Mittelalterlicher Globus
Thema Mittelalter

Licht aus der Ferne

Warum das Mittelalter uns näher ist, als wir glauben / Ein Essay von Andreas Kilb

Um uns ins Mittelalter zurückzuversetzen, müssen wir das Licht ausmachen. Wir müssen unsere Computer, unsere Smartphones, unsere Fernseher, überhaupt alle Elektrogeräte verschwinden lassen, dazu den Strom, die Wasserleitungen, die Zentralheizung, die gedruckten Bücher, die Kleiderschränke samt Inhalt, die Speisekammern und Gefriertruhen, die Kücheneinrichtung, die Teppichböden, die Glasfenster, die Betonmauern. Draußen auf der Straße gehen die Laternen aus, die Autos lösen sich in Luft auf, der Asphalt wird zu Lehm, das Trottoir zum Abwasserkanal, der Widerschein der Stadt am Himmel erlischt, der Fluglärm verstummt. Dann treten wir in eine dunkle, stille, kalte und gespenstische Welt.

So jedenfalls suggerieren es uns die Spielfilme und Dokumentationen, die von der Zeit vor Luther und Kolumbus erzählen, die „Game of Thrones“- und „Vikings“-Epen, die Bestsellerromane von Ken Follett oder Rebecca Gablé. Das Mittelalter, so faszinierend es darin erscheint, wird stets als grausam und unzivilisiert geschildert, als Hort von Seuchen, Schmutz, Aberglauben und körperlichem Leid. Dabei ist es kein Zufall, dass keine der erfolgreichen Buch- und Filmserien in Städten spielt. Denn eine Zeitreise in eine hoch- und spätmittelalterliche Stadt würde viele ihrer Beschreibungen Lügen strafen. Nicht nur, dass wir uns im Gewirr der Gassen hinter den hohen Mauern sofort zurechtfänden: hier der Dom, dort der große Markt mit dem Rathaus, die Wache, das Schlachthaus. Wir würden auch vieles wiedererkennen, was uns aus heutigen historischen Altstädten vertraut ist, die Läden der Schreiner, Schmiede, Schneider, Tuchmacher, Juweliere, Metzger und Bäcker, die Gasthäuser und Herbergen, die Hinterhöfe mit ihren Brunnen. Und die Straßen wären nicht still, sie würden vibrieren vom Geräusch der Hämmer und Hufe, vom Wiehern der Pferde, vom Rasseln der Wagenräder, vom Läuten der Glocken, von den Stimmen zahlloser Passanten. Die Abende wären von Fackeln erhellt, die Arbeitstage begännen vor Morgengrauen, und ein steter Strom von Waren und Menschen wälzte sich durch die Stadt, bis um Mitternacht die schweren Eisentore geschlossen würden.

Aber das Mittelalter ist nicht nur in unserer Gegenwart präsent, wir selbst sind auch seine Kinder, seine Erben. Vieles von dem, was wir für Errungenschaften der Neuzeit halten, stammt in Wirklichkeit aus der Zeit der Kathedralen, viele Phänomene, die unsere heutige Welt prägen, nahmen dort ihren Anfang: das Bürgertum, der Kapitalismus, das Zivilrecht, die moderne Philosophie, die europäische Expansion, der Ost-West-Gegensatz, der globale Handel. Wenn wir uns genau umsehen, finden wir in unserer Umgebung fast nichts, was keine mittelalterlichen Wurzeln hat, selbst der Algorithmus nicht, der nach einem islamischen Universalgelehrten im Bagdad des 9. Jahrhunderts benannt ist.

Beginnen wir unseren Rundgang dort, wo wir schon sind, in den Städten. Mit ihnen beginnt um die erste Jahrtausendwende herum der Sonderweg Europas. Denn anders als die civitates und poleis des griechisch-römischen Orients, von denen viele verschwunden oder zu byzantinischen Festungen geschrumpft sind, haben die meisten westeuropäischen Stadtgründungen die Völkerwanderungs- und die Wikingerzeit überlebt. In England werden die verlassenen Römerorte neu besiedelt, in Frankreich wachsen die cités über die spätantiken Mauern hinaus, im deutschsprachigen Raum erholen sich Köln, Aachen, Mainz und Trier von den Plünderungen durch die Nordmänner. Und in Norditalien befinden sich Kommunen der Poebene und der Küstenstreifen an Adria und am Tyrrhenischen Meer auf dem Sprung in den ersten Wirtschaftsboom der nachrömischen Welt.

Denn das Mittelmeer ist zwar kein mare nostrum (lateinisch für „unser Meer“), ein an allen Küsten beherrschtes Territorium mehr wie in der Ära der Kaiser aus Rom, der Handel mit Nordafrika, Indien und dem Fernen Osten ist im Arabersturm des 7. Jahrhunderts zeitweise zusammengebrochen, aber mit der Konsolidierung des Kalifats von Bagdad hat er sich wieder erholt. Als erste knüpfen die süditalienischen Seestädte Neapel, Palermo, Amalfi und Tarent den Faden wieder an, dann folgen ihnen die maritimen Konkurrenten im Norden: Pisa, Genua, Venedig. Nicht zufällig heißen sie in der Geschichtswissenschaft „Seerepubliken“, denn diese Gemeinwesen wählen ihre Obrigkeiten aus Vertretern der Kaufmanns- und Handwerkergilden selbst. Ihnen folgen die aufblühenden Kommunen im Hinterland wie Mailand, Verona, Bergamo oder Brescia, über die die Luxuswaren aus dem Orient – vor allem Seidenstoffe, Gewürze und der für die Kirche unentbehrliche Weihrauch – in den nordalpinen Raum transportiert werden. Um ihre Unabhängigkeit vom römisch-deutschen Kaiser zu sichern, dessen Herrschaft auf der Achse Aachen-Rom immer neue Schwerpunkte bildet, schließen sie Städtebünde. Schon im 12. Jahrhundert zwingt der Lombardenbund das Heer Friedrichs I., genannt Barbarossa, in die Knie, und ein halbes Jahrhundert später bietet er seinem Enkel Friedrich II. Paroli.

So entwickelt sich das Prinzip der städtischen Selbstverwaltung, das in Gestalt der Republik Venedig bis in die Ära Napoleons Bestand hat. Rasch dringt es nach Norden vor: In Mitteleuropa werden vom 11. bis zum 13. Jahrhundert mehr als zweitausend Städte gegründet, die meisten mit eigenem Rat und eigenem Recht. Durch die deutsche Ostkolonisation gelangt die städtische Kultur nach Polen, Großungarn, Litauen und Russland, es entstehen Städte nach Magdeburger, Lübecker oder Braunschweiger Recht. Zugleich zwingt die zunehmende Verrechtlichung die Landesherren, ihr eigenes Recht neu zu kodifizieren. 1231 erlässt Friedrich II. die „Konstitutionen“ von Melfi. Es ist das erste Zivilgesetzbuch der abendländischen Welt und der Ursprung des neuzeitlichen Beamtenstaats. In Sizilien gelten die „Konstitutionen“ bis 1819.

Mit der Handelsblüte kommt die Geldwirtschaft. Schon Karl der Große hat den römischen Goldsolidus durch den Silberpfennig ersetzt, um den Warenaustausch anzukurbeln. Die oberitalienischen Kommunen führen im neuen Jahrtausend den Kreditbrief als Tauschmittel bei ihren Geschäftsbeziehungen ein. Später beginnen sie, eigene Goldmünzen zu prägen. Der Fiorino, den die Tuchhandelsmetropole Florenz erstmals 1252 ausgibt, steckt noch heute im Namen des ungarischen Forint, der venezianische Dukat galt in Deutschland bis 1857 als Zahlungsmittel. Die Sprache des modernen Kreditwesens, „Agio“, „Skonto“, „Lombardsatz“, stammt ebenso aus dem Italienischen wie der Begriff „Bank“, und alle klassischen westlichen Währungen tragen Namen aus dem Mittelalter; der „Dollar“ etwa hat den Taler nach Amerika transportiert.

Die Städte, deren Bevölkerungen bis ins frühe 14. Jahrhundert ständig zunehmen, sind zugleich Sammelpunkte und Transformatoren des Wissens. Über die Handelswege und begünstigt durch die Kreuzzüge kehrt das von arabischen Gelehrten gerettete Erbe der Antike nach Europa zurück. Dort fasst es in den Klöstern Fuß, während sich praktische Kenntnisse aus dem Osten im Stadtraum verbreiten. Lorenzo Fibonacci, der erste westliche Mathematiker, der arabische Zahlen verwendet, stammt aus Pisa. Johannes Gutenberg erfindet um 1450 in Mainz mit Hilfe von privatem Risikokapital den Buchdruck. Berthold Schwarz, der legendäre Erfinder des Schwarzpulvers, kommt aus Freiburg. Beide Innovationen sind in China seit Jahrhunderten bekannt, aber erst die kleinteilige europäische Städtelandschaft mit ihren Rivalitäten, korporativen Netzwerken und frei flottierenden Kapitalien schafft die Voraussetzungen für ihre massenhafte Verbreitung. Die Arithmetik als Rechenmethode, das gedruckte Buch als Wissensmedium und die auf Schwarzpulver basierende Waffentechnik bahnen Europa ab 1500 den Weg in die Neuzeit.

In den Klöstern, die durch Urbarmachung weiter Landstriche die innere Kolonisation Europas betreiben, und den Domschulen, in denen die Kirche ihren Nachwuchs an Klerikern ausbildet, findet währenddessen eine andere Art Revolution statt. Bis zur Jahrtausendwende haben sich die Klosterbrüder damit begnügt, die noch vorhandenen antiken Texte vom brüchigen Papyrus auf das viel haltbarere Pergament zu übertragen, und an den Domschulen wurden fast ausschließlich die Kirchenväter gelehrt. Jetzt aber springt der Funke der griechisch-römischen Philosophie auf ihre wissbegierigen christlichen Lehrlinge über. Der Franzose Petrus Abaelard (1079–1142) ist der erste, der den Vorrang der Vernunft auch in Glaubensfragen behauptet und das Philosophentum als eigenständige Lebenshaltung verteidigt. Ein Jahrhundert später macht Albertus Magnus aus Köln die Werke des Aristoteles zur Grundlage von Theologie und Naturwissenschaft und begründet so die Scholastik des Hochmittelalters. Sein italienischer Schüler Thomas von Aquin fügt Alberts Lehren zu einem komplexen philosophischen System zusammen, in dem die Existenz alles Seienden aus Gott als dem höchsten Wesen abgeleitet wird. Mit seiner Erkenntnistheorie, die Begriffen den Vorrang über Einzeldinge gibt, fordert er zum Widerspruch heraus, der nicht zufällig von zwei Mitgliedern des gerade neu gegründeten Bettelordens der Franziskaner kommt. Roger Bacon und sein Ordensbruder William von Ockham (dem Umberto Eco im „Namen der Rose“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat) setzen gegen die abstrakte Wissenschaft des Thomismus den Vorrang des Erfahrungswissens und gegen die Metaphysik die Empirie als Erkenntnisquelle. In letzter Konsequenz – die allerdings erst Descartes mit seinem „cogito ergo sum“ ziehen wird – befreien sie die Erkenntnis aus den Fesseln des Glaubens.

Der neue Bildungshunger setzt unerwartete Energien frei. Die in den Domschulen ausgebildeten Gelehrten schließen sich zu Korporationen zusammen, aus denen Universitäten mit festen Standorten entstehen. In Bologna entsteht eine eigenständige Rechts-, in Salerno eine Medizinschule. Es folgen die Universitätsstädte Paris, Oxford, Cambridge, Salamanca und Montpellier. Auch die europäischen Machthaber haben ein Interesse an gut ausgebildeten Beamten: 1224 gründet Friedrich II. die Universität Neapel, 1348 folgt Karl IV. mit der Universität Prag, der ersten nördlich der Alpen. Während das bahnbrechende „Haus der Weisheit“ in Bagdad und sein Ableger in Kairo verkümmern, wird der Bildungsbetrieb in ganz Europa zur festen Institution.

Die nächste große Innovation, die den Sprung in die Neuzeit ermöglicht, kommt vom äußersten westlichen Rand Europas. In Portugal, das seit dem 11. Jahrhundert schrittweise dem Islam entrissen worden ist, wird ein neuer Schiffstyp entwickelt, der die Wendigkeit der arabischen Küstensegler mit der Hochseetauglichkeit der Kogge verbindet, auf der die Hansestädte ihr nordeuropäisches Handelsimperium gegründet haben. Dieses Schiff, die Karavelle, kann gegen den Wind kreuzen und zugleich hohen Wellen widerstehen. Zusammen mit ihrer schwereren Variante, der Nao, die auch größere Lasten tragen kann, wird sie zum Standardschiff der portugiesischen Flotten, die ab 1430 die Küste Westafrikas erkunden. Mit ihrer Hilfe wird der arme Schlucker Portugal zum großen Player im Machtspiel um die Handelsrouten im Indischen Ozean, das bislang die Seerepublik Venedig und ihre arabischen Partner dominiert haben. 1498 umrundet Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung und erreicht die indische Ostküste, sechs Jahre, nachdem Christoph Kolumbus mit seinen drei Karavellen und Naos Amerika entdeckt hat. Damit beginnt das Zeitalter der Globalisierung, dessen Lebensadern bis heute die Schiffsrouten über die Ozeane sind.

Aber vorher hat Venedig noch einmal ein eigenes Kapitel im Buch der Geschichte aufgeschlagen. Wenn es ein Buch gibt, das unser Vorurteil über das engstirnige, abergläubische Mittelalter widerlegt, ist es der Reisebericht des Marco Polo. Als Spross einer venezianischen Kaufmannsfamilie reist er mit zwei älteren Brüdern ab 1271 über Kleinasien und Persien entlang der nördlichen Seidenstraße bis in die Residenzstadt des chinesischen Mongolenherrschers Kublai Khan nordöstlich von Peking. Im Auftrag des Großkhans, der ihn zu seinem Präfekten macht, durchquert er China zwölf Jahre lang in alle Himmelrichtungen. 1298, drei Jahre nach seiner Rückkehr, diktiert er als Kriegsgefangener in Genua einem Mithäftling seine Lebenserinnerungen. Seine Schilderungen chinesischer Städte und Landschaften – ebenso wie aller anderen Stationen seiner Reise – sind frei von religiösen und nationalen Scheuklappen, sie zeigen den klaren Blick und Verstand eines neuzeitlichen Menschen. Mittlerweile kaufen und konsumieren wir massenhaft Waren und Dienstleistungen aus China, aber was unser tatsächliches Wissen über das Reich der Mitte angeht, sind wir immer noch Zeitgenossen von Marco Polo.

In unserer populären Vorstellung ist das Mittelalter ein statisches Gebilde aus Rittern, Mönchen und Bauern, Kaisern und Päpsten, Königen und Adel. In Wirklichkeit war es eine von Widersprüchen geprägte, hoch mobile Epoche, die aus der Sehnsucht nach der „renovatio imperii“, der Wiederherstellung des Reiches der Römer, Karolinger oder Ottonen die Kraft zu unaufhörlichen Reformen gewann. Die Klöster erneuerten sich, das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst taktete sich – nicht nur in Canossa – immer wieder neu ein, die Königreiche im Westen konsolidierten sich in ständigen Kriegen, die Städte woben ihre Handelsnetze immer dichter, und die Landwirtschaft erlebte um die Jahrtausendwende mit der Einführung des schweren Eisenpflugs, des Kummets und der Dreifelderwirtschaft eine agrarische Revolution. Zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert verdreifachte sich die Bevölkerung Westeuropas, und selbst die großen Pestwellen ab 1348 und der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich konnten den Prozess der Zivilisation nicht aufhalten. Am Ende des Mittelalters beginnt mit der Einführung des Buchdrucks eine neue Wissenskultur und mit der Entwicklung hochbordiger Segelschiffe mit Kanonen aus gegossener Bronze das Zeitalter der europäischen Welteroberung. Beide Entwicklungen bestimmen noch immer unsere Gegenwart. Und obwohl wir nicht mehr von Kaisern und Königen regiert werden, sitzt der Papst weiterhin in seinem Palast auf dem Vatikanshügel, dessen Vorläufer vor mehr als fünfzehnhundert Jahren errichtet wurde, und segnet von dort die Christen der Welt.

Andreas Kilb ist Kulturkorrespondent der FAZ in Berlin.

Mit Klick auf [„Video starten“] stimmen Sie zu, dass [YouTube] Cookies setzt und personenbezogene Daten erhebt, welche ggf. in Drittländer übertragen werden, die kein mit der EU vergleichbares Datenschutzniveau aufweisen. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.