Illustrierte Seite aus einen Druckbuch
Thema Mittelalter

Buch der Hoffnung

Das Mainzer Gutenberg-Museum hat eine mehr als 500 Jahre alte Biblia pauperum erworben, eine sogenannte Armenbibel / Konstantin Sacher

Mit viel Bild und wenig Text wurden die Seiten vollständig in einen Holzblock geschnitten und dann im Ganzen gedruckt: Ein solches sogenanntes Blockbuch, auch Holzschnittbuch genannt, ist kürzlich für 1,85 Millionen Euro für die Schatzkammer des Gutenberg-Museums angekauft worden. Über eineinhalb Jahre wurde verhandelt, bis das Stück nach Mainz kommen konnte. Auf den ersten Blick sehr viel Aufwand und Geld für ein sehr altes Buch. Ein sehr altes Buch? Ja, mit dieser banalen Beschreibung lässt sich die Bibel, die man auch Armenbibel (lateinisch Biblia pauperum) nennt, korrekt erfassen, eigentlich. Bücher wie diese waren vermutlich für Laien, aber auch für Kleriker und Klerikerinnen gedacht, die wenig Latein lesen konnten. Die wichtigsten biblischen Geschichten wurden in wenigen bildhaften Darstellungen klar und einfach zusammengefasst.

Als ich mich an einem windigen Tag im Frühherbst auf den Weg ins Museum mache, um das sehr alte Buch, das in der Dauerausstellung zu sehen ist, im Original zu erleben, denke ich über diese Beschreibung nach: Was macht ein sehr altes Buch so besonders? Und ist das Buch besonders, weil es sehr alt ist, wegen seiner Herstellung oder wegen seines Inhalts oder seiner Geschichte?

Die Sammlung des Mainzer Gutenberg-Museums ist an diesem Samstagvormittag gut besucht. Derzeit ist sie im Gebäude des Naturhistorischen Museums in Mainz zu finden, während ein neues Gebäude für das Druck- und Schriftmuseum gebaut wird. Das muss kein Nachteil sein. So kommen viele junge Familien, die eigentlich Dinosaurier-Knochen suchen, auch zu den alten Büchern. Man biegt hinter dem Eingang nach links ab und gelangt in zwei Räume, die einen Teil der Sammlung des Druckmuseums zeigen. Im hinteren, abgedunkelten Raum sind die originalen Gutenberg-Bibeln zu sehen und auch das Blockbuch, das ich suche. Eine freundliche Aufsicht weist den Weg. Ganz am Ende des Raums befinden sich mehrere Vitrinen, in einer davon liegt es, aufgeschlagen auf der zweiten Seite.

Meine erste Assoziation beim Blick auf die Seiten ist ein Altar. Denn dort, in der aufgeschlagenen Armenbibel, fällt, jeweils mittig platziert, der Blick zunächst in eine Art dreiteilige Säulenhalle, die an ein aufgeklapptes dreiteiliges Altarbild (Triptychon) erinnert. Die aufgeschlagenen Seiten sind spiegelbildlich angeordnet. Sie zeigen links drei kleine Szenen und rechts noch einmal drei. Jede Szene steht für eine biblische Geschichte. Wobei sich mir ohne Erklärung nur die mittleren Darstellungen erschließen: Sie zeigen Begebenheiten aus dem Leben Jesu. Vor allem das Jesuskind, das auf beiden Seiten in der mittleren Szene das Zentrum bildet, ist leicht zu erkennen.

Links sitzt das Jesuskind bei seiner Mutter Maria auf dem Schoß und blickt in Richtung dreier Besucher, die die drei Sterndeuter (die später so bezeichneten Heiligen Drei Könige) mit Gold, Weihrauch und Myrrhe darstellen (Mt 2,1-12). Auf der rechten Seite sieht man das Jesuskind auf einem Altar stehen. Es ist umringt von Zuhörern und gestikuliert erkennbar. Die Darstellung zeigt den Besuch des zwölfjährigen Jesu im Tempel von Jerusalem (Lk 2,41-52). Die neutestamentlichen Szenen aus dem Leben Jesu werden von alttestamentlichen Geschichten gerahmt und typologisch gedeutet. So bildet jede Seite für sich eine kleine Konkordanz, in der ein Zusammenhang zwischen Jesu Leben und dem Alten Testament hergestellt wird. Diese Komposition sollte betonen, wie das Neue Testament als Erfüllung der im Alten Testament angelegten Botschaft verstanden werden kann.

Für den Betrachter wirkt es aber zunächst so, als bildeten die jeweils drei Szenen einer Seite eine zusammenhängende Geschichte ab. Die Unterteilung der Seite durch die Säulenarchitektur ist künstlerisch so filigran gestaltet, dass sie nicht streng wirkt. Mir scheint es eher so, als könnte Jesus von seinem Altar herunterspringen und hinter der Säule hindurch in das andere Bild spazieren.

Am oberen und unteren Seitenrand sind weitere biblische Figuren, meist Propheten, dargestellt. Sie stehen einander zugewandt wie in einer Kolonnade und betrachten die Szenerie. Links, rechts und unter den Beobachtern ist Text in Form von Bibelzitaten oder Kommentaren angeordnet, der für die meisten heutigen Besucher aufgrund der Schriftart und lateinischer Sprache nicht wirklich zu entziffern ist.

Die aufgeschlagene Biblia pauperum nimmt mich in Beschlag. Ich betrachte sie intensiv und bleibe lange vor der Vitrine stehen. Was macht diese Bibel zu weit mehr als einem sehr alten Buch? Sicher, sie ist selten. Und der Band symbolisiert einen revolutionären Moment in der Geschichte der Buchherstellung: Es mussten nicht mehr jede Bibel und jedes Gebetbuch einzeln beispielsweise in den Skriptorien der Klöster von Hand geschrieben werden, sondern es waren zum ersten Mal Auflagendrucke möglich. Die Bibel zeigt, wie die Buchherstellung in der Übergangszeit zwischen Handschriften und späterem, noch deutlich effektiverem Buchdruck mit beweglichen Metalllettern à la Gutenberg vonstattenging. Zur Erstellung der hölzernen Druckstöcke wurde die gesamte Seite mit Bild und Text geschnitten. Die Technik war sehr aufwendig, die Papierbögen konnten nur von einer Seite aus bedruckt werden und es konnten keine Korrekturen durchgeführt werden. Der Schnitzer bearbeitete die Druckblöcke des in Mainz ausgestellten Exemplars wohl um die Mitte des 15. Jahrhunderts.

Auch wenn das ausgestellte Buch eine sogenannte Armenbibel ist, war sie nicht in dem Sinne für arme Leute gedacht – der Begriff führt in die Irre. Sie richtete sich vermutlich an Leser, die Latein nur rudimentär beherrschten oder gar nicht, denn manche Armenbibel ist auch in Deutsch verfasst. Obwohl Blockbücher günstiger herzustellen waren als illuminierte (mit Buchmalerei versehene) Handschriften, waren sie für arme Menschen immer noch unerschwinglich. Vielleicht wurden sie zu Schulungszwecken oder für die Bibliothek wohlhabender Adeliger oder Bürger hergestellt. Das Papier des Mainzer Exemplars konnte auf die Zeit zwischen 1460 und 1466 datiert werden. Die erkennbaren Wasserzeichen deuten zwar auf einen süddeutschen Herstellungsort hin, das verwendete Papier stammt jedoch aus Italien. So erzählt die Bibel auch von damaligen Handelsverbindungen und lässt uns Einblicke erhalten in die Produktionsprozesse der frühen Druckkultur.

Die Mainzer Biblia pauperum enthält 40 Seiten, einseitig bedruckt durch 20 Holzstöcke auf je einem Doppelblatt. Sie ist nicht koloriert und in außergewöhnlich gutem Zustand – weltweit sind nur 13 Exemplare dieser Ausgabe bekannt, die meisten davon jedoch unvollständig. Das in Mainz ausgestellte Exemplar taucht zum ersten Mal um 1800 in schriftlichen Dokumenten auf. Was nicht ungewöhnlich ist: In dieser Zeit wurden oft erstmalig Kataloge privater Sammlungen erstellt und dabei besondere Stücke erst als solche identifiziert. Die Mainzer Biblia pauperum war Teil der 1815 versteigerten Sammlung von John Edwards, wurde später vom britischen Kohle- und Stahlindustriellen Beriah Botfield (1807–1863) gekauft und gelangte nach dessen Tod in den Besitz des Marquess of Bath. Sie blieb fast 150 Jahre im Eigentum dieser englischen Adelsfamilie und kam schließlich über eine weitere Versteigerung und den Antiquariatshandel ins Mainzer Museum. Botfield ließ das Buch aufwendig restaurieren, und es ist bis heute in einem außerordentlich guten Zustand.

Das alles ist beeindruckend, aber da ist noch etwas anderes, was mich die Seiten mit dem filigranen Druck weiter betrachten lässt. Als ich später im Buch „Hoffnung. Über ein kluges Verhältnis zur Welt“ des Philosophen und Historikers Philipp Blom (*1970) dessen Analyse lese, wie und warum wir Menschen eigentlich hoffen sollten, muss ich unweigerlich an die wichtige Bedeutung der Bibel als Hoffnungsbuch denken. Im Psalm 127 übersetzt Martin Luther im ersten Vers: „Woher kommt mir Hilfe?“ Die Antwort des Betenden ist klar: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Ps 127,2) Das mag für viele Menschen hier in Deutschland nicht mehr gelten. Wer dieser Herr ist und was das bedeuten soll, dass er Himmel und Erde gemacht hat und dann auch noch für die Hilfe, respektive Hoffnung hauptverantwortlich ist, das ist doch mehr als fraglich. Dennoch liegt in der Antwort des Psalms auch für heute ein Hinweis, der sich gut mit den Erkenntnissen des eher nicht religiösen Philosophen Blom verbinden lässt. Blom schreibt in seinem Buch: „Es gibt keine große Erzählung mehr, an der wir selbstverständlich teilnehmen können.“ Die Biblia pauperum wurde hergestellt, um einen einfachen, visuellen, also eindringlichen Eindruck der biblischen Geschichten zu vermitteln. Kam von ihr Hilfe? Wir wissen es nicht. Doch ihr Anblick setzt etwas in mir in Bewegung. Blicke ich doch hier auf die große Erzählung, die damals wie heute (entgegen der Entwicklung in Deutschland wächst das Christentum weltweit) vielerorts alles zusammenhält.

Im Museum, beim Anblick der Biblia pauperum bildet sich Geschichte aus. Es sind keine originalen Druckstöcke aus dieser Zeit erhalten. Aus Holz angefertigt, wurden sie vom Druckprozess abgenutzt, so haben sie die Zeit nicht überdauert. Die Herstellung war aufwendig und kunstvoll. Ein Fehler beim Schneiden des Druckstocks, und man musste neu beginnen. Es war hohe Konzentration gefragt. Besonders zum Schneiden der Schrift bedurfte es viel Zeit und hoher Fertigkeit. Um das besser nachvollziehen zu können, plant das Mainzer Gutenberg-Museum zusammen mit einem Drucker aus Dänemark die Rekonstruktion eines solchen Druckstocks anfertigen zu lassen. Er soll neben der Biblia pauperum ausgestellt werden, um den Herstellungsprozess zu veranschaulichen.

Die filigrane Darstellung der biblischen Szenen berührt mich. Auf der ausgestellten Seite greift das Jesuskind auf Marien Schoß mit seinen Händchen nach dem Geschenk, das der älteste der Sterndeuter darbietet. Melchior, wie ihn die Tradition genannt hat, hat seine Krone abgesetzt und überreicht dem Jesuskind sein Geschenk: Gold. Der König blickt vor dem Kind ergriffen nach unten. Im Hintergrund steht ein zweiter König. Er ist ein mittelalter Mann, den die Tradition Balthasar nannte. Er bringt Weihrauch, und auch er wirkt innerlich berührt von der Begegnung. Neben ihm steht der jüngste König: Caspar. Er bringt ein Gefäß mit Myrrhe. Auch sein Blick ist gesenkt und vermittelt, obwohl er nur angedeutet ist, etwas Liebevolles. Die ganze Anordnung ist erfüllt von Zuneigung zueinander.

Es drängt sich mir das Bild auf, dass hier an der Weitergabe von Hoffnung gearbeitet wurde. Sicher, der Blick in die Vergangenheit lädt ein zu Romantisierungen, und meist ist dies ein trügerischer Weg. So dunkel und schwer die Gegenwart auch erscheinen mag, die Vergangenheit war kaum heller. Der Gedanke an die Druckwerkstatt lässt mich nicht los. Dort saß oder stand ein Mensch tagelang und schnitt einen Holzblock in feinster Handarbeit so filigran, dass er auf uns auch 500 Jahre später noch einen bleibenden Eindruck macht. Und uns zeigt dies, wie die Menschen damals auf diese große biblische Hoffnungserzählung geblickt haben, die ihre eigene Zeit weit überdauert.  

Konstantin Sacher ist promovierter Theologe und Redakteur der Zeitschrift chrismon.

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