Titelthema Materialität des Schriftlichen

Späte Briefpost

Das Beethoven-Haus in Bonn konnte zwei unbekannte Autographen des Komponisten ersteigern

von Julia Ronge

Am 6. Juni 2012 wurde in Berlin ein Beethoven-Brief versteigert, der bislang noch nicht einmal vom Hörensagen bekannt, geschweige denn veröffentlicht war und sofort die Aufmerksamkeit der Beethoven-Forschung auf sich zog. Dieser neuentdeckte Brief befand sich in einem geradezu makellosen Erhaltungszustand. Besonders besticht sein Format, denn der vierseitige Brief ist aufgeschlagen mit 8,1 × 9,3 cm nicht größer als ein Handteller – selbst für die damalige Zeit ungewöhnlich klein. Zudem ist er sehr sorgfältig und ohne Fehler oder Korrekturen geschrieben, was bei Beethoven nur selten vorkommt und immer ein Zeichen von besonderer Wertschätzung des Adressaten ist.

Der Brief stammt von 1795, aus einer Zeit, aus der nur wenige Schriftdokumente von Beethovens Hand überliefert sind. Bis einschließlich 1794 kennt die Beethoven-Forschung nur acht Briefautographen Beethovens. Aus 1795 war bislang kein Beethoven-Brief verbürgt.

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Überraschend ist auch der Adressat. Beethoven richtet sich an Heinrich von Struve (1772 –1851), einen Bonner Freund, der wohl zum „Zehrgarten“-Kreis gehörte. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern dieses liberal-intellektuellen Zirkels, der sich regelmäßig im gleichnamigen Gasthaus mit angeschlossener Buchhandlung am Bonner Markt traf, war bislang nichts über Beethovens Beziehung zu Struve bekannt. Zwar hatte Struve sich in das Stammbuch eingetragen, das seine Freunde Beethoven vor der Abreise nach Wien im November 1792 überreichten, darüber hinaus war aber kein weiterer Kontakt dokumentiert. Lorenz von Breuning, der sich Mitte der 1790er-Jahre in Wien aufhielt, berichtete Anfang des Jahres 1795 nach Bonn: „Struve will das Frühjahr zu uns kommen.“ Dies galt bislang als die einzige weitere Erwähnung Struves in Beethovens näherem Umfeld. Beethovens Brief an Struve rückt die Freundschaft in ein neues Licht und macht sie für die Forschung näher greifbar.

Die Attraktion des Briefes lag aber weder in seinem Äußeren noch im Datum oder in seinem Adressaten, die größte Sensation war sein Inhalt, der hier nun erstmals veröffentlicht wird.

 

Wien den 17ten Septembr. [1795]

Lieber! daß du mir hieher geschrieben hast, hat mich unendlich gefreut da ich mir’s nicht vermuthete. du bist also jezt in dem Kalten Lande, wo die Menscheit noch so sehr unter ihrer Würde behandelt wird, ich weiß gewiß, daß dir da manches begegnen wird, was wider deine Denkungs-Art, dein Herz, und überhaupt wider dein ganzes Gefühl ist. wann wird auch der Zeitpunkt kommen wo es nur Menschen geben wird, wir werden wohl diesen Glücklichen Zeitpunkt nur an einigen Orten heran nahen sehen, aber allgemein – das werden wir nicht sehen, da werden wohl noch JahrHunderte vorübergehen.

den Schmerz, den dir der Tod deiner Mutter verursacht hat, habe ich auch sehr gut fühlen können, da ich fast zweimal in dem nemlichen Fall bey dem Tode meiner Mutter und meines vaters gewesen bin. wahrlich wemsollte es nicht wehe thuen, wenn er ein Glied aus einem so selten anzutreffenden Harmonischen Ganzen wegreißen sieht – man kann nur noch hiebey vom Tode nicht ungünstig reden, wenn man sich

ihn unter einem lächelnden sanft hinüberträumenden Bilde vorstellt, wobey der Abtretende nur gewinnt.–– ich lebe hier noch gut, komme immer meinem mir vorgestekten Ziele näher, wie bald ich von hier gehe, kann ich nicht bestimmen, meine erste Ausflucht wird nach ytalien seyn, und dann vieleicht nach Rußland, du könntest mir wohl schreiben, wie hoch die reise von hier nach P.[etersburg?] kömmt, weil ich jemanden hinzuschicken gedenke sobald als möglich. deiner Schwester werde ich nächstens einige Musik von mir schicken.

Professor Stup von bonn ist auch hier. Grüße von Wegeler und Breuning an dich. ich bitte dich mir ja immer zu schreiben, so oft du kannst, laß deine Freundschaft für mich sich nicht durch die Entfernung vermindern, ich bin noch immer wie sonst dein dich liebender

Beethoven.

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Heinrich von Struve stammte aus Regensburg, wo sein Vater als russischer Gesandter beim ständigen Reichstag firmierte. Wie sein Vater und seine Brüder trat auch Heinrich in kaiserlich-russische Dienste ein. Vielleicht erfolgte der von Lorenz von Breuning erwähnte Besuch Struves in Wien im Frühjahr 1795 auf der Durchreise nach Russland, Beethoven rechnet zumindest damit, sein Brief würde Struve „in dem Kalten Lande, wo die Menscheit noch so sehr unter ihrer Würde behandelt wird“ antreffen. Aus diversen Andeutungen und Überlieferungen von Zeitgenossen ist Beethovens politische Haltung in der Tendenz bekannt. Dass er aber derart ungeschminkt die Missstände in Russland beim Namen nennt, war neu. Der Brieftext wirft auch ein Licht auf die im „Zehrgarten“ diskutierten Themen, denn Beethoven ist sich sicher, dass die Zustände in Russland wider Struves Überzeugungen sind. Beethovens daran anschließende Hoffnung liest sich geradezu prophetisch: Die Utopie, dass es eines Tages in ferner Zukunft ohne Unterscheidung nur noch Menschen gäbe, geht sogar noch über die Forderung, alle Menschen sollten Brüder werden, hinaus.

Beethovens Kondolenz zum Tod von Struves Mutter klärt das Entstehungsjahr des Briefes, da Sophia Dorothea Struve geb. Reimers am 21. Mai 1795 gestorben ist. Der Komponist kann sich gut in den Verlust des Freundes einfühlen, weil er selbst bereits beide Eltern verloren hat. Die Nennung seiner verstorbenen Eltern in einem Satz lässt einen höchst seltenen Einblick in Beethovens Gefühlswelt zu, macht er doch keinen Unterschied zwischen Mutter und Vater und betont den Schmerz, den ihr Hinscheiden ihm verursacht hat. Die Beethoven-Biographik stellt zu Unrecht den Vater als gewalttätiges Monster dar – dieser Brief lässt ahnen, dass Beethoven ihn keineswegs für ein solches hielt.

Auffallend ist außerdem, dass er zahlreiche Reisepläne schmiedet. „ich lebe hier noch gut“ lässt sogar vermuten, dass Beethoven 1795 nicht damit rechnete, dauerhaft in Wien zu bleiben. Zunächst plant er Reisen nach Italien und Russland. Beethoven hielt zu vielen Bonner Freunden Kontakt, zu etlichen ein ganzes Leben lang, und auch Struve bittet er, ihn trotz der weiten Wege nicht zu vergessen und richtet Grüße der in Wien weilenden gemeinsamen Bonner Freunde aus. Dieser Brief ermöglicht tiefe neue Einblicke in die Überzeugungen und Gefühle des 24-jährigen auf- ­strebenden Künstlers.

Ludwig van Beethoven, Autograph des Liedes „Ruf vom Berge“ nach einem Gedicht von Georg Friedrich Treitschke, 1816, 16 × 19,7 cm; Beethoven-Haus Bonn; © Beethoven-Haus Bonn
Ludwig van Beethoven, Autograph des Liedes „Ruf vom Berge“ nach einem Gedicht von Georg Friedrich Treitschke, 1816, 16 × 19,7 cm; Beethoven-Haus Bonn; © Beethoven-Haus Bonn

Schon 2004 kam ein anderes unerforschtes Beethoven-Autograph in London auf den Markt. Beethovens eigenhändige Niederschrift des Liedes „Ruf vom Berge“ („Wenn ich ein Vöglein wär“) WoO 147 wurde bis dato für verschollen gehalten. Der berühmte Handschriftensammler Aloys Fuchs (1799 –1853) hat sie wohl noch gekannt, aber keine Beschreibung angefertigt. Auch diese Handschrift besticht zunächst durch ihr ästhetisches Äußeres, auch sie ist im Format vergleichsweise klein. Für die Beethoven-Zeit noch relativ neu ist das lithographierte Notenpapier, das speziell für Lieder angefertigt wurde, wobei die obere der jeweils drei Notenlinien im System etwas abgesetzt ist, damit noch Platz für den Singtext bleibt.

Der Text des Liedes stammt von Georg Friedrich Treitschke (1776 –1842), dem Dramatiker und Regisseur, der Beethoven mit der letzten Textfassung des Fidelio behilflich war und entscheidend zu dessen Erfolg beigetragen hat. Treitschke veröffentlichte im Juni 1817 einen Gedichtband, dem als eine von drei Musikbeilagen die Vertonung Beethovens beigebunden war. Beethoven hat die Niederschrift mit einer Widmung für den Dichter versehen: „Für seine Wohlgebohrn H: v. Treischke Ersten Dichter u Trachter Von den Ufern der Vien bis zum Amazonen Fluß.– von L v. Beethoven am 13ten WinterMonath 1816“.

Schon unmittelbar nachdem er ein Belegexemplar des Gedichtbandes bekommen hatte, bat Beethoven Treitschke, sein Autograph an den Musikalienhändler Steiner weiterzugeben, „damit das Gestochene, welches von Fehlern zerstochen, sogleich wieder, wie es seyn muß, gestochen werden kann, u zwar um so mehr, weil sonst auf das Dichten u. Trachten ganz erschrechlich gestochen u. gehauen wird werden“.

Vergleicht man den Erstdruck mit dem Autograph, so ist Beethovens Unmut zunächst verwunderlich, denn im Notentext lassen sich keine Abweichungen feststellen. Beethoven war allerdings immer sehr genau auf die Wirkung seiner Musik bedacht, und tatsächlich finden sich beim musikalischen Ausdruck schwerwiegende Unterschiede. So hat es der Stecher versäumt, zu Beginn des Liedes p dolce zu übernehmen, die Anweisung, leise und lieblich zu spielen. Der gewichtigste Fehler findet sich am Schluss und kann Beethoven keineswegs gefallen haben. Der Text des Liedes endet in Resignation, weil der Sprecher die Distanz zu seiner Liebsten nicht überbrücken kann: „Ich nur bin fest gebannt, weine allhier.“ Um die Hoffnungslosigkeit zu veranschaulichen, lässt Beet­hoven den Klavierpart immer leiser und langsamer werden, decrescendo und ritardando. Im Erstdruck finden wir allerdings das Gegenteil. Hier lautet die Anweisung cresc., lauter werden. Auch das ritardando wurde unterschlagen, so dass die Musik nicht, wie von Beethoven intendiert, verebbt, sondern in einem fulminant rauschenden Schluss ausklingt. Kein Wunder, dass Beethoven sich ärgerte, denn der Ausdruck der Resignation, der ihm so wichtig war, wurde damit zunichte gemacht. Entgegen seinen Wünschen hat Treitschke die Handschrift wohl nicht an den Verleger weitergegeben, oder vielleicht hatte Steiner auch kein Interesse an einer Neuauflage des Liedes – erschienen ist sie jedenfalls nicht. Im Laufe des 19. Jahrhunderts geriet das Autograph in Vergessenheit.

Dass sich das Beethoven-Haus bei beiden Handschriften, dem Brief an Struve und der Niederschrift des Liedes, 2004 bzw. 2012 vergeblich um einen Ankauf bemühte, lag an der Unersättlichkeit eines französischen Investmentfonds auf Handschriften, der nicht nur jeden Preis zahlte, sondern sogar versuchte, die Preise gezielt nach oben zu treiben. Der Fonds kalkulierte damit, den Marktwert und somit die Rendite seiner Sammlung zu steigern. Das Beethoven-Haus war damals nicht bereit, die Preistreiberei zu unterstützen und verzichtete schweren Herzens.

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Da der Investmentfonds Aristophil mit einem Schneeball­system arbeitete, um an die nötigen immensen Geldmittel zu gelangen, griff der französische Staat ein und schloss ihn 2015. Nach und nach werden nun die über 130.000 Handschriften aus seinem Besitz wieder auf den Markt geworfen. So erhielt das Beethoven-Haus im Juni 2018 in Paris eine neue Chance, den Struve-Brief und das Lied zu erwerben, und blieb diesmal der glückliche Bieter. Die Handschriften sind nun an einem Ort, an dem ihre Schönheit, ihr ideeller und wissenschaftlicher Wert geschätzt werden. Das Beet­hoven-Haus verkauft nicht und entzieht die Schätze dem Markt. Sammeln ist eine Passion, an die keine Renditeerwartung geknüpft sein sollte.

Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung der Länder, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

© Foto: privat

Julia Ronge

ist promovierter Musikwissenschaftlerin und Sammlungskustodin im Beethoven-Haus Bonn.