Ausstellungsansicht mit Gipsmodellen in Vitrinen
RESTAURIERUNG / NORDRHEIN-WESTFALEN

Matarés Material

Das Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung konnte 33 Gipse des Künstlers Ewald Mataré restaurieren lassen / Daniela Kummle

„Ewald Mataré: KOSMOS“ hieß die kürzlich im Museum Kurhaus Kleve gezeigte, bisher umfangreichste Retrospektive des Künstlers. Und es tut sich wirklich ein Kosmos auf, wenn Valentina Vlašić von Ewald Mataré (1887–1965) erzählt. „Wir konnten alles zeigen: Von der Idee im Tagebuch über die Skizze bis zum Holzmodell zum Gipsentwurf zur Bronze. Durch diese Bandbreite – das haben uns die Besucherinnen und Besucher rückgemeldet – bekamen viele den Eindruck: ‚Wow, jetzt erst begreife ich Mataré voll und ganz, besonders sein Ringen mit sich selbst‘.“ Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Vlašić als Kuratorin und Kustodin mit der Klever Mataré-Sammlung. „Wir hatten seit acht Jahren zum ersten Mal wieder über 10.000 Besucherinnen und Besucher, das ist für Klever Verhältnisse enorm“, schwärmt sie von der Ausstellung, die von der Kulturstiftung der Länder gefördert wurde.

Rund 150 Gipsentwürfe und Gussmodelle, die bis zur KOSMOS-Ausstellung noch nie öffentlich zu sehen waren, gelangten über den Nachlass der Tochter des Künstlers, Sonja Mataré (1926–2020), in den Bestand des Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré Sammlung. Dieser Zusatz ist wichtig, hat Sonja Mataré doch schon zu Lebzeiten, im Jahr 1988, einen ersten großen Teil des Künstlernachlasses der Stadt Kleve gestiftet, die im Gegenzug ihrem Vater ein Museum widmen sollte. Guido de Werd, Direktor des Städtischen Museums „Haus Koekkoek“, hatte Sonja Mataré diesen Vorschlag unterbreitet. „Die Werke meines Vaters dauerhaft in einem großen und schönen Museum zu zeigen, in einer eigenen Sammlung – mir war bewusst, welch ein wunderbares Glück das darstellt. Ein Glück, das selbst bekannteren Künstlern als Mataré nicht oft zuteil wird“, resümierte sie kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Die Stadt leistete hiermit auch eine Art Wiedergutmachung: Ewald Mataré hatte ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs geschaffen, das 1934 auf einem Aufmarschplatz in Kleve aufgestellt wurde und sogleich für heftige Kontroversen sorgte, denn der liegende Soldat passte so gar nicht zum nationalsozialistischen Heldenmythos. 1938 zerstört und verscharrt, schlummerte der „Tote Krieger“ fast vierzig Jahre lang unter der Erde, bevor seine Fragmente zufällig bei Bauarbeiten im Jahr 1977 wieder aufgefunden wurden. Ein junger Klever Bürger, Josef Merges, fuhr an der Baustelle auf dem Gelände der Klever Stadtwerke vorbei, sprang aus seinem Auto und schrie „Stopp!“, denn er hatte die Trümmerteile des „Toten Kriegers“ erkannt – so erzählt es Valentina Vlašić. 1981 wurde das rekonstruierte Denkmal vor der Klever Stiftskirche wieder aufgestellt. Hier beginnt die intensive Beziehung zwischen Ewald Matarés Hinterbliebenen, seiner Witwe Hanna -Mataré (1891–1983) und Tochter Sonja, und der Stadt Kleve, die 1988 in die Neugründung des Museums im Kurhaus mündete, das 1997 eröffnete und heute die städtische Kunstsammlung beherbergt. Valentina Vlašić ging über die Jahrzehnte bei Sonja Mataré in Meerbusch-Büderich nahe Düsseldorf ein und aus; dort lebte die alte Dame im ehemaligen Atelierhaus ihres Vaters und hütete dessen künstlerisches und geistiges Erbe. „Sie war wie eine Großmutter für mich“, erinnert sich Vlašić.

Die Restaurierung erfolgte dann ab Januar 2024, wie Vlašić berichtet, unter Hochdruck. Zur Ausstellungseröffnung am 26. Oktober 2024 sollte alles vorzeigbar sein. Beine wurden wieder angeklebt, Fehlstellen ausgebessert, Schmutz und Korrosionsprodukte entfernt, Acrylharzlösung wurde aufgetragen, um den weiteren Verfall aufzuhalten. Die Restauratorin Miriam Romen-Naegel Hennessy entnahm während der Ausstellungslaufzeit sogar immer wieder einzelne Objekte, um letzte Nachbesserungen auszuführen.

25 Jahre seines Lebens, von 1907 bis 1932, verbrachte der in Aachen geborene und in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Ewald Mataré in Berlin. Er studierte Malerei an der Königlichen Akademischen Hochschule für die Bildenden Künste, nahm kurzzeitig Unterricht in der Malschule von Lovis Corinth (1858–1925), doch dessen Stil gefiel ihm nicht. Er schloss sich der 1918 gegründeten avantgardistischen Novembergruppe an, haderte aber mit der Kunstauffassung seiner expressionistischen Künstlerkollegen. In Berlin zu leben – neben Paris die aufregendste Kunstmetropole jener Zeit – war für ihn mehr Notwendigkeit als Überzeugung, kaum Inspiration. Zu sich selbst und seinem künstlerischen Ausdruck fand er in der Natur. An der Nord- und Ostsee, im Baltikum und in Finnland suchte er sein Refugium. Den Sommer 1920 verbrachte er auf Wangerooge. Dort entstanden Matarés erste Holzschnitte, für die er auf Treibholz und Bretter zurückgriff. „Nicht der Holzschnitt, nicht das Ölbild, noch die Plastik ist es, worauf es ankommt, sondern auf mein Verhältnis zur Natur, bedarf ich da irgendeines Materials, werde ich das erste Beste nehmen, was mir zur Hand liegt, und meine Arbeit wird gut werden“, schrieb er. Ab 1922/23 wandte er sich schließlich ganz von der Ölmalerei ab – auch wenn er zeit seines Lebens weiterhin Aquarelle schuf. Der Künstler, immerhin schon 35 Jahre alt, hatte endlich zu seinem Medium gefunden: der Plastik. Sein wichtigstes Sujet sollte die Kuh werden, „ein Tier, das immer neu auf mich wirkt, dieses Tier ganz ohne Gedanken, ganz Empfindung und damit erhebt es sich groß und rein“, notierte er am 10. Juni 1925 während eines Sylt-Aufenthaltes. Dabei war sein Schaffen stets ein Suchen nach der reinen Form. Museumsdirektor Harald Kunde beschreibt Matarés Arbeitsweise als „Konzentration auf eine strenge Schönheit der Form, die alles Zufällige in geistigen und handwerklichen Schleifprozessen tilgt und die so gewonnene Essenz sichtbar macht.“

Die Rückkehr in die niederrheinische Heimat im Jahr 1932, diesmal nach Düsseldorf, war mit dem Ruf als Professor an die dortige Kunstakademie verbunden. Diese Ehre währte allerdings nur sieben Monate, denn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde sein Vertrag nicht verlängert. Wenig später wurde Mataré als „entarteter Künstler“ verfemt; zwei seiner Werke waren 1937 Teil der Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Mit kirchlichen Aufträgen konnte der Künstler in der inneren Emigration den Lebensunterhalt für sich und seine Familie, mit der er sich im linksrheinischen Büderich niedergelassen hatte, bestreiten. Im Auftrag von Prälat Dr. Franz Müller (1900–1989) und Pastor Franz Vaahsen (1881–1944) gestaltete er u. a. die Figuren einer Kreuzigungsgruppe für St. Remigius in Düsseldorf-Wittlaer sowie verschiedene Kruzifixe und Reliefs mit biblischen Darstellungen für katholische Kirchen im Umland. „Ich wurde in der Ausstellung immer wieder gefragt: ‚War er denn so religiös?‘“, berichtet Valentina Vlašić. „Eigentlich gar nicht. Ein Gottglaube war da, aber sonderlich religiös war er nicht. Das war die Tatsache, dass die Kirchen weiterhin nach eigenem Ermessen Aufträge vergeben durften.“

Mit Pastor Franz Vaahsen verband Mataré außerdem der widerständische Geist im Untergrund. Beide waren Teil der Gruppe der sogenannten Kerzianer. Man traf sich bei Kerzenschein und diskutierte das Unbehagen gegenüber dem nationalsozialistischen Regime. Zu diesem Kreis gehörten u. a. Matarés Akademiekollege, der Maler des Rheinischen Expressionismus Heinrich Nauen, und der Publizist Wernher Witthaus. „Es würde sich lohnen, diesen Teil von Matarés Biografie weiter zu erforschen“, meint Vlašić.

Auch in der Nachkriegszeit konnte Mataré auf die Kirche zählen. 1947 erhielt er den Auftrag, zum anstehenden 700. Jubiläum neue Türen für den Kölner Dom zu gestalten. Mittlerweile lehrte er auch wieder an der Düsseldorfer Kunstakademie; die britische Militärregierung hatte rasch nach Kriegsende für seine Wiederberufung gesorgt. So konnte er bei dem anspruchsvollen Projekt auch seine Meisterschüler einspannen. Einer von ihnen war Joseph Beuys (1921–1986), der auf einer der Dom-Türen seine eigene Marke setzte, indem er in der Mitte eines Kreuzes anstelle des vorgesehenen dunklen Mosaiksteins einen Spiegel anbrachte – seinen „Rasierspiegel“, wie er ihn später taufte.

Viele weitere Auftragsarbeiten, auch von Unternehmen und solventen Privatleuten, sicherten Mataré und seiner Familie in den Wirtschaftswunderjahren ein gutes Auskommen. Die freie künstlerische Arbeit trat dagegen in den Hintergrund, was ihn grämte, wie man aus seinen Aufzeichnungen weiß. Ewald Mataré führte seit seiner Berliner Studienzeit bis kurz vor seinem Tod akribisch Tagebuch. Seine Tagebücher wurden von Hanna (1973) und Sonja Mataré (1997) jeweils mit unterschiedlichen Streichungen herausgegeben. „Mataré war ja nach 1945 einer der wenigen Künstler, die greifbar waren. Viele mussten fliehen, nicht wenige wurden ermordet“, erklärt Vlašić. So wurde er, besonders in Nordrhein-Westfalen, zum Mann der Stunde, wenn es um Kunst am Bau ging, die man sich damals gerne leistete. Zahlreiche Modelle seiner kirchlichen wie weltlichen Reliefs und Skulpturen gehören zu den jüngst restaurierten Gipsobjekten im Museum Kurhaus Kleve. Dort ist der „Kosmos Mataré“ bei Weitem noch nicht vollständig erschlossen: Es warten aus dem Nachlass umfangreiche Korrespondenzen u. a. mit Herwarth Walden, Gründer der expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“, dem Kunsthändler Alfred Flechtheim und dem Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe, Skizzen für architektonische Projekte und die originalen Manuskripte der Tagebücher auf ihre wissenschaftliche Bearbeitung.

Daniela Kummle ist Kulturwissenschaftlerin und stellv. Leiterin Kommunikation & Medien der Kulturstiftung der Länder.

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