Links verstellen Felsblöcke und ein verfallenes hölzernes Gatter, rechts hochaufragende Ruinenreste den Weg. Dazwischen gibt die schüttere Grasnarbe Reste eines antiken römischen Bodenmosaiks frei. Und genau hier, im abendlichen Halbschatten, spielt sich ein saftiges Alltagsdrama ab: Berittene Viehhirten versuchen, mit Hilfe von Spießen und Lassos zwei Rinder einzufangen. Archaisch anmutende Aktion, festgehalten in starren (Menschen-)Blicken, gesenkten (Rinder-)Häuptern, schnaubenden (Pferde-)Nüstern und gebleckten (Hunde-)Gebissen. Ein Shortcut mit Reiter, Tod und Teufel, gewürzt mit einer Prise Wildwest in der römischen Campagna.
1836 gelingt dem Landschaftsmaler Friedrich Nerly (1807–1878) ein frühes Hauptwerk: „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“. 190 Jahre später dient das Bild nun als Anlass und als Ankermotiv der großen Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“, die von März bis Juli 2026 in der Kunsthalle Bremen stattfindet und von der Kulturstiftung der Länder gefördert wird.
Nerlys anekdotisch ausgeschmückte Gaucho-Episode im Vordergrund der „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ ist nur das Entrée in eine Bildwelt, die es in sich hat. Dass der in Erfurt als Friedrich Christian Nehrlich geborene Maler das künstlerische Resümee seiner römischen Jahre von 1828 bis 1835 nicht vor Ort, sondern erst im Jahr nach seiner Abreise aus Rom in Mailand zieht, ist nicht ungewöhnlich, zehren Künstler damals doch meist ein Leben lang von ihren Reiseeindrücken und den Skizzen, die sie aus Italien mitbringen und selten weggeben.
Äußerst erhellend für das Verständnis des lange unterschätzten Romantikers ist es jedoch, welche Motive er auswählt und wie er sie kombiniert, um daraus im Atelier etwas Neues zu schaffen. Denn so, wie der Aquädukt auf dem Bild erscheint, kann Nerly ihn mit eigenen Augen nie gesehen haben. Er kombiniert und amalgamiert vielmehr eine Perspektive von Osten und eine von Westen zur Simultanansicht, um die Realität und Materialität des Monuments für uns in einem atmosphärisch wirksamen Romerlebnis aufgehen zu lassen. Ähnlich frei verfügt er auch über weitaus berühmtere Romansichten, lässt hier eine barocke Kirchenfassade weg, fügt dort malerisch eine Baumgruppe ein. Nerlys „Campagnalandschaft“ zeigt eine Wunschwelt, die mit der Wirklichkeit oder gar mit Realismus als Kunststil trotz stupender Detailgenauigkeit, etwa bei der Darstellung des antiken Mauerwerks der nach Kaiser Claudius benannten Wasserleitung, nur sehr bedingt zu tun hat.
Zum Beispiel das Setting: In den 1830er-Jahren trampeln neben Rindviechern und ihren Hütern immer häufiger Touristen und ihre Dienstleister das Gras um die kilometerlange Großruine platt. Nerlys mit Ironie begabter Zeit- und Generationsgenosse Carl Spitzweg malt um 1835 „Engländer in der Campagna“, von ihrem Cicerone gelangweilt und das Gebotene, in diesem Fall die Aqua Claudia, misstrauisch beäugend. Joseph Anton Koch, eine Institution unter den deutschen Künstlern in Rom, beschreibt die Ewige Stadt und ihr Umland 1834 sogar verächtlich als „Tummelplatz eingebildeter ästhetischer Dummköpfe“. Willkommen im Zeitalter des Massentourismus. Nun müssen Künstler auf der Suche nach dem Schönen, Wahren und Erhabenen die neugierigen Blicke hinter ihrem Rücken aushalten. Das ist Könnern aus aller Welt angesichts der Aqua Claudia immer wieder bravourös gelungen, so neben Nerly den Malerkollegen Carl Blechen, Thomas Cole und Gaston Camillo Lenthe.
Das besondere Bildmotiv mit seinen kultur- und tourismusgeschichtlichen Aspekten begeistert auch Dorothee Hansen. Die Vizedirektorin der Kunsthalle Bremen hat Nerlys „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“ seit 2019 – damals erhielt sie ein Museumsstipendium an der Bibliotheca Hertziana in Rom – intensiv erforscht und damit im doppelten Wortsinn Neuland betreten. Der Aquädukt nahe der Via Appia, so die Kunstwissenschaftlerin, entwickelt sich erst um 1830 zum künstlerischen Sujet. Nerly war hier relativ früh dabei und steuert, wie so oft, eine ganz eigene Sichtweise bei. Zweitens: Das zur Sammlung der Kunsthalle Bremen gehörende Bild war dem Publikum und der Kunstwissenschaft bis zu Hansens Forschungen nahezu unbekannt geblieben, weil kein Foto verfügbar war und es mindestens 120 Jahre lang nicht öffentlich ausgestellt worden ist.
1953/54 wurde die „Campagnalandschaft“ zusammen mit 557 Blatt Zeichnungen und Aquarellen sowie 25 Ölstudien von Nachkommen Nerlys für Bremen erworben – der noch umfangreichere zweite Teil des künstlerischen Nachlasses befand sich damals bereits im Erfurter Angermuseum. Das großformatige Bild war jedoch in so schlechtem Zustand, dass es zusammengerollt im Depot verschwand. Erst 2018 erfolgte die aufwendige Wiedergewinnung durch den Düsseldorfer Restaurator Börries Brakebusch, finanziert durch eine Spende der Bremer Galerie Neuse. Seit 2020 bereichert die nun wieder traumschöne Leinwand die von Dorothee Hansen verantwortete Neuhängung des 19. Jahrhunderts in der ständigen Sammlung der Kunsthalle.
Im Oktober 2021 stellte Hansen erstmals Forschungsergebnisse zur „Campagnalandschaft“ im Rahmen der Erfurter Tagung „Reframing Friedrich Nerly“ vor, die wiederum als Vorbereitung zur großen Bestandsausstellung „Friedrich Nerly. Von Erfurt in die Welt“ im dortigen Angermuseum gedient hat. In Erfurt konnte man 2024/25 Nerly besonders als Maler und Zeichner stimmungsvoller venezianischer Abende und Nächte entdecken. Unlängst wurde ein seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen geglaubtes Gemälde Nerlys mit der Basilika Santi Giovanni e Paolo vom belgischen Abgeordnetenhaus an die Alte Nationalgalerie in Berlin restituiert. So viel Nerly war nie.
Nun also legt die Kunsthalle Bremen mit ihrer Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“ noch einmal nach und den Schwerpunkt dabei auf die Jahre in Rom, wo sich der aufstrebende Jungkünstler zum gefragten Meister italienischer Landschaften und Stadtansichten entwickelt. Dorothee Hansen und ihre Co-Kuratorin Maren Hüppe haben den Bremer Bestand in akribischer Forschungsarbeit und mit beinahe kriminalistischen Methoden erneut unter die Lupe genommen – und im Abgleich mit dem Erfurter Teilnachlass und den relativ überschaubaren Schriftquellen wie Briefen und einem handgeschriebenen Werkverzeichnis von 1846 (das die in Rom entstandenen Gemälde vollständig erfasst) erstaunliche Entdeckungen gemacht.
Zum Beispiel das spätsommerlich-heitere Gemälde „Meeresküste an der Insel Palmaria“, dessen Motiv Nerly 1828 noch auf dem Reiseweg nach Rom in Ligurien aufnimmt. Der Titel des Bildes war noch bekannt, mehr nicht. Nun konnten es die Kuratorinnen just bei jener norddeutschen Familie aufspüren, an die es Nerlys Förderer Carl Friedrich von Rumohr damals vermittelt hatte. Auch einige Zeichnungen und Studien aus dem Nachlass lassen sich jetzt dem Motiv zuordnen.
Was aus all dem folgt und, so hoffen die Kuratorinnen, in der Ausstellung anschaulich werden wird, ist ein Blick in die Werkstatt des Künstlers. „Wir können zeigen“, erklärt Dorothee Hansen, „wie Nerlys Arbeitsweise funktioniert, wie er Studien von Landschaften und Figuren macht, welche Medien er dabei nutzt und wie er daraus später große Kompositionen zusammenbaut. (…) Er zeigt uns einen Brunnen, den er in Olevano gezeichnet hat, und einen Ausblick auf die Küste, die es in Olevano nicht gibt, sondern in Terracina. Dieses Prinzip der freien Kombination wirklich gesehener Orte, die man genau identifizieren kann, zu einer idealen Landschaft nutzt Nerly mehrfach. Caspar David Friedrich hat auch nicht anders gearbeitet.“
Aber: „Seine besten Studien sind die, wo man merkt, er hat kein fertiges Gemälde im Kopf, sondern will eigentlich nur die Natur malen.“ Hansen und Hüppe denken dabei an so fantastische Arbeiten wie die lavierte Bleistiftzeichnung der „Grotta delle Capre am Monte Circeo“ oder die Ölstudie „Landschaft mit Wasserfall im Gegenlicht, unterhalb Tivoli“. Gleich, ob Nerly sich an den Hotspots wie Tivoli oder Ariccia tummelt oder künstlerisch noch nicht erschlossene Gegenden wie den Golf von Gaeta und den Monte Circeo bereist: Dieser Maler ist durch das praxisorientierte Training bei seinem Mentor Carl Friedrich von Rumohr wesentlich besser auf künstlerische Herausforderungen und den enormen Erwartungsdruck vorbereitet als viele seiner – meist schlechter ausgebildeten – deutschen Künstlerkollegen.
Dass Nerly bei allem Talent und Fleiß auch gesellschaftliche Qualitäten besitzt, die er in Rom auszuspielen weiß, dokumentiert der Allgäuer Künstler Johann Baptist Kirner mit seinem Aquarell „Das jährliche Fest der Maler und Künstler zu Rom 1833“. In vollem Ordensschmuck sitzt Nerly am Kopfende der Tafel. Bis zu 150 deutsche Künstler treffen sich damals in den Tuffsteingewölben der Cervara-Grotten zum Frühlingsfest der Ponte Molle-Gesellschaft – eine wilde Mischung aus Karneval, Schützenfest und Burschenschaftstreffen. Von 1829 bis 1835 steht Nerly als Generalissimus der Ponte Molle-Gesellschaft dem feuchtfröhlichen Treiben vor und beweist auch hierin Führungsstärke.
Für manch anderen Künstler ist die römische Geselligkeit durchaus zum Problem geworden. Barthold Georg Niebuhr, der Preußen als Diplomat am Heiligen Stuhl vertritt, warnt 1822 reisewillige deutsche Künstler und ihre Angehörigen eindringlich vor den „Gewohnheiten des Müssiggangs, des durch Scirocco und Hitze nur zu sehr beschönigten Möglichstwenigthuns, und des Umhertreibens, vom Caffé greco zur Osterie, von der Osterie zum Caffé, von dort wieder zur Osterie […].“
Im Übrigen lässt sich das Bremer Ausstellungsthema „Natur und Antike“ ganz zwanglos bis in die Gegenwart verlängern, schließlich war beides schon immer gedankliches Konstrukt und zugleich Menschenwerk. So endet die Rezeptionsgeschichte des Aqua-Claudia-Motivs bei Hans-Christian Schink, der das antike Monument 2014 zum Thema einer großen Fotoserie macht. Und ach: Wo zu Nerlys Zeiten Rinder auf Touristen trafen, wird heute mediokrer Kunstrasen für Sportanlagen ausgerollt. Der schöne Traum scheint vorerst nicht einmal mehr künstlerisch abrufbar zu sein – so mitten in Suburbia.
Michael Zajonz ist Kunsthistoriker und Journalist und lebt in der Nähe von Neuruppin im Land Brandenburg.
Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom
Kunsthalle Bremen
Am Wall 207, 28195 Bremen
14.3.–5.7.2026