Länderporträt Saarland

Der subjektive Fotograf

Der Saarbrücker Arzt Otto Steinert war Hobby-Fotograf, Fotokünstler und einer der einflussreichsten Lehrer und Vermittler von Fotografie.

von Uta Baier

Dass Ärzte Schauspieler werden, kennt man. Dass ein Arzt Professor für Fotografie wird – und zwar ohne institutionalisierte Ausbildung oder einen anerkannten Abschluss – dürfte einmalig sein. Otto Steinert schaffte das. Der 1915 in Saarbrücken geborene Mediziner Dr. Otto Steinert wurde 1948 zum Leiter der Fotoklasse an der Staatlichen Saarländischen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken berufen. Heute gilt er als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Lehrer der frühen Bundesrepublik und als wichtigster Streiter für die Anerkennung der künstlerischen Fotografie. Doch als Künstler gehört er zu den eher Unbekannten.

Der Fotohistoriker Klaus Honnef führt dieses Vergessen auf ein großes Desinteresse an der eigenen, komplexen Kunstgeschichte und an der deutschen Fotografie als Forschungsgegenstand zurück. „Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten nur angesammelt, aber wenig geforscht“, sagt Honnef. Damit hat er sicher recht: Die Geschichte der deutschen Fotografie muss erst noch geschrieben werden – mit all ihren Brüchen und problematischen Seiten, für die das Leben Otto Steinerts durchaus stehen kann.

Otto Steinert 1956/57, anonymes Porträt, 30 × 24,2 cm; Museum Folkwang, Essen
Otto Steinert 1956/57, anonymes Porträt, 30 × 24,2 cm; Museum Folkwang, Essen

Otto Steinert, Arzt, im Krieg Stabsarzt, ab 1943 Referent im Generalstab des Heeres in Berlin und Mitarbeiter an pharmakologischen Forschungsprojekten, landete nach dem Krieg in Kiel und wurde Geschäftsführer des Studentenwerks. Von der britischen Militärregierung hatte er, trotz NSDAP-Mitgliedschaft ab 1936, keine Einschränkungen in seinem Beruf zu befürchten. Sie hatte ihn politisch entlastet. Doch er wollte nicht in Kiel bleiben, sondern zurück ins Saarland. Eine Stelle als Krankenhausarzt hatte er bereits in Aussicht, nur der „Epurationsbescheid“ war nicht so schnell zu bekommen. Er musste ein Jahr darauf warten. In dieser Zeit wurde die Stelle an einen anderen Bewerber vergeben. Deshalb versuchte Steinert, ein „Atelier für künstlerische Photographie“ aufzubauen, lernte bei den Vorbereitungen den Direktor der Staat­lichen Saarländischen Schule für Kunst und Handwerk kennen und wurde als Lehrer der neu gegründeten Fotoklasse eingestellt. Eine solche Karriere ist nur in Zeiten radikaler gesellschaftlicher Neuanfänge möglich.

Mit der Berufung zum Lehrer für Fotografie begann für Otto Steinert die zweite Karriere und für die Entwicklung der deutschen Fotografie ein neues Kapitel – nicht nur durch seine Lehre, sondern auch durch seinen unermüdlichen Einsatz für die „Freie Fotografie“. Schon 1949 schloss er sich mit mehreren Fotografen – unter ihnen Toni Schneiders, Peter Keetman und Heinz Hajek-Halke – zur Fotografen-Arbeitsgemeinschaft „fotoform“ zusammen, die bereits 1950 auf der ersten „Photo-Kino-Ausstellung“ (der späteren „Photokina“), erfolgreich ausstellte.

Steinerts Einfluss auf seine Schüler, seine strenge, äußerst kritische Lehre, seine Ausstellungsorganisationen (auch im Ausland) waren wichtig und zukunftsweisend. Nicht nur in Saarbrücken, wo er 1952 sogar Direktor der Kunsthochschule wurde und es bis 1959 blieb, sondern vor allem an der Folkwangschule in Essen, wohin Otto Steinert wechselte und bis zu seinem Tod 1978 wirkte. Auf einer Auktion in Genf ersteigerte Steinert eine erste Fotosammlung und legte damit bereits 1961 den Grundstock der berühmten Essener Fotosammlung. „Auch weil er Geschichte der Fotografie mit originalen Fotos unterrichtete“, wollte Ute Eskildsen, eine seiner bekanntesten Schülerinnen und als seine Nachfolgerin langjährige Leiterin der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang in Essen, bei Steinert studieren. Ebenso bewusst wie Eskildsen wählte Andreas Gursky, einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Fotokünstler, Essen als Studienort: „Als junger und nach Orientierung suchender angehender Fotokünstler kam man an Otto Steinert nicht vorbei, zumal es im Nachkriegsdeutschland wenige Möglichkeiten gab, sich in der künstlerischen Fotografie weiterzubilden“, erinnert sich Gursky auf Anfrage von Arsprototo. „Leider“ erlebte Gursky Otto Steinert nur bei einigen wenigen Lehrveranstaltungen persönlich, denn Gursky begann seine Ausbildung zum Wintersemester 1977/78, Steinert starb im Frühjahr 1978. Die Aussicht, sich einem autoritären Menschen und „bei seinen Korrekturen knallharten“ (Eskildsen) Lehrer auszusetzen, erschreckte die Studenten, doch es schreckte sie nicht ab.

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Der anhaltend großen Wertschätzung als Lehrer steht das weniger prominente Nachleben als Fotograf gegenüber. Otto Steinert wird zwar in Essen und Saarbrücken regelmäßig ausgestellt, doch in anderen Ausstellungszusammenhängen sind sein Werk und sein Name wenig präsent. Wer sich aber mit Steinerts Arbeiten beschäftigt hat, ist von seiner Bedeutung überzeugt – wie Ute Eskildsen, die 1999 die große Steinert-Retrospektive organisierte, und Matthias Winzen, Kurator und Professor für Kunstgeschichte an der Saarbrücker Kunsthochschule, an der Otto Steinert einst lehrte. Winzen macht immer wieder Ausstellungen mit Steinerts Fotos. Roland Augustin, Fotoexperte am Saarland-Museum, bereitet bereits eine große Ausstellung aus Anlass der 100. Wiederkehr des Geburtstags von Steinert 2015 in Saarbrücken vor. Sie alle vereint die Hoffnung auf die Wiederentdeckung und Neubewertung eines Künstlers, der – nicht nur – nach Meinung des Fotohistorikers und Autors des Buches „Fotografie. Vom technischen Bildmittel zur Krise der Repräsentation“, Rolf Sachsse, „für rund drei Jahrzehnte zum Monument deutscher Fotografie in Kunst und Unterricht“ wurde. Diese Wertschätzung drückt sich auch im Otto-Steinert-Preis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie e.V. aus, der seit 1983 alle zwei Jahre als Stipendium zur Realisierung eines Foto­projekts vergeben wird.

Mit Otto Steinerts eigenem fotografischen Werk verbindet sich der von ihm eingeführte Begriff der „subjektiven fotografie“. Die Kleinschreibung erinnert nicht zufällig an Gepflogenheiten der 1920er Jahre am Bauhaus. Steinert knüpfte mit seiner „subjektiven fotografie“ bewusst an die Experimente der Bauhaus-Künstler und ihre Ideen an. Denn es ging ihm um einen „Rahmenbegriff […], der alle Bereiche persönlichen Formgestaltens vom ungegenständlichen Fotogramm bis zur psychologisch vertieften und bildmäßig geformten Reportage umfasst. ,subjektive fotografie‘ heißt vermenschlichte, individualisierte Fotografie, bedeutet Handhabung der Kamera, um den Einzelobjekten ihrem Wesen entsprechende Bildsichten abzugewinnen“, so Steinert.  Mit dem Fotografieren hatte er bereits als Schüler begonnen und von Anfang an großes Interesse für alle Möglichkeiten des Mediums gezeigt – besonders für die technischen. Dazu las er Fachliteratur und versuchte sich auf allen Gebieten. Der Schüler und Medizinstudent Steinert fotografierte Tiere und Landschaften, machte Porträts, Momentfotos, Theateraufnahmen. Auch als Soldat fotografierte er, allerdings dokumentierte er eher zerstörte Städte als das Kriegsgeschehen oder das Leid und den Tod von Menschen, die er als Arzt hautnah erlebte.

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.