Thema Mittelalter

Zeitzeugen

Vom Sachsenspiegel bis zur Wikingerdämmerung: Der Erhalt und die Vermittlung von Kunst und schrift­lichem Kulturgut des Mittelalters sind der Kulturstiftung der Länder seit Beginn ein großes Anliegen / Frank Druffner

Kunst- und kulturhistorische Sachzeugen aus dem Mittelalter üben noch immer, schon aufgrund ihrer schieren Erhaltung, eine hohe Faszination aus. So wurde das von unseren verlässlichen Partnern, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Rudolf-August Oetker-Stiftung, geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt zur Wiener Reichskrone (die aufgrund ihrer legendenhaften Verbindung zu Karl dem Großen und ihrer kontinuierlichen Verwendung bis 1792 als eine weltliche Reliquie des Kaisertums erhalten blieb) von einem interessierten Publikum auf der eigens eingerichteten Webseite verfolgt (www.projekt-reichskrone.at). Überhaupt erhöhen neue Untersuchungsmöglichkeiten und neue Fragestellungen die Attraktivität mittelalterlicher Kulturgüter. So hat die aufwendige Restaurierung zweier Cherubim-Figuren im Kölner Schnütgen-Museum aufgrund des Einsatzes endoskopischer Instrumente großes Interesse auf sich gezogen (www.kulturstiftung.de/befluegelt-von-neuer-technologie). Die Zeiten, in denen das „Mittel-Alter“ als dunkle Übergangszeit zwischen den Zivilisationen der Antike und der Neuzeit herabgewürdigt wurde, sind also längst vorbei, allenthalben kam es zu Revisionen und Relativierungen, zu einer Auf- und Neubewertung. Die Forschung am Original und an den Quellen ist dafür unverzichtbar.

Forschung und Vermittlung sind unserer Stiftung deshalb in allen Fördersegmenten stets ein Anliegen. Aus diesem Grund haben wir bereits mehrfach das vom Deutschen Verein für Kunstwissenschaft (den die Ländergemeinschaft institutionell fördert) ausgerichtete „Forum Kunst des Mittelalters“ unterstützt. Das Forum möchte durch die Betrachtung zeitübergreifender Themen – 2026 wird es sich mit „Arbeit“ befassen – vermeiden, dass mediävistische Forschung aus Gründen vermeintlicher Irrelevanz universitären Sparzwängen zum Opfer fällt und bringt Studierende mit arrivierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch. Auch zahlreiche Ausstellungen, die von der Kulturstiftung der Länder in den vergangenen Jahren gefördert wurden, haben der Mediävistik – der Mittelalterforschung – neue Forschungsfelder erschlossen: In Hildesheim war es der kulturelle Austausch zwischen Islam und westlicher Welt, in Paderborn das Fortleben der antiken Kultur in Kloster Corvey, in Münster die Herrschaftskunst Barbarossas, und in Aachen wendet man sich gerade mobilen und beweglichen Kunstwerken in Kirchen zu (siehe S. 92). Dabei wird insbesondere auf niedrigschwellige, inklusive Vermittlungsformate geachtet, um die nicht ganz einfachen Themen gut verständlich in eine breite Öffentlichkeit zu tragen.

Im Museum für Archäologie in Schloss Gottorf in Schleswig beleuchtete kürzlich eine von der Kulturstiftung der Länder geförderte Ausstellung die „Wikingerdämmerung“, d. h. das Ende der weit ausgreifenden wikingischen Expansionszüge. Neben spektakulären Funden aus Haithabu und ganz Nordeuropa wurde auch ein ganz besonderes Kunstwerk analysiert, der sogenannte Teppich von Bayeux. Das 68 Meter lange textile Kunstwerk konnte freilich nicht im Original gezeigt werden, sondern nur in einem allerdings bestechenden Nachdruck. Es schildert bildreich die Eroberung Englands durch die Normannen unter ihrem Herzog Wilhelm, dem späteren König von England. Was in Schleswig besonders interessierte, war das Nachleben dieses außergewöhnlichen Kunstwerks. In der Zeit des Nationalsozialismus stand der Teppich im Zentrum einer Forschungsgruppe des „SS Ahnenerbe“, die ihn rassekundlich und propagandistisch (als Stimulanz für die Invasion Englands) vereinnahmte.

Vermutlich ist der Teppich von Bayeux das schlagendste Beispiel für die spätere Indienstnahme mittelalterlicher Kunst zu politischen Zwecken. Auch wenn wir über seine ursprüngliche Verwendung und Verortung nur spekulieren können, darf an seiner Tendenz nicht gezweifelt werden: Er entstand, um die Eroberung Englands durch die tendenziöse Darlegung ihrer Vorgeschichte bildmächtig zu legitimieren. Insofern lag seine Vereinnahmung durch spätere „Eroberer“ durchaus nahe. Schon lange vor den Nazis war der gestickte Wandbehang unter Napoleon kurzfristig zu einem der populärsten Kunstwerke in Paris geworden: Der Erste Konsul ließ ihn 1803/1804 in der Apollo-Galerie des Louvre ausstellen – zu einer Zeit, als er noch ernsthaft einen Angriff auf Britannien plante. Und nun will Emmanuel Macron zum 960. Jubiläum der normannischen Landnahme ein deutliches Zeichen französisch-britischer Verbundenheit setzen, indem das Kunstwerk erstmals nach London ausgeliehen werden soll – zum Schrecken umsichtiger Restauratorinnen und Kulturpolitikerinnen, die dem höchst fragilen Stück, das über die Jahrhunderte genug zu leiden hatte, die Reise über den Kanal nicht guten Gewissens zumuten möchten und laut gegen den Plan protestieren.

Wie viele mittelalterliche Kunstwerke setzt der Teppich von Bayeux sowohl auf die Kraft der Bilder als auch auf die Vermittlungsfunktion der Schrift. Die chronologisch, allerdings einseitig erzählte Geschichte der Eroberung Englands wird durch knappe lateinische Kommentare ergänzt, die am legitimen Charakter des Vorgangs keinen Zweifel mehr lassen sollen. Im Grunde handelt es sich also um nichts anderes als um eine überdimensionierte, reich illustrierte textile Schriftrolle – englische Kopien des Teppichs aus der viktorianischen Zeit präsentierten ihn sogar in einer Walzenapparatur, die der Erzählung durch das Abrollen noch zusätzlich eine präkineastische filmische Komponente verlieh. Auch wenn dieser Teppich eines der bemerkenswertesten Bildwerke des Mittelalters darstellt, verdankte er die Aufnahme ins Weltdokumentenerbe der UNESCO im Jahr 2007 gerade seinem schriftlichen Gehalt. Er gehört also mithin zum mittelalterlichen Schriftgut, dem sich ein Schwerpunkt dieser Ausgabe widmet und dem seit langem schon die Aufmerksamkeit der Kulturstiftung der Länder gehört.

Zu den spektakulärsten, von der Stiftung mitgeförderten Erwerbungen gehört mit Gewissheit der Sachsenspiegel (1991 für die Landesbibliothek Oldenburg). Die illuminierte, d. h. reich mit Bildern geschmückte Handschrift gehört nicht nur zum kulturellen Erbe einer bestimmten Region in Deutschland, sie ist nicht zuletzt dank intensiver Forschungs-, Publikations- und Ausstellungstätigkeit auch ein unbestrittener Teil des kollektiven Gedächtnisses unseres Landes geworden. Das ist selbstverständlich auch der sich stetig verfeinernden, modernisierenden Praxis des Konservierens und Restaurierens zu danken, die das Original langfristig sichert und dadurch gleichzeitig auch die Vorlage für eine Vielfalt sich in ähnlicher Geschwindigkeit entwickelnden Reproduktionsverfahren bewahrt.

Genau in diesem Sinne fördert die Ländergemeinschaft über ihre Kulturstiftung die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts und setzt sich dabei gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für die Konservierung und Restaurierung originaler Handschriften, Archivalien und Drucke ein. Seit 2011 konnten so, neben riesigen Mengen neuzeitlicher Archiv- und Bibliotheksbestände, zahllose mittelalterliche Urkunden und Manuskripte, aber auch Frühdrucke vor dem Verfall bewahrt werden. Antragstellende Einrichtungen waren und sind Archive und Bibliotheken, doch finden sich bewahrenswerte Schriftzeugnisse des Mittelalters auch im Bestand von Museen. Wir haben es also in jeder Hinsicht mit einer Querschnittsaufgabe zu tun. Derzeit befassen sich verschiedene Archive mit jenen mittelalterlichen Handschriftenfragmenten, die in späterer Zeit als Akteneinbände wiederverwendet wurden – sie sind ein bislang wenig beachtetes, jedoch wichtiges Zeugnis für die Auflösung kirchlicher Bibliotheken und Archive in der Reformationszeit und in der Säkularisation, als deren Bestände bestenfalls in anderen Kontexten weiterbewahrt, schlimmstenfalls zerstört oder eben zumindest als Fragment zweckentfremdet recycelt wurden.

In einer Zeit wie der unseren, die über derart vielfältige wissenschaftliche Möglichkeiten verfügt, bieten neue Technologien auch für Kunst und Kultur, für das Restaurierungs- und Ausstellungswesen und für die Vermittlungsarbeit bisher ungeahnte Chancen. Sie befähigen die Fachwelt, gerade die mittelalterliche Kunst und das schriftliche Kulturerbe wieder sprechfähig zu machen, den Werken wieder eine verständliche, zeitgemäße Stimme zu verleihen – und sie dadurch zu beredten Zeugen zwar zeitlich entrückter, aber eben von Menschen gestalteter Epochen zu machen. 

Prof. Dr. Frank Druffner ist stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.

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