europäischer Sammler. Einschlägige Darstellungen in den Arbeiten von hiesigen Künstlern und Komponisten verstärkten diesen Eindruck noch. So trägt die im Druck Karauta vom Chōshiya von 1805 links gezeigte Geisha einen für ihren Berufsstand typischen Seiden­kimono, der mit einem breiten Gürtel um die Taille, den sogenannten obi, am Rücken zugebunden ist. Ihr Erscheinungsbild ist schlicht und elegant. Die Kurtisane hingegen trägt ein aufwändig besticktes Gewand, das mit einem schmalen Gürtel vorne lose zusammengebunden ist. Ihr Haar ist durch zahlreiche Haarnadeln geschmückt – je mehr, desto höher war der Status innerhalb ihres Berufsstandes. Geishas und Kurtisanen lebten zwar beide in Vergnügungsvierteln, doch gab es beträchtliche Unterschiede: Während Geishas als professionelle Gesellschafterinnen mit Musik, Tanz und Spiel unterhielten, waren für sexuelle Dienste ausschließlich die Kurtisanen zuständig. Die Serie Wettstreit zwischen Geishas und Kurtisanen entstand 1805.

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Aus den kolorierten Drucken der tausend Buddhas: Hier sind nur die Umrisslinien durch das Holzschnittverfahren auf das Papier gebracht. Die Flächen wurden nachträglich von Hand eingefärbt. Bei dem vorliegenden Druck handelt es sich vermutlich um einen Ausschnitt aus einem ursprünglich größeren Werk. Die frühesten Holzschnitte dienten der Verbreitung buddhistischen Gedankenguts und gelangten aus China nach Japan. Die Technik bot gleich mehrere Vorteile: Es war weniger zeitaufwändig als zu zeichnen. Zudem wurden die komplexen Eigenschaften der Gottheiten detailliert gezeigt, was die Wirkmacht der Abbildungen beeinflusste.

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Das Kabuki-Theater entstand im frühen 17. Jahrhundert und entwickelte sich aus anzüglichen Tänzen, die öffentlich vorgeführt wurden. Anfangs wurden die Rollen von Frauen oder Jungen gespielt, was jedoch bald von der Regierung verboten wurde. So entstand eine Form von Schauspielerei, in der ausschließlich männliche Darsteller akzeptiert waren. Dies wird in dem Bild Heimliche Verab­redung im Schnee von 1823 deutlich, in dem der für seine weiblichen Rollen bekannte Schauspieler Iwai Shijaku I (1804–1885) gemeinsam mit seinem Schauspielkollegen Ichikawa Danjūrō VII (1791–1859) in dem Stück Der Blumen-Einsiedler in den Bergen dargestellt ist.

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Im 16. Jahrhundert wurden in Japan erste Bücher gedruckt, die keinen ausschließlich buddhistischen Inhalt hatten. Nach chinesischem Vorbild – erste weltliche Romane gelangten in gedruckter Form nach Japan – druckte man nun auch japanische Klassiker, deren Texte mit Illustrationen geschmückt wurden. Ein Beispiel ist das Werk Harumichi no Tsuraki von Hishikawa Moronobu (1618–1694). Hier bezieht sich die Zeichnung unter dem Text auf den Inhalt eines Gedichtes des Lyrikers und Höflings Harumichi no Tsuraki (?–920), das die abgebildete Landschaft im oberen Drittel des Holzschnitts beschreibt. Das Hauptmotiv stellt den Lyriker selbst dar, der von seinen Dienerinnen umsorgt wird.

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Dieser berühmte Entwurf Der Quell der Liebe von Utamaro Kitagawa stammt aus einer Serie von Liebes­geschichten. Er erzählt vom Angestellten Mohei, der sich in Osan, die Frau seines Meisters verliebt. Hier zeigt Mohei ihr einen tätowierten Schriftzug auf seinem Arm: „Osan ist mein Schicksal“. Bei dem Blatt handelt es sich um einen Nachdruck von 1904 des Verlegers Sakai Tobei (1844–1911), der einige Druckfolgen japanischer Holzschnitte neuauflegte, als diese mehr und mehr an Sammler im Westen verkauft wurden und aus Japan verschwanden.

Ryan Schingerlin

ist Kunsthistorikerin in Berlin und redaktionelle Mitarbeiterin dieser Ausgabe von Arsprototo.

Museum Natur und Mensch
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