Schon lange bevor der Begriff „Recycling“ entstand, war die Wiederverwendung von Rohstoffen ein tief verwurzelter Bestandteil zivilisatorischer Kultur: In der Antike erhielten Metalle und Glas, indem sie eingeschmolzen wurden, stets neue Formen und Funktionen. Im Mittelalter spielten Lumpensammler eine zentrale Rolle für die Papierherstellung. Textile Reststücke, die bis in die Fasern zerkleinert wurden, waren der wichtigste Rohstoff, bevor Holzfasern genutzt wurden. Nun stieß das Stadtarchiv Dresden auf faszinierende Zeugnisse historischer Nachhaltigkeit: Bucheinbände aus recyceltem Pergament.
In den Beständen des Dresdner Ratsarchivs sowie in den Archiven der Gerichte und Innungen fielen jene Protokollbücher und Register auf, bei denen Inneres und Äußeres nicht zusammenpassen wollten. Inhaltlich dokumentieren die Bände frühneuzeitliche Aufzeichnungen wie frühe Steuerlisten, Rechnungen und Protokolle der Handwerkerinnungen, doch ihre Einbände tragen mit sichtbaren Spuren des Mittelalters ältere Merkmale. Die Einbände aus Pergament zeigen Noten- und Handschriften mit aufwendig bemalten Initialen, die einst mit besonderer Sorgfalt ausgeführt und kunstvoll mit dekorativen, teils vergoldeten Buchmalereien ergänzt worden waren. Die hochwertige Anfertigung und der Zuschnitt aus größeren Formaten lassen auf die einst repräsentative Nutzung des mittelalterlichen Umschlagmaterials im kirchlichen Kontext schließen.
Der erstaunlichen Entdeckung gingen die Mitarbeitenden des Stadtarchivs in den Jahren 2021 und 2022 systematisch auf den Grund und trugen in den Dresdner Archiven schnell rund 70 mittelalterliche Handschriftenfragmente zusammen, die in den Jahren zwischen 1550 und 1670 als Buch- und Akteneinbände recycelt wurden. Auch Wiegedrucke – die frühen Formen des Buchdrucks aus der Zeit zwischen ca. 1200 und 1520 – wurden in diesem Zusammenhang erfasst. Die überwiegende Mehrheit der Fragmente stammt aus religiösen und liturgischen Handschriften, Antiphonalien, Mess- und Stundenbüchern oder Predigten. Ihrer eigentlichen liturgischen Funktion im Zuge der Reformation in Sachsen beraubt, wurden die Handschriften im großen Umfang aus den Dresdner Pfarrkirchen und Klöstern entfernt und nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Materialwertes von der Stadt in Ausübung weltlicher Machtbefugnisse entgegengenommen. Bis zur schrittweisen buchbinderischen Weiterverarbeitung vergingen mitunter Jahrzehnte. Neu und durchaus ideenreich zugeschnitten zeugen die robusten Umschläge heute nicht nur vom ökonomischen Antrieb der neuzeitlichen Einbandmacher. Indem sie besonders prächtige Pergamentpartien effektvoll platzierten, etwa zentriert oder am sichtbaren Rücken, ließen die zeitgenössischen Buchbinder gestalterische Überlegungen in ihre Arbeit einfließen.
Für das kulturelle Gedächtnis Dresdens ist die besondere Entdeckung ein Glücksfall: Obwohl spätere Aufschriften sich teilweise über die ursprünglichen Texte gelegt haben, blieben diese klar erkennbar. Damit liefern die Fragmente als wertvolle kulturgeschichtliche Zeugnisse, die von der Stadt im Wandel der Zeit erzählen, einen einzigartigen Erkenntnisgewinn. Nur wenige Quellen in derartiger Vielfalt und Qualität haben sich über die flächendeckende Konsequenz der Reformation hinweg in Sachsen und anderen protestantischen Gebieten Deutschlands erhalten können.
Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und ihres Freundeskreises soll nun mit 32 Objekten rund die Hälfte der zusammengetragenen Bände gereinigt, konserviert und digital erschlossen werden. Vor der Erneuerung der Bindungen werden die empfindlichen Fragmente vorübergehend gelöst – eine seltene Gelegenheit, hochauflösende Digitalisate zu erstellen. Zukünftig sollen diese, zum Beispiel in der einschlägigen wissenschaftlichen Datenbank „Fragmentarium“, der Forschung bereitgestellt werden. Die seltenen Überreste vorreformatorischer Kulturgeschichte werden somit von internationalen Forschungsvorhaben und interessierten Freunden der mittelalterlichen Schriftkultur gleichermaßen entdeckt werden können.
Juliane Kummer ist Kunsthistorikerin und Referentin des Vorstands des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder.