Titelthema Deutsch-Russischer Museumsdialog

Kunst zu Kanonen

Über die Zerstörung der Schlossanlage Peterhof im Zweiten Weltkrieg.

von Dr. Corinna Kuhr-Korolev, Dr. Ulrike Schmiegelt-Rietig

Das Hauptschloss ist mit seiner Innenausstattung nach der Einnahme durch Beschuss völlig ausgebrannt. Es stehen nur noch die Mauern ohne Decken und Dächer. Baulich besser erhalten sind die Nebengebäude und Kavalierbauten, deren anscheinend nicht sehr wertvolle Innenausstattung auch nahezu völlig vernichtet ist.“ Mit diesen Worten beschrieb der deutsche Kunsthistoriker Karl-Heinz Esser den Zustand von Schloss Peterhof im November 1941. Als Mitarbeiter des „Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg“ (ERR) – der Raubkunstorganisation der NSDAP unter Leitung von Alfred Rosenberg – befand er sich auf einer Erkundungsreise zu den Residenzen, die seit dem frühen 18. Jahrhundert rund um die alte russische Hauptstadt St. Petersburg von den Zaren errichtet worden waren. Peterhof, 1723 feierlich von Peter dem Großen eröffnet, symbolisiert die Größe und Macht des russischen Imperiums und seine Zugehörigkeit zu Europa. Das Wahrzeichen ist die große Kaskade mit 138 wasserspeienden goldenen Skulpturen. Im Zentrum der Fontäne steht die Bronzefigur „Samson“, der einem Löwen den Rachen aufreißt. Großzügig öffnet sich der Panoramablick von der Terrasse des großen Palasts über die Brunnenallee hin zum Finnischen Meerbusen. Im barocken Park liegen versteckt über hundert Brunnen, kleinere Schlösschen und Pavillons. Unmittelbar am Wasser gelegen ist auch das älteste Ensemble der Anlage, Schloss Monplaisier, mit seiner wertvollen Gemäldesammlung.

Blick auf das zerstörte Schloss Peterhof mit Großer Kaskade und Samsonfontäne im Vordergrund, September 1942
Blick auf das zerstörte Schloss Peterhof mit Großer Kaskade und Samsonfontäne im Vordergrund, September 1942

Als Esser Peterhof besuchte, war von der Pracht kaum noch etwas zu erkennen. Mit Stacheldraht befestigte Schützengräben durchzogen den Park, schwere Artilleriegeschosse standen am verminten Ufer, durch die leeren Fensterlöcher des großen Palastes schien der graue Novemberhimmel.

Das Ziel des Einsatzes hieß noch Wochen zuvor Leningrad. Schon vor dem Überfall auf die Sowjetunion kursierten in deutschen Ministerien Listen von Kunstwerken, die es in der Eremitage zu „sichern“ galt. Besonders vermerkt fanden sich dort Kunstwerke „deutscher Herkunft“, die ins Reich transportiert werden sollten. Sie erhielten somit einen Sonderstatus innerhalb der Masse von Gütern, die das nationalsozialistische Deutschland aus der Sowjetunion abzuführen plante. Im November 1941 stand aber bereits fest, dass Leningrad nicht eingenommen, sondern durch eine Blockade ausgehungert werden sollte. Das Interesse der Vertreter verschiedener deutscher Institutionen, darunter auch des ERR, konzentrierte sich deshalb auf die Schlösser rund um die Stadt. Jedoch bekamen sie in diesem Bereich deutscher Besatzung weniger Zugangsmöglichkeiten als zuvor in Frankreich oder zeitgleich in der Ukraine. Der russische Nordwesten blieb unter militärischer Besatzung und die Wehrmacht erklärte sich für den sogenannten Kunstschutz in der Region zuständig.

Allerdings erkannte die militärische Führung den Handlungsbedarf erst, als bereits vieles zerstört und geplündert war. Der große Palast in Peterhof geriet während der Einnahme des Ortes durch deutsche Truppen in Brand. In seinen Kellern und im Erdgeschoss waren die Teile der Sammlungen eingelagert, die nicht mehr rechtzeitig von den sowjetischen Museumsmitarbeitern hatten evakuiert werden können. Dies alles verbrannte oder wurde unter Schutt und Asche begraben. In den ersten Tagen nach der Eroberung bedienten sich die deutschen Besatzer an dem, was sie noch auffanden. Individuelle Plünderung war zwar verboten, aber gleichzeitig hieß es, die Truppe dürfe sich nehmen, was sie brauchte. So gelangten Möbel als Sitzgelegenheiten in Unterstände, Bilder als Ausschmückung in Offiziersunterkünfte und vermutlich auch das eine oder andere kleine Objekt als Souvenir in die Tornister der Soldaten.

Davon berichtete neben Esser auch der Kunsthistoriker Harald Keller. Keller kam als Angehöriger der 212. Infanteriedivision in den Raum Peterhof. Ende November 1941 erhielt er vom Divisionskommandeur eine Abordnung zum „Kunstschutz“. Keller bekam nur die vage Anweisung, sich um die Kunstgegenstände im Bereich seiner Division zu kümmern. Wie er offenherzig seinem Freund und Kollegen Werner Körte schrieb, war dies ein „gräßlicher Posten“, weil er den deutschen Offizieren Ikonen und Möbel, die sie sich angeeignet hatten, wieder abnehmen musste. Er sah deutlich, dass er einen Monat früher hätte vor Ort sein müssen. Dann wäre vielleicht noch etwas zu retten gewesen. So aber konnte er wenig tun.

Am 25.11.1941 schrieb er an seine Ehefrau Gerda Keller: „Wo Du und ich so große Liebhaber von einfachen, klassizistischen Möbeln sind, so tut mir da immer die Zerstörung am leidsten. Ein ganzes Schlösschen heute voller solcher Möbel – kein Stück mehr ganz, außer einer wunderbaren Kommode. Der Winter ist streng und Holz im Haus so bequem.“

Einige Tage später, am 28.11.1941, stellte Keller fest: „Der Gesamteindruck bleibt bestehen: man hat mich vier Wochen zu spät berufen. Es ist nicht mehr allzuviel zu bergen, vor allem haben Zwischenpersonen, die gar keine Befugnisse haben (z. B. Kriegsberichterstatter), hier ‚gearbeitet‘, zu wessen Gunsten, weiß der Himmel.“ Es gelang ihm nicht einmal, das wenige, was noch da war, in Sicherheit zu bringen. Ein Depot in einer Grotte, in dem der von der Heeresgruppe Nord als Kunstschützer eingesetzte Ernstotto Graf Solms-Laubach Kisten mit Porzellan zurückgelassen hatte, wurde aufgebrochen und ausgeraubt. Die vereinzelten  Kunstwerke,  die  Keller  in  den Ruinen oder in Unterkünften aufspüren konnte, lagerte er in einem Steinhaus ein, in dem der Divisionsstab untergebracht war. Aufgrund überheizter Kamine brannte dieses Haus im Januar 1942 ab, so dass von seiner „Sammeltätigkeit nur ein Häufchen Asche“ übrigblieb.

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Im Winter 1941/42 befand sich in Peterhof also kaum mehr wertvolles Inventar. Einige der Bronzefiguren standen allerdings noch an ihren Plätzen. So im Unteren Park die große Brunnenfigur „Samson“, ebenso „zwei Tritone“ und die Skulpturen „Volchov“ und „Neva“, Allegorien auf die beiden größten Flüsse der Region, sowie der Neptunbrunnen im Oberen Park. Der „Samson“ war ein Werk des russischen Bildhauers Michail Koslowski vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese Bronzen interessierten die deutschen Kunsthistoriker jedoch nicht. Höchste Aufmerksamkeit dagegen schenkten sie dem Neptunbrunnen. 1797 hatte die Stadt Nürnberg den von dem Bildhauer Georg Schweigger geschaffenen Barockbrunnen an Zar Paul I. verkauft. Er gehörte zu jenen Kunstwerken deutscher Herkunft, die unbedingt nach Deutschland gebracht werden sollten. Da sich Peterhof unter ständigem Beschuss befand, war es keine einfache Aufgabe, ihn abzubauen. Im Juni 1942 wurde er schließlich nach Nürnberg abtransportiert.

Die Eigentumsfrage stellte sich für alle Beteiligten nicht. Der Brunnen wurde in Nürnberg in einem Bunker untergebracht und sollte später im Innenhof des geplanten Neubaus des Germanischen Nationalmuseums aufgebaut werden. Nach Kriegsende erhielten die amerikanischen monuments men eine Information über den Neptunbrunnen, die sie den sowjetischen Kollegen weitergaben. Im Oktober 1947 konnte der Brunnen die Rückreise antreten. Die Figuren waren weitgehend unbeschädigt, doch es fehlten ein Pferd mit Reiter und eine Nymphe. Einer Anekdote zufolge befand sich stattdessen in einer der Kisten ein erbeutetes Motorrad. Erst in den 1960er Jahren wurden die ver­lorenen Brunnenfiguren nachgegossen und der Brunnen wieder in Betrieb genommen.

Das Schicksal des „Samson“ und der anderen Bronzefiguren der großen Kaskade konnte dagegen lange nicht geklärt werden. Unmittelbar nach Kriegsende gingen die sowjetischen Museumsfachleute davon aus, dass die Figuren abtransportiert und eingeschmolzen worden waren. Da jedoch kein Beweis dafür erbracht werden konnte, kursierten viele Gerüchte. Mal hieß es, der Samson sei in Deutschland auf einer Ausstellung ge­sehen worden, mal war von heim­lichen Rettungs- und Vergrabungsaktionen die Rede. Jetzt aber belegen Akten, die im Rahmen der Recherche für das Projekt „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ im Militärarchiv in Freiburg gesichtet wurden, nahezu zweifelsfrei den Abtransport der Brunnenfiguren. Vermutlich galten sie als „russische“ Kunst, noch dazu des 19. Jahrhunderts, nicht als erhaltenswert. Deshalb wurden sie dem Wirtschaftsstab Ost überlassen. Diese Organisation mit ihren untergeordneten Wirtschaftskommandos war für die Ausbeutung von Ressourcen und Rohstoffen verantwortlich. Eintragungen im Kriegstagebuch des Wirtschaftskommandos Krasnogwardejsk zufolge fand der Abtransport im Oktober 1942 statt. Am 18.11.1942 ist notiert: „Die Bergungsstaffel des WEK 9 [Wirtschaftseinsatzkommando] beginnt mit der Bergung von Bronze und anderen NE-Metallen in Peterhof.“ Die Ergebnisse der Aktion wurden in einem Tätigkeitsbericht kurz genannt. Dort hieß es u. a.: „Unter den gleichen schwierigen Voraussetzungen wurden aus Peterhof (HKL) geborgen und der kriegsnotwendigen Verwertung zugeführt: 8.000 kg Blei, 1.500 kg Kupfer, 650 kg Messing, 15.250 kg Bronze.“ Der Blick auf die große Menge an Bronze legt nahe, dass es sich dabei um die Brunnenfiguren gehandelt hat.
Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass die Figuren nach dem Abtransport eingeschmolzen worden sind. Statt „Schwerter zu Pflugscharen“ also „Kunst zu Kanonen“.

1951 wurde  der  Gesamtverlust Peterhofs auf 16.700 Exponate geschätzt, im aktuellen Verlustkatalog sind davon 4.967 Exponate aufgeführt. Manche von ihnen könnten sich noch in deutschem Privatbesitz befinden. Den größten, nicht in Zahlen zu fassenden Schaden aber stellte die Zerstörung der einmaligen Schloss- und Parklandschaft dar. Vieles konnte restauriert oder neu errichtet werden. So auch die große Fontäne, die ein neu gegossener „Samson“ schmückt. Die Narben des Krieges sind jedoch weiterhin zu sehen und zu spüren.

Dr. Corinna Kuhr-Korolev

war bis Ende 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“.

Dr. Ulrike Schmiegelt-Rietig

war bis Ende 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“.