Porträtfoto vor grünem Hintergrund
EDITORIAL

Komplexe Kontinuitäten

Dr. Christine Regus, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, stellt Ihnen die neue Ausgabe von Arsprototo vor

Liebe Leserinnen und Leser,

Anfang der 1990er-Jahre war eine historische Verschwörungstheorie populär, die sogenannte Phantomzeit-Hypothese. Das entsprechende pseudowissenschaftliche Buch, das freilich eher medial, weniger in der akademischen Geschichtsforschung Aufmerksamkeit erregte, vertrat die These, dass rund 297 Jahre des Mittelalters nie stattgefunden hätten und nachträglich in die Geschichte eingefügt worden seien.

Das weit verbreitete Klischee von einem kulturell, gesellschaftlich und wissenschaftlich stagnierenden Mittelalter mag eine der Ursachen für den Erfolg jener Publikation gewesen sein. Mangelnde Kenntnisse über die komplexen historischen Zusammenhänge dürften dazu beigetragen haben, dass viele Menschen diese Theorie gleichermaßen für aufregend wie plausibel hielten.

Dass das Mittelalter das „dunkle Zeitalter“ zwischen einer glänzenden Antike und einer fortschrittlichen Neuzeit war, ist eine Sichtweise, die in der Renaissance geprägt und später von Vertretern der Aufklärung gepflegt wurde. Für die Wiederentdeckung und Idealisierung des klassischen Altertums, aber auch für das Zeitalter der Vernunft und Wissenschaft diente das Bild eines durch Stillstand, Aberglauben, religiöse Vormacht und Autoritätsgläubigkeit geprägten Interims als Gegenentwurf, von dem sich das Selbstverständnis einer moralisch und intellektuell überlegenen Epoche umso deutlicher abhob.

Ein solches Mittelalter-Bild existiert zwar auch heute noch, es setzt sich aber auch in der Breite immer mehr durch, was die historische Wissenschaft schon lange weiß: Das Mittelalter war eine Epoche kultureller Vielfalt, großer Innovationen und wichtiger Entwicklungen.

Die Vorstellung von Stillstand und Finsternis, aber auch die Hypothese von knapp 300 erfundenen Jahren im Mittelalter scheitern heute vor allem an einer Hürde: Alle verfügbaren Beweise – archäologische, astronomische, schriftliche, künstlerische und naturwissenschaftliche – zeugen vom Gegenteil. Abertausende von Funden, Kunstwerken und kunsthandwerklichen Objekten, Aufzeichnungen und Dokumenten sind unerschütterliche Belege. Für das Verständnis unserer auch ins Mittelalter reichenden Wurzeln ist es von fundamentaler Bedeutung, dass Museen, Bibliotheken und Archive solche Beweise – gleichsam unbestechliche Zeitzeugen – sammeln, bewahren und erforschen, und dass sie diese Schätze der Öffentlichkeit zugänglich machen und in Ausstellungen vermitteln. Dafür ist die Kulturstiftung der Länder einst gegründet worden: um Museen, Bibliotheken und Archive bei alledem zu unterstützen.

Seit mittlerweile 20 Jahren präsentiert Arsprototo solche Projekte. Unser Stiftungsmagazin gibt sich mit jeder Ausgabe ein Thema aus dem Kosmos unserer Fördertätigkeit. Wie sehr das Mittelalter dazu gehört, dafür stehen unzählige Erwerbungs- und Ausstellungsförderungen seit Gründung der Kulturstiftung der Länder. Wie sehr Sie, liebe Leserinnen und Leser, an unserer Fördertätigkeit Anteil nehmen, belegen weit mehr als hundert erfolgreiche Spendenaufrufe in Arsprototo, zu deren Erfolg Sie beigetragen haben. Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich!

Es ist mir eine große Ehre und Freude, Sie an dieser Stelle begrüßen zu dürfen. Am 1. November 2025 habe ich die Aufgabe der Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder übernommen. Und ich blicke schon jetzt auf eine inspirierende und schöne Zeit zurück, in die auch die Entstehung dieses Magazins fiel, an der ich – im Übrigen als langjährige Leserin von Arsprototo – erstmalig aktiv teilnehmen durfte. Ich bin davon überzeugt, dass die Lektüre Ihnen viel Freude und neue Perspektiven eröffnen wird. Das jedenfalls wünsche ich Ihnen!

Ihre Christine Regus

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