AUSSTELLUNG / NORDRHEIN-WESTFALEN

Wasteland des Westens

Müll im Museum? Eine Dortmunder ­Ausstellung macht das Thema Abfall sehenswert / Johannes Fellmann

Beitrag anhören

Was wird aus Terabytes an korrumpierten Daten? Was machen wir mit den alles erstickenden Massen von temporären Dateien? Gibt es kein Entrinnen vor dem „AI Slop“, dem KI-Schrott in Social Media? Wie wäre es also, wenn wir unseren digitalen Müll „re- oder upcyclen?“, fragte das Koproduktionslabor (KoLab) im Dortmunder U, dem großen Kulturzentrum der Stadt. Kommt und entdeckt die Schönheit von digitalem Müll! Diese Idee für diverse Workshops, aus vermeintlichem Datenabfall künstlerische Projekte zu machen, lockte viele Interessierte an: Sie wollten wissen, was es mit „sampling, found footage, circuit bending und datamoshing“ auf sich hat.

Erstmal schon überraschend, welche Angebote parallel zur Kunstausstellung bei den „KoLab Days 2026“ laufen. Als Sonderausstellung des Museums Ostwall läuft „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ im Dortmunder U, das im siebenstöckigen Gebäude der ehemaligen Union-Brauerei nahe dem Hauptbahnhof angesiedelt ist. Hier, im Verbund mit diversen Partnern, gibt es neben dem klassischen Ausstellungsbesuch auch eine digitale Expedition zu den „Lost Places of the Internet“. Oder man schraubt analog-kreativ mit dem Künstler Akwasi Bediako Afrane aus Ghana eigene Skulpturen aus Elektroschrott, die danach in einer Ausstellung gezeigt werden; abends steigt dann eine „postdigitale Performance“. „Wir haben das große Glück, dass wir als Kooperationspartner ein interdisziplinäres Team aus Digital-Künstler:innen im Haus haben, die sich mit der Entwicklung digitaler Narrative und aktuellen digitalen Technologien beschäftigen. So gewinnen wir ein jüngeres Publikum durch interaktive Angebote“, sagt Christina Danick, Kuratorin des Museums Ostwall. „Im gesamten Haus versuchen wir, über eine aktive, auch kreative Beteiligung unser Programm zu gestalten.“

Das Museum Ostwall im Dortmunder U, das zwei Etagen des Zentrums bespielt, ist aber zuerst einmal eine städtische Kunstsammlung mit einem großen Depot an Kunstwerken des 20. und 21. Jahrhunderts. „Expressionismus und Fluxus sind die Schwerpunkte unserer Sammlung und die bilden immer den Ausgangspunkt für unsere Ausstellungen, sie sind unser Leitfaden. Fluxus steht dabei auch für die Verbindung von Kunst und Leben. Wir suchen alltagsnahe Themen, die verschiedene Lebensrealitäten in der Stadtgesellschaft von Dortmund berühren“, sagt Danick. Eine feststehende Dauerausstellung gibt es nicht im Museum: Die Sammlung wird in zwei- bis dreijährigem Rhythmus statt nach kunsthistorischen Aspekten in wechselnden Themenausstellungen mit „lebensnahen Fragestellungen“ präsentiert. Zusätzlich steht eine weitere Etage für Sonderausstellungen zur Verfügung.

Die Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls nimmt so eine für das Museum typische thematische Perspektive ein, will relevante Themen ansprechen, zum Handeln auffordern. „Müll“ geht alle etwas an: Ca. 2,3 Milliarden Tonnen Müll erzeugen die Menschen heute jährlich, bis zu 142 Millionen Tonnen Müll schwimmen in den Meeren, er versinkt zu großen Teilen oder wird angeschwemmt. Die UN prognostizieren bis zu 3,8 Milliarden Tonnen Müll, wenn kein Umlenken stattfindet.

Aber was hat der „Müll“ denn nun mit Kunst zu tun? „Am Anfang steht sicher eine wichtige Figur wie Marcel Duchamp mit seinem Readymade. Er stellt gefundene Objekte, man könnte überspitzt sagen ‚Müll‘, aus, präsentiert diese außerhalb ihrer eigentlichen Nutzung. Das wird wegweisend für Kunstströmungen wie den Nouveau Réalisme“, erklärt Kurator Michael Griff. Duchamps berühmtes Urinal oder sein erstes Readymade von 1913, das „Fahrrad-Rad“ landeten damals sogar nach den Ausstellungen buchstäblich auf dem Müll.

Publikationen wie „Silent Spring“ (1962) der Biologin Rachel Carson über die Bedrohung der Umwelt, der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) der Denkfabrik Club of Rome, die Gründung von Greenpeace sowie der Grünen-Partei in Deutschland hätten auch in der Kunstwelt sichtbare Spuren hinterlassen, erläutert Kurator Griff. Neue Kunstformen kommen auf. „Die Aktionskunst der späten 1960er-Jahre ist in dieser Fülle wirklich eine neue Kunstform. Wir porträtieren diese Entwicklung im Abschnitt ‚Aktivismus und Aktionen‘“, sagt Griff. Ein Höhepunkt der Komplizenschaft von Kunst und Aktivismus ist sicher Nicolás García Uriburus (1937–2016) Aktion gegen die industrielle Umweltverschmutzung „Basta de contaminar“ (1999). Im Video sieht man, wie der Künstler das Wasser des Canal Grande in Venedig mit einer Flüssigkeit grün färbte, ein Beispiel für die aufsehenerregenden Kunstaktionen der Umweltorganisation Greenpeace.

In der eigenen Sammlung wurde das Kurator:innenteam Christina Danick und Michael Griff schnell fündig: zum Beispiel mit Siebdrucken der spektakulären Kunstaktion „Situation Schackstraße“ (1969/70) des Künstlers HA Schult (*1939), der auf eine Münchner Straße tonnenweise Müll ausleeren ließ. Polizei und Passanten mussten sich damals buchstäblich durch die Abfälle kämpfen. Die für ihre „Sauberkeit“ bekannte Stadt ertrank in Wohlstandsmüll. Auch Klaus Staeck (*1938) griff die Thematik in Plakaten wie „Mit dem bisschen Müll werden wir schon fertig“ von 1985 auf. Im großen Modell „Biokinetische Olympia-Situation“ von 1972 hatte HA Schult ursprünglich sogar lebendige Mikroorganismen verwendet, die das Kunstwerk quasi mitformten. „Aber Entwarnung: Hier wachsen heute keine Bakterien mehr, das haben wir gecheckt“, scherzt Griff.

Auch wurden die Kuratoren bei einer der wenigen Künstlerinnen in der Sammlung fündig: Chris Reinecke (* 1936), die gerne mit Verpackungsmaterial arbeitet, wie in ihrer Arbeit „Golden Delicious“ mit den Aufklebern der von der Industrie herbeigezüchteten, populär gemachten Apfelsorte. Immer wieder, sagt Kuratorin Danick bedauernd, merkt sie beim Auswählen der Werke: „Unsere Sammlungen sind vor allem männlich, westeuropäisch geprägt. Die Diversifizierung ist eine Mammutaufgabe, die über Jahrzehnte weitergeführt werden muss.“

Nicht zuletzt wegen des immersiven Erlebnisses präsentiert die Ausstellung zentral die große begehbare Metallkonstruktion des französischen Installationskünstlers Kader Attia (*1970), „Los de Arriba y Los de Abajo“ von 2015, die auch von einer Empore betrachtet werden kann. Eine Referenz an eine städtische Situation in Hebron im Westjordanland, wo sich die palästinensischen Bewohner vor Müll versuchen zu schützen, der von israelischen Siedlern herabgeworfen wird. „Hier finden wir ganz zentral das Verhältnis oben/unten wieder, welches uns in vielen Werken mit Müll-Motiven wieder begegnet“, sagt Kurator Michael Griff. Unbedingt dabei haben wollten die Kuratoren die Video-Installation der Künstlerin Anna Zett (*1983): „Utopie Deponie“ porträtiert die Aktivitäten einer DDR-Umweltbewegung rund um die Deponie „Freiheit III“ in Bitterfeld-Wolfen, wo unter anderem westdeutscher Giftmüll entsorgt wurde. Die Künstlerin hat selbst den Aufbau ihrer Arbeit für die Dortmunder Ausstellung arrangiert.

Ein großer Abschnitt widmet sich den globalen Auswirkungen des Mülls und thematisiert u. a. koloniale Kontinuitäten, die sich heute in den Wegen und Verwertungen des Abfalls des sogenannten Globalen Nordens widerspiegeln. Installationen und Videoarbeiten thematisieren, dass etwa der Elektroschrott nach Afrika verschifft wird, dort in mühsamer Arbeit auf dem informellen Recyclingmarkt weiterverwertet wird. Das sichert zwar oftmals den Lebensunterhalt für die Menschen, ist gleichzeitig aber ein demütigender Akt. „Afrika als ein vom Westen gestaltetes Wasteland“, so kritisiert es der umfangreiche, lesenswerte Reader zur Ausstellung. Er beschreibt, wie die konsumgesteuerten Länder das Abfallproblem in den sogenannten Globalen Süden verlagern.

Neben aktuellen Werken beispielsweise des Afrofuturismus kommt eine weitere Ebene ins Spiel. Die Besucher begegnen „Critical Friends“ auf Video­panels. In kurzen Filmen erzählen sie von ihrem Blick auf das Müll-Thema. Eine Strategie, den kuratorischen Blick zu erweitern und andere Perspektiven auf das Thema zu integrieren. Der Journalist und Umweltaktivist Peter Emorinken-Donatus weist beispielsweise darauf hin, dass der Kampf der Menschen in Afrika für ihre Umweltrechte untrennbar mit dem antikolonialen Kampf verbunden ist. Für ihn gehören Klimakrise und Kolonialismus zusammen.

Kann man „Müll“ eigentlich überhaupt definieren?, fragt der Historiker Roman Köster in einem anderen Film. Kurator Michael Griff wurde dadurch klar: „Im Grunde können wir sagen: Eine abschließende Definition von Müll kann es nicht geben. Gleichzeitig ist es trotzdem fruchtbar, die Frage nach einer Definition zu stellen. So zeigt sich auch, wie sich im Umgang mit Müll Machtverhältnisse – auf lokalen und globalen Ebenen – widerspiegeln. Diese Vielschichtigkeit wollen wir mit den Kunstwerken sichtbar machen.“

Zentrales Ausstellungsstück am Ende der Schau ist die monumentale Mixed-Media-Installation von Akwasi Bediako Afrane (*1990), eine Neuproduktion im Auftrag des Museums Ostwall extra für die Ausstellung. Das Museum sammelte monatelang im Auftrag des Künstlers Elektroschrott in Dortmund ein. Mit VR-Brillen können Besucher u. a. in kleinen mit Kameras ausgerüsteten Zügen durch die dystopischen Landschaften aus Relikten des digitalen Zeitalters reisen. Die scheinbar nutzlosen Platinen und anderen elektronischen Bauteile ermöglichen einen Blick in die Zukunft, wenn der Mensch dann nach der Vorstellung des Künstlers möglicherweise direkt eingebettet ist in die technologischen Neuschöpfungen. Einen eigenen Bereich in der Ausstellung hat das Klimabündnis Dortmund, es kann seine Initiativen präsentieren und eigene Workshops veranstalten. „Beteiligungsformate mit der Stadtgesellschaft“ seien bei Sonderausstellungen ein Must-have, findet Christina Danick. Samstags wird dann beispielsweise im Museum das „Repair-Café“ veranstaltet. Gemeinsam werden defekte Elektrogeräte wieder ans Laufen gebracht.

Ein großer Schwerpunkt liegt traditionell auf den Vermittlungsformaten. Mitten in der Ausstellung gibt es deswegen große Flächen für Kindergruppen. „Und wir konnten den Illustrator Erhard Dietl gewinnen, der für uns die ‚Olchis‘, die beliebten Kinderbuch-Stars, als Maskottchen beisteuerte“, freut sich Danick. Die Müll liebenden grünen Wesen bringen so den jungen Besucherinnen und Besuchern die Kunstwerke spielerisch näher.

Das Museum am Ostwall ist schon einige Jahre nicht mehr im ursprünglichen Haus „am Ostwall“ zu Hause, sondern im Verbund mit anderen Playern aus Kultur und Wissenschaft im Dortmunder U untergebracht. Das soll die Menschen direkt ansprechen und zusammenbringen, man will gesellschaftlich wirksam sein: Auf den weitläufigen Plätzen gibt es im Sommer mehrfach in der Woche Konzerte von Hip-Hop bis Jazz, DJ-Sets und Poetry-Slams, kuratiert von Akteuren aus der lokalen Kulturszene. Der Hartware Medienkunstverein zeigt gerade eine Ausstellung über die „dritte industrielle Revolution“ in der DDR, ein weitgehend unbekanntes Kapitel ostdeutscher Industriegeschichte rund um das Kombinat „Robotron“. Einen Stock weiter im Dortmunder U fragt die Technische Universität Dortmund: „Was ziehe ich an? Wie sehe ich dann aus? Und wie wirke ich auf andere? Bestimmt Mode mein Geschlecht? Wo kommt meine Hose eigentlich her?“ Mit kulturanthropologischen Überlegungen illustrieren Studierende, was Kleidung über Identität und Diversität, Gender und ökologische Verantwortung aussagt.

Ein lebendiger, zugewandter Ort: Tatsächlich hat das Museum am Ostwall darin selbst eine lange Tradition vorzuweisen. Denn die frühere Direktorin Leonie Reygers (1905–1985) machte beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem ursprünglichen eher konservativen Museum für Kunst und Kulturgeschichte eine offene und moderne Institution. In den USA hatte ihr das Selbstverständnis der Museen als Bildungseinrichtung imponiert. Und man wollte in Dortmund einen Ort schaffen für die im Nationalsozialismus diskreditierte Klassische Moderne. Prägend in der Sammlungsstrategie des Museums Ostwall war dann die revolutionäre Kunstbewegung Fluxus, die auch mal das Publikum miteinbezog. Mit Kollektionen von Privatsammlern kam die Moderne der 1950er- und 1960er-Jahre nach Dortmund. Reygers richtete einen Lesesaal mit aktuellen Zeitschriften zu Design und Kunst ein, die Ausstellungsräume hatten eine wohnliche Atmosphäre. Konzerte, Puppentheater und Weihnachtsmärkte lockten ein breites Publikum zum Haus. Und Reygers sammelte und zeigte, höchst innovativ, Kunst von Autodidakten. Ab 1961 gab es mit der „Kindermalstube“ das deutschlandweit erste Angebot für das junge Publikum. Auch heute geht das Museum innovative Wege: Seit einigen Jahren begleitet ein Beirat, besetzt mit Menschen mit ganz verschiedenen Backgrounds, die Museumsarbeit. Sie diskutieren die Ausstellungsplanungen, haben aber auch schon mit einem eigenen Budget neue Ankäufe von Kunstwerken realisiert. „Die Mitglieder bringen andere Expertisen mit. Wir geben ein Stück weit die Deutungshoheit ab“, sagt Kuratorin Danick. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sie auch bei übergreifenden Prozessen im Haus mitreden können.“

Auch die „Müll“-Ausstellung könnte die Prozesse des Museumsteams nachhaltig ändern. Denn sie wirke wie ein Sensibilisierungskurs, berichtet Christina Danick: „Wir wollen schon länger unseren Fußabdruck verringern, denn in der Ausstellungsproduktion wird einfach unglaublich viel Müll produziert. Ob es Verpackungen für Kunsttransporte sind oder Gestaltungselemente, die dann hinterher entsorgt werden. Wie nachhaltig ist der Strom produziert, den wir für die Klimatisierungen nutzen? Auf solche Dinge wollen wir zukünftig noch viel mehr achten.“

Johannes Fellmann ist Redakteur von ­Arsprototo.

Müll. Eine Ausstellung über die ­globalen Wege des Abfalls

Museum Ostwall (MO) im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund

bis 26.7.2026

www.dortmunder-u.de

Mit Klick auf [„Video starten“] stimmen Sie zu, dass [YouTube] Cookies setzt und personenbezogene Daten erhebt, welche ggf. in Drittländer übertragen werden, die kein mit der EU vergleichbares Datenschutzniveau aufweisen. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.