ERWERBUNG / HESSEN

Das Herzstück

Das Städel Museum in Frankfurt am Main konnte ein herausragendes Zeugnis mittelalterlicher Kunst in Deutschland ­erwerben: die Altenberger Madonna / Jochen Sander

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Mit der „Altenberger Madonna“, einer der mit ihrer Originalfassung besterhaltenen Madonnenfiguren der Kölner Kunst des frühen 14. Jahrhunderts, ist dem Städel Museum zum Jahresbeginn 2026 einer der wichtigsten Skulpturenankäufe in seiner über 200-jährigen Geschichte gelungen.

Die Altenberger Muttergottes gehört zu einer Gruppe Thronender Madonnenfiguren, die in Köln im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts in großer Zahl produziert wurden. Sie zählt zu den ältesten Beispielen dieser Art. Ihr Typus, der in nur wenig variierten Ausprägungen französische Vorbilder aufgreift, war nicht nur seinerzeit überregional erfolgreich, sondern prägt bis heute unsere Vorstellung von der Kölner Bildhauerkunst entscheidend.

Im Schreinkasten des Hochaltarretabels nahm die Altenberger Madonnenskulptur ab etwa 1330 als Patronin von Kirche und Kloster die zentrale Nische des bedeutendsten paraliturgischen Ausstattungsstücks des Prämonstratenserinnenklosters Altenberg an der Lahn (etwa 10 km westlich von Wetzlar gelegen) ein. Damals war sie bei der feiertäglichen Öffnung des Altars umgeben von prachtvollen, optisch mit ihr konkurrierenden Reliquiengefäßen. Der durch die Farbfassung der Madonnenskulptur erzielte Charakter eines teilgefassten und mit Edelsteinen geschmückten figürlichen Goldreliquiars war hierbei gewiss von Nutzen.

Technologische Indizien legen allerdings nahe, dass die Figur ursprünglich gar nicht für den Altaraufsatz gedacht war. So wurde der Thron zu beiden Seiten gekürzt und die oberste Kreuzblume der Thronrückwand entfernt, damit sie in Zweitverwendung in die Mittelnische des Altarschreins eingestellt werden konnte. Für eine ursprünglich beabsichtigte freie, allansichtige Aufstellung spricht auch die Bemalung der Thronrückwand, die eine geschliffene Porphyrplatte simuliert. Mehrere formale, ikonografische und motivische Bezüge zu den Gemälden auf den Flügelinnenseiten machen indes deutlich, dass die Madonna von Anfang an Teil der Retabelplanungen war. Dies wird besonders an der Darstellung der Königsanbetung augenfällig: Das von den Heiligen Drei Königen verehrte Gegenüber erscheint nicht innerhalb des Gemäldes, sondern in der dreidimensionalen Skulpturengruppe im Zentrum des Altarschreins.

Seit 1330 schmückte das Retabel den Hochaltar des Altenberger Klosters, das für die hessen-thüringische Landgrafenfamilie und den südhessischen Hochadel von besonderer Bedeutung war. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatte dort Gertrud, die jüngste Tochter der Heiligen Elisabeth von Thüringen, dem Konvent über viele Jahre als Magistra vorgestanden. Im 15. Jahrhundert musste das Retabel einem neuen Hochaltar weichen und fand auf der Nonnenempore der Kirche Platz. Im Zuge der Säkularisation des Klosters unter napoleonischer Herrschaft gelangte es in den Besitz der Fürsten zu Solms-Braunfels. Im frühen 20. Jahrhundert wurde das Retabel zerlegt, woraufhin die abgetrennten Flügel und die Madonna schließlich in den Kunsthandel wanderten.

Die Flügelbilder befinden sich seither in der Sammlung des Städel Museums, wo sie seit 2012 mit dem Schreinkasten als Dauerleihgabe des Schlossmuseums Braunfels wiedervereint sind. Die Schreinmadonna wurde von der Münchner Kunsthändlerdynastie Böhler erworben, die sie nun ans Städel Museum verkauft hat.

Der nun durch die von der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Städelschen Museums-Verein unterstützte Erwerbung der thronenden Madonna vervollständigte „Altenberger Altar“ ist eines der wichtigsten und frühesten Beispiele für die um 1300 einsetzende Entwicklung des Altarretabels im deutschsprachigen Raum. Das Retabel war zu dieser Zeit ein vollkommen neues, das Aussehen der Kirchen im lateinischen Europa aber fortan prägendes, zentrales Ausstattungsstück auf den Altären. Im ersten Jahrtausend christlicher Kultbauten hatte der Zelebrant zumindest an den freistehenden Hochaltären die Messe versus populum, d. h. der Gemeinde zugewandt und damit hinter dem Altartisch stehend, gefeiert. Bildwerke wurden daher auf die Altartische nur zu besonderen Anlässen und für kurze Zeit aufgestellt. Das sollte sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts grundsätzlich ändern.

In der frühen Phase dieser Entwicklung gab es noch keine allgemein verbindlichen Regeln für die Gestaltung dieser neuen Bildaufgabe. Es wurden noch unterschiedliche Möglichkeiten erprobt. Beim „Altenberger Altar“ ist dies zum einen an der Integration des Reliquienschatzes des Klosters in den Schreinkasten zu Seiten der zentralen Madonnenfigur zu erkennen. Zum anderen weist das Retabel bereits eine doppelte Wandelbarkeit auf, wie sie erst im 15. Jahrhundert mit zwei Flügelpaaren zur Norm großer Altarretabel wurde. Die zweifache Wandelbarkeit wird durch in sich faltbare Flügel erreicht. An gewöhnlichen Sonntagen waren nur die beiden unmittelbar neben der Madonnenfigur liegenden Reliquiengefache sichtbar; allein an den höchsten Feiertagen wurde der vollständige Reliquienschatz im Schrein dem Blick der Gläubigen enthüllt. Der „Altenberger Altar“ steht damit am Anfang einer Entwicklung, in deren Verlauf allein im deutschsprachigen Raum bis zur Reformation Tausende und Abertausende von vergleichbaren Gemeinschaftsarbeiten von Malern, Bildhauern und Schreinern entstehen sollten. Sie beeinflussten damit die Entwicklung von Malerei und Bildhauerkunst in ganz entscheidender Weise: Altaraufsätze wurden für Jahrhunderte zur Leitwährung der Kunstproduktion im lateinischen Europa.

Durch die enge Verbindung des Altenberger Klosters mit der Landgrafenfamilie von Hessen-Thüringen und durch den Besitz der Armreliquie der Heiligen Elisabeth (heute in Schloss Sayn, Bendorf-Sayn), die in ihrem kostbaren „sprechenden Reliquiar“ in Gestalt eines Armes im Schreinkasten an Sonn- und Feiertagen ausgesetzt wurde, verband sich auch mit dem Retabel die Aura der Heiligen. Dies führte dazu, dass nach der Säkularisation und Auflösung des Klosters der gesamte damals noch erhaltene liturgische und paraliturgische Ausstattungszusammenhang zwar zerstreut wurde, seine Herkunft und Zugehörigkeit zu Altenberg und seinem Hochaltarretabel aber bekannt blieb und weiter überliefert wurde.

2016 konnte das Städel Museum in der Sonderausstellung „Schaufenster des Himmels. Der Altenberger Altar und seine Bildausstattung“ eines der frühesten Beispiele dieser Altarentwicklung im deutschsprachigen Raum vorübergehend wieder in seinem ursprünglichen Zusammenhang präsentieren. Neben dem Retabel selbst wurden dabei auch erhaltene Bestandteile seiner zeitgenössischen Ausstattung gezeigt, darunter drei um 1330 entstandene Altardecken (heute in Eisenach, New York und St. Petersburg), die mit ihrem figürlichen Bildprogramm dasjenige des doppelt wandelbaren Altarretabels ergänzen.

Doch das „Altenberger Altarretabel“ entging dem Geschmackswandel der Jahrhunderte nicht. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurde es „modernisiert“, indem die geschlossenen Flügel mit – heute wieder entfernten, aber im Schlossmuseum Braunfels erhalten gebliebenen – Leinwandbildern mit Passionsszenen überklebt wurden und die Seitenwände und die Rückwand des Schreinkastens mit einer Grau in Grau gehaltenen ornamentalen Malerei überdeckt wurden. Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Schaufenster des Himmels“ wurde zudem entdeckt, dass auch die Rückseite und die Seitenwände des Schreins ursprünglich bemalt waren. Die Malereien zeigten Heilige, deren Reliquien im Schrein aufbewahrt wurden, und verliehen ihnen so konkrete Gestalt. Auch dies ist ein bedeutendes Alleinstellungsmerkmal des „Altenberger Altars“: Figürliche Rückseitenbemalungen waren bei Altarretabeln bisher erst aus dem 15. Jahrhundert bekannt. Seinerzeit konnte ein Teil der übermalten Originalfassung mithilfe einer Röntgenfluoreszenz-Untersuchung dokumentiert werden. Die Ergebnisse waren Anlass für die 2015 im Städel Museum veranstaltete internationale Tagung „Aus der Nähe betrachtet. Bilder am Hochaltar und ihre Funktionen im Mittelalter“. Die zugehörige Publikation ist im Deutschen Kunstverlag erschienen.

Die Erwerbung der zentralen Schreinmadonna ist nun Anstoß für ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum „Altenberger Altarretabel“. Im Mittelpunkt stehen dabei sowohl bislang unbeantwortete ältere Fragen als auch zahlreiche neue Fragestellungen, die sich erst durch die nun dauerhaft vollzogene Wiedervereinigung aller Retabelteile im Städel Museum ergeben und erstmals umfassend untersuchen lassen.

Prof. Dr. Jochen Sander ist stellvertretender Direktor des Städel Museums sowie Leiter der Sammlung deutscher, holländischer und flämischer Malerei vor 1800.

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