Thema Mittelalter

Ostern im Licht

Eine außergewöhnlich reich illuminierte Handschrift des 15. Jh., ein sogenanntes Oster­orationale, aus dem Medinger ­Frauenkloster kommt in die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel / Johannes Fellmann und Marc Widmer

Weil sie bereits früher verschenkt oder verkauft worden waren, haben sich rund 50 Handschriften der Zisterzienserinnen aus Kloster Medingen, einem Ortsteil von Bad Bevensen in Niedersachsen, erhalten und somit entkamen sie einem Brand des Klosters im 18. Jahrhundert. Heute werden sie weltweit als bibliophile Schätze u. a. in der Dombibliothek Hildesheim, in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Bodleian Library in Oxford bewahrt. Die kunstfertig hergestellten Bände sind wichtige Zeugen der kulturgeschichtlichen Entwicklungen, die u. a. in Klöstern im 15. Jhd. ihren Anfang nahmen. Die religiösen Umwälzungen im Zuge von Klosterreformen und eine in der Folge notwendige gesellschaftliche Neuorientierung ließen die Medinger Nonnen in ihren Schriften innovative poetische Strategien verfolgten. Heute geben uns die Werke aus dem Skriptorium auch einen tiefen Einblick in ein Klosterleben, das sich auf dem Weg in eine neue Zeitrechnung ziemlich abrupt von mittelalterlichen Gewissheiten verabschieden musste. Eines der sogenannten Osterorationalen, eine kürzlich mit der Unterstützung der Kulturstiftung der Länder von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel angekaufte kleinformatige Handschrift mit 335 Blatt, enthält Gebete und Meditationen in lateinischer und niederdeutscher Sprache zum Osterfest, beginnend mit dem Exsultet, dem Lobgesang auf das Osterlicht, dargestellt durch die Osterkerze, als Symbol für den auferstandenen Christus. Die kunstvollen und aufwendig gestalteten, teilweise mit Gold verzierten Bebilderungen verbinden biblische Motive mit der Frömmigkeit der Ordensfrauen. Die Germanistin Marlene Schilling spricht im Interview mit Arsprototo über hochgebildete Nonnen in Medingen und ihre kreative Handschriftenproduktion.

Arsprototo: Heute kann eigentlich jede Frau, die getauft und gläubig ist, Nonne im Kloster werden. Wie sah das im 15. Jh. aus, in der Zeit als in Medingen das Gebetbuch für das Osterfest geschrieben wurde?

Marlene Schilling: Das war im Mittelalter noch ganz anders: Der Kreis der Medinger Nonnen hat sich mehr oder weniger aus Töchtern der Lüneburger Patrizierfamilien zusammengesetzt. Die dann vor allem in Latein hervorragend ausgebildeten Frauen stammten meist aus reichen, hanseatischen Handelsfamilien und durften eintreten, wenn die Familie eine bestehende Verbindung zum Kloster hatte. Das zeigt das Beispiel der Familie Elebeke aus Lüneburg, die sogar drei ihrer vier Töchter nach Medingen ins Kloster schickte. Gründe dafür waren nicht nur, das Seelenheil der eigenen Familie zu fördern, sondern es bedeutete auch ein hohes Prestige, jemanden im Kloster zu haben. Die zu leistende Mitgift ans Kloster fiel daher auch nicht klein aus. Anders als heute wurde man bereits als Kind aufgenommen, normalerweise vor dem zehnten Lebensjahr. Daneben gab es im Kloster auch Laien-Schwestern beispielsweise für die Krankenpflege und Bedienstete aus der näheren Umgebung.

Wie müssen wir uns das Leben dieser Frauen im Medinger Kloster um 1500 vorstellen?

Diese Zeit war geprägt von tiefgreifenden Reformen. Das betraf nicht nur Medingen, sondern ganz Norddeutschland, gerade auch Frauenklöster, als eine Reaktion auf die aus den Niederlanden stammende religiöse Bewegung der ‚Devotio moderna‘ und dem Eindruck, dass religiöse Regeln zu lasch gehandhabt wurden. Man besann sich wieder zurück auf die monastischen Grundlagen, die althergebrachten Regeln des klösterlichen Lebens. Im Zuge dieser Bewegung sorgten Klosterreformen dafür, dass Regeln strenger durchgesetzt wurden: Das galt zum Beispiel für die Klausur, also dass man Kontakt nach außen nur noch über Briefe, nicht Besuche, hatte, bezog sich aber auch auf das Privateigentum, was de facto in den Besitz des Klosters überging. Das Armutsgebot wurde wieder sehr ernst genommen. Die Handschriftenproduktion, die in dieser Zeit eine Blüte erlebte, spielte eine wichtige Rolle im Klosterleben. Nach dem Motto ora et labora, bete und arbeite, schrieb man auf, las und verinnerlichte diese Gebete als Ausdruck der neuen Andacht.

Man kann also annehmen, dass es eine parallele Entwicklung von Klosterreformen und Handschriftenproduktion gab?

Man kann nicht reformieren, was nicht da ist, wird oft gesagt. Es gab mit Sicherheit auch schon vorher eine Handschriftenproduktion. Der Großteil der überlieferten Bände stammt aber aus der Zeit der Reformen. Zudem wurden viele ältere Handschriften damals auch aufbereitet und umgearbeitet: Zum Beispiel durch ein sogenanntes Palimpsest, wenn ein Text abgeschabt wurde, um einen anderen Text darüberzuschreiben. Besonders deutlich wird das später in der Reformation, wenn beispielsweise Gebete an den eigenen Schutzheiligen fragwürdig geworden sind. Dann wurden sie einfach überarbeitet oder ganz rausgenommen. Die Handschriften waren aktuell gehaltene, persönliche Gegenstände. Auch wenn sie schon ein bisschen älter waren, wurden sie immer wieder an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Die Historikerin Carolin Gluchowski benutzt für diese Überarbeitungen u. a. den Begriff „Reframing“, die Umdeutung und Anpassung an neue Rahmenbedingungen.

Es hat sich ein bedeutender Bestand der Medinger Gebetbücher erhalten, immer wieder tauchen international noch Exemplare wie der hier besprochene Band auf. Was sind das eigentlich für Bücher?

Die Handschriften, die vor allem zwischen 1475 bis ca. 1525 entstanden sind, sind entweder auf Papier oder Pergament geschrieben, manchmal auch aus beidem zusammengebunden. Sie beinhalten wie im Fall unserer Handschrift beispielsweise die Liturgie der Osterzeit inklusive sehr schöner Illustrationen, die je nach Talent der schreibenden und illustrierenden Nonne aber unterschiedlich ausfallen können. Ihr Inhalt sind lateinische Gebete, aber immer mit mittelniederdeutschen Einsprengseln. Rein mittelniederdeutsche Handschriften waren für die Laien-Schwestern gedacht, damit diese den lateinischen Liturgien gut folgen konnten. Diese haben ungefähr dasselbe Format, sind meistens ähnlich ausgestattet, tendenziell aber nicht so prächtig und schön wie die lateinischen. Ich kenne aber auch ein Beispiel in Mittelniederdeutsch, was genauso prachtvoll wie das Medinger Osterorationale ist, mit sehr viel Gold und viel Funkeln und schönen Illustrationen. Einige Exemplare waren auch als Geschenke gedacht für säkulare Schwestern, die nicht im Kloster lebten.

War das Medinger Osterorationale, ein besonders prachtvolles Exemplar eines Gebetbuches, auch nur für den persönlichen Gebrauch gedacht?

Ja, die Handschrift ist, wie die anderen Medinger Orationalien, wohl ein persönliches Exemplar, welches dann nach dem Tod der Schreiberin an eine andere Nonne weitergegeben wurde. Es ist ein überwiegend lateinisches Gebetbuch für die Osterzeit, das damals wichtigste Fest der Christenheit. Leider gibt es in diesem Fall keine Eigentümer-Einträge. Tatsächlich ist das Büchlein auch viel kleiner als man erwarten würde, es ist nicht größer als meine Hand. So war es kein riesiges Altarbuch, das man schön platzieren kann und das jeder sieht, sondern war für den individuellen, mobilen Gebrauch gedacht. Wahrscheinlich wurde es zwischen 1467 und 1479 geschrieben. Gebetbücher wie dieses wurden u. a. während der liturgischen Messe in der Osternacht, in der Dunkelheit zwischen Ostersamstag und Ostersonntag verwendet. Das Kerzenlicht spiegelte sich in den goldenen Initialen und symbolisierte so das Paradoxon einer lichtdurchfluteten Osternacht. Die Nonne erweckte durch das Öffnen des Gebetbuchs sozusagen die goldene Osternacht zum Leben. Unsere Handschrift beinhaltet dabei auch Illuminationen, die sich in anderen Gebetbüchern nicht finden, wie etwa die Darstellung des Exodus, des Auszugs aus Ägypten. (Abb. S. 32/33)

 War die Handschrift dann so etwas wie ein Programm für das Osterfest?

Sicherlich, ich würde aber auch sagen, dass die Gebetbücher genauso eine Art Beschreibung dessen waren, was passiert. Man findet u. a. konkrete Anweisungen, wie ein Gebet gesprochen werden muss. Es gibt aber zum Beispiel eine Handschrift für den Propst in Medingen, den geistlichen Vorsteher des Klosters, welche als eine Art Regiebuch dient und genau definiert, was zu tun ist. Bei dem Medinger Osterorationale erkennen wir an verschiedenen Stellen auch Noten über dem Text, die Gesänge ankündigen. Diese ohne Linien geschriebenen Noten, sogenannte Neumen, deuten die Melodie nur wie Stichnoten an, denn jede Nonne wusste genau, was zu singen war.

Das Buch startet gleich am Anfang mit einem beeindruckenden – man möchte es fast so nennen – Wimmelbild. Unter anderem diese Szene macht das Medinger Osterorationale zu einer Rarität. Was sehen wir dort?

Das ist der Auszug aus Ägypten, eine Szene, die ich sonst noch in keiner Medinger Handschrift gesehen habe. Das Osterfest war schon immer eng mit dem Passahfest verbunden, dem jüdischen Feiertag, an dem der Auszug der Israeliten aus Ägypten gefeiert wurde. Jesus kommt vor seiner Kreuzigung und Auferstehung zum Passahfest nach Jerusalem, deshalb feierten die frühen Christen bis ins 2. Jahrhundert Ostern am Passahtag. Man sieht Moses, wie er das Rote Meer teilt und die sie verfolgende ägyptische Armee darin untergeht, was im Exsultet, dem darüber stehenden Text, in der Osternacht besungen wird. Das ist eine schöne Vergegenwärtigung einer Geschichte, welche die Nonnen mit Sicherheit gut kannten. Ein witziges Detail ist hier zu sehen: Moses wird mit Hörnern dargestellt. Das beruht auf einer Fehlübersetzung der lateinischen Bibel, die sich weiterverbreitete und zu seinem Erkennungsmerkmal wurde. Das hebräische Wort für strahlend wurde fälschlicherweise mit cornuta (gehörnt) übersetzt. Das bekannteste Beispiel ist Michelangelos Statue des Moses.

Wie hat sich die Bedeutung der Gebetbücher nach dem Mittelalter verändert, insbesondere auch nach der Umwandlung zu einem evangelischen Kloster?

Trotz der Reformation blieben die Bücher noch lange in Gebrauch. Der Fürst von Braunschweig-Lüneburg konvertierte schon sehr früh zum evangelischen Glauben und wollte die Klöster in seinem Land mit zum Protestantismus bringen. Dagegen haben sich die Nonnen in Medingen sehr, sehr stark gewehrt. Das lag vor allem daran, dass die Liturgie, die sie gemeinsam feierten, eine extrem hohe Bedeutung für die Nonnen hat und einen großen Teil ihrer Identität ausmachte. Sie bestanden daher auch nach der Reformation noch lange darauf, die Stundengebete in lateinischer Sprache zu sprechen. Erst ab dem Ende des 16. Jahrhunderts, als die letzten katholischen Nonnen gestorben waren, war es dann tatsächlich eine komplett evangelische Gemeinschaft. Und ab dann verlor man auch in Medingen langsam das Interesse an diesen überwiegend lateinischen Handschriften. In dieser Zeit gingen viele verloren. Im Dreißigjährigen Krieg verstaute man sie in Kisten, um sie vor dem Zugriff der Truppen zu schützen. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die nun als „überflüssige kostbare Gegenstände“ verstandenen Handschriften verkauft.

Kann man denn Unterschiede ausmachen, ob eine Handschrift in einem Frauenkonvent oder in einem Mönchskloster entstand?

Tatsächlich besteht ein fundamentaler Unterschied: Diese Art Texte kenne ich nur aus Gebetbüchern, die in Frauenklöstern entstanden. Sowohl auf Lateinisch als auch auf Mittelniederdeutsch sind die Eigenbeschreibungen weiblich im Sinne von „ich arme Sünderin”. Es ist alles klar weiblich konnotiert. Oft wissen wir bei anderen Handschriften, die nicht zu Medingen gehören, die Herkunft nicht genau, können aber klar erkennen, dass die Handschriften aus einem Frauenkonvent stammen.

Ich freue mich, dass es immer stärker Mittelalter-Forschung zur Rolle der Frauen gibt. Besonders die Medinger Handschriften beweisen, dass Frauen deutlich mehr Handlungsmacht besaßen, als ihnen gemeinhin zugeschrieben wird, wie es meine Doktormutter Henrike Lähnemann in ihrer 20-jährigen Forschung deutlich macht. Es sind die Texte von Frauen, sie haben die Texte zusammengestellt und diese wunderbaren Illuminationen erschaffen. Sie sind ein Zeichen einer selbstbewussten Frauengemeinschaft, die sicher nicht die einzige in Norddeutschland war. Die Frauen sind stolz auf ihre Traditionen, das machen die Bücher deutlich. Besonders ist, dass wir immer wieder Selbstdarstellungen beobachten können, wenn die Nonnen-Gemeinschaft zusammen mit der Ostergemeinde den Ostertag verabschiedet, zuweilen sehen wir zudem Darstellungen der Begegnung mit Christus. Diese Selbstporträts dienen manchmal als Datierungshilfe, da sich die Mode der Nonnenschleier mit der Zeit wandelte: Spitze Schleier sind eher später, runde sind ein bisschen früher. Mein persönlicher Favorit ist aus einer hier in Oxford aufbewahrten Handschrift, in der die Nonne ihr Gesicht in eine O-Initiale malte, sozusagen eine Art Mittelalter-Selfie. Die Medinger Bücher beweisen besonders schön, wie viele Gestaltungsmöglichkeiten Frauen in Klöstern hatten und wie sie diese auch äußerst kreativ nutzten.

Arsprototo: Liebe Marlene Schilling, vielen Dank für das Gespräch!

Johannes Fellmann ist Redakteur von Arsprototo, Marc Widmer ist Historiker und Praktikant bei der Kulturstiftung der Länder.

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