Editorial

Schreibkulturen

Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder und Herausgeber von Arsprototo, stellt Ihnen das neue Heft vor

von Prof. Dr. Markus Hilgert

Liebe Leserinnen und Leser,

seit etwa 5.000 Jahren kann der Mensch schreiben. Die ältesten bekannten Manuskripte sind mit bildhaften Schriftzeichen beschriebene Tontafeln aus dem Süden des Irak. Im Vergleich zur Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens ist das Schreiben also eine Fertigkeit, die wir erst vor relativ kurzer Zeit erworben haben. Manchmal frage ich mich, ob wir diese Fertigkeit irgendwann auch wieder verlieren werden. Das geschieht immer dann, wenn ich mir vornehme, einen Brief ‚von Hand‘ zu schreiben, und feststelle, dass mir inzwischen die Übung fehlt, gerade so, als sei ich dabei, das Schreiben mit Stift auf Papier zu verlernen. Auch diese Zeilen entstehen mit Hilfe einer Tastatur am Computer, und ich bin, ehrlich gesagt, erleichtert, dass Sie es dem Manuskript daher nicht ansehen werden, wie oft ich korrigiert, gestrichen und ergänzt habe. Die Mühsal des Schreibprozesses und die aufeinander aufbauenden Zustände des Textes werden an dem Geschriebenen nicht mehr abzulesen sein – gut so.

Das Vorläufige, nie Abgeschlossene, das wir an unserer eigenen Textproduktion vielleicht als Makel wahrnehmen, ist jedoch genau das, was uns an den Autographen anderer Menschen oft besonders anzieht. Können wir uns Beethoven und Kafka nicht ein wenig näher fühlen, wenn wir auch in ihrem Handgeschriebenen das Ringen um das ‚Richtige‘ erkennen? Jenseits solcher Empfindungen liefern die materiellen Spuren der Entstehung eines Textes oder einer Komposition vor allem der Forschung wichtige Anhaltspunkte für die biographische oder kulturgeschichtliche Einordnung eines Werks. Entsprechendes gilt etwa für Skizzen, Vorzeichnungen oder Studien in der bildenden Kunst. Eigenschaften von Schriftträgern und Schreibstoffen – wie etwa die Qualität des Pergaments oder die Zusammensetzung der Tinte – können zudem wichtige Quellen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte sein. Das Titelthema dieses Heftes „Materialität des Schriftlichen“ mit Beiträgen von Oliver Jungen, Julia Ronge, Antonia Kölbl und Johannes Fellmann entführt Sie in den Kosmos des Handgeschriebenen und illustriert eindrucksvoll, warum die Kulturstiftung der Länder den Ankauf, die Präsentation sowie die konservatorische Pflege von Autographen nationalen Ranges seit nunmehr 30 Jahren zu ihren zentralen Aufgaben zählt. Das gestiegene öffentliche Bewusstsein von der besonderen Bedeutung des schriftlichen Kulturerbes dürfte jedoch nicht nur darauf zurückzuführen sein, dass Dinge und ihre Materialität in den Kultur- und Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte eine deutliche Aufwertung als Forschungsgegenstände erfahren haben. Der sich derzeit vollziehende Übergang von einer analogen zu einer digitalen Schreibkultur sensibilisiert uns vielmehr für die Tatsache, dass das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft irreparablen Schaden nimmt, wenn diese Gesellschaft die Pflege ihres schriftlichen Kulturerbes vernachlässigt. So wird beispielsweise auch der zukünftige Umgang mit Objekten aus kolonialem Kontext entscheidend von der Verfügbarkeit aussagekräftiger Schriftzeugnisse abhängen. Das klare Bekenntnis der Bundesregierung zum Erhalt des schriftlichen Kulturgutes sowie die finanzielle Stärkung der gemeinsam von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder getragenen „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ sind daher nicht nur für Archive, Bibliotheken und Museen in Deutschland ein wichtiges Signal.

Ihr Markus Hilgert

Prof. Dr. Markus Hilgert

ist Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.