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Neuer deutscher Schaffensrausch

Der schriftliche Nachlass von Rainer Werner Fassbinder kommt ins DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main

von Hans-Peter Reichmann

„Sehr geehrte Herren,

ich bitte Sie zur Kenntnis zu nehmen, dass ich den für den Film ‚Deutschland im Herbst‘ oder dessen Konzeption oder was auch immer vergebenen Preis der Bundesrepublik Deutschland aus Gründen der Moral, die, wie ich sehr wohl weiss, natürlich auch ein Luxus ist, die Moral, ein Luxus, den man sich leisten können muss, und den ich mir trotzdem leiste, dass ich also kurz gesagt die Annahme dieses Staatspreises in diesem einen speziellen Fall verweigere.

Da eine Entscheidung wie diese, bliebe sie so ganz und gar ohne Öffentlichkeit, zu etwas wie einem ungedachten Gedanken verkäme, mein Beitrag aber ‚ungedacht‘ ein verkommener wäre, muss ich freundlich, aber entschieden fordern, dass von dem oder denen, die für ‚Deutschland im Herbst‘, übrigens völlig zu recht, einen Preis des Staates entgegennehmen, folgender Satz verlesen wird:

‚Rainer Werner Fassbinder lehnt die Annahme eines Bundesfilmpreises im Fall des Filmes ‚Deutschland im Herbst‘ für sich, seinen Beitrag, und seinen Beitrag zur Konzeption dieses Filmes ab.‘

Ich bitte Sie höflich, mir schriftlich die Durchführung dieser Angelegenheit meinem Wunsche entsprechend zu bestätigen.

Mit freundlichen Grüssen
( Rainer Werner Fassbinder )

Kopie mit gleicher Post an Kluge“

RWF an den Filmverlag der Autoren, z. Hd. Herrn Theo Hinz, 19.6.1978. Die Schreibweise entspricht dem Original.

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Klar formuliert, ohne drum herumzureden – final. So, wie die Gedanken fließen, schreibt Fassbinder diese auf. Subjektiv und radikal bezieht er in seinen Texten Stellung. Privat wie öffentlich.

1977/78 hatten elf namhafte deutsche Regisseure versucht, in einem Dokumentarfilm mit Spielhandlung die Stimmung in der Bundesrepublik nach der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer sowie den Selbstmorden der in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen zu reflektieren. Während beispielsweise Volker Schlöndorff für DEUTSCHLAND IM HERBST ein Thesenstück über den Antagonismus von Kunst und Politik inszeniert, Alexander Kluge dokumentarische Aufnahmen montiert und kommentiert, ist der Beitrag von Fassbinder eine „schonungslose physische und psychische Selbstentblößung“ (Lexikon des internationalen Films).

Mit seinen Filmen ist es Rainer Werner Fassbinder (1945 – 1982) gelungen, die bundesrepublikanische Gesellschaft zu porträtieren und zu polarisieren: Low-Budget-Produktionen, gesellschaftskritische Sozialstudien, Melodramen, selbstquälerische Bekenntnisfilme, kongeniale Literaturverfilmungen und Produktionen im „Hollywood-Format“.

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Rainer Werner Fassbinders Nachlass, seine aufbewahrten Schriften, die erhaltenen Produktionsakten, Drehpläne, Arbeits- und Standfotos, Plakate, Werbematerial, wenige private Objekte, Videobänder, Massen an Kritiken, wissenschaft­liche Abhandlungen über das Film- und Theaterwerk, zahlreich heraus­gegeben nach seinem frühen Tod: All dies und noch einiges mehr befindet sich seit Mai 2019 in Frankfurt am Main.

Erworben werden konnte Fassbinders Schriftgutnachlass durch die gemeinsame Unterstützung von Hessischer Kulturstiftung, der Kulturstiftung der Länder und dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main. Ermöglicht wurde hierdurch die Übereignung und Sicherung der Schriften zum Film und Theater. In Verbindung damit erfolgte gleichzeitig, dies als Dauerleihgabe, die Überstellung des umfangreichen Text- und Fotoarchivs der Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF) in die Archivräume des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum. Unter dem Label DFF Fassbinder Center ist alles Material, aufbewahrt in zwei Archivräumen, nun verfügbar für wissenschaftlich Arbeitende, für Kuratorinnen und Kuratoren zur Grundlage und Recherche von Ausstellungen, Retrospektiven und Symposien oder für Publikationen, als Anregung, Quelle und Illustration. Es öffnet sich ein Bestand, der noch einiges unentdecktes, neu zu bewertendes Material freigeben kann. Nicht nur im Hinblick auf die vertiefende Betrachtung der Film- und Theaterarbeiten, sondern auch auf die Zeit ihrer Entstehung, die darin herrschenden Produktionsverhältnisse und die Beachtung der handelnden Personen.

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Die schriftlichen Belege zum Gesamtwerk eines der produktivsten deutschen Autoren und Regisseure sind jetzt chronologisch geordnet. Liselotte „Lilo“ Eder, die Mutter, hat vieles davon aufbewahrt. Keine akribisch zusammengestellte Dokumentation, sondern eben das, was vom Tage übrig blieb: Manuskripte, Typoskripte, „ungeordnete Gedanken“, Notizen, persönliche Nachrichten. Die handschriftlichen Texte hat sie – neben ihrer Berufstätigkeit als Übersetzerin und Angestellte in einem wissenschaftlichen Institut – transkribiert, lange hat sie auch die Geschäftsakten geführt, die Buchhaltung erledigt. Bis 1978 war sie Geschäftsführerin der Tango-Film, Fassbinders Produktionsfirma ab den 1970er-Jahren, und in den meisten Filmen ihres Sohnes wirkte sie auch schauspielernd mit. Vieles im Apparat hätte nicht funktioniert ohne die Mutter. Rainer schrieb ihr am 17. August 1970 aus Rom eine Ansichtskarte: „Es ist schon besser, wenn man die Scheiße immer gleich wieder einreißt, als daß man anfinge, sich in ihr wohl zufühlen in der Scheiße yeah“. Kein Stillstand, keine Langeweile …

In der Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF) mit Sitz in Berlin lagerten all diese Dokumente und noch mehr in einem klimatisierten Raum: geordnet, in Pergaminhüllen und in rote, säurefreie Archivboxen verbracht. Die Objekte sind in einer Datenbank erfasst und beschrieben. Insgesamt verwaltet das Schriftenarchiv etwa 2.000 Dokumente.

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Die 1986 von Liselotte Eder gegründete Foundation ist Inhaberin der Rechte an Fassbinders Nachlass. Seit Jahren lässt die private Stiftung Sicherungs­negative, neue Kopien und Digital Cinema Packages (DCPs) zum filmischen Werk anfertigen und in dem Zusammenhang restaurieren. Fast sämtliche Filme Fassbinders liegen auf hochwertig editierten DVD- oder Blu-Ray-Ausgaben vor. Nur wenige Fernseh- und Kinoproduktionen sind – meist aus rechtlichen Gründen – noch nicht verfügbar. Juliane Maria Lorenz-Wehling ist als Nachfolgerin Lilo Eders Präsidentin der gemeinnützigen Nachlassstiftung. Von 1976 an bis zum Tode Fassbinders 1982 gehörte sie zum Team, war Cutterin bei 14 seiner Filme, Beraterin und Partnerin. Seit 1991 sorgt sie mit Verve und Durchsetzungskraft gemeinsam mit der RWFF für die Sicherung, Erhaltung und internationale Verbreitung des Fassbinder’schen Werkes.

Die im DFF Fassbinder Center in Frankfurt am Main vorliegenden Schriften wurden seit 2019 sukzessive digitalisiert, nicht zuletzt um die teils fragilen Originale zu schützen. Vor allem aber, um die Texte, nun komplett, mit sämtlichen Marginalien und Annotationen, als Digitalisate einsehbar zu machen. Bislang lagen die Texte veröffentlicht nur als Transkripte vor, jetzt besteht die Gelegenheit, in unbearbeiteten, integralen Originaltexten zu lesen.

125 Titel umfasst das Werkverzeichnis, alle realisierten und viele der nicht realisierten Projekte des nur 37 Jahre währenden Künstlerlebens. Werknummer 001, „Nur eine Scheibe Brot“ (1965), bis 125, „Rosa L.“ (1982). Das erste ein Bühnenstück, das letzte ein Spielfilmprojekt. Alle Dokumente sind zweifels­ohne eng verbunden mit der Persönlichkeit Rainer Werner Fass­binders. Sie liefern Belege zum Verständnis seines Werks: 44 Kino- und Fernsehfilme (davon 26 Eigen- und Koproduktionen), 21 „Nebentätigkeiten“ als Schauspieler, 14 originär geschriebene, sechs neubearbeitete und 25 inszenierte Theaterstücke, 50 Drehbücher (13 mit Koautoren), plus vier Hörspiele und 14 Liedtexte – in 18 Jahren.

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Rainer Werner Fassbinder, der Autor, der Regisseur, der Produzent, hat alles beschrieben, was gerade zur Hand war: Collegeblöcke, Schulhefte, die Versos alter Drehbuchseiten, Telegramme, Briefe, Zettel. Auf jede freie Stelle eines Papiers notierte er Gedanken, Ideenskizzen, Nachrichten – regellos, gedankeneruptiv. Streichungen waren Streichungen, das Wort, welches nicht mehr passte, wurde unkenntlich gemacht.

Er entwarf Skripte in einer Geschwindigkeit, in der andere nicht einmal einen Brief schreiben würden. Regieanweisungen, Einstellungsgrößen, Dialoge, Szene folgt auf Szene … tage-, nächtelang. Schreiben bis zur Erschöpfung. Die Handschrift veränderte sich je nach Müdigkeitszustand oder Wirkung des eingenommenen Wachmachers. Dabei wurde auch das Papier an sich zum unmittelbaren Beleg der besonderen Arbeitsweise: Nicht selten finden sich auf den Blättern Brandlöcher von Zigaretten oder Kaffeeflecken. Manchmal lösten andere den Schreibenden ab und notierten nach seinem Diktat weiter die nie versiegen wollenden Gedanken. Dann änderte sich nur die Handschrift, in der frühen Phase stammt diese unter anderem von Irm Hermann, Kurt Raab, Wilhelm Rabenbauer (= Peer Raben) oder Harry Baer. Fassbinder diktierte später auch auf Audiokassette: Etwa 78 Stunden lang sind allein die Aufzeichnungen für seinen 14-teiligen BERLIN ALEXANDERPLATZ (1979/80). Das Marathondiktat enthält seine Vorstellungen von Kamerawinkel und -position, Licht, Raum, Dialogen und Aktionen der Dar­stellerinnen und Darsteller. Das aufgezeichnete Tonmaterial wird auch hier zum Vermittler von Metainformationen, durch seine einnehmende, leise Stimme samt aller Nebengeräusche des Alltagslebens.

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Ein ganz besonderes Exponat ist das Arbeitsdrehbuch zu LILI MARLEEN (1980). Um es immer zur Hand haben, ob in der Jacken- oder Hosentasche, lies Fassbinder es kleiner kopieren, auf DIN-A6-Format. Das fleckige, speckige, abgegriffene Typoskript ist voller Marginalien: Anmerkungen mit Dialog- und Szenenänderungen, auf jeder Seite Markierungen der abgedrehten Bilder. Das Drehbüchlein ist Beweisstück der präzisen visuellen Vorstellungskraft des Regisseurs, gerade auch dort, wo Fassbinder mit kleinen Storyboard-Zeichnungen Einstellungsgrößen scribbelte. Zusammengehalten wird das stark benutzte Exemplar durch alle verfügbaren Sorten von Klebeband – ein Artefakt intensiver Szenen- und Dialoggestaltung.

Zwischen den Filmtexten, auf Drehbuchseiten notiert oder auf Ausrissen, finden sich immer wieder Listen. Auf dem Titelblatt eines ALEXANDERPLATZ-Skriptes ist ein Verzeichnis der eigenen Filme notiert, inklusive der TV-Kleinserien, die Fassbinder selbst auf 75 Stunden und 50 Minuten Laufzeit summiert. Schauspielerinnen und Schauspieler erhielten, kodiert mit Zahlenfolgen, Bewertungen, die zu entsprechenden Rankings führten. Eine weitere Liste seiner Filme ist mit Nummern versehen: Alle Titel vor WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE (1970) sind dort in Bleistift notiert. Scheinbar wert, ausradiert zu werden, wie in seiner Erinnerung daran?

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Neben den Ergebnissen von Bundesligaspielen und -tabellen sowie von ihm favorisierten Wunsch-Aufstellungen der deutschen Fußballnationalmannschaft finden sich reichlich Listen mit Kalkulationen, Kostenbilanzen, Honoraren, Berechnungen. Fassbinder ist hier äußerst strukturiert. Er plant, organisiert, stellt Zahlenreihen auf, denn er war, was Wenigen vielleicht bekannt ist, auch Produzent oder Ko-Produzent seiner eigenen oder fremder Filme.

Hinter vielen Namen von Stabmitgliedern ist bei unterschiedlichen Produktionen ein Strich vermerkt: was ‚ohne Gage‘ bedeutet. „Wenn ihr beteiligt sein wollt, dann gibt es auch eine Verantwortung“, schreibt der Regisseur/Produzent Fassbinder zusammen mit der Besetzungsliste zu DIE DRITTE GENERATION (1978/79) auf die Rückseite eines Telegramms. Ergänzt wird das Dokument durch einen Vertragsentwurf für Zahlungen an die Beteiligten, welcher ideologische Forderungen und unternehmerisches Risiko zusammenbringt: „Der prozentuale Anteil der Fa. Tango-Film beträgt … %. Nach der Endabrechnung wird jedem Einzelnen der Endkostenstand und damit die genaue Bedeutung in Prozent seiner Rückstellung mitgeteilt. Auf ausdrücklichen und dringenden Wunsch R. W. F’ werden Hanna Schygulla, Günther Kaufmann und Claus Holm voll ausbezahlt – und wenn er dafür eine Bank ausrauben müßte […]“.

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Wer, wie, wo an einem seiner Werke beteiligt war, das legte Fassbinder fest. Auch den Vorspann seines Films hat er meist selbst durch einen Layout-Entwurf vorgegeben. Zumindest die Reihenfolge der Namen seiner Schauspielerinnen, Schauspieler und Crewmitglieder vermerkte er handschriftlich. Vor den Haupttitel von GÖTTER DER PEST (1969) setzte er das Motto: „Gangster sind unsere Götter – Der Kapitalismus ist eine Pest“. Das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“ stellte er vor den Film WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE. Eine kurze, schriftliche Anleitung des Regisseurs, in welcher Richtung man zum Verständnis des Films gelangen kann?

Aufschlussreich dafür, wie Fassbinder sich als Autor/Regisseur die Adaption vorstellte, sind sein Leseexemplar der Romanvorlage mit Unterstreichungen und seine in vier Abschnitte unterteilten Vorbemerkungen zu dem Spielfilmprojekt „Kokain“. Dort steht im ersten Satz: „1. Der Film ‚Kokain‘ nach Pitigrilli wird ganz entschieden kein Film gegen oder für die Droge sein, ‚Kokain‘ wird ein Film über die Art und das Spezifische der Erfahrungen eines, der ständig unter dem Einfluß der Droge Kokain lebt.“ Eines der vielen Projekte, die unrealisiert blieben.

In fast 140 Aktenordnern sind die Belege der einzelnen Produktionen seit 1969 gesammelt. Diese als „Lilo-Akten I und II“ bezeichneten Ordner enthalten Rechnungen, Quittungen, Theater­abrechnungen, Kassenbelege, Durchschläge von Korrespondenz, Zahlungs-Aufforderungen, Unterlagen für das Finanzamt … Beginnend mit I/01 bis II/31 – Akten zum ersten Spielfilm LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD (1969), zum antiteater, der Tango-Film und so weiter. Dieser Aktenschatz ist gesichert und wartet auf seine Erschließung – hier finden sich die Originalbelege zu bislang nur durch Erzählungen übermittelte Ereignisse, Handlungsweisen, Anschaffungen, Honorierungen, Aktivitäten.

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Welche Regisseure, Filme und TV-Sendungen Fassbinder mochte, spiegelt eine Sammlung von erhaltenen VCR-Kassetten, auf denen Fernsehausstrahlungen aufgezeichnet sind. Die handschriftlich vermerkten Namen reichen von Carl Theodor Dreyer, Douglas Sirk, Alfred Hitchcock, Elia Kazan, Billy Wilder, Jean-Pierre Melville, über Howard Hawks und Raoul Walsh, Pier Paolo Pasolini, Roberto Rossellini, Vittorio De Sica bis zur Serie „Loriot“ (ab 1976, Regie Vicco von Bülow). Es finden sich Aufzeichnungen seiner eigenen Produktionen u. a. FRAUEN IN NEW YORK (1977), eine Dokumentation über den Fotoreporter Alfred Eisenstaedt oder ein TV-Porträt über Ingrid Caven, aber auch Titel wie SALZSTANGEN-GEFLÜSTER (BRD 1975) oder VICTOR (BRD 1978), beide in der Regie von Walter Bockmayer, oder Klassiker des deutschen Nachkriegsfilms wie UNTER DEN BRÜCKEN (1946, Regie Helmut Käutner) oder DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946), SCHICKSAL AUS ZWEITER HAND (1949) und DER UNTERTAN (1951) von Wolfgang Staudte. Die Titel belegen auch das hohe Niveau des Programmangebots in den 1970er-Jahren durch die ambitionierten Filmredaktionen von ARD (mit seinen dritten Programmen) und ZDF.

Ein Textarchiv mit teils prall gefüllten Archivboxen repräsentiert die Rezeptionsgeschichte und das Nachwirken von RWF. Wieder geordnet nach den fortlaufenden Werknummern, sind darin Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie Sekundärschriften abgelegt: allein sechs Boxen zu dem umfänglich diskutierten Thea­terstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (1975 ff.). Auch vorhanden: drei Boxen zu Hanna Schygulla, zwei zu Ingrid Caven. Nicht nur Printmaterialien zu den ‚Fassbinder-Musen‘ sind einsehbar, auch zu Kameraleuten (Michael Ballhaus mit einer Box), Kostümbildnerinnen, Produktionsdesignern, Komponisten, Fotografen u.v.m. Jede Fassbinder-Retrospektive ist mit Berichten nachgewiesen, ob in Berlin, London, New York, Buenos Aires, Sydney, Jerusalem, Paris. Jeder Jahrestag mit allen Verweisen zu den entsprechenden Veranstaltungen hat seine Ablage. Dokumentiert sind die Berichterstattung zur Diskussion aus dem Jahre 2007 um die Remastered-Fassung von BERLIN ALEXANDERPLATZ genauso wie die Hochschulschriften über Themen und einzelne Werke von Rainer Werner Fassbinder.

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Das DFF Fassbinder Center in Frankfurt am Main ist nun der Ort, in dem der Nachlass einer der zentralen Figuren des bundesrepublikanischen Nachkriegsfilms gesichert ist. Hier im Archiv- und Studien­zentrum bietet sich Platz, Zugang und Möglichkeit zur fort- und weiterführenden Auseinandersetzung. Fassbinders Nachwirken auf Film- und Theaterschaffende, Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler weltweit ist bis heute groß. Ikone und Mythos ist er nicht nur für Eingeweihte. Beinahe 40 Jahre nach seinem Tode hat Fassbinders Werk nichts an Aktualität und Relevanz verloren – im Gegenteil. Seine Filme, seine Theaterstücke, seine Gedichte werden gezeigt, aufgeführt, gelesen. Sein kurzes, produktives, maßloses Leben ist Thema und Inhalt von Dokumentationen, Ausstellungen und Spielfilmen. Werke wie LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD, KATZELMACHER, ANGST ESSEN SEELE AUF, DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, DIE EHE DER MARIA BRAUN, LILI MARLEEN, DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS sind untrennbar mit Fassbinders Namen und der internationalen Filmgeschichte verbunden, viele der Titel als Zitate längst ins kulturelle Gedächtnis eingegangen.

Die erhaltenen (und hier in Beispielen abgebildeten) Dokumente bieten einen direkten Zugang in die Gedankenwelten des Rainer Werner Fassbinder. Lassen sich die Leserinnen und Leser darauf ein, so bietet die Lektüre nicht nur werkrelevante Informationen. Es entsteht auch eine Annäherung an den Künstler, das Phänomen seiner Produktivität und manchmal auch an die Person, den Menschen Fassbinder.

Anlässlich des 75. Geburtstags von Rainer Werner Fassbinder am 31. Mai 2020 produzierte das Team der Sammlungen eine Online-Führung durch die Archivräume des DFF Fassbinder Center, stellte exklusive Grußworte von Fassbinder-Weggefährtinnen und -gefährten zusammen, veröffentlichte ein Skype-Interview zwischen Hans-Peter Reichmann und Juliane Maria Lorenz-Wehling und kuratierte dazu eine Spotify-Playlist mit Liedern aus den Filmen von Rainer Werner Fassbinder. Alle Inhalte stehen dauerhaft auf den Internet-Präsenzen des DFF (www.dff.film/rwf75) und auf YouTube zur Verfügung.

DFF Fassbinder Center
im Archiv- und Studienzentrum des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
Eschersheimer Landstraße 121
60322 Frankfurt am Main
E-Mail: sammlungen@dff.film
www.dff.film

Die Bestände sind für wissenschaftlich Arbeitende und Studierende nach Voran­meldung nutzbar.

Hans-Peter Reichmann

ist Sammlungsleiter und Senior Curator am DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum.