Viel zu lange zählte Georg Lührig (1868–1957) zu den vergessenen Dresdner Künstlern. In Göttingen geboren, lebte er fast fünf Jahrzehnte in der Stadt an der Elbe und wurde so zu einem „Meister in Dresden“. Zusammen mit Hans Unger, Sascha Schneider, Oskar Zwintscher und Richard Müller gehört er zu den Künstlern, welche die damals aktuellen Strömungen des Jugendstils und des Symbolismus in eine geheimnisvolle und faszinierende Bildsprache fassten, die es heute wieder zu entdecken und zu erforschen gilt. Für seine Landschaften, Tierdarstellungen und Porträtarbeiten experimentierte er mit unterschiedlichen Arbeitsmaterialien und Techniken, darunter Kohle, Bleistift, Aquarellfarbe sowie Lithografie. Zu Lührigs Hauptwerken zählen aber seine monumentalen Fresken und Wandbilder, die zwischen 1904 und 1932 im Rahmen von Auftragsarbeiten für öffentliche Gebäude entstanden und die 1945 in Flammen aufgingen.
Dank reger Ausstellungsaktivitäten war Lührig zwischen 1909 und 1916 auch in Wiesbaden sehr präsent. Dann folgte eine fast 100-jährige „Ruhepause“. Sie war sicherlich zum einen dem Umstand geschuldet, dass es nach dem Ersten Weltkrieg eine deutliche Abkehr der Publikumsgunst von jener Kunst des Jugendstils und Symbolismus gab, zu der man Lührigs bisheriges Werk im weitesten Sinne zählen darf. Zum anderen war der Künstler dank seines Professorengehalts – er trat 1916 die Nachfolge Oskar Zwintschers (1870–1916) an – nicht mehr ausschließlich auf den Kunstmarkt angewiesen, sondern musste mehr Zeit in seine Lehrtätigkeit investieren. Und nicht zuletzt: Es gab im Museum Wiesbaden keine Werke Lührigs, an die sich in der Folge aus Sicht der Sammlung hätte anknüpfen lassen können. So blieb die Annäherung zwischen Künstler und Stadt nur eine kurze Episode.
Mittlerweile stellt sich die Situation für uns am Museum Wiesbaden gänzlich anders dar. Lührig ist nun mit einem beachtlichen Konvolut an Arbeiten ein wichtiger Künstler des Jugendstils Dresdner Prägung in unserer Sammlung. Wie kam es zu so einem radikalen Richtungswechsel nach so langer Zeit? Der entscheidende Wendepunkt war die öffentliche Präsentation der Jugendstilsammlung Ferdinand Wolfgang Neess im Jahr 2019. In der Schenkung befinden sich auch einige Werke mit direktem Dresdenbezug und aus Lührigs künstlerischem Umfeld, darunter zwei Porträts von Oskar Zwintscher. 2022/23 richteten dann im Zuge einer Kooperation das Albertinum in Dresden und das Museum Wiesbaden jeweils eine Ausstellung mit dem Ziel einer grundlegenden Neubewertung des Künstlers und des Dresdner Jugendstils aus. In der Wiesbadener Schau war auch Zwintschers engstes künstlerisches Dresdner Umfeld ein Thema, zu dem unter anderem Georg Lührig zählte. Von ihm zeigten wir ein Konvolut an grafischen Arbeiten und das Gemälde „Pelikan“ aus seiner rumänischen Zeit um 1900/01, das rasch zu einem Besucherliebling wurde. Angespornt durch diesen Erfolg, erwarb das Museum im Folgenden gleich fünf Werke.
Einige Zeit nach der Beendigung der Zwintscher-Ausstellung setzte sich Helmut Lührig, der Enkel Georg Lührigs, mit mir in Verbindung, um mitzuteilen, dass sich weite Teile des Nachlasses seines Großvaters noch im Familienbesitz befänden. Eine Fahrt nach Leverkusen war letztlich nicht nur der Auslöser für die aktuelle Ausstellung „Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden“, sondern für alles, was vor der Schau erfolgt ist und was zukünftig geschehen wird. Gemeinsam mit Inge Knoblauch, einem Mitglied der Familie Lührig, die sich seit Jahren um die wissenschaftliche Aufarbeitung und Vermittlung von Georg Lührigs Werk kümmert, wurde der Nachlass vor Ort gesichtet. In Anbetracht der Tatsache, welche Irrungen und Wirrungen die Objekte überstanden hatten – in ihnen verbinden sich Familiengeschichte und deutsch-deutsche Geschichte –, muss erst einmal in Demut ihr bloßes Vorhandensein gewürdigt werden. Sie hatten vielen Extremen getrotzt, um zuletzt in einem Leverkusener Keller ihrem weiteren Schicksal entgegenzusehen.
Das sehr umfangreiche Konvolut aus dem Nachlass der Familie Lührig beinhaltete vor allem mehr als 60 Bahnen auf Papier und Leinwand, zumeist ausgearbeitete Entwürfe zu Lührigs beiden monumentalen Wandgemälden in Dresden, die im Krieg zerstört wurden. Dabei handelt es sich um die Fresken „Der Tag“ und „Die Nacht“ im Kultusministerium in Dresden (beauftragt 1904, vollendet 1912) sowie um das großformatige Gemälde „Feuer, Wasser, Erde, Luft und der Mensch als ihr Herr“ für die Aula der Dreikönigsschule von 1932. Sie sind als Herzstück seines Œuvres anzusehen und zeigen seine kunsthistorische Bedeutung als herausragender Freskenmaler in Dresden. Diese Meisterstücke der deutschen Monumentalmalerei sind im Original unwiederbringlich verloren, entsprechend kommt den erhaltenen Entwürfen eine große kulturhistorische Bedeutung zu. Als zentrale Zeugnisse einer versunkenen Epoche deutscher Kunst dokumentieren sie maßgebliche Entwicklungen des Jugendstils und Symbolismus in Dresden.
Der Zustand des Ateliernachlasses erwies sich jedoch als äußerst kritisch. Unter anderem hatte die ungeeignete Lagersituation zu bereits sichtbaren Schäden geführt. Insbesondere die Leinwände waren unsachgemäß und zu eng gerollt worden, was die Ablösung von Farbschollen und die Bildung von Fäulnisstellen zur Folge hatte. Die Papierarbeiten wiesen zudem Spuren von Schädlingsfraß durch Papierfischchen auf. Es war offensichtlich, dass die Objekte in ihrem derzeitigen Zustand nicht ausstellungsfähig waren. Uns wurde bewusst, dass der gesamte Bestand in hohem Maße gefährdet war, wenn kurzfristig keine Sicherung erfolgte. Deshalb verschoben sich gleich zu Beginn des Projekts die Prioritäten. Anstelle einer wissenschaftlichen Erschließung mit Katalog und Ausstellung musste zuerst das weitere Fortschreiten der Schädigung verhindert, das Material gerettet werden. Alle Objekte aus Papier wurden zunächst als Ersthilfe in eine Stickstoffkammer verbracht, entseucht, und die Lagerbedingungen wurden generell optimiert. Im Anschluss fand eine Objektauswahl statt, bei der Leinwände und Papierbahnen für weitere konservatorische Behandlungen bestimmt wurden. Dazu zählten Planierung der Deformationen, die sehr diffizile Festigung loser Teile, insbesondere der instabilen zerfressenen Randbereiche, Anstückungen und Schließen von Löchern, Festigung loser Malschichtteile und präsentationsfähiges Montieren.
Dank der Kulturstiftung der Länder und ihrem Freundeskreis war es möglich, diese umfangreichen und kostspieligen Aufträge an museumsexterne, auf Probleme dieser Art spezialisierte Restauratorinnen und Restauratoren vergeben zu können. Voraussetzung war, dass alle jene Objekte, die mit Fremdgeldern restauratorisch bearbeitet werden sollten, zuvor in den Besitz des Museums übergegangen waren. Dank des großzügigen Entgegenkommens der gesamten Familie Lührig war die Rettung dieses Kunstschatzes möglich. Sie alle stellten sich ausnahmslos (und die Familie ist nicht klein) in den Dienst der Sache: die stark geschädigten und nicht ausstellungsfähigen Kunstwerke von Georg Lührig zu sichern, sie zu erhalten und dauerhaft zu vermitteln. Auf diesem verschlungenen, letztlich aber auch konsequenten Weg ist das Museum Wiesbaden so zu einem umfangreichen Œuvre des Künstlers gekommen. Es hat eines gemeinsamen Kraftaktes bedurft, um nachzuholen, was in den 1910er-Jahren nicht stattgefunden hatte. Dass sich im Museum nun Lührigs Studien zu seinen verlorenen Fresken befinden, die zu seinen qualitativ spannendsten Werken gehören, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Präsentation der aktuellen Ausstellung. Diese „Auferstehung“ des Künstlers über großformatige Vorzeichnungen und Ölstudien ist den Erben und dem Engagement der Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit ihrem Freundeskreis zu verdanken, ohne deren finanzielle Unterstützung die aufwendige Restaurierung nicht hätte stattfinden können. Sie bilden die einzig verbliebene visuelle Quelle für Georg Lührigs monumentales Schaffen und ermöglichen eine Rekonstruktion seines künstlerischen Vermächtnisses. Als zentrale Zeugnisse, die eine versunkene Epoche deutscher Kunst dokumentieren, flankiert von einer digitalen Animation, dokumentieren sie maßgebliche Entwicklungen des Jugendstils und Symbolismus in Dresden, einer künstlerischen Hochburg um 1900.
Dr. Peter Forster ist Kustos Sammlungen 12. bis 19. Jahrhundert/Jugendstilsammlung und F. W. Neess Beauftragter für Provenienzforschung im Museum Wiesbaden.
Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden
Museum Wiesbaden. Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
bis 17.1.2027