Neu im Museum

Erwerbungen

Kommodes Schreiben

Abraham Roentgen (Werkstatt), Pultschreibkommode, um 1755/60, 99 × 101,5 × 58 cm; Roentgen-Museum Neuwied
Abraham Roentgen (Werkstatt), Pultschreibkommode, um 1755/60, 99 × 101,5 × 58 cm; Roentgen-Museum Neuwied

Im Jahre 1754 bot der „wegen seiner feinen Arbeit bekannte Englische Cabinett-Macher Abraham Roentgen aus Neuwied“ auf der Frankfurter Herbstmesse Möbel „sowohl nach dem Französischen als Englischen Gout“ an. Roentgen (1711–1793) hatte sich 1750 nach Lehr- und Wanderjahren in Holland und England am Mittelrhein niedergelassen und vermittelte von dort aus internationalen Geschmack an die heimische Klientel. Dem Roentgen-Museum Neuwied gelang mit dem Ankauf dieser um 1755/60 datierten Pultschreibkommode ein doppelter Glücksgriff, handelt es sich doch um ein bisher nicht zugeschriebenes, bedeutendes frühes Möbel aus der Werkstatt des pietistischen Möbelkünstlers. Im „englischen Geschmack“ gearbeitet, ist die Schreibkommode eine eigenständige Variation der Entwürfe von Roentgens Londoner Zeitgenossen Thomas Chippendale (1718–1779). Die Materialkombination Mahagoni, Kirschholz, vergoldete Bronze und Messing entfaltet einen sanft strahlenden Farbklang, während der kraftvolle Schwung der geschweiften Beine den eigentlich streng kubischen Korpus zum Schwingen bringt – Rokoko auf dem Weg zum Klassizismus. Ein handgeschriebener Aufkleber im Innern verrät das Interesse englischer Kunden am deutschen Ebenisten von europäischem Format: „Emmy from Mama – Novr 2 1841“. Und nach mehr als 250 Jahren schließt sich der Kreis, die Schreibkommode kehrt nach Neuwied zurück – nunmehr als Museumsstück.

Königlich kredenzt

Christian Lieberkühn d. J., Zwei vergoldete Silbertabletts, um 1750, 37,5 × 25,5 cm; Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam
Christian Lieberkühn d. J., vergoldetes Silbertablett, um 1750, 37,5 × 25,5 cm; Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam

Der Alte Fritz wusste wahrlich herrschaftlich zu speisen: Die Bankette und kultivierten Tafelrunden des Monarchen mit prunkvollen Gedecken und erlesenen Gerichten standen ganz im Zeichen des höfischen Zeremoniells. Die zwei vergoldeten Silbertabletts aus dem Tafelservice Friedrichs des Großen (1712–1786), die die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg jetzt erwerben konnte, wurden als Kredenzschalen verwendet, mit denen dem König und seinen hochrangigen Tafelgästen Servietten, Obst und Konfekt gereicht wurden. Die naturalistisch als große Weinblätter mit Weinlaub, Rebholz und Insekten gestalteten Anbietschalen werden dem Goldschmied Christian Lieberkühn d. J. (1709–1769) zugeschrieben und zählen zu den Meisterwerken der deutschen Goldschmiedekunst des 18. Jahrhunderts. Die aus dem Kunsthandel erworbenen metallenen Tabletts haben eine bewegte Geschichte: Mitte des 19. Jahrhunderts schenkte wohl König Friedrich Wilhelm III. sie dem russischen Grafen Dimitri Scheremetjew – Zeitgenossen als einer der reichsten Privatmänner Europas bekannt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Besitz des jüdischen Wiener Textilfabrikanten Otto Pick, konfiszierte 1938 die Gestapo die Blattschalen; nach dem Krieg wurden diese an die Familie Pick restituiert. Die Kredenz­schalen – mit nahezu unversehrter originaler Vergoldung – werden bis Ende Oktober in der Ausstellung „Von Blumenkammern und Landschaftszimmern“ in den Römischen Bädern im Park Sanssouci in Potsdam präsentiert. Ab November zeugen sie in der Dauerausstellung „Kronschatz und Silberkammer der Hohenzollern“ im Berliner Schloss Charlottenburg nebst den Resten des Lieberkühn’schen Silberservices von der künstlerischen Eigenständigkeit der friderizianischen Goldschmiedekunst.

Regensburger Münzregen

Seltene Münzen Regensburger Prägung des 16. bis 18. Jahrhunderts; Historisches Museum der Stadt Regensburg
Seltene Münzen Regensburger Prägung des 16. bis 18. Jahrhunderts; Historisches Museum der Stadt Regensburg

Jahrhunderte wanderten sie von Hand zu Hand, selten eingehend betrachtet, und sind doch Kunstobjekte im Miniaturformat – Münzen: edelmetallene Zeugnisse sich wandelnder Zeiten. Mit 32 prachtvollen Geprägen erwarb nun das Historische Museum in Regensburg rare stadtgeschichtliche Dokumente. Denn die ehernen Kleinode aus dem 16. bis 18. Jahrhundert erinnern an Kaiser, Dynastien sowie wichtige Ereignisse und überliefern historische Bilder der Reichsstadt. Die Münzprägung – Ausdruck des Kunstsinns und Selbstbewusstseins der Regensburger Bürgerschaft – hat eine lange Tradition: So war das Münzrecht seit dem 10. Jahrhundert eines der zentralen Privilegien der Stadt, das ihr bis zum Ende des Alten Reiches 1806 erlaubte, sich in Münzen vom kleinen kupfernen Alltagsgeld bis zu goldenen Repräsentationsgeprägen selbst darzustellen. Ein Prunkstück unter den jüngst erworbenen Pfennigen, Hellern, Kreuzern, Batzen und Talern ist ein 6-Dukat, mit rund 21 Gramm reinstem Edelmetall ein neuzeitlicher Goldgigant. Johann Leonard Oexlein (1715–1787) – einer der bedeutendsten Stempelschneider des Rokoko – gravierte mit Akkuratesse den Dom St. Peter und die sich über die Donau spannende Steinerne Brücke mit ihren ursprünglich drei Türmen spiegelbildlich in den Münzstempel. Die reizvolle Stadtansicht auf der Vorderseite des Prachtgepräges krönte Oexlein mit zwei das Stadtwappen haltenden Engeln. Das Historische Museum der Stadt Regensburg bereichert mit den 32 Numismatika seine Münzkollektion, die Regensburgs glanzvolle Geschichte im Rund der Medaillen erzählt.

Palast all’italiana

Paul Vredeman de Vries, Palastarchitektur mit höfischer Gesellschaft, 1607, 147,5 × 189,5 cm; Grassimuseum, Leipzig
Paul Vredeman de Vries, Palastarchitektur mit höfischer Gesellschaft, 1607, 147,5 × 189,5 cm; Grassimuseum, Leipzig

Kaum zu glauben, aber wohl wahr: Obschon sich maßgeblich durch ihn – einen der bedeutendsten Architekturtheoretiker seiner Generation, den Erfinder der neuzeitlichen Architekturmalerei – ein reicher Transfer der italienischen Architekturtheorie in den nordalpinen Raum vollzog, reiste der Künstler selbst nie nach Italien, in das Land, dem er seinen einflussreichen Stil verdankte: Hans Vredeman de Vries (1527–1609). Der „flämische Vitruv“ sog seine Anregungen aus graphischen Vorbildern und Illustrationen, er kombinierte das Gefundene geschickt und erschuf so sein erfolgreiches Bildrepertoire. Weitreichend sollten seine Musterbücher nicht nur die bildende Kunst prägen. Sohn Paul kompilierte schließlich des Vaters Architekturfantasien zu raffinierten Bildfindungen – seine Raumillusion bedient sich der in der Renaissance populär gewordenen Zentralperspektive, in der eine weitläufige, herrschaftliche Kulisse vor den Augen des Betrachters entsteht. Vor gestaffelten Prospekten bietet der Künstler das reiche, an vielen Fürstenhöfen selbsterlebte Treiben der „Palastarchitektur mit höfischer Gesellschaft“ von 1607 auf: Plastisch sind die Ornamente durchgebildet, reichhaltig die Stile der dargestellten Bauten – auch deshalb wird ausschließlich der Sohn Paul als Schöpfer des kostbaren Gemäldes angesehen. Auf dem vom Grassimuseum jetzt erworbenen großformatigen Bild verdichtete Paul seine Eindrücke des selbsterfahrenen höfischen Lebens inmitten der Paläste, der Kavaliere und Hofdamen zwischen Etikette und Zeremoniell. Das Gemälde beweist und illustriert auch die Verwobenheit der angewandten mit der bildenden Kunst: Zusammen mit einem steinernen Rundbogenportal und einer wertvollen Truhe mit architektonischen Motiven lässt Paul Vredeman de Vries’ Palastbild den zentralen Dreiklang der musealen Inszenierung zur „Renaissance nördlich der Alpen“ in Leipzig erklingen.

Beckmann bleibt

Max Beckmann, Adam und Eva, 1936, 87 × 35,5 × 40 cm; Hamburger Kunsthalle
Max Beckmann, Adam und Eva, 1936, 87 × 35,5 × 40 cm; Hamburger Kunsthalle

In aufrechter Haltung erstarrt sitzt Adam auf einem Schemel – ein Schrei will aus dem weit geöffneten Mund entweichen. Doch im Schreck ist er gelähmt: Um seinen nackten Körper windet sich die Schlange der Versuchung. Von den Füßen bis zum Oberkörper hat sie sich seiner bemächtigt, drängt ihren Kopf bereits über seine Schulter. Wenig weiter noch und auch Eva, die schutzsuchend in der rechten Handfläche Adams kauert, ist ihr ausgeliefert. Die Position und geringe Größe Evas verraten, dass sie unlängst aus Adams Rippe geformt wurde. Doch die Anwesenheit der Schlange besiegelt schon das Schicksal der Urmenschen. Die Vertreibung aus dem Paradies steht kurz bevor. Max Beckmann (1884–1950) verdichtet in seiner kraftvollen Plastik die zwei biblischen Schlüsselszenen der Menschheit zu einem Moment: Schöpfungsgeschichte und Sündenfall bündeln sich in einem ausdrucksstarken Werk von monumentaler Wirkung, das ein klassisches Motiv der Kunstgeschichte völlig neu interpretiert.

Doch nicht nur das Motiv der 1936 entstandenen Figur erzählt von den Ursprüngen: Aus hellbraunem Gips geformt, stellt die Plastik „Adam und Eva“ die Urfassung verschiedener Materialvarianten dar. Ausgehend von diesem eigenhändigen Entwurf formte der Künstler im selben Jahr eine Version aus Terrakotta, posthum wurden fünf Bronzen gegossen. Im Gesamtwerk Beckmanns sticht „Adam und Eva“ hervor: Von den ohnehin seltenen Plastiken – es existieren lediglich acht verschiedene Motive – ist sie die größte und, als einzige mehrfigurige, die komplexeste. Seit 1992 als Dauerleihgabe in der Kunsthalle Hamburg, geht die 87 cm hohe Gipsvorlage nach dem Ankauf nun in den festen Bestand des Museums über. Im ständig eingerichteten Beckmann-Saal verschafft sie als Teil des Ensembles aus zehn Gemälden und zwei plastischen Arbeiten einen Einblick in das künstlerische Schaffen Beckmanns.

Bunte Bücherwelt

Aus der Sammlung Heller: Die bunte Welt, illustriert von Gerd Arntz, Text von Otto Neurath, Artur Wolf Verlag, Wien 1929
Aus der Sammlung Heller: Die bunte Welt, illustriert von Gerd Arntz, Text von Otto Neurath, Artur Wolf Verlag, Wien 1929

Die ganze Welt im heimischen Kinderzimmer: Bilderbücher prägten über Generationen den visuellen Erfahrungshorizont von Kindern. Dem emeritierten Professor für Musikgeschichte Friedrich C. Heller blieben diese Bilderbücher im Gedächtnis. Er trug über vier Jahrzehnte eine Spezialsammlung künstlerisch herausragender Kinderbücher aus der Zeit von 1890 bis 1950 zusammen. Wiener Jugendstil, deutscher Expressionismus, niederländisches De Stijl oder italienischer Futurismo – die Heller’sche Sammlung lädt zu einer Reise durch die europäische Kunstgeschichte ein. Schwerpunkt bildet die bunte Welt des Wiener Bilderbuchs der Jahrhundertwende: In der österreichischen Hauptstadt – damals Zentrum avancierter Buchkunst – schufen junge Illustratoren und Graphiker im Umkreis der Wiener Secession exquisite Kinderbücher. So inspirierte beispielsweise Carl Otto Czeschka (1878–1960) mit meisterhaften Illustrationen zur Jugendbuchausgabe der Nibelungen den Regisseur Fritz Lang bei seiner Verfilmung des Stoffes. Auch die deutsche Avantgarde nutzte die Kinderbilderbücher als Experimentierfeld: Der Maler Karl Hofer ist mit aquarellierten Illustrationen zum Gedichtband „Rumpumpel“ ebenso in der Sammlung vertreten wie Kurt Schwitters, der im Märchenbuch „Die Scheuche“ sein dadaistisches Kunstkonzept schärfte. Das Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf erforscht und archiviert die raren Schätze aus der Kollektion seit Jahren. Mit dem erfolgreichen Ankauf der Sammlung Heller erweitert das Museum nun seinen Bestand an Buchkunst der klassischen Moderne um wichtige Zeugnisse der Gattung Kinderbuch, die von Kunstmuseen und Wissenschaft lange übersehen wurde.