Spielfigurartige Skulptur mit Pferd und Reiter
AUSSTELLUNG / NORDRHEIN-WESTFALEN

Vom Glauben bewegt

Zwischen Wunder und Wirklichkeit: Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zeigt mittelalterliche Skulpturen als lebendige Kunst / Christine Unsinn

In dunkelblauem Anzug und schwarzer Melone balanciert Hänschen Klein über ein Seil, fährt in einem Karton ein wenig zu wild Auto, baut einen Unfall und wird im nächsten Moment mit einem Pflaster versorgt. Vor den staunenden Augen der vornehmlich kindlichen Zuschauer verwandeln sich einfache Gesten in pures Abenteuer, der Karton in ein Auto, das Pflaster in echte Fürsorge. Dass die Figur aus Pappmaché von einer grau gekleideten Frau geführt, gesprochen und bewegt wird, irritiert niemanden. Die Puppenspielerin verschwindet im Akt des Spiels, übrig bleibt das lebendige Geschehen. Realität, Spiel, Täuschung und Emotion gehen nahtlos ineinander über.

Ein solches Verschwimmen der Grenzen zwischen Vorstellungskraft und sinnlicher Erfahrung war auch Teil der religiösen Praxis im Mittelalter und der frühen Neuzeit. So darf man sich das Raunen und Staunen ähnlich intensiv vorstellen, wenn am Festtag Mariä Himmelfahrt vor den Augen der Gläubigen eine Marienfigur in das Kirchengewölbe hinauf schwebte. Meditative Gesänge, das dämmerige, flackernde Kerzenlicht und Rauchwerke verstärkten das Erlebnis und machten die Inszenierung zu einem wirkmächtigen sinnlichen Ereignis. Doch wie waren solche Auffahrtsfiguren konstruiert? Wann und vor welchem historischen Hintergrund kamen sie auf? Welche Arten von bewegten Figuren gab es, und in welchen liturgischen oder volkstümlichen Zusammenhängen wurden sie eingesetzt? Und welche Bräuche lebten damit auf?

Diese Fragen thematisiert die Ausstellung „Praymobil – Mittelalterliche Kunst in Bewegung“ im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen auf faszinierende Weise. Es ist die weltweit erste Ausstellung, die das Thema des handelnden Bildwerks ins Zentrum stellt und damit einen völlig neuen Zugang zur mittelalterlichen Kunst eröffnet. Ausgehend von der herausragenden Aachener Mittelaltersammlung werden rund 80 spätmittelalterliche Skulpturen, Gemälde und Grafiken im Kontext ihrer ursprünglichen Nutzung in Liturgie, Klöstern und im volkstümlichen Brauchtum gezeigt. Mit Skulpturen, die weinen, bluten oder ihre Augen und Münder öffnen und schließen konnten, bewegliche Arme und Beine besaßen oder auf Rädern durch Prozessionen gefahren und so inszeniert werden konnten, dass sie den Eindruck erweckten, lebendig zu sein, stellt die Schau die performativen Aspekte mittelalterlicher Kunst in den Vordergrund.

Im späten Mittelalter veränderte sich die Darstellung Christi grundlegend. Die neue sinnlich geprägte Frömmigkeit am Übergang zur frühen Neuzeit verlangte nicht mehr nach einem allmächtigen Herrscher (Christus Pantokrator), sondern nach einem nahbaren Gottessohn, der selbst körperlichen Schmerz und menschliches Leid erfahren hatte. Eine neue Bildsprache, die den Fokus auf sein Leiden legte, sollte emotionale Nähe schaffen, Mitgefühl wecken und den persönlichen Dialog mit den Gläubigen fördern. Diese verinnerlichte Frömmigkeit war stark geprägt von Meditation, der stillen Betrachtung und des tätigen Nachempfindens des Lebens und Leidens Christi und Mariens. Skulpturen und Objekte dienten als Brücken zwischen Irdischem und Göttlichem. Handschriften und Stundenbücher gaben teilweise detaillierte Anleitungen zur Interaktion mit Skulpturen, etwa durch Berührungen, Gebete, Gesten oder symbolische Opfergaben. Auf diese Weise wurde das Kunstwerk zum aktiven Bestandteil des religiösen Rituals und unterstützte die Gläubigen bei der inneren Nachahmung Christi. Bewegte und „selbst-agierende“ Bildwerke intensivierten diese Verbindung zwischen göttlicher Botschaft und menschlicher Seele. Sie machten biblische Szenen konkret erfahrbar und miterlebbar. Im Verlauf des Kirchenjahres kamen sie bei liturgischen Feiern zum Einsatz, zu Ostern in der Passion Christi, aber auch bei Festen zu Ehren Mariens oder verschiedener Heiliger. Diese Feiern verbanden rituelle Handlungen, theatralische Darstellungen, Prozessionen, Musik und den Einsatz dieser interaktiven Bildwerke. So verschmolzen Kunst, Liturgie und populäre Frömmigkeit zu einem vielschichtigen, emotional aufgeladenen Erlebnis.

Das Leiden, die Kreuzigung und die Auferstehung Christi gehören zu den zentralen Ereignissen des Kirchenjahres und besaßen ihre eigene Form des rituellen Spiels. Den Auftakt bildete der triumphale Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag. Zentrales Objekt dieser szenischen Darstellung war der sogenannte Palmsonntagsesel, eine lebensgroße hölzerne Christusfigur auf einem Esel, montiert auf Rädern, die, begleitet von singenden Gläubigen, gemäß der Überlieferung der Evangelien in einer Prozession durch die Straßen gezogen wurde. Ein Kruzifix mit beweglichen Armen, wie jenes aus der Aachener Sammlung, ermöglichte in den anschließenden Passionsspielen sogar verschiedene Szenen wie die Kreuzigung, die Kreuzabnahme und die Grablegung nachzustellen. Am Ostersonntag wurde die Figur entfernt, sodass die Gläubigen die Entdeckung des leeren Grabes mit Staunen, Schmerz und Hoffnung real nacherleben konnten. Die Teilnehmenden wurden selbst zu Akteuren der heiligen Geschichte.

Auch bewegliche Marienbildwerke waren vom 12. bis zum frühen 16. Jahrhundert weit verbreitet. Sie zeigen Ikonographien von der unbefleckten Empfängnis (Immaculata) über die schwangere Maria (Maria gravida) bis hin zur Schmerzensmutter (Mater dolorosa). Zunächst vor allem in Frauenklöstern genutzt, fanden sie später auch in geistlichen Spielen an Festtagen wie Mariä Verkündigung, Weihnachten, Mariä Himmelfahrt oder Mariä Krönung Verwendung. Besonders zu Weihnachten wurden solche Figuren eindrucksvoll inszeniert. So konnte eine Skulptur der schwangeren Gottesmutter, in deren Leib hinter einem Bergkristallplättchen das Christuskind sichtbar war, bei der Geburtsszene geöffnet werden, um das Kind symbolisch zu entnehmen. Eine kunstvoll gefertigte Wiege stand für diese „Geburt“ bereit, in die die Christuspuppe gebettet wurde. Manche dieser Wiegen waren beweglich, konnten aufgehängt und sanft geschaukelt werden. Etwas größere Christuskinderskulpturen wurden liebevoll angekleidet und geschmückt. Diese Rituale ermöglichten eine persönliche, fürsorgliche Beziehung zwischen den Gläubigen und der kindlichen Erlöserfigur.

Diese Bildwerke machten biblische Gestalten, die der Überlieferung nach 1.500 Jahre zuvor und in weiter Ferne gelebt hatten, greifbar im Hier und Jetzt und traten in einen emotionalen Dialog mit dem Publikum, erzeugten Anteilnahme und eine starke Illusion von Lebendigkeit. Genau dies stieß besonders in der Reformationszeit auf Kritik. Reformatorische Stimmen verurteilten derart interaktive, mechanisch bewegliche Bildwerke als Götzendienst und kritisierten die mutwillige Täuschung gutgläubiger Kirchenbesucher, aus der auch Profit geschlagen wurde. Die Schärfe dieser Ablehnung verweist zugleich auf die Popularität und die zentrale spirituelle Bedeutung der bewegten Bilder in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit. Die Ausstellung thematisiert diese Ambivalenz und spannt den thematischen Bogen weiter über bewegliche Figuren im nicht kirchlichen Kontext, wie sogenannte Zauberpuppen oder auch Marionetten, bis hin zu den Übergängen zum volkstümlichen Brauchtum, das etwa in der Tradition der „Aachener Streuengelchen“ bis heute nachwirkt.

Mit dieser unter anderem von der Kulturstiftung der Länder geförderten Ausstellung eröffnet das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen einen frischen und einladenden Blick auf die mittelalterliche Kunst. Das Mittelalter wird als faszinierende Epoche und als Zeit sinnlicher Inszenierungen erfahrbar, in der Kunst nicht nur gezeigt, sondern aktiv erlebt wurde. Durch die intensiven Forschungen im Vorfeld der Ausstellung sind neue Erkenntnisse zum agierenden Kunstwerk zu erwarten, die im umfassenden Ausstellungskatalog veröffentlicht werden. Ergänzende Animationen veranschaulichen die Funktionen und emotionalen Wirkungen der ausgestellten Objekte und ermöglichen das unmittelbare Eintauchen in die vielfältigen, emotionalen und teils humorvollen Facetten des mittelalterlichen Alltags.

Christine Unsinn ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunst und Kulturgüter bis 1600 im Fachbereich Förderung der Kulturstiftung der Länder.

 

Mehr zur Ausstellung erfahren Sie im Podcast „Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder“.

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Transkript lesen

Praymobil – Mittelalterliche Kunst in Bewegung

Suermondt-Ludwig-Museum
Wilhelmstraße 18, 52070 Aachen
bis 15.3.2026

www.suermondt-ludwig-museum.de

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