Erwerbungsförderung

Deutsches Historisches Museum erwirbt einzigartige Sammlung zur Geschichte des Antisemitismus

Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin erwirbt mit der Sammlung Wolfgang Haney circa 15.000 Objekte zur Geschichte des Antisemitismus, zur NS-Verfolgung der europäischen Juden und zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit. Bestandteil der Sammlung sind über 1.000 Bildpostkarten mit judenfeindlichen Motiven aus der Zeit um 1900. Die Kulturstiftung der Länder fördert den Ankauf mit 95.000 Euro.

Dazu Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder: „Die von Wolfgang Haney zusammengetragene Sammlung dokumentiert auf erschütternde Weise die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Mit dem jahrzehntelangen Zusammentragen der Objekte leistete Haney eine Pionierarbeit zur Aufklärung von Verbrechen des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung. Kein Museum oder Archiv hat in vergleichbarer Weise solche Objekte zusammengetragen. Dank der Erwerbung durch das Deutsche Historische Museum und dem geplanten Forschungsvorhaben mit der TU Berlin kann die Sammlung nun umfassend erforscht und mithilfe von Publikationen und Ausstellungen bekannt gemacht werden.“

Prof. Dr. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Im Zuge der Neukonzeption unserer Ständigen Ausstellung ist es dem DHM ein wichtiges Anliegen, sich in einem bedeutsameren Rahmen als bisher mit der Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus auseinanderzusetzen. Hierfür legt die Sammlung Wolfgang Haneys einen wesentlichen Grundstein. Ihre Erforschung wird uns und unseren Besucherinnen und Besuchern zu einem tieferen Verständnis darüber verhelfen, wie alltagsprägend antisemitische Einstellungen, Bilder und Hasspropaganda seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und anderen europäischen Ländern waren.“

Die Sammlung Haney umfasst Plakate und Bekanntmachungen, Flugblätter, -schriften und Broschüren, eine Plakatsammlung zur Dreyfus-Affäre, Gegenstände wie Häftlingsnummern, Armbinden, Kleidung und Urkunden aus nationalsozialistischen Lagern, zahlreiche Briefe, Tagebücher und Pässe, Originalzeichnungen, historische Zeitschriften und Tageszeitungen sowie historische Werbematerialien für Filme, darunter umfangreiches Material zu „Jud Süss“. Von Haney (1924-2017) zusammengetragene Fotografien dokumentieren die Verfolgung und Ermordung von Juden vor allem in den osteuropäischen NS-Besatzungsgebieten. Teil der Sammlung ist ebenfalls eine Vielzahl antisemitischer und anti-antisemitischer Aufkleber und Sticker. Eine derart große Sammlung dieser fragilen Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus ist äußerst selten.

Wolfgang Haney, geboren 1924 in Berlin, hatte die Sammlung in Erinnerung an seine Mutter zusammengetragen. Seine Mutter, eine geborene Jüdin, hatte den Holocaust mit Hilfe ihres Sohnes überlebt, versteckt in einer Holzhütte in Rehfelde, östlich von Berlin. Haneys Vater hatte aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin während des Zweiten Weltkriegs in einem Strafbataillon arbeiten müssen. Wolfgang Haney selbst war als sogenannter „Halbjude“ verfolgt worden. Mit der Sammlung wollte Haney nach dem Zweiten Weltkrieg Aufklärung leisten. Als Zeitzeuge besuchte er gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls eine Jüdin, die den Holocaust überlebt hatte, Schulen, um über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuklären. Nach seinem Tod 2017 ging die Sammlung in den Besitz seines Sohnes Andreas Haney über.

In den 1980er Jahren hatte Haney begonnen, die Sammlung zusammenzutragen. Geschätzt eine Million Euro investierte er in den Erwerb der Objekte. Zeitlebens stellte er die Sammlung für zahlreiche Ausstellungen zur Verfügung. Sie wurden unter anderem bereits im Deutschen Historischen Museum in Berlin, in den Jüdischen Museen in Frankfurt und Berlin, den Museen für Kommunikation sowie im Imperial War Museum in London und im US Holocaust Museum Washington ausgestellt.

Mit dem Erwerb der Sammlung verknüpft das Deutsche Historische Museum die wissenschaftliche Erforschung der Objekte in Kooperation mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Personenbezogene Objekte aus der Sammlung, die Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung persönlich zugeordnet werden können, werden in einer weiteren Kooperation den „Arolsen Archives − International Center on Nazi Persecution“ übergeben. In der neuen Ständigen Ausstellung des DHM soll die Sammlung Haney eine wichtige Rolle einnehmen. Die erworbenen Objekte schließen Lücken in der bereits vorhandenen Sammlung besonders im Bereich „Konzentrationslager und NS-Ghettos“. Über die Online-Präsentation des Museums sollen alle Objekte zudem weltweit zugänglich gemacht und auch international durch die Forschung erschlossen werden.

Weitere Förderer dieser Erwerbung: Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bundesministerium für Bildung und Forschung