Von Dieter Beuermann kann man mit Fug und Recht sagen: Er war ganz von Anfang an dabei. Und seit der ersten Ausgabe des Stiftungsmagazins der Kulturstiftung der Länder vor 20 Jahren ist er bei jeder einzelnen Ausgabe immer auch der letzte, der Hand anlegt – bis heute. In der Druckerei nimmt er stets selbst die ersten Ausdrucke in Augenschein, bevor eine gigantische Achtfarb-Druckmaschine in großer Frequenz riesige Papierbögen ausspuckt, so groß wie acht DIN-A4-Seiten, beidseitig bedruckt: 16 Seiten Arsprototo.
Fast genau sieben Jahre ist es her, dass ich – nach meinem Einstieg bei der Kulturstiftung der Länder – damit beschäftigt war, mich in ihre Themen einzuarbeiten, ihre Historie, ihre Gremien, ihr Profil und die Eigenheiten der Kommunikation einer Kulturstiftung mit einem schier unerschöpflichen Fundus an spannenden, erzählbaren Geschichten. Eines hat mich anfänglich tatsächlich verwundert: Beim Kennenlernen von Kolleginnen und Kollegen, externen und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegnete mir im Wochenturnus jemand, der mir erklärte, eine oder einer derer zu sein, die Arsprototo aus der Taufe gehoben hätten. Fünf oder sechsmal ist mir das passiert. Einer davon war Dieter Beuermann. Später sollte ich lernen: Das waren noch lange nicht alle, zählt man die Ermöglicher, die Begleiter, die Berater oder die Entscheider hinzu.
Zu den Ermöglichern darf der 2013 verstorbene Wolf Jobst Siedler gezählt werden, auch wenn er vielleicht nie davon erfahren hat. Siedler, Journalist, Schriftsteller und eine der großen Verlegerpersönlichkeiten seiner Zeit in Deutschland, war zudem ein vortrefflicher Gastgeber. In seinem Haus im West-Berliner Stadtteil Dahlem waren Künstler, Literaten und Publizisten ein- und ausgegangen; bisweilen auch die Bundes- und die Weltpolitik: u. a. Genscher oder Helmut Schmidt, Kissinger oder Gorbatschow. An einem lauen Sommerabend im August 2003 gehörte zu den Gästen neben Dieter Beuermann auch Karin von Welck, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder.
In der Stiftung war bereits seit einiger Zeit über einen weiteren Kommunikationskanal neben der Pressearbeit nachgedacht worden. Damals, 2003, war ein Magazin das seriöse, verbindliche, langlebige Mittel der Wahl für Ministerien, Verwaltungen oder Stiftungen, um spezifische Zielgruppen ohne den Umweg über Pressemitteilungen und Medien zu adressieren. Social Media standen noch lange nicht zur Verfügung.
Für ein Magazin, so glaubte Frank Däberitz, der damalige stellvertretende Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder – der erste seit ihrer Gründung im Jahr 1987 –, könnten viele Inhalte aus dem Kollegium geliefert werden. Er sollte recht behalten. Allein – so war er überzeugt – bedürfe es eines erfahrenen Verlegers. Und ein solcher saß Karin von Welck in Person von Dieter Beuermann an jenem Sommerabend gegenüber. Ihm trug sie die Idee einer papierenen Publikation nach dem Vorbild des Magazins „Monumente“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz vor. Ein Magazin sollte die Tätigkeit der Kulturstiftung der Länder sichtbarer machen, das Gesicht der Stiftung werden und helfen, Mitförderer zu gewinnen. „Aber es darf nicht viel kosten!“, hat sie noch dazugesagt.
Beuermann willigte ein. „Eine spannende Herausforderung, zumal ohne großes Budget“, sagte der damals 64-jährige, der sein ganzes Leben mit der Produktion und Herausgabe von Büchern beschäftigt gewesen war. Ab 1965 hatte Beuermann als Eigentümer der Nicolaischen Verlagsbuchhandlung Bücher verlegt, Sach-, Kunst-, Architektur- oder Fotografiebände, Belletristik und viele Ausstellungskataloge u. a. für die Alte und Neue Nationalgalerie, für die Schirn oder das Centre Pompidou in Paris. Jahrzehnte, in denen er seinen Blick für höchste Farbgenauigkeit geschult hat, dafür, ob ein Vorabdruck doch etwas mehr Gelb oder etwas weniger Magenta vertragen könnte. Die letzten Anteile an seinem Verlag hatte Beuermann 1998 an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck verkauft.
„Ich hatte Zeit und ich hatte Lust darauf“, sagt Beuermann. Und dann hat er keine Luft mehr drangelassen. Wenige Wochen später saß er mit Dr. Britta Kaiser-Schuster, als Dezernentin und Kommunikationsverantwortliche der Stiftung nun auch projektverantwortlich für das Stiftungsmagazin, im Zug Richtung Hamburg.
Friede Springer, mit Beuermann und von Welck befreundet, hatte die beiden in die damalige Zentrale des Springerkonzerns in Hamburg eingeladen, wo sie ihr Vorhaben drei leitenden Zeitungsmanagern des Hauses vorstellten. Denn auch wenn Beuermann bereits Hunderte von Büchern verlegt hatte, eine Zeitschrift hatte er noch nie gemacht. Kurz darauf erhielten sie per Post ein Konzept, Vorschläge für Agenturen, die die Zeitung gestalten könnten und Modelle für Kalkulation, Businessplan und Vertrieb. Und Beuermann machte sich an die Arbeit, holte Angebote bei Druckereien und Agenturen ein, kalkulierte. Für die Finanzierung der ersten Ausgaben wurden schließlich Anzeigenkunden akquiriert.
Auf der Nullnummer, die Beuermann schließlich als Entscheidungsvorlage für die Gremien der Kulturstiftung der Länder produzierte, fand sich dann auch schon der Titel „Arsprototo“. Den Namen hatte Achim Heine von der Designagentur Heine/Lenz/Zizka beigesteuert. Eine Paronomasie: ein auf einer zufälligen Klangähnlichkeit beruhendes Wortspiel. Aus Pars pro Toto, ein Teil, der für das Ganze steht, wurde hier: Kunst, die für das Ganze steht. Wenn man „ars“ – die Kunst – als Metapher für das kulturelle Erbe versteht, dann könnte es bedeuten, dass jedes einzelne Objekt von der Vielfalt unserer Kultur erzählt, einen Zugang ermöglicht zu dem, was uns als Ganzes, als Gesellschaft prägt und geprägt hat; dann erzählen jene Kulturgüter, deren Erwerb, Erhalt, Dokumentation, Präsentation und Vermittlung die Kulturstiftung der Länder fördert, etwas über uns, über unsere Werte, über unser Gewordensein als Gesellschaft oder als Individuen. Erzählungen, die sich bis heute in Arsprototo finden.
Dass Karin von Welck noch im März 2004 zur Hamburger Kultursenatorin berufen wurde, bedeutete eine Verzögerung für den Start von Arsprototo um einige Monate. Nachdem am 1. November 2004 Isabel Pfeiffer-Poensgen das Amt der Generalsekretärin bei der Kulturstiftung der Länder angetreten hatte, legte sie dem Stiftungsrat die Nullnummer zur Entscheidung vor: ein Heft mit zehn gestalteten und ansonsten weißen Seiten, gerade mal drei Beiträge. Unter einem der Artikel findet sich ein Name, der – als einziger in der zwanzigjährigen Geschichte von Arsprototo – in keiner der heute 69 Ausgaben jemals gefehlt hat: Carolin Hilker-Möll. Seine einstige Mitarbeiterin und langjährige Cheflektorin im Nicolai-Verlag hatte Dieter Beuermann noch der Generalsekretärin von Welck als Leiterin der Redaktion empfohlen.
Anfang 2005 hat dann die Kulturstiftung der Länder ihr neues Magazin der Presse vorgestellt; im Rahmen einer gut besuchten Präsentation im Clubraum der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Zwischenzeitlich hatte Pfeiffer-Poensgen noch einen weiteren Mitarbeiter für das Magazin verpflichtet: Johannes Fellmann, der damals auf fünf Jahre Berufserfahrung als Journalist beim ZDF zurückblickte, sollte fortan zusammen mit Hilker-Möll den Nukleus der Redaktion bilden. Damals, 2005, erschienen schließlich noch zwei weitere Ausgaben, danach waren es jährlich vier, seit 2020 sind es jeweils zwei – deutlich umfangreichere – Exemplare.
In den ersten Ausgaben haben noch Erwerbungsförderungen und die Werbung um Spenden den wesentlichen Teil des Magazins ausgemacht. Beides ist bis heute erhalten geblieben – Geschichten über herausragende Museumsankäufe gibt es noch immer. Und tatsächlich haben die Leserinnen und Leser von Arsprototo über die Jahre zum Erfolg von weit über 100 Spendenaufrufen beigetragen!
Die Breite an Themen hat seither kontinuierlich zugenommen. Mittlerweile gibt sich Arsprototo mit jeder Ausgabe ein Schwerpunktthema; eines, das den Kosmos der Stiftung berührt, für deren Tätigkeit relevant ist und diese Tätigkeit mit einem je neuen Zugang anschaulich macht. Gegenwärtig bildet Arsprototo alle Förderlinien und Projekte der Stiftung ab und dient als Tätigkeitsbericht auch der Selbstauskunft gegenüber Finanzaufsichtsbehörden. In jeder Ausgabe werden außerdem die Mitförderer der Projekte sichtbar. Es gibt Länderschwerpunkte, die sich daran orientieren, welches Land gerade den Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz und damit auch im Stiftungsrat der Kulturstiftung der Länder innehat. Heute dürfte es die halbe Belegschaft der Kulturstiftung der Länder sein, die – selten durchgängig, manchmal nur ganz punktuell – mit Arsprototo beschäftigt ist, als Autorinnen und Autoren oder als Korrekturleserinnen und -leser in der stressigen Schlussproduktion.
Ganz am Anfang steht jeweils eine große Redaktionsrunde, das Brainstorming auch mit dem Vorstand, in dem meist bereits der Themenschwerpunkt gefunden, diskutiert und in eine ganz rudimentäre Heftdramaturgie sortiert wird. Für die Redaktion gilt es dann, für den jeweiligen Themenschwerpunkt geeignete, originelle oder auch namhafte Autorinnen und Autoren zu gewinnen. Und am Ende ist jede Ausgabe Ergebnis des glücklichen Zusammenspiels verschiedenster Expertisen, die hier kaum alle aufgezählt werden können.
Da wäre die für die wissenschaftlich-fachliche Korrektheit der Inhalte verantwortliche Kunsthistorikerin Dr. Stephanie Tasch zu nennen, die den Fachbereich Förderung in der Kulturstiftung der Länder leitet. Oder der Journalist Johannes Fellmann, der Autorinnen und Autoren anspricht und am Ende darüber wacht, dass in allen Texten die fachliche Präzision nicht im Widerspruch steht zur Verständlichkeit. Nicht zuletzt ist es aber Carolin Hilker-Möll, die seit 20 Jahren die Fäden in der Hand hält und Redaktions-fristen festlegt, Terminpläne und Abgabefristen überwacht, Redaktionskonferenzen und Videoschalten mit der Agentur ansetzt, mit der sie und Johannes Fellmann über Wochen Bebilderung oder Layoutfragen diskutieren – lange Jahre mit der Agentur StanHema, heute mit dem Zeit Weltkunst Verlag.
Arsprototo ist heute integraler Bestandteil einer multimedialen Kommunikation und kann auch digital als PDF abonniert werden. QR-Codes im Heft verweisen auf ergänzende Inhalte wie Videos oder Podcasts, und die Beiträge finden sich wiederum als Content auf den Social-Media-Kanälen der Kulturstiftung der Länder. Dass dieser Tätigkeitsbericht am Ende die Form eines Kunst- und Kulturmagazins annimmt, das sich ein Thema gibt und dieses aus verschiedenen Perspektiven spannungsvoll und abwechslungsreich beleuchtet, verdankt sich der Choreografie der studierten Theaterwissenschaftlerin und Germanistin Carolin Hilker-Möll.
Im zwanzigsten Jahr nach ihrem ersten Erscheinen verkörpert jede Arsprototo-Ausgabe den Schulterschluss der Länder in der Kulturförderung und macht die Stärke eines koordinierten, kooperativen Kulturföderalismus sichtbar.
Zweimal im Jahr, wenn eine Ausgabe von Arsprototo druckfrisch bei uns im Theaterbau des Charlottenburger Schlosses angelandet ist, erreichen uns Mails und Briefe von Abonnentinnen und Abonnenten, die uns beglückwünschen. Und manche schreiben, sie hätten das Magazin am Wochenende gar nicht mehr weggelegt. Bei uns im Haus teilen wir dann, wenn wir die Ausgabe erstmals in Händen halten, bisweilen unser Erstaunen über das gelungene Zusammenspiel der unterschiedlichen Gewerke und Bausteine, das sich in der Gesamtschau immer wieder wie eine, auch uns überraschende, gemeinsame Standortbestimmung der Kulturstiftung der Länder ausmacht.
Hans-Georg Moek ist Leiter des Fb 4 Kommunikation & Medien der Kulturstiftung der Länder.