Grabsteinplatte und Blumen
OPERATIVE PROJEKTE / KOLONIALE KONTEXTE

Ein neuer Stern im Kreuz des Südens

Der Versuch, ein Trauma zu heilen: Die Lübecker Sammlung der Kulturen der Welt hat Indigenen aus Chile den Schädel eines Vorfahren zurückgegeben / Friederike Grabitz

Der Chilene Hoshkó ist schon seit mehr als 110 Jahren tot, als sein Schädel im Oktober 2024 auf dem Vorwerker Friedhof in Lübeck bestattet wird. Der Grabstein ist aus geschliffenem dunkelgrauen Schiefer, darauf glitzern vier Swarovski-Kristalle, in einer Raute angeordnet als „Kreuz des Südens“.

Hoshkó ist der am weitesten gereiste Verstorbene auf dem Totenacker, und er ist das erste Opfer kolonialer Gewalt, das auf einem deutschen Friedhof bestattet wurde. Er kam 1914 unfreiwillig nach Lübeck. Damals schenkte ein Feuerland-Reisender, von dem nur der Name „P. Hoffmann“ überliefert ist, den aus einem Grab geraubten Schädel der damaligen Völkerkunde-Sammlung. Wie viele Schädel in Museen und Instituten, wurde er lange Zeit nicht als verstorbener Mensch behandelt, sondern als Objekt, Exponat und Untersuchungsgegenstand. Eine Delegation aus vier Vertreterinnen und Vertretern der indigenen Selk’nam ist nun aus dem südchilenischen Feuerland nach Lübeck gereist, um die sterblichen Überreste ihres Vorfahren entgegenzunehmen. Sie waren es, die ihn Hoshkó tauften, denn sein ursprünglicher Name ist nicht überliefert. Mit traditioneller Gesichtsbemalung und in Fellponchos geben die Indigenen in den pittoresken Hallen des Lübecker Renaissance-Rathauses ein beeindruckendes Fotomotiv ab für die Kameras der Presseteams, die nach Lübeck gekommen sind. Die Übergabezeremonie erregt bundesweite Aufmerksamkeit.

„Wir sind hier, um Ihnen Ihren Vorfahren zurückzugeben“, sagt der leitende Direktor der Lübecker Museen Tilmann von Stockhausen zu den Gästen aus Chile. In der Mitte des Raums steht eine mit grüngoldenen Ornamenten aus Lackfarbe aufwendig verzierte Holzkiste. Darin liegt der Schädel von Hoshkó – der nun kein Forschungsobjekt mehr ist, sondern ein Ahne der Selk’nam.

Ein Akt der Heilung für beide Seiten

Die spirituelle und politische Führerin der Gruppe Hema’ny Molina begrüßt ihren Ahnen in der Sprache der Selk’nam, ihre Stimme ist belegt vor Rührung. Dann unterzeichnen sie und der Leiter der Sammlung der Kulturen der Welt Lars Frühsorge feierlich eine Übergabe-Urkunde, mit der Hoshkó wieder in das Eigentum der chilenischen Indigenen übergeht. „Die Lübecker Museen sind nicht länger Herren über Hoshkó. Er ist befreit. Damit findet der Prozess ein gutes Ende“, sagt Molina. Im Anschluss an die offizielle Zeremonie bringen die Selk’nam Hoshkó auf den Lübecker Friedhof und begraben ihn, zunächst anonym und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie es in ihrer Kultur Sitte ist. Ein halbes Jahr später wird dort der Grabstein mit Hoshkós Namen und den Swarovski-Kristallen aufgestellt.

Meilenstein für die Anerkennung als Ethnie

Die zeremonielle Rückgabe und respektvolle Bestattung von Hoshkó war für die Selk’nam ein wichtiger Schritt in einem langen Kampf für die Anerkennung als Ethnie, für kulturellen Schutz und Selbstverwaltung. „Wir sind seit 10.000 Jahren in Feuerland. Den chilenischen Staat gibt es erst 200 Jahre. Seine Gesetze schützen alle, außer die ethnischen Gruppen“, sagt Molina. Dabei ging es für die Selk’nam (die früher auch als „Ona“ bezeichnet wurden) lange um die Frage, ob es sie überhaupt gibt. Bis 2023 galten sie in Chile als ausgestorben. Historische Fotos zeigen sie als „Riesen Patagoniens“, gekleidet in Guanako-Felle oder bemalt mit weißen Streifen und mit Masken auf dem Kopf, die junge Männer während Initiationsriten trugen. Um 1850 sollen noch 4.000 von ihnen gelebt haben, zur Hälfte in Argentinien und Chile. 1974, hieß es lange, starb die letzte von ihnen. „Sie wurden gejagt, getötet oder in Missionen gesperrt, wo es ihnen verboten wurde, ihre eigenen Bräuche zu leben“, erzählt Fernanda Oliveira, Selk’nam-Aktivistin und Leiterin der indigenen Kulturstiftung „Hach Saye“. Weiße Siedler drangen auf der Suche nach Gold oder Weideland in die Gebiete der Selk’nam ein, denen sie sich kulturell überlegen fühlten. Indigene Kinder wurden von Weißen zwangsadoptiert. „Aber wir haben unsere Kultur und Sprache nicht verloren“, sagt Oliveira. Sie haben eine eigene Flagge, ein Sternenhimmel mit Sichelmond. In einer Volkszählung 2017 identifizierten sich 1.147 Chileninnen und Chilenen aus sieben Familien als Selk’nam.

Bei ihrer Anerkennung als Ethnie spielen kulturelle Relikte eine wichtige Rolle. Aber wie lassen sich Objekte finden, die den eigenen Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren geraubt wurden und sich nun in einem Museum im fernen Europa befinden? Wer hat die Mittel, die Zeit, die Kontakte für jahrelange Recherchen?

Um 2020 begann in Deutschland der Aufbau einer institutionellen Infrastruktur, die die Linderung kolonialer Schuld durch die Rückgabe geraubter Kulturgüter oder menschlicher Überreste erleichtern soll. Den Impuls gab ein Papier der Staatsministerin für Kultur und Medien, des Auswärtigen Amtes und der Kulturministerien der Länder mit „Eckpunkten zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“. Darin bekannten sie sich zu Provenienzforschung und dem Dialog mit Herkunftsgesellschaften, zu postkolonialer Erinnerungskultur und der Rückführung von Kulturgut und menschlichen Überresten.

Für solche Rückführungen gibt es aus der Perspektive einst kolonisierter Gesellschaften neben finanziellen und eventuell sprachlichen Barrieren eine große Hürde: die unüberschaubare Anzahl von staatlichen Institutionen einerseits, ethnologischen Sammlungen andererseits bei uns. Hier kommt die „Kontaktstelle für Kulturgüter und menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten in Deutschland“ ins Spiel, die die Kulturstiftung der Länder 2020 noch unter dem Namen „Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland“ auf den Weg gebracht hat. „Wir beraten, und wir vernetzen Institutionen und indigene Gruppen“, fasst die für die Kontaktstelle mitverantwortliche Mitarbeiterin María Leonor Pérez Ramírez zusammen. Um das Angebot bekannt zu machen, ist sie bundesweit und international viel auf Veranstaltungen unterwegs. 2022 bekam sie einen Anruf aus Chile: Fernanda Oliveira fragte, ob sie etwas über Kulturrelikte der Selk’nam in deutschen Sammlungen herausfinden könne. Pérez Ramírez stellte zwischen Juni und August 2023 eine Anfrage an die Träger von Einrichtungen, die ethnologische Exponate aufbewahren. Dreizehn Institutionen gaben an, dass sie Selk’nam-Objekte haben, drei davon verwahren menschliche Überreste, darunter auch der Schädel von Hoshkó.

Nicht alle Museen wissen, woher ihre Exponate genau stammen, Provenienzforschung ist in der Regel langwierig und teuer. Sie erfordert viel Detektivarbeit, umfangreiches Wissen und oft eine enge Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften. Die Lübecker Sammlung konnte der Kontaktstelle antworten, weil sie ihre Bestände gut dokumentiert hat. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste hatte ihr ab 2022 ein Projekt finanziert, in dem sie die Herkunft der 26 Verstorbenen in der Sammlung erforschte. Im Rahmen dieser Forschung hatte es bereits erste Kontakte zu Selk’nam gegeben.

Den Schädel hatte Lars Frühsorge schon 2014, damals noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter, „in einer Kiste zusammen mit Bootsmodellen, Harpunen und Körben aus Feuerland“ gefunden. „Ihn auf diese Weise zum Objekt zu machen, fand ich damals schon problematisch“, erinnert sich Frühsorge. Unter seiner Leitung werden menschliche Überreste gesondert aufbewahrt und nicht mehr gezeigt. Sie werden im digitalen Archiv beschrieben, aber nicht auf Fotos abgebildet.

Hoshkós Rückgabe wurde aber erst möglich durch einen Beschluss der Lübecker Bürgerschaft 2022, nach dem sterbliche Überreste den Herkunftsgruppen zurückgegeben werden dürfen. Trotzdem sind 24 der 26 Verstorbenen noch in der Sammlung, nur ein Kinderschädel aus Peru konnte zurückgegeben werden. „Oft wissen wir von menschlichen Überresten nicht genau, woher sie stammen“, sagt Frühsorge, etwa bei Gebeinen aus ehemaligen deutschen Kolonien. Oder Indigene haben spirituelle Vorbehalte, wie eine Gruppe aus Neuguinea, diese wollten einen Verstorbenen nicht annehmen, sie sagten: „Er könnte auch ein Feind gewesen sein, dessen Fluch uns dann treffen würde. Also ist sein Bestattungsort hier, bei uns.“

2023 befragte Pérez Ramírez für die Kontaktstelle in einer (nicht repräsentativen) Umfrage ethnologische und anthropologische Einrichtungen nach menschlichen Überresten in ihren Sammlungen. 33 Institute und Sammlungen antworteten. Zusammen haben sie 17.000 menschliche Überreste aus allen Weltregionen erfasst. Ein Drittel der Bestände ist noch nicht inventarisiert, fast die Hälfte (46 Prozent) lässt sich geografisch nicht genau zuordnen. Von den 17.000 Objekten stammen nur drei aus Europa. 22 der 33 Einrichtungen hatten schon Anfragen für die Rückgabe von menschlichen Überresten, 20 Rückgaben wurden bereits abgeschlossen. Weil dieser Prozess sehr teuer sein kann, arbeitet Pérez Ramírez aktuell an einem Konzept mit, um Rückgaben auch finanziell zu unterstützen.

Aus Forschungsobjekten werden Freunde

Wenn auf die Untersuchung der Provenienz von Museumsobjekten eine Rückgabe folgt, haben beide Seiten etwas davon. Die Institutionen profitieren vom Rückgabeprozess, sagt Pérez Ramírez: „Sie vernetzen sich und bekommen Kooperationsmöglichkeiten, und es ist wichtig für die Öffentlichkeit zu sehen, dass koloniales Unrecht aufgearbeitet wird.“ Für die Gemeinschaften konnte der (oft unfreiwillige) Export von Kulturgütern ein großer Verlust sein, der „ein unglaubliches Chaos angerichtet hat“. Dann ist ihre Rückgabe „sehr wichtig für das kulturelle oder spirituelle Leben“.

Fernanda Oliveira ergänzt, dass „wir viele Aspekte unserer Kultur vergessen haben. Wenn die Museen ihre Archive für uns öffnen, können wir dabei auch lernen, was unsere Vorfahren konnten, etwa besondere Muster beim Weben von Körben“. Sie hätten gerne noch mehr Ressourcen, um die Kulturgüter der Selk’nam aus Deutschland nach Chile zu holen, sagt Oliveira, „Wir sind wenige, und wir arbeiten Vollzeit in anderen Jobs. Eine Rückgabe wäre wichtig für uns als Ethnie und auch, um einen Schlussstrich zu ziehen unter die Politik des Kolonialismus.“ Während des Rückgabeprozesses von Hoshkó gewannen die Mitarbeitenden der Lübecker Sammlung mit den Selk’nam nicht nur Kooperationspartner, sondern Freunde. Nach anfänglicher Skepsis führten die Gäste aus Chile vertrauensvolle Gespräche, es gab gegenseitige Besuche. Die Selk’nam besuchten eine archäologische Stätte der Slawen und interessierten sich für die Friesen als Indigene Norddeutschlands. Im September 2023 konzipierten und gestalteten sie in Lübeck eine Ausstellung über Feuerland-Kulturen mit. Im Herzen der Ausstellung ließen sie einen dunklen Raum einbauen, in dem der Sternenhimmel des Südens nachgebildet war. Im Glauben der Selk’nam werden Verstorbene zu Sternen. Hoshkó hat als einer der südlichen Sterne am Firmament seine letzte Ruhe gefunden – nach 110 Jahren.

Friederike Grabitz ist freie Journalistin.

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