Junge Frau, rauchend, dahinter Poster mit Patrick Swayze (Schwarzweißfotografie)
AUSSTELLUNG / SACHSEN

Mythos Meissen

Die Ausstellung „Die blauen Schwerter – Meissen in der DDR“ beleuchtet die Geschichte der berühmten Porzellanmanufaktur von 1945 bis 1990 – vom Wiederaufbau nach Krieg und Teildemontage bis zum Ende der DDR / Julia Weber und Sebastian Bank

Welche Rolle kann und soll die Meissener Porzellanmanufaktur – einstmals feudaler Luxuswarenproduzent für den europäischen Hochadel – im „real existierenden Sozialismus“ spielen? Diese Frage stellte sich, als mit der deutschen Teilung die Verantwortung für dieses gesamtdeutsche Kulturerbe der DDR zufiel. Die aktuelle Sonderausstellung „Die blauen Schwerter. Meissen in der DDR“ der Dresdner Porzellansammlung im Japanischen Palais hält darauf widersprüchliche Antworten vor.

Die Besucher empfängt die verkleinerte Probeausführung eines Meissener Wandbildes nach Entwürfen Max Lingners für die Säulenvorhalle des Berliner Hauses der Ministerien, in dessen Festsaal die DDR am 7. Oktober 1949 gegründet worden war. Im Stil des sozialistischen Realismus zeichnet der Fries die Vision eines friedlichen Zusammenlebens in neuer Solidargemeinschaft. Max Lingner musste seinen Wettbewerbsentwurf unter Anleitung von Ministerpräsident Otto Grotewohl mehrfach überarbeiten und war mit dem Ergebnis letztlich unzufrieden. Durchsetzen konnte er sich bei der Wahl des Materials, wobei die Meissener Porzellanfliesen – dem Gründungsbild des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ angemessen – unglasiert und matt blieben.

Dass die DDR-Regierungsspitze jedoch keineswegs auf barocken Glanz verzichtete, zeigt das nur wenige Jahre später von Grotewohl beauftragte Staatsservice: Die traditionelle Gestaltung des knapp 500-teiligen Meissener Service mit feiner Blumenmalerei in Purpur-Camaieu, Goldbordüre und Wappen wiederholt Repräsentationsmuster des Absolutismus. An die Stelle des Adelswappens tritt das kurz zuvor eingeführte DDR-Emblem aus Hammer und Zirkel im Ährenkranz.

Meissens große barocke Tradition blieb auch in der DDR-Zeit prägend. Traditionelle Modelle wie das berühmte Zwiebelmuster machten rund 80 Prozent der Produktion aus. Als wichtiges Aushängeschild hatte die Meissener Manufaktur aber den politischen Auftrag, dem traditionsreichen Material auch eine neue, dem Sozialismus gemäße Gestaltung zu verleihen, die zugleich bei der überwiegend konservativen Kundschaft im kapitalistischen Ausland Anklang finden sollte. „Aus guter Tradition zu neuem Schaffen“ – so lautete das Motto, das Grotewohl 1960 anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Meissener Manufaktur ausgab.

Der von den Ministerien für Kultur und Außenhandel einberufene künstlerische Beirat sah den geforderten Spagat zwischen barocker Tradition und Zeitgenossenschaft erstmals im „Kollektivservice“ des Formgestalters Ludwig Zepner in Verbindung mit dem Dekor „Münchhausen“ des Malers Heinz Werner eingelöst. Der ornamental eingedrehte Ohrhenkel und die bauchig geschwungene Silhouette verleihen der modernen Strenge des gestreckten Kannenkörpers mit schmaler Tülle einen spielerischen Touch. Mit den gelben Fonds und Miniaturmalereien in goldgerahmten Kartuschen einerseits und deren humoristischer Ausgestaltung in der Art von Kinderbuchillustrationen andererseits gelang Werner – angeregt vom Studium historischer Originale in der Porzellansammlung – mit dem Münchhausen-Dekor eine Symbiose aus 18. und 20. Jahrhundert.

Die teils widersprüchlichen Anforderungen an die Pflege des kulturellen Erbes, politische Ideologie und Devisenbeschaffung setzten den Rahmen für die neue künstlerische Entwicklung in Meissen, eröffnete aber zugleich Handlungsspielräume. Die Ausstellung erzählt, wie sich das Künstlerkollektiv um Ludwig Zepner und Heinz Werner, zu denen bald noch der Bildhauer Peter Strang und die Maler Rudi Stolle und Volkmar Brettschneider stießen, erstaunliche Freiheiten zu verschaffen vermochte und zu einer charakteristischen eigenen Porzellangestaltung fand.

1967 bezog das Künstlerkollektiv eigene Atelierräume im augusteischen Jagdschloss Moritzburg, weit entfernt von den Zwängen des Manufakturalltags. Auch politischen Direktiven wussten sie geschickt auszuweichen. Als der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht nachdrücklich forderte, den aktiven sozialistischen Menschen stärker zum Thema der Porzellanplastik zu machen, entstanden Gruppen nach besonders erfolgreichen, auch im westlichen Ausland gefeierten Inszenierungen des Deutschen Theaters und Berliner Ensembles. Die Figuren zu Jewgeni Schwarz’ „Der Drache“ und Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ zeigten, so die Begründung der Meissener Künstler, die heiteren und musischen Seiten des sozialistischen Lebens. Zugleich hatte die Darstellung von Theatercharakteren eine bis in die Anfänge der Manufaktur zurückreichende Tradition. Peter Strangs Gruppen knüpften thematisch an Johann Joachim Kändlers barocke Figuren der Commedia dell’Arte an. In der Ausstellung sind Strangs Figuren erstmals den originalen Kostüme nach Entwürfen Horst Sagerts gegenübergestellt, die einst sogar in Paris für Aufsehen sorgten.

Mit dem zunehmenden Erfolg wuchs der Wunsch der Meissener Künstler nach mehr individueller Entfaltung, zu der ihnen eine neue Produktlinie Gelegenheit bot. Anlässlich des 300. Geburtstags des Porzellanerfinders Johann Friedrich Böttger 1982 präsentierte die Meissener Manufaktur der geladenen internationalen Fachwelt im Dresdner Albertinum erstmals „Atelierporzellane“: individuell gestaltete Einzelwerke in Form meist großformatiger Vasen, Schalen oder Figuren, die nicht für die serielle Fertigung gedacht waren. Mit dem künstlerischen Porzellan wandte sich die Meissener Manufaktur an Sammler, Galerien und Museen, um sich ein neues Marktsegment zu erschließen und zusätzliche Devisen zu erwirtschaften.

Im Vorfeld waren auch freischaffende Künstlerinnen und Künstler der DDR eingeladen worden, mit Meissener Porzellan und Böttgersteinzeug zu arbeiten, darunter so namhafte Keramikerinnen wie Heidi Manthey und Ulli Wittich-Großkurth. Mitte der 1980er-Jahre formierte sich manufakturintern ein junges Künstlerkollektiv, das erstmals in der Meissener Geschichte auch Frauen die Möglichkeit eröffnete, in verantwortlicher Position Porzellane zu gestalten und Service zu entwickeln. Dem engeren Kreis der „Neuen Künstlerischen Entwicklung“ gehörten Jörg Danielczyk, Silvia Klöde, Sabine Wachs und Gudrun Gaube an. Sie prägten die Neupositionierung der Manufaktur nach 1989/90.

Neben den Neuentwicklungen der DDR-Zeit liegt ein wichtiger Fokus der Ausstellung auf den Porzellinern und den Arbeitsprozessen in der Manufaktur selbst. Einen zentralen Platz nimmt die in Schwarz-Weiß aufgenommene Serie „Als wär’s ein Stück von mir“ des Fotografen Gerhard Weber aus Grimma, zwischen 1988 und 1992 entstanden, ein. Mehr als 50 großformatige Abzüge von den Originalnegativen ermöglichen einen bezaubernd intimen Blick hinter die Kulissen der Manufaktur zur Wendezeit.

Einfühlsam und respektvoll näherte er sich den Mitarbeitern mit seiner Kamera. So schreibt Regine Goritz, die auf dem Ausstellungsplakat abgebildet ist: „Er hat es geschafft, dass ich schließlich gar nicht mehr bemerkte, wie und wann ich aufs Bild gebannt wurde.“ Gezeigt werden vielfältige Arbeitsprozesse in vollkommener Konzentration, aber auch Faschings- und Jubilarfeiern, sowie lockerere Mittagspausen. Insgesamt veranschaulicht die Fotoserie eindrücklich Freiheiten und Freigeist der Manufakturisten in einer Zeit des Umbruchs. Als Angebot für die Besucher liegt zudem ein kommentiertes „Manufaktur-Echo“ aus, das zusätzliche Einblicke in den Meissener Arbeitsalltag gibt.

Rund 90 Prozent der Produkte waren für den Export in das „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“ bestimmt. Neben der Bundesrepublik Deutschland als Hauptabnehmer wurden auch die Märkte in Österreich und Japan bedient. Doch was waren die restlichen zehn Prozent, die in der DDR verblieben? Neben weiß belassenen Vasen mit Reliefstruktur und sozialistisch motivierten Wandschalen und Dosen zu Jahrestagen der DDR oder Berlin als Hauptstadt der DDR gab es eine umfangreiche Produktion an Medaillen und Plaketten. Diese wurden für besondere Verdienste im Betrieb, aber auch als Andenken zu Stadtjubiläen oder an Besuche etwa in Zoos ausgegeben.

In diesem Kontext entstand aber auch ein Objekt, das sich am weitesten von der DDR entfernte: eine Plakette, die der Kosmonaut Sigmund Jähn 1978 als erster Deutscher im Weltraum im Rahmen des sowjetischen Interkosmos-Programms mit ins All nahm. Neben wenigen anderen eingeweihten Betrieben der DDR gehörte die Meissener Manufaktur zu den Beteiligten der Geheimoperation „Falke“ des Ministeriums für Staatssicherheit; gemeinsam mit einem Porträt Erich Honeckers, einer Miniaturausgabe von Karl Marx’ „Kapital“, den Wimpeln aller DDR-Stadtbezirke und dem Sandmännchen reiste so erstmals Meissener Porzellan in den Kosmos.

Meissener Porzellan konnte aber auch auf anderem Wege errungen werden – als Auszeichnung im sportlichen oder musikalischen Wettkampf. Davon zeugen Preise der Internationalen Friedensfahrt, aber auch der in Meißen ausgerichtete Pokal der Blauen Schwerter im Gewichtheben. Der Chemnitzer Sportler Joachim Kunz, der 1988 auch bei den Oympischen Spielen in Seoul eine Goldmedaille gewann, stellte für die Ausstellung seinen Siegerpreis von 1979 zur Verfügung.

Im Bereich der Schlagermusik ersang der Erfurter Jörg Hindemith 1984 mit seinem Lied „Heut kommt Marie zurück“ den Grand Prix des internationalen Schlagerfestivals Dresden, das traditionell im Kulturpalast ausgerichtet wurde und Dresden jedes Jahr im Herbst zur Schlagerhauptstadt der DDR machte. Seit 1981 wurde dieser Pokal aus Meissener Porzellan, gestaltet vom Künstlerkollektiv, geformt.

Mit einer Anfang 2025 gestarteten Bürgerbeteiligung fragt die Ausstellung zudem nach persönlichen Erinnerungen in Bezug auf Meissener Porzellan der DDR-Zeit. Beinahe 30 Objekte, verknüpft mit Geschichten von Flucht, Schmuggel, und deutsch-deutschen Familienbanden, werden in einer eigens dafür eingerichteten Vitrine gezeigt. Diese individuellen Erinnerungen an die Meissener Manufaktur in der DDR-Zeit werden auch nach Ausstellungsende auf der SKD-Seite „Voices“ als Wissensspeicher verfügbar sein und zeigen, welche Relevanz der „Mythos Meissen“ bis heute im kollektiven Gedächtnis hat.

Dr. Julia Weber ist Direktorin der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dr. des. Sebastian Bank ist dort Kurator Sammlungsbestand europäisches Porzellan.

 

Mehr zur Ausstellung erfahren Sie im Podcast „Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder“.

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Transkript lesen

 

Die blauen Schwerter. Meissen in der DDR

Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Kooperation mit der Meissen Porzellan-Stiftung GmbH
Japanisches Palais, Palaisplatz 11, 01097 Dresden
bis 22.2.2026

https://japanisches-palais.skd.museum/

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