doppelseitige Handschrift, geöffnet
ERWERBUNGSFÖRDERUNG

Nietzsche-Handschrift zurück in Weimar

Ein verschollen geglaubtes Manuskript von Friedrich Nietzsche konnte durch das Goethe- und Schiller-Archiv Weimar erworben werden

Ein verschollen geglaubtes Manuskript von Friedrich Nietzsche konnte durch das Goethe- und Schiller-Archiv Weimar erworben werden. Es gilt als das bedeutendste bislang in Privatbesitz verbliebene Manuskript des Philosophen und enthält Passagen aus den Spätwerken „Götzen-Dämmerung“ und „Der Antichrist“. Das Archiv bewahrt den größten Teil des schriftlichen Nachlasses Nietzsches und ist damit eine zentrale Forschungsstätte für sein Leben und Werk. Die Kulturstiftung der Länder fördert den Ankauf mit 65.000 Euro.

Dazu Dr. Christine Regus, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder: „Friedrich Nietzsche gehört zu den prägenden Denkern der deutschen und europäischen Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit dem Erwerb dieses Manuskripts wurde nun eine zentrale Lücke in der Überlieferung seines Werks geschlossen. Dass die Schrift künftig im Goethe- und Schiller-Archiv bewahrt wird, schafft beste Voraussetzungen, um sie dauerhaft für die Öffentlichkeit und Forschung zugänglich zu machen.“

Friedrich Nietzsche verfasste das vierseitige Manuskript im Sommer 1888 in Sils-Maria im Oberengadin, wenige Monate vor seinem geistigen Zusammenbruch. Es gehört somit in die letzte Phase seines Schaffens. Die Seiten geben einen unmittelbaren Einblick in Nietzsches Arbeitsprozess. Sie enthalten Notizen und Vorarbeiten zu „Götzen-Dämmerung“ und „Der Antichrist“, zwei seiner bedeutendsten Schriften. Damit bündelt das Manuskript zentrale Gedanken seiner späten Philosophie – seine radikale Kritik an Moral und Religion ebenso wie seine Neudefinition des Menschen. Insbesondere die prägnante Passage „Sie sind bloß ein Nihilist“, mit der er die philosophische Auseinandersetzung mit dem Nihilismus maßgeblich geprägt hat, macht das Schriftstück bedeutsam.

Um 1890 gelangte das Manuskript durch eine Schenkung von Nietzsches Hauswirt an den Wiener Pianisten Moriz Rosenthal (1862–1946). Rosenthal war Schüler Franz Liszts und hatte Philosophie studiert. Zeitgenössische Autoren wie Carl Fuchs, Richard Specht und Max Graf beschrieben ihn als Künstler, dessen ästhetisches Selbstverständnis auf besondere Weise mit Nietzsches Musik- und Kulturkritik in Verbindung gebracht wurde. Im Jahr 1935 erwarb das Nietzsche-Archiv Weimar schließlich den Großteil des Rosenthal-Bestands. Der Industrielle Erich Lübbert (1883–1963) unterstützte den Ankauf finanziell und durfte im Gegenzug eines der Nietzsche-Manuskripte aussuchen. Die Handschrift verblieb zwar nach seinem Tod in Familienbesitz, galt jedoch bis 2023 als verschollen. Nun konnte sie über den Antiquariatshandel zurückerworben werden.

Seit 2025 gehört Friedrich Nietzsches schriftlicher Nachlass zum UNESCO-Register „Memory of the World“, das weltweite „Gedächtnis der Menschheit“, mit dem historisch besonders wertvolle Schriftstücke unter internationalen Schutz gestellt werden.

Weitere Förderer: Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Wüstenrot Stiftung, Private Spende

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