Der Geschichte Europas mangelt es nicht an Umbrüchen und Epochenschwellen. Doch keine besitzt wohl mehr Prominenz als die Zeit um 1500. Die dort ausgemachten Veränderungen betrafen alle Lebensbereiche. Vornehmlich Städte, Höfe, Universitäten oder Unternehmen werden als die Orte ausgemacht, an denen sie kulminierten und insofern historisch greifbar werden. Klöster scheinen nicht in diese Reihe zu passen. Sie gelten zwar – wie ungezählte Bauten, Kunstschätze und Bücher noch heute bezeugen – als wichtige, über Jahrhunderte praktisch auch exklusive Kultur- und Bildungsorte und damit Orte des Wissens, der Innovation und des Wandels, aber dies scheint eher für frühere Abschnitte des Mittelalters zu gelten, deren Überwindung um 1500 im vollen Gange war. Bücher aus dieser Zeit zeigen jedoch, dass Klöster als Akteure zeitgenössische Wandlungsprozesse mittrugen und gestalteten. Als Einheit von Inhalt und Materialität, als Objekte insgesamt erweisen sie sich dabei als Kristallisationskerne, die im Miniaturformat zahlreiche zeitgenössische Transformationen spiegeln.
Bereits im 14. und stärker noch im 15. Jahrhundert erkannten viele Menschen zahlreiche Herausforderungen, denen mit einem „Weiter so“ nicht beizukommen war: Kriege, Hunger, Krankheiten, wirtschaftlicher Niedergang, soziale und politische Emanzipationsbewegungen, Verfall christlicher Moral – besonders innerhalb der Kirche bzw. ihrer Amtsträger. Die Männer und Frauen in den religiösen Gemeinschaften sowie die Geistlichen bildeten keine Ausnahme. Abhilfe oder gar Auswege suchten sie bei dem in ihren Kreisen besonders geschätzten Ansatz der grundlegenden Erneuerung, dem „Zurück zu den Wurzeln“: also Reformieren, um das eigene Profil – der Kirche, des Ordens oder der Gemeinschaft – freizulegen und damit den „richtigen“, sprich: gottgewollten Pfad als Ausweg aus der Krise wiederzufinden. Wissen und Bildung, als deren wichtigstes Instrument der auf Pergament geschriebene und nunmehr seit der Mitte des 15. Jahrhunderts auch auf Papier gedruckte Codex fungierte, kamen dabei in einer Gesellschaft, die durch das Christentum als Buchreligion geprägt war, eine Schlüsselrolle zu. Das galt gerade auch für die Benediktinerklöster, in denen die Gemeinschaft eigentlich und ausschließlich dem Gebot des Betens und Arbeitens verschrieben war und daher gegenüber Bildungsinhalten und -praktiken vielfach Skepsis, ja Distanz entwickelt hatte.
Vorhandenes Wissen über Gott und die Welt aufzugreifen, aktuellen Fragen anzupassen und buchstäblich zu modernisieren, um den Glauben zu erneuern und so die Probleme der Gegenwart anzugehen, wurde um 1500 besonders im Hildesheimer Godehard-Kloster verfolgt. Dort hatte man sich nach langem Ringen 1466 der Bursfelder Kongregation angeschlossen, einer überregional, bis in die Niederlande, Belgien und Dänemark vernetzten Vereinigung nord- und mitteldeutscher Benediktiner-Klöster, die zu grundlegenden Reformen des Ordenslebens verpflichtete. Schriftnutzung und -gebrauch, kurz: „Bildung“ spielte eine wichtige Rolle innerhalb eines umfangreichen Reformpakets, das man sich unter den Mitgliedern verordnet hatte, um besonders moralischen und wirtschaftlichen Missständen entgegenzuwirken. Die Maßnahmen umfassten in St. Godehard u. a. die Erneuerung der Erinnerung an den Patron Bischof Godehard von Hildesheim (1022–1038) als Bildungsbischof, die Dokumentation des Klosterbesitzes in Kombination mit einer systematischen, stärker schriftgutbasierten Verwaltung und nicht zuletzt die Aktualisierung und Erweiterung des Buchbestands, verbunden mit einem Umbau der Bibliothek. Überdauert hat von diesen Maßnahmen in einzigartiger Weise die um 1500 modernisierte Reform-Bibliothek. Denn sie umfasst sowohl den Raum – die heute sog. Schatzkammer der (ebenfalls erhaltenen) Klosterbasilika aus dem 12. Jahrhundert – mit dem zeitgenössischen, direkt auf die Wand gemalten Katalog, als auch einen Teil der dazugehörigen Bücher; diese tragen in einigen Fällen noch ihre zum Wandkatalog passenden Signaturschilder und befinden sich heute vornehmlich im Bestand der nur wenige Gehminuten vom Kloster entfernten Dombibliothek Hildesheim.
Die Dombibliothek konnte dank der Förderung durch die Kulturstiftung der Länder zwei Codizes erwerben, die als Objekte in mehrfacher Weise zeitgenössische Transformationsprozesse der Zeit um 1500 bündeln. Beide Objekte verdanken ihr Format als Buch dem Reformprozess, dem sich der Konvent von St. Godehard in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts unterzog. Denn darin sind Konvolute von zum Teil erheblich älteren Einzeltexten zu jeweils einem Buch vereint worden. Dies entsprach grundsätzlich gängigen Praktiken, die aus der mittelalterlichen Manuskriptkultur hervorgegangen und praktisch exklusiv in den Klöstern angesiedelt waren; dort verfügte man seit Jahrhunderten über das Wissen, die technischen Möglichkeiten und die Fertigkeiten für den kompletten Produktionsprozess eines Codex: Texte wurden mit der Hand auf Pergament, aufwändig behandelte Tierhäute, geschrieben und je nach Bedarf von ihren Besitzern, also den Klosterleuten selbst, kombiniert, zusammengebunden und mit Deckeln versehen – oder eben auch nicht, weil der Prozess der Manuskript-Produktion oder Reproduktion, also das Anfertigen von Texten bzw. Kopien, nicht notwendigerweise deren Bindung bedingte.
Bei einem der Codizes handelt es sich um ein kleinformatiges, gut 200 Pergamentseiten starkes Konvolut von Texten, die von unterschiedlichen Händen zwischen der Mitte des 13. und der Mitte des 14. Jh. geschrieben wurden. Es enthält rund fünfzig Predigten, zum Teil zu den ersten Sonntagen des Kirchenjahres sowie zu anderen Gelegenheiten; die Stella clericorum, ein damals verbreitetes Handbuch für die homiletische Praxis; einen Kommentar zum Hohelied; des Weiteren Heiligenerzählungen, Weisheiten, Sinnsprüche und Gesänge. Alles in allem sind es Texte, die in der zeitgenössischen Seelsorge Verwendung fanden. Unterschiedliche Zuschnitte, Verschmutzungen sowie Benutzungsspuren und kleinere Schäden deuten darauf hin, dass die einzelnen Textmanuskripte, bevor sie gebunden wurden, an unterschiedlichen Orten und sicher nicht immer sorgfältig verwahrt wurden, also wohl auch unterschiedlichen Personen gehört haben dürften. Als Manuskripte sind sie in einer Zeit entstanden – und wohl auch in Gebrauch gewesen –, die für das Kloster St. Godehard mit wechselvollen, ja schwierigen Bedingungen verbunden war: Wie viele andere auch hatte sich der Konvent in seiner Lebenspraxis immer weiter von den Geboten der Benediktsregel entfernt; viele Brüder verfügten über Privateigentum, nicht zuletzt, weil etliche von ihnen in der Pfarrseelsorge mitwirkten und damit eigene Einkünfte, sog. Pfründen, besaßen; damit verstießen sie in grundlegender Weise gegen das benediktinische Modell der ausschließlichen Konzentration auf das gemeinschaftliche Beten im Dienst an Gott und den Verzicht auf Privateigentum. Zugleich geriet das Kloster insgesamt wirtschaftlich unter Druck. Erst die Reformen gut ein Jahrhundert später beendeten diese immer wieder kritisierten Zustände in St. Godehard. Sie beinhalteten u. a., sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen, sie zu ordnen und dabei auch einzuordnen. Indem man nun die Texte, die aus einer Zeit der Missstände zwischen der Mitte des 13. und der Mitte des 14. Jh. stammten, sammelte, ordnete, zu einem Codex band und in den Bibliotheksbestand aufnahm, stellte man sich dieser Vergangenheit und bewahrte sie als Erinnerung. Zugleich bringt der Prozess des Ordnens und Sicherns eine grundlegende Wertschätzung für die Wissensbestände selbst zum Ausdruck. Denn die aus benediktinischer Perspektive fehlgeleitete Anwendung seelsorgerischen Praxiswissens schmälerte nicht dessen Wert an sich. Der Konvent von St. Godehard präsentierte sich insofern in mehrfacher Weise berührt durch die Devotio moderna, also die zeitgenössische „moderne Spiritualität“: Als Klosterreformer galt es, Wissen jeglicher Art, insbesondere jedoch solches, das der Vermittlung und Entfaltung des Glaubens diente, zu sichern und so dem grundsätzlichen, über das Kloster hinaus weite Kreise der Bevölkerung durchdringenden Bedürfnis zu entsprechen, persönliche Gotteserfahrungen zu machen und Frömmigkeitspraktiken zu individualisieren.
Eine auf den ersten Blick weitaus bunter erscheinende Mischung von vier Texten enthält der zweite Band, der sowohl Handschriften als auch frühe Drucke, sog. Inkunabeln, umfasst. Ursprünglich enthielt der Band sechs weitere Texte, die das handschriftliche Inhaltsverzeichnis im vorderen Innendeckel ausweist, die aber nicht mehr vorhanden sind. Dabei handelte es sich um Tabellen, die aus zeitgenössischen astronomischen Werken abgeschrieben sein könnten. Der Besitzeintrag verzeichnet den Band als Handexemplar des Abtes von St. Godehard in Hildesheim (Liber monasterii Sci Godehardi Hildn pro abbate). Dieser verfügte innerhalb der Klosterbibliothek über einen eigenen Bestand, der ausdrücklich seiner Person vorbehalten war, wie überdies mehrere in der Dombibliothek erhaltene Bände belegen. Das Buch trägt den mutmaßlich originalen Einband.
Der Sammelband beginnt mit einer Inkunabel. Damit werden die ersten mit der von Johannes Gutenberg um 1450 entwickelten Drucktechnik mit beweglichen, in Blei gegossenen Lettern produzierten Drucke zwischen 1454 und um 1500 bezeichnet. Die Erfindung des Drucks leitete einen fundamentalen Medienwandel ein, der kulturhistorisch kaum zu unterschätzen und in seinen Auswirkungen mit der gegenwärtigen Digitalisierung vergleichbar ist. Inkunabeln sind Hybridobjekte, d. h. sie verkörpern diesen Umbruch von der Manuskriptkultur zum Druck als Massenmedium, indem sie als Objekte beide Welten vereinen. Diese „Wiegendrucke“ sind in ihrem Erscheinungsbild nach dem Vorbild der zeitgenössischen Handschriften gestaltet, wie die Typografie, das vielfach zweispaltige Seitenlayout und die Illustrationen erkennen lassen. Die Drucke sind in der Regel aufwändig mit der Hand weiterbearbeitet worden. Dafür wurden im Satz eigens Leerstellen vorgesehen, die es ermöglichten, handschriftlich Satz- bzw. Kapitelanfänge in Form des ersten Buchstaben, der Initiale, einzufügen, meist in Rot oder auch mehrfarbig, bis hin zur Ausgestaltung als bildliche Illustration. Auch Verzierungen der Ränder, Unterstreichungen und Hervorhebungen durchziehen oft den gesamten Druck. Professionelle Drucker entwickelten sich als eigene Berufsgruppe, die Drucke nicht nur herstellten, sondern auch selbst vertrieben, sodass das Monopol der Klöster an der Schriftproduktion sukzessive und endgültig abgelöst wurde.
Wissen wurde durch den Druck schneller, günstiger und zum Teil überhaupt erst verfügbar gemacht. Das wusste man auch in den Klöstern zu schätzen, gerade unter den Bedingungen eingeleiteter Reformmaßnahmen, wie sie sich die Mitglieder der Bursfelder Kongregation auferlegt hatten. Das zeigt der Sammelband aus dem Hildesheimer Godehard-Kloster: Es handelt sich bei der Inkunabel an erster Stelle um ein Werk, das vor 1450 wohl nicht so ohne Weiteres zu beschaffen war: die – bis heute – sehr schmal überlieferte deutsche Übertragung des Weintraktats „Über Weine“ (De vinis) des Arnold von Villa Nova (gest. 1311), eines Arztes, Pharmazeuten, Theologen und Diplomaten der katalonischen Könige. Der um 1484 angefertigte Druck stammt aus der Straßburger Werkstatt von Martin Schott. Im Codex folgt die von dem bekannten Humanisten und Historiker Jakob Wimpfeling (1450–1528) herausgegebene und von Thomas Anshelm 1503 gedruckte Ausgabe des „Kreuzeslobs“ (De laudibus sanctae crucis) des Hrabanus Maurus (gest. 856), eine theologisch bedeutende und breit rezipierte Sammlung von Figurengedichten. Das Werk des frühmittelalterlichen Universalgelehrten galt als theologisches Standardwerk und wurde im Mittelalter entsprechend breit rezipiert – natürlich praktisch ausschließlich unter gelehrten Geistlichen und Ordensleuten. Hrabanus Maurus genoss um 1500 gerade in Deutschland weiterhin höchstes Ansehen, weil er nun aus nationaler Perspektive auch als Deutscher wahrgenommen wurde, besonders unter den Humanisten. Der Buchdruck beschleunigte, ja ermöglichte erst das Anliegen der Humanisten, bisher nur als Handschriften vorliegende Werke, die als Meilensteine der Wissens- und Bildungsgeschichte erachtet wurden, breiten Kreisen zugänglich zu machen. Damit entsprachen sie auch den Zielsetzungen der klösterlichen Reformer, etwa in Hildesheim, die das theologische Fundament der monastischen Spiritualität stärken wollten. Daher ist der Druck des „Kreuzeslobs“ wohl nicht zufällig in St. Godehard um 1500 anzutreffen.
Der dritte eingebundene Text des Codex ist eine Papierhandschrift, die unmittelbar auf die Person des Abts, der auch Eigentümer war, verweist und diesen namentlich nennt: Henning Kalberg, Abt von St. Godehard von 1493 bis 1535. Inspiriert durch Hrabanus Maurus’ Kreuzestheologie enthält die kurze Handschrift ein auf die Person Abt Hennings bezogenes und entsprechend gestaltetes Figurengedicht: „Über das Lob Abt Hennings“ (De laude Heningi Abbatis); verfasst wurde es offenbar von einem Mitbruder namens Henricus Vischer. Henning gilt als einer der wichtigen Motoren der Reform des Klosters, der bis heute Spuren hinterlassen hat. So veranlasste er die Abfassung einer Chronik, in der die Geschichte des Klosters aus der Perspektive der zeitgenössischen Reform aufgearbeitet wurde. Sie war stilistisch und inhaltlich an einem Standardwerk der Bewegung, dem „Buch über die Reform der Klöster“ (Liber de reformatione monasteriorum) des Johannes Busch (1399–1479/80) orientiert, der selbst in Hildesheim als Reformer tätig gewesen war. Henning trieb des Weiteren die Modernisierung der Güterverwaltung und der Bibliothek voran. So ist eine Titelliste bekannt, in der der Abt die von ihm angeschafften Handschriften und Drucke eintrug. Sie zeugt von der Absicht, den Mitbrüdern zeitgemäße Werke zur Verfügung zu stellen, die die individuelle Gotteserfahrung und zugleich das gemeinschaftliche Leben fördern sollten. Das Gedicht zum „Lob Hennings“ preist diesen denn auch als gelehrten und frommen Reformer.
Schließlich enthält das Buch als vierten Text eine weitere Papierhandschrift mit einer Predigt Hennings, als dieser noch nicht Abt in St. Godehard war. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass er 1499 den Weinbau in Hildesheim neu anlegte und innerhalb von drei Jahren kultivierte, offenbar dank des Weintraktats. Weil der Bucheinband keiner Hildesheimer Buchwerkstatt zuzuordnen ist, kann man wohl davon ausgehen, dass Henning den Band mitgebracht und dann der Klosterbibliothek zugewiesen hat, ihn aber in einem persönlichen Handapparat in seiner Zelle behielt. Insofern handelt es sich bei diesem Objekt nicht nur um ein unmittelbares Zeugnis zeitgenössischer Klosterreform, sondern auch um einen persönlichen Gebrauchsgegenstand, der uns Einblick in das Leben und Denken eines Individuums gewährt.
Mit den beiden vorgestellten Büchern begegnen wir einer Klostergemeinschaft am Ende des Mittelalters, die deren Geschichte über einen Zeitraum von insgesamt rund 250 Jahren erzählen kann. Doch die Eindrücke, die sie uns vermitteln, reichen weit über St. Godehard in Hildesheim hinaus. Die Objekte zeigen, dass Klöster Teil des Epochenwandels um 1500 waren, viele Umbrüche wie in einem Brennglas fokussieren und für uns buchstäblich greifbar machen.
PD Dr. Monika Suchan ist Direktorin der Dombibliothek Hildesheim