Länderporträt Mecklenburg-Vorpommern

In der Tradition der bürgerlichen Stifter

Die alten Kunstsammlungen der Stadt Neubrandenburg sind seit 1945 verschollen.

von Uta Baier

Es ist an der Zeit, den kinderlosen unverheirateten Mann und seine Bedeutung für die deutsche Museumslandschaft ins rechte Licht zu rücken. An dieser Stelle war bereits von Hermann Roemer und Wilhelm Pelizaeus die Rede, deren Stiftungen zur Gründung des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim führten. Nun soll es um Henry Stoll und August Schmidt gehen. Auch sie waren ledige und kinderlose Kunstsammler und Kunststifter und ermöglichten es ihrer Heimatstadt Neubrandenburg, ein Museum zu gründen und auszubauen.

Carl Ludwig, Hohenzollern. Frühlingsmorgen, o. J., 1897 erworben auf der „Grossen Berliner Kunst-Ausstellung
Carl Ludwig, Hohenzollern. Frühlingsmorgen, o. J., 1897 erworben auf der „Grossen Berliner Kunst-Ausstellung“

Wer allerdings heute in der Kunstsammlung Neubrandenburg nach dem Erbe dieser beiden Männer sucht, findet nur einige Bruchstücke. Denn die Neubrandenburger Sammlungen sind seit 1945 komplett verschollen. Allein ein Berg Porzellanscherben wurde 2006 bei Bauarbeiten gefunden. Insgesamt vermisst das Museum 10.000 bis 20.000 Kunstwerke. 1.151 Verluste hat man in die Datenbank von www.lostart.de eingegeben, denn nur die sind genauer beschreib- und nachweisbar. Fundmeldungen gibt es – bisher – keine. Weder in Auktionen noch in Nachlässen oder in Depots anderer Museen ist etwas aufgetaucht.

„Die Recherche ist so schwierig, weil mit den Sammlungen auch alle Unterlagen verschwunden sind“, sagt Museumsmitarbeiterin Elke Pretzel. Pretzel begann 1998 aus eigenem Interesse und ganz allein, die alte Sammlung zu erforschen. Bis dahin hatte sich niemand um diesen Teil der Stadtgeschichte gekümmert. Ihr äußerst informatives Buch „Die Geschichte einer verlorenen Sammlung“ erzählt von diesen Recherchen, ihren Schwierigkeiten, Ergebnissen und Fehlstellen. Denn als sie mit der Recherche begann, waren auch die Erinnerungen der meisten Augenzeugen nur noch undeutlich. Viele waren 1945 Kinder, als sie das letzte Mal die Sammlungen sahen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Stadt Ende April 1945 zu 80 Prozent zerstört wurde. Auch das Stadtarchiv ist verbrannt. Viele Bürger verließen die Stadt für immer. „Es heißt, Ende April 1945 wurden die Museumsbestände auf einen LKW geladen, der Richtung Schwerin fuhr“, erzählt Pretzel. Da muss die Sammlung noch vollständig gewesen sein, denn unter der Aktion „Entartete Kunst“ hatte das Museum nicht zu leiden – es hatte keine „entartete“ Kunst. Mehr ist nach Elke Pretzels Forschungen über den Verbleib der Sammlung bisher nicht bekannt.

Wie beim Bernsteinzimmer gebe es zwar immer wieder Gerüchte, wo die Sammlung sein könnte, doch gefunden wurde nichts – bis auf einige Porzellane. Diese Stücke waren offenbar nicht evakuiert worden, denn der Scherbenhaufen befand sich dort, wo einst das Kunstmuseum im Südflügel des ehemaligen Herzog­lichen Palais’ seine Ausstellungsräume hatte. Außerdem konnten an einigen der gefundenen Scherben Anhaftungen von geschmolzenem Glas nachgewiesen werden, so dass die Annahme, eine komplett gefüllte Ausstellungsvitrine sei beim Brand des Museums zerstört worden, naheliegt. Auch für eine Befragung des zwischen 1934 und 1945 amtierenden Museumsverwalters Walter Günteritz war es 1998 zu spät. Günteritz, 1888 geboren, starb bereits 1962. Allerdings profitiert das heutige Museum von einer Stiftung seiner Witwe, die dem Haus vor einigen Jahren ihr Vermögen vererbte, so dass man von den Zinsen regelmäßig neue Werke für die Sammlung kaufen kann. Doch über die vermutlich evakuierten Kunstwerke erfuhr Elke Pretzel auch von der Witwe des letzten Museumsdirektors nichts Neues.

So viel ist immerhin klar: Die Geschichte der ersten Sammlung, die nach heutigem Forschungsstand 1945 endet, begann 1890 mit dem Testament von Henry Stoll. Stoll (1828 –1890) war ein in Neubrandenburg geborener und in Berlin lebender Maler und Sammler. Der kinderlose, unverheiratete Stoll war außerdem ein weitblickender Mann. Sein Testament bestimmte nicht nur seine Kunstsammlung für Neubrandenburg. Er stellte darüber hinaus Bedingungen: „Für gute Beleuchtung der Gemälde (Nordlicht) ist vornehmlich zu sorgen“, schrieb er und mahnte außerdem eine öffent­liche Ausstellung und die kontinuierliche Erweiterung der Sammlung an. Ähnliches wünschen sich Stifter heute auch. Zum Kauf neuer Werke hatte Stoll der Stadt sogar Kapital vererbt. „Die Zinsen dieses auf die Erbnehmerin eigenthümlich übergehenden Vermögens sollen lediglich zur Erweiterung der Sammlung durch Ankauf gediegener Werke der Malerei und Bildhauerei, vornehmlich aber der Ersteren für alle Zukunft dienen“, heißt es im Testament. Sollten diese Vorgaben nicht erfüllbar sein, hätte das benachbarte Neustrelitz Stolls Kunstbesitz geerbt. Das wollten die Neubrandenburger Stadtväter unbedingt verhindern. Daher war der Magistrat der Stadt sofort bereit, diesen Bedingungen zu folgen. Er kümmerte sich um eine Versicherung und die dazu nötige Inventarisierung der Sammlung, er mietete die Wohnräume des Sammlers an, um die Kunstwerke der Öffentlichkeit sofort zugänglich zu machen. Für die Bestandsaufnahme konnte der Direktor des Großherzoglichen Museums in Schwerin, Friedrich Schlie, gewonnen werden. Schlie erstellte ein erstes Nachlassinventar, das 671 Gemälde auflistete, allerdings ohne sie abzubilden. Darunter waren zugeschriebene Bilder von Karl Blechen, Anthonis van Dyck und Esteban Murillo. Andere identifizierte er als Arbeiten holländischer, französischer und italienischer Schule, zwei Drittel waren Kopien nach berühmten Gemälden – viele von Henry Stoll selbst gemalt. Dazu kamen Graphik, eine kunstwissenschaftliche Bibliothek und kunstgewerbliche Gegenstände.

Für die Präsentation empfahl der Schweriner Museums­direktor Schlie, jeweils um ein größeres Hauptbild motivisch passende kleinere Bilder zu hängen. „Das ist weniger schwer als es scheint, verlangt nur etwas Geschmack. Eine kunstsinnige Dame Ihrer Stadt würde sich vielleicht dazu finden, wenn unter den, mit den rauheren Mächten des Lebens kämpfenden Herren, niemand sein sollte.“ Letztlich fand sich dann doch ein Senator, der die Erstpräsentation verantwortete.

Bald danach konnten neue Räume in der ehemaligen Mädchenschule bezogen werden, um die Sammlung angemessen zu präsentieren. Ein Foto-Blick in die Ausstellung in der Alten Mädchenschule zeigt, wie wohl geordnet und voller Stolz die Stadt ihren Kunstbesitz dort herzeigte. Es ist das einzige Foto, das einen Eindruck von der Sammlungsausstellung gibt (siehe S. 52).

Das Beispiel von Henry Stoll imponierte offenbar dem ebenfalls unverheirateten und kinderlosen August Schmidt (1825 –1911). Auch dieser Neubrandenburger Kunsthändler vererbte der Stadt seine schon damals für ihre Porzellane berühmte Sammlung. Zu ihr gehörten neben mindestens 100 Meissener Porzellanen auch antike Bronzen, Terrakotta-Objekte, Gemälde und Graphiken – vor allem Kupferstiche. Was die Sammlung Schmidt genau enthielt und wie umfangreich sie war, ist nicht im Einzelnen überliefert. Fest steht, die Sammlung war weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.

Nach dem Tod Schmidts zeigte die Stadt ihr neues Erbe erst in dessen privaten Räumen, doch nach der Abschaffung der Monarchie und damit auch des Großherzogtums fiel das Palais des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz an die Stadt. Nun hatte sie einen repräsentativen innerstädtischen Ort, um die Kunstschätze von Stoll und Schmidt zu vereinen. Die Kunstsammlung eröffnete 1920 im Palais „mit einer Feuerlöscheinrichtung und einer Klingelleitungsanlage mit Alarm­glocken“, wie in der Neubrandenburger Zeitung berichtet wurde. Ihr Leiter wurde der Maler Josef Alterdinger (1874 –1934), der auch eine Wohnung im Palais bekam. Das war ein cleveres Arrangement für beide Seiten: Der Künstler kümmerte sich um die Sammlung und machte Führungen, dafür wohnte er kostenlos im Museum.

1/6

Die Bürgerschaft übernahm nun tatkräftig die Aufgabe, das Interesse für Kunst zu fördern und das Museum zu stärken. 1920 konstatierte der frisch gegründete Kunstverein: „Unsere Stadt besitzt in ihrer Kunstsammlung einen reicheren Schatz von Kunst­werken als mancher je geahnt hat. Diesen Schatz allen denen zu erschließen, die die Kunst als Gemüts- und Lebensbedürfnis empfinden – das soll vornehmlich der Zweck des Kunstvereins sein.“ Und weiter: „Keiner soll sich dem Irrtum hingeben, dass sein Geschmack nicht noch bildungsfähig wäre in der Beurteilung von künstlerischen Dingen.“ Der Verein warb geschickt, man kann sogar sagen: absolut modern. Von der Bedeutung der Kunst als „weichem Standortfaktor“ war er, im Gegensatz zu Neubrandenburger Geschäftsleuten, überzeugt: „Je mehr Anziehungskraft unsere Stadt durch Förderung der Künste ausübt, desto reger der Verkehr und mit ihm der Handel“, hieß es in einem 1921 in der Neubrandenburger Zeitung erschienenen Text des Kunstvereinsvorstandes. Dessen Arbeit ist bis 1934 dokumentiert. In diesem Jahr werden auch Por­träts von Heinrich Stoll in einer Bilderausstellung in Rostock gezeigt. Elke Pretzel vermutet, dass der Verein seine Arbeit nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten einstellte, denn verschiedene Neubrandenburger Bürger gaben ihre Vereinsarbeit angesichts der Gleichschaltung nach 1933 auf und traten aus.

Es wäre schön, wenn man sagen könnte, dass das Wissen um die alte Sammlung und der Stolz auf die Tradition die Neugründung des Neubrandenburger Museums 1982 befördert habe. Doch dem war nicht so. Die Neugründung des Museums war allein eine Entscheidung der DDR-Kulturpolitik. „Neubrandenburg wurde Bezirksstadt, die Einwohnerzahl stieg, und da sollte es auch ein Museum geben“, sagt seine heutige Leiterin Merete Cobarg. Gesammelt wurde, was in der DDR entstand: zeitgenössische Malerei, Graphik und Plastik, anfangs insbesondere von Künstlern aus dem damaligen Bezirk Neubrandenburg und von Dresdner und Ber­liner Künstlern, seit 1989 von Künstlern aus ganz Deutschland, mit einem Fokus auf den Norden. Doch auch die Geschichte der Kunstsammlungen in der DDR ist eine Geschichte der Verletzungen, der Un­sicherheiten, der Auslagerung und des Kampfes um einen angemessenen Platz für die Kunst. Dieser Kampf dauerte von der Gründung 1982 bis zur Eröffnung des heutigen Museums 2003 in einem historischen Fachwerkhaus mit modernem Anbau in der Großen Wollweberstraße. Erst seit dieser Zeit besitzt Neubrandenburg wieder einen würdigen Ort für seine Kunstsammlung.

Museumsleiterin Merete Cobarg ist trotz fehlender alter Kunstsammlung überzeugt: Ohne das Erbe von Henry Stoll und August Schmidt gäbe es heute kein Museum. „Wir sehen uns in der Tradition der bürger­lichen Sammler und Stifter“, sagt Cobarg, deren Museum von einem wachsenden Freundeskreis unterstützt wird. Bürgerliches Engagement und das Wissen um die lange Sammeltradition in Neubrandenburg halfen dem Museum immer dann, wenn es in den vergangenen Jahren aus politischen und Kostengründen um seine Existenz fürchten musste.

Um dieses neue bürgerliche Bewusstsein weiter zu fördern, restauriert das Museum die wiedergefundenen Porzellane durch Spenden aus der Bevölkerung – auch wenn das länger dauert als eine Restaurierung mit Fördergeld. Doch seit die Scherben gefunden und einige Stücke restauriert wurden, kann das Museum in einem eigenen Ausstellungsraum die Geschichte der alten verschollenen Sammlung erzählen. Dieses Ausstellungskabinett zieht Besucher in die Kunstsammlungen, die sich eigentlich „nur“ für die Geschichte ihrer Stadt interessieren. Doch oft bleiben sie, um die neue Sammlung mit zeitgenössischer Kunst kennenzulernen.

 

APT_03_2010_129

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.