barockes Treppenhaus
AUSSTELLUNG NORDRHEIN-WESTFALEN

In Vielfalt erbaut

Die Ausstellung „Rokoko under Construction“ beschäftigt sich mit den Architekten, Handwerkern und Künstlern, denen das UNESCO-Welterbe Schloss Augustusburg in Brühl seine Strahlkraft verdankt / Matthias Hannemann

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Manche Leute inszenieren sich gern. Clemens August zum Beispiel. Er wurde im Sommer 1700 in die einflussreiche Familie der Wittelsbacher geboren, war von Herbst 1723 bis zu seinem Tod 1761 der Erzbischof und Kurfürst von Köln, außerdem Fürstbischof von Münster, Paderborn, Hildesheim und Osnabrück, und als sei diese Herrschaft über weite Teile des Rheinlands und Westfalens nicht erfüllend genug, diente er bald auch noch als Hochmeister des Deutschen Ordens.

Dem Sommersitz, den sich dieser Mann vor den Toren der freien Stadt Köln errichten ließ, Schloss Augustusburg in Brühl, sieht man diesen Machtanspruch an. Clemens August ließ ihn ab 1725 auf den Überresten der mittel­alterlichen Wasserburg-Anlage erbauen, ein verschwenderisch großes Gebäude mit pompösem Treppenhaus, „Appartements“ im Rokokostil und weitschweifendem Barock-Park samt Jagdschloss. Es geriet nicht ganz so prächtig wie das Schloss des französischen „Sonnen­königs“ Ludwig XIV. in Versailles. Doch das Vorbild ist unverkennbar.

Ab 1732 kam der Kurfürst jeden Sommer nach Brühl und lud zu selbstherrlichen Festen. Das übrige Jahr verbrachte Clemens August in seinem Residenzschloss in Bonn, in Westfalen oder bei der Verwandtschaft in Bayern. Was für die Handwerker nicht unpraktisch war. In Brühl stand lange nämlich kaum mehr als der Rohbau. Die Arbeiten zogen sich mit Unterbrechungen über viereinhalb Jahrzehnte hin. Erst sieben Jahre nach dem Tod des Bauherrn galt Augustusburg als vollendet.

In der kurfürstlichen Wohnung von einst, dem „Gelben Appartement“, ist bis November nun eine Ausstellung über die vielen Köpfe hinter der Pracht des Schlosses zu sehen. Sie nennt sich forsch „Rokoko under Construction – the Making of Schloss Augustusburg“, wird von der Kulturstiftung der Länder mitfinanziert und zeigt in acht Räumen, dass der Schlossbau eine Teamleistung war.

Diesmal geht es also nicht um den Bauherrn wie im Jahr 2000 in der großen Ausstellung „Der Riss im Himmel“ über „Clemens August und seine Epoche“, sondern um seine Architekten, Maurer, Schreiner, Freskenmaler und Stukkateure. Sie kamen zum Teil von weither, mit eigenen ästhetischen Vorstellungen und dem dazugehörigen Knowhow. Die Ausstellungsmacher Benedikt Bauer und Xenia Schürmann betonen deshalb den Wissenstransfer, ausdrücklich mit Parallelen ins Heute: „Die Handwerker aus der Ferne brachten ihren Geschmack und ihr Können ins Rheinland, was wir selbst bei der Auswahl des Streetfoods auf der bewirtschafteten Schlossterrasse anzudeuten versuchen.“

Im Schloss gezeigt werden rund hundertfünfzig Objekte. Das spektakulärste von ihnen ist zweifellos der aus der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe geliehene große Entwurf für das Deckenfresko im Treppenhaus. Vertraut machen können sich die Besucher aber auch etwa mit den Arbeitstechniken, sie erfahren aus Briefen von den Werkstatt-Rivalitäten während des Baus. Schilderungen von Reisenden, die das Schloss schon im 18. Jahrhundert bestaunten, werden an einer Hörstation als „O-Ton der Zeit“ ­lebendig. Eingesprochen haben diese Texte Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer der Erich-­Kästner-Realschule in Brühl, die eine UNESCO-Projektschule ist.

Zusätzlich gibt es Erklärvideos, Mitmachstationen und ein Begleitprogramm, das die Faszination Rokoko an Kinder weiterzureichen versucht: „Töpfern für Rokoko-Fans“ oder auch „Rokoko fürs Smartphone“, ein Event, bei dem ein kunstvoll geschmücktes Handy-Stühlchen entsteht.

Der Baugeschichte des Schlosses wird derzeit ein weiteres Kapitel hinzugefügt: Gerade läuft die Sanierung der Orangerien. Aber das ist auf der Postkartenseite mit Ehrenhof nicht zu bemerken. Der Weg in die Ausstellung führt über das ­Vestibül, in dem einst die Kutschen vorfuhren, und das schmucke, in seinen Details auf den ersten Blick gar nicht zu fassende Treppenhaus aus den 1740er-Jahren. Maßgeblich geplant hat diese Treppe der Barock-Baumeister Balthasar Neumann (1687–1753), gerühmt auch als Schöpfer der Treppenhäuser in der Residenz Würzburg und Schloss Bruchsal.

Die Ausstellungsmacher wollen die Aufmerksamkeit aber vor allem auf Künstler lenken, die nicht sofort in einem Atemzug mit Brühl genannt werden – wie Giuseppe Artario (1697–1769) aus dem Tessin, der jahrzehntelang im Dienst des Kurfürsten stand und etwa die Stuck­arbeiten im Treppenhaus schuf, oder Carlo Carlone (1686–1775) aus der Lombardei, der einer Künstlerfamilie entstammte und bei der Arbeit am Deckengemälde, das man gleich in mehrfacher Hinsicht als himmlisch bezeichnen darf, ein vielerorts in Süddeutschland, Österreich und Oberitalien geschätzter Mann war.

Auch die Namen der Baumeister, auf die das Gemäuer zurückgeht, sind außerhalb kunsthistorischer Seminare kaum ein Begriff. Als die Arbeiten 1725 be­gannen, stammten die Pläne vom jungen ­Johann Conrad Schlaun (1695–1773), der parallel auch die Umgestaltung des „westfälischen Versailles“ in Nord­kirchen vorantrieb, bald darauf vom Wallonen François Cuvilliés (1695–1768), der an der Pariser Académie royale d’architecture ausgebildet worden war und prunkvoller als sein Vorgänger dachte.

Bei der Ausführung des Baus vertraute Cuvilliés auf die Dienste von ­Michel Leveilly (ca. 1700–1762), der in Bonn in jenen Jahren auch das verspielte Rathaus entwarf. Die Ausführung der Muschelwerk-Verzierung an der Decke des Speisezimmers, die erste „Rocaille“ in Deutschland, legte er wiederum in die Hände der Familie Castelli, auch wieder aus dem Tessin.

Viele weitere Namen aus den archivalisch erhaltenen Rechnungs- und Planungsunterlagen des Schlossbaus könnte man nennen, entscheidender ist ein Blick auf die Karte: Aus der Umgebung stammten etwa die Maurer und Tagelöhner, die ihr Material vom Drachenfels und aus der Eifel bezogen, an der Kirche ihre Lehmziegel brannten oder später Kamine aus dem aufgegebenen Jagdschloss im Kottenforst herüberschafften. Aus der Ferne kamen die Spezialisten: niederländische Bildhauer, schwedische Maler, belgische Musterzeichner (Dessinateure), Vergolder aus Frankreich oder die bereits erwähnten Stuckateure und Freskenmaler aus dem Tessin und Oberitalien.

Am Ende erkennt man: Schloss Augustusburg ist ein europäisches Gemeinschaftskunstwerk. Schade ist allein, dass die Schau nicht langfristig im Schloss verbleiben wird. Wenn sie im November schließt, wird man Augustusburg nur wieder im Rahmen geführter Touren erleben können. Dabei hätte doch eine Dauerausstellung so viel zu erzählen, vom aufwendigen Bau über das Hofleben bis zur Besetzung durch Napoleons Truppen 1794 oder den Staatsempfängen der „Bonner Republik“, die in dem schillernden Ambiente, in dem sich einst der Kurfürst und „Monsieur des cinq églises“ repräsentiert ­wissen wollte, das Kontrastprogramm zur betont bescheidenen Architektur am Regierungssitz gewesen sind.

Dr. Matthias Hannemann ist Historiker und freier Journalist.

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Mehr Informationen

Erfahren Sie mehr über die Ausstellung im Podcast „Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder“. Den Podcast der Kulturstiftung der Länder können Sie auf allen einschlägigen Podcast-Plattformen und auf YouTube abonnieren.

Rokoko under Construction – the Making of Schloss Augustusburg

Schloss Augustusburg
50321 Brühl

bis 1. November 2026

www.schlossbruehl.de

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