Erwerbungsförderung

Der unbekannte Bekannte

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach erwirbt den schriftlichen Nachlass des Publizisten und Schriftstellers Bernard von Brentano. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte den Ankauf.

Hellsichtig hatte er den Abgrund erkannt, an dem Deutschland stand: Schon 1932 publizierte Bernard von Brentano (1901-1964) sein Pamphlet „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ über die Gefahr des Nationalsozialismus. Der Schriftsteller, dessen Werke nach der Machtübernahme verboten wurden, verließ Deutschland bereits 1933 in Richtung Schweiz. Seinen dort entstandenen, 1936 erschienenen Roman „Theodor Chindler“ nahm die Weltpresse begeistert auf, der Pariser Figaro verglich das Werk mit Thomas Manns „Buddenbrooks“: Mit autobiographischen Anleihen zeichnet Brentano das Porträt einer großbürgerlichen katholischen Familie zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Der Sohn eines früheren hessischen Ministers, der aus der berühmten Dichterfamilie Brentano stammt, gehört in den Kreis der bedeutenden Erzähler der Zwischenkriegszeit, stand aber im Schatten der bekannten und populären Schriftsteller wie Erich Kästner, Joseph Roth, Hans Fallada und Erich Maria Remarque. Prägend zu seiner Zeit, aber weitgehend unbekannt in der Öffentlichkeit wie in der Wissenschaft heute: Die besondere Rolle von Bernard von Brentano in der Literatur- und Zeitgeschichte gilt es noch detailliert zu untersuchen.

Briefe von Joseph Roth an Bernard von Brentano; © Foto: DLA Marbach
Briefe von Joseph Roth an Bernard von Brentano; © Foto: DLA Marbach

Als Journalist in Berlin und im Exil als Autor der Neuen Zürcher Zeitung und der Weltwoche schrieb Brentano Reportagen über das moderne städtische Leben, Literatur- und Filmkritiken, politische Kommentare und Reiseberichte. Als Redakteur des Berliner Büros der Frankfurter Zeitung von 1925 bis 1930 sowie als Autor des Rowohlt Verlages nahm Bernard von Brentano eine Schlüsselposition im literarischen Leben Deutschlands ein. Das macht die Übernahme des Nachlasses für die Forschung so interessant, denn in ihm finden sich umfangreiche Korrespondenzen mit Weggefährten, u. a. mit Theodor W. Adorno, Gottfried Benn, Joseph Breitbach, Alfred Döblin, Hans Fallada, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, André Gide, Hermann Hesse, Theodor Heuss, Ödön von Horváth, Carl Gustav Jung, Ernst Jünger, Alfred Kantorowicz, Marie Luise Kaschnitz, Sinclair Lewis, Thomas Mann, Erwin Piscator, Joseph Roth, Carl Schmitt, Anna Seghers, Friedrich Sieburg, Upton Sinclair, Peter Suhrkamp, Gabriele Wohmann und Carl Zuckmayer.

Bernard von Brentano (1901-1964); © Foto: DLA Marbach
Bernard von Brentano (1901-1964); © Foto: DLA Marbach

Zum Nachlass gehören neben Manuskripten zu gedruckten wie unpublizierten Romanen, Erzählungen, Theaterstücken, Essays und Kritiken auch Tagebücher und eine größere Sammlung von Fotografien. Damit wird das enorme Repertoire des Autors Brentano, der ab 1949 wieder in Deutschland lebte, sichtbar. Durch die nahezu uneingeschränkte Öffnung des Nachlasses (bis auf einige Familienbriefe) lässt sich nun Brentanos Entwicklung als Schriftsteller und Journalist nachzeichnen: von der katholisch geprägten Herkunft über sein Eintreten für den Kommunismus bis hin zur Wandlung zum entschiedenen Kritiker der linken Bewegung und des Stalinismus. Der Ankauf wurde von der Kulturstiftung der Länder und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt.

Unterlagen zum Roman Theodor Chindler; © Foto: DLA Marbach
Unterlagen zum Roman Theodor Chindler; © Foto: DLA Marbach

Frank Druffner, kommissarischer Generalssekretär der Kulturstiftung der Länder, sagte:
„Die Kulturstiftung der Länder freut sich, an der Erwerbung des Gesamtnachlasses von Bernard von Brentano beteiligt zu sein. Der Autor, der dem Versagen der Eliten im Ersten Weltkrieg mit seinem Roman ‚Theodor Chindler‘ scharfsichtig und kenntnisreich ein viel beachtetes literarisches Denkmal setzte, geht zum 100. Jubiläum des Kriegsendes in das Eigentum des Deutschen Literaturarchivs Marbach über. Insbesondere seine Briefe verzahnen sich dort mit den Hinterlassenschaften zahlreicher seiner Korrespondenzpartner. Die Forschung wird durch die Arbeit mit dem Nachlass vielfältige neue Impulse empfangen.“