„[…] eine solche Beleuchtung hatte ich auf einigen Bildern gesehen, insbesondere auf einem Gemälde von Correggio […]“. Diese Assoziation der Hauptfigur von Gaito Gasdanows „Die Rückkehr des Buddha“ (1947) bei einem melancholischen Streifzug durch die Straßen von Paris wirft ein Schlaglicht auf die einstige Berühmtheit der Malerei von Antonio Allegri, genannt Correggio (um 1489–1534): Für Gasdanow waren die Werke von Correggio noch Teil des eigenen Bildungshorizonts. Dies verband den russischen Exilschriftsteller mit Laurence Sterne, der in seinem „Tristram Shandy“ (1759–1767) sogar die Wortneuschöpfung der „Correggiosity“ prägte, mit Johann Joachim Winckelmann, Goethe, August Wilhelm Schlegel, Nikolai Karamsin, Madame de Staël, Balzac, Hans Christian Andersen, Henrik Ibsen und Samuel Beckett.
Sie alle kommentierten Gemälde des Künstlers. Stendhal hielt Correggios Schöpfungen sogar für den Gipfelpunkt europäischer Malerei schlechthin, und Adam Oehlenschläger machte den italienischen Meister in „Correggio. Ein Trauerspiel“ (1816) zum Helden eines Dramas. Das Déjà-vu von Gasdanows Romanfigur zeugt jedoch nicht nur vom Ruhm des Künstlers, sondern ebenso davon, dass dieser Ruhm um die Mitte des letzten Jahrhunderts verblasst war. Der nachdenkliche Erzähler kann sich nämlich nicht mehr daran erinnern, in welchem von Correggios Gemälden ihm eine besondere Lichtsituation begegnet war.
Es ist davon auszugehen, dass er die „Heilige Nacht“ in Dresden im Sinn hatte, die unter dem Beinamen „La Notte“ als das berühmteste Gemälde Europas im 18. Jahrhundert galt. Bereits im 17. Jahrhundert war die „Notte“ in Bildunterschriften auf druckgrafischen Reproduktionen als „famosissima“ bezeichnet worden. Der Ankauf dieses Werkes durch den Kurfürsten von Sachsen im Jahr 1746 trug maßgeblich zu Dresdens Ruf als deutscher Kunstkapitale bei. Nach wie vor bezaubert Correggios „Notte“ durch ihre einzigartige Lichtstimmung sowie durch die Bandbreite von mimischen und gestischen Reaktionen der Bildfiguren auf das „Licht der Welt“, das leuchtende neugeborene Jesuskind. Correggios Hell-Dunkel und seine Schilderung intensiver Emotionen gehen der Gestaltungstechnik des Chiaroscuro und dem starken Affekt in Werken des heute wesentlich berühmteren Caravaggio um drei Generationen voraus.
Ohne jede Übertreibung kann die von der Kulturstiftung der Länder geförderte Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden (19.9.2026–10.1.2027) beanspruchen, eine außerordentliche Künstlerpersönlichkeit in den Blick zu nehmen, die aktuell zwar dem breiteren Publikum kaum mehr ein Begriff ist, aber jahrhundertelang zu den zentralen Figuren des künstlerischen Kanons gehörte. Aufgrund ihrer breiten Wirkungsgeschichte sind die Gemälde Correggios in einem Atemzug mit den Schöpfungen von Leonardo, Raffael, Michelangelo und Tizian zu nennen. Denn nicht allein Literaten, auch Maler mit solch unterschiedlichen Temperamenten wie Parmigianino, Annibale Carracci, Maratti, Rubens, Boucher oder Mengs setzten sich eingehend mit seinen Werken auseinander. Dass Correggio im Laufe des 20. Jahrhunderts aus dem Fokus der allgemeinen Wahrnehmung geriet, hat zweifellos mehrere Gründe: Der jung verstorbene Künstler war tatsächlich nie in den großen Kunstzentren und heutigen touristischen Hotspots Rom, Florenz oder Venedig tätig, sondern in Parma, Modena, Reggio und seinem für ihn namengebenden Geburtsort Correggio. Von seinen Hauptwerken, den Kuppelfresken von San Giovanni Evangelista und der Kathedrale von Parma, mit denen er zum Vorläufer der illusionistischen barocken Deckenmalerei wurde, lässt sich durch Fotografien nur ein unvollständiger Eindruck vermitteln, was ihrem Eingang in ein kollektives musée imaginaire abträglich war. Und schließlich ist von der Person Correggio selbst nur wenig bekannt. Nicht einmal ein zeitgenössisches Porträt ist von ihm überliefert. Das erschwert es, sein Werk über mitreißende biografische Erzählungen zu vermitteln, während seine Bilder zwar formal innovativ sind, aber keine dramatischen Konflikte in den Mittelpunkt stellen. Größere Ausstellungen zu Correggio gab es bislang nur in Rom und Parma. Somit ist die große Dresdner Correggio-Ausstellung außerhalb Italiens die weltweit erste Retrospektive zum Gesamtwerk dieses herausragenden Malers.
Den Anlass für die Ausstellung bietet der Abschluss der vierjährigen Restaurierung und maltechnischen Untersuchung von Correggios um 1524 geschaffener Dresdner „Madonna des heiligen Sebastian“. Das spektakuläre Resultat dieses langwierigen Projekts, das mit Hilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Schoof’schen Stiftung realisiert werden konnte, kann in der Corregio-Schau bewundert werden: Hatten zuvor bis zu 15 Schichten von nachgedunkelten Firnissen und Übermalungen einen Eindruck von Flachheit und farblicher Monotonie erzeugt, so entfaltet Correggios Gemälde nun eine erstaunliche Tiefe und eine ungeahnte koloristische Brillanz – man beachte insbesondere den Nimbus der Muttergottes. Das Werk vereinigt zahlreiche Charakteristika von Correggios Malerei: den Fokus auf die Begegnung der himmlischen mit der irdischen Sphäre in Verbindung mit komplex-eleganten Haltungsmotiven, die sich aus momenthaften Bewegungsimpulsen zu ergeben scheinen, sowie eine stark kommunikative Dimension. Hier lässt sich nachvollziehen, wie sehr sich Correggio einer simplen Einordnung in kunsthistorische Ordnungsraster entzieht: Seine Bildästhetik ist zu unklassisch-verspielt, um sie mit dem Etikett „Renaissance“ zu versehen, zu emotional, um sie als „manieristisch“ zu labeln, zu früh, um sie als „barock“ zu bezeichnen, auch wenn Correggio für die auf Betrachteraffekte abzielenden Künstler des 17. Jahrhunderts eine wichtige Referenzgröße war. Die Sebastiansmadonna, die Correggio für eine religiöse Laienbruderschaft in Modena schuf, ist eine faszinierende Neuinterpretation des Themas der Muttergottes als visionärer Erscheinung, das Raffael ein Jahrzehnt zuvor mit seiner „Sixtinischen Madonna“ (um 1512/13, Gemäldegalerie Alte Meister) für die Kirche San Sisto im nahegelegenen Piacenza mustergültig formuliert hatte. Doch nicht allein wegen dieses Bezugs zum berühmtesten Gemälde Dresdens bietet sich die sächsische Hauptstadt als Ort für eine Correggio-Ausstellung an. Von den insgesamt nur etwa 60 erhaltenen Gemälden Correggios, von denen sich fünf in Deutschland befinden, besitzt die Gemäldegalerie Alte Meister vier – und bei ihnen handelt es sich um die vier größten beweglichen Werke, die der Künstler jemals geschaffen hat. In der Ausstellung, die insgesamt 130 Einzelobjekte umfasst, werden ein Drittel von Correggios malerischem Werk sowie zahlreiche seiner Zeichnungen zu sehen sein, flankiert von Werken seiner Zeitgenossen Mantegna und Parmigianino und zahlreicher Nachfolger. Mehr Correggio wird auf absehbare Zeit nicht mehr an einem Ort versammelt sein.
Unter anderem erwartet die „Mystische Vermählung der heiligen Katharina“ das Publikum der Dresdener Correggio-Retrospektive; ein Gemälde, das sowohl in Giorgio Vasaris Künstlerbiografien (1568) als auch im „Schilderboek“ (1604) des niederländischen Kunsthistoriografen Karel van Mander und der „Teutschen Academie“ (1675) Joachim von Sandrarts lobend erwähnt wird und bis ins 19. Jahrhundert zu den meistkopierten Kunstwerken Europas zählte. Das annähernd quadratische Andachtsbild Correggios ist seit seinem Eingang in den Louvre noch nie außerhalb des Pariser Museums gezeigt worden. Mit dem frisch restaurierten Dresdner Gemälde ist es vielfach verbunden: Die Züge der Muttergottes im Pariser Bild und der Maria in der „Madonna des heiligen Sebastian“ ähneln sich sehr. Sie entsprechen dem mädchenhaften Frauentyp, dem Correggio in zahlreichen seiner Bilder huldigte. Der Auftraggeber der „Mystischen Vermählung“, Francesco Grillenzoni, war aktives Mitglied eben jener Modeneser Bruderschaft, für die der Künstler – vielleicht auf Vermittlung Grillenzonis – seine Sebastiansmadonna schuf. Außerdem ist in beiden Bildern der heilige Sebastian präsent. Auf dem Tafelgemälde aus dem Louvre assistiert er der mystischen Vermählung, wobei er mit den Pfeilen in seiner Hand und seinem schwer zu deutenden Lächeln an Darstellungen des Liebesgottes Amor erinnert. Das durch seine lyrische Anmut und Zartheit bezaubernde Bild befand sich einst im Besitz Ludwigs XIV. Es ist keineswegs das einzige Werk des Künstlers, das mit einer illustren Provenienz aufwarten kann. Eine Auflistung der Besitzer von Correggio-Gemälden liest sich wie ein Who’s who der großen Sammlerpersönlichkeiten der Frühen Neuzeit, seien es nun Isabella d’Este, Federigo II. Gonzaga, Kaiser Karl V., Philipp II. und Philipp IV. von Spanien, Kaiser Rudolf II., Karl I. von England, Kardinal Mazarin, Christina von Schweden oder Friedrich II. von Preußen, während Correggio-Zeichnungen, die in Dresden ausgestellt sein werden, durch die Hände des französischen Kunstsammlers Pierre-Jean Mariette oder des englischen Malers Joshua Reynolds gegangen sind. Correggios Schöpfungen waren im 17. und 18. Jahrhundert dermaßen gefragt, dass der Ankauf von vier Altartafeln des Meisters aus dem Besitz der Herzöge von Modena durch Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen alias August III. von Polen als der größte Kunstcoup seiner Zeit gelten kann. Die darin inbegriffene „Notte“ war ihrerseits 1640 im Auftrag Francescos I. d’Este, Herzog von Modena, durch Einbruch aus der Kirche San Prospero in Reggio gestohlen worden. Der Protest der Gemeinde gegen die bis zum Sakrileg reichende Skrupellosigkeit des Correggio-Sammlers blieb ohne Widerhall.
Einige von Correggios Gemälden waren nicht nur heiß begehrt, sondern verhandelten ihrerseits explizit das Thema Begehren. Dies trifft insbesondere auf seine wenigen Bilder profanen Inhalts zu, etwa seine schlafende „Venus mit Cupido und Satyr“ (Umschlagrückseite), die Balzac in „Cousin Pons“(1847)„zu den herausragendsten Werken der Kunst“ zählte. Die Göttin der Schönheit erscheint hier dem Schlaf ebenso selbstvergessen hingegeben wie dem Blick des Betrachters. Mit diesem und anderen gleichfalls in Dresden ausgestellten erotischen Bildern hat sich Correggio unwiderruflich in die Geschichte der Aktmalerei eingeschrieben. Auch wer den voyeuristisch-lasziven Charakter von Correggios Darstellung weiblicher Nacktheit ablehnen mag, wird angesichts eines Bildes wie der „Schlafenden Venus“ die Einschätzung des Kunsthistoriografen Giorgio Vasari aus dem Jahr 1568 von den Fähigkeiten des Malers nicht von der Hand weisen können: „außerordentlich war die Weichheit des von ihm gemalten Fleisches und die Anmut, mit der er seine Arbeiten vollendete.“
Correggios virtuose Darstellung von zarter Haut, sein Interesse an anmutigen Figurenposen, die von Giorgio Vasari mit den Begriffen morbidezza und grazia gefasst wurden, lassen sich auch in der vierteiligen Gemäldeserie der „Liebschaften Jupiters“ (Amori di Giove) entdecken. Diese Folge entstand laut Vasari als Geschenk für Kaiser Karl V. im Auftrag Federigos II. Gonzaga, Herzog von Mantua. Eines der beiden Werke aus diesem Zyklus, die in Dresden ausgestellt sein werden, ist die „Entführung des Ganymed“ (um 1530) aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien.
Das Gemälde mit einem besonders reizvollen Farbklang von zartem Blau und Rosatönen zeigt Jupiter in Gestalt eines Adlers, der den Hirtenjungen Ganymed in die Lüfte entrückt. Auf dem Olymp sollte der Göttervater den schönen Jüngling zu seinem Geliebten und Mundschenk machen. Geschickt nutzt Correggio das steile Hochformat, um das Thema des Aufsteigens zu veranschaulichen. Durch den kleinen weißen Hund, der vom unteren Bildrand seine Schnauze zu seinem entschwindenden Herrchen reckt, wird die Bewegungsrichtung nachdrücklich betont. Die Prominenz des Adlers verknüpften die Zeitgenossen sicherlich mit heraldischem Vorwissen – der göttliche Raubvogel war gleichermaßen das Wappentier der Gonzaga und des habsburgischen Kaisers, also des Auftraggebers und des Adressaten des Bildes. Die „queere“ Dimension des Gemäldes mit explizit homoerotischer Thematik war weder ein Einzelfall in Correggios Gesamtwerk noch auf dessen profane Malerei beschränkt, wie der Blick auf ein anderes Meisterwerk aus der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister belegen kann.
In der „Madonna des heiligen Georg“, einem der spätesten Altargemälde des Künstlers, begegnet uns im Kreise zahlreicher Heiliger und Putti links im Bildvordergrund ein äußerst androgyner Johannes der Täufer mit keckem Blick und freizügig enthülltem Bein, dem Marker schlechthin für körperliche Attraktivität von Männern in der Frühen Neuzeit (man denke nur an die Strumpfhosenmoden vom 15. bis zum 18. Jahrhundert oder das Phänomen der falschen Waden, die etwa Mephisto in Goethes „Faust“ erwähnt). Die französischen Literatenbrüder Edmond und Jules de Goncourt , die 1860 die Dresdner Galerie besuchten, faszinierte der ambivalente Charakter dieses religiösen Werkes, namentlich „diese rosigen Heiligen mit ihren duftenden Bärten, die wie galante Priester aussehen und mit den Händen wie Tänzer mit der Jungfrau sprechen, […] diese kleinen Engel-Lustknaben, die mit allerlei Posen und verschleierten Einladungen ihren Hintern drehen, […] dieser Johannes der Täufer mit dem schönen Oberschenkel, der wie ein Hermaphrodit wirkt […]“. Die jüngere Forschung hat Correggios scherzhafte Behandlung des traditionellen Bildtypus der thronenden Muttergottes mit Heiligen (Sacra conversazione) in seiner „Madonna des heiligen Georg“ auf ihr theologisches Deutungspotenzial befragt und in diesem Zusammenhang hingewiesen auf die zu Correggios Lebzeiten nachweisbare Vorstellung von paradiesischem Lachen (riso di paradiso) als Ausdruck himmlischer Freude (jubilatio). Die ostentativ lebhafte Fröhlichkeit (allegria) des Dresdner Bildes konnte auch auf den bürgerlichen Familiennamen des Antonio Allegri aus Correggio anspielen und somit als eine Art visuelle Signatur fungieren.
In Correggios Kunst jedenfalls sind das Sakrale und das Profane keine streng voneinander geschiedenen Bereiche, sondern über den Aspekt der Sinnlichkeit miteinander verbunden. Das Himmlische gewinnt in den Gemälden des emilianischen Meisters eine bis dahin ungeahnte Nahbarkeit. Correggio bleibt nichts Menschliches fremd, ob er nun christliche Heilige oder Götterliebchen ins Bild setzt. Gerade das macht seine virtuose Malerei besonders berührend, auch noch ein halbes Jahrtausend nach ihrer Entstehung. Die Wiederentdeckung lohnt sich.
Dr. Andreas Plackinger ist Konservator für italienische Malerei an der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
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Im Interview auf MAKURA spricht die Vermittlerin Simone Seifert über die gemeinsam mit Jugendlichen gestaltete partizipative Ausstellung „Fühlst du’s?“, die begleitend zur Correggio-Schau in der Gemäldegalerie zu sehen ist.
Correggio. Berührend menschlich
Gemäldegalerie Alte Meister
Theaterplatz 1, 01067 Dresden
19.9.2026 bis 10.1.2027