Kulturerbe bewahren

Der gesammelte Wagner

Wie Archive lebendig werden.

von Prof. Dr. Helen Geyer

Im Fritz-Reuter- und Richard-Wagner-Museum der Stadt Eisenach schlummern vergessene Schätze: So beherbergt das Museum die sogenannte Oesterlein-Sammlung, die der berühmte Lexikograph und Schriftsteller Joseph Kürschner gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Wien nach Eisenach holte, seinem damaligen Wohnsitz. Befreundet war er mit dem aus Österreich stammenden Wagner-Verehrer Nicolaus Johannes Oesterlein (1841–1898), der die Sammlung akribisch zusammenstellte: Er nahm alles auf, was ihm als Wagner-gemäß erschien: über 20.000 Objekte, mehr als 200 Handschriften und Originalbriefe Wagners, 300 Handschriften aus Wagners direktem und persönlichen Umfeld, 700 Theaterzettel und Plakate, 3.000 Bildmaterialien – darunter hochwertige Fotos von Künstlern, Aufführungsszenarien, Graphiken, Figurinen, Postkarten, Devotionalien – sowie über 15.000 Zeitungsausschnitte. Das Herzstück der Sammlung bildet eine über 5.500 Bücher umfassende, wertvolle Bibliothek, Rara und Überraschungen bergend, die unter anderem und abgesehen von sämtlichen Werken des Komponisten den fast lückenlosen Bestand der Wagner-Sekundärliteratur des 19. Jahrhunderts enthält, abgesehen von seltenen Drucken früherer Zeiten, die als Wagner-stimulierend erachtet wurden. Damit ist die Oesterlein-Sammlung die zweitgrößte und -bedeutendste Richard-Wagner-Sammlung der Welt.

Folglich eröffnet sich mit der Oesterlein-Sammlung ein umfassender und vielfältiger Zugang zum damaligen Zeitgeist, der Wagners Umfeld bewegte, aber auch zu den vielfältigen Interessen des Komponisten. Jedoch auch die Vorstellungen eines glühenden Wagner-Verehrers werden greifbar allein wegen der so gearteten Sammlungszusammenstellung, die zugleich ein bestimmtes Rezeptionsmodell darstellt. Von hohem Interesse ist also der materielle und nicht zuletzt ideelle Wert der vielen seltenen Quellen und Exemplare. Es lassen sich anhand der Bestände mannigfache musikästhetische, philosophische, kulturgeschichtliche und soziopolitische Kontroversen des späten 19., aber auch des frühen 20. Jahrhunderts um die Person des Komponisten entwickeln bzw. ablesen. Das Archivgut aus den unterschiedlichsten Bereichen bietet hiermit ein in höchstem Maße kostbares Material, welches musikwissenschaftlich und interdisziplinär neue Impulse für Forschungsfragen zu setzen vermag.

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Obgleich die Sammlung am angestammten Museumsort für den Blick des heutigen Besuchers fast unberührt und repräsentativ – hinter Glas – wirkt, ist ihre Geschichte teilweise abenteuerlich: Sie erlebte mannigfaltige Verlagerungen innerhalb des Hauses und schmerzhafte Auslagerungen während des Zweiten Weltkrieges in die Rhön. Der Zugang ist grundsätzlich möglich; trotz allem spiegeln mehrere unterschiedliche Kataloge die internen und verschlungenen Wanderungen wider, die Verluste sind erahnbar. Mittlerweile gelang es, methodisch eine Art von Synopse zu entwickeln, abgesehen davon, dass die Zugangsbasis zur Sammlung zumindest virtuell immer noch der mehrbändige Katalog des frühen 20. Jahrhunderts bildet. Um die Sammlung jedoch heutigen Ansprüchen einer vernetzten Wissenschaft und interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren – sie ist übrigens über das ganze Haus teilweise wie ein Geheimarchiv verteilt, vor allem hinsichtlich der weniger repräsentativen oder übergroßen Objekte, von denen viele einer grundsätzlichen Sicherung und Restaurierung bedürfen (hier beginnt im gewissen Sinne auch ein „Abenteuer der Sammlungsentdeckung“) – ist es unabdingbar, sie einem neuen und zeitgemäßen Katalogisierungssystem zu unterwerfen, nach aktuellen Kriterien hinsichtlich mancher Teilbestände neu zu archivieren und zu ordnen, manches zu digitalisieren und im Netz zur Verfügung zu stellen. Ziel ist es, zunächst für die Öffentlichkeit eine allgemein vernetzte Datenbank mit umfänglicher, kommentierender Informationsversorgung zu entwickeln, angereichert mit Hinweisen zur Bedeutung der Objekte und zu ihrer Auswertung, um auf diese Weise ein Forum für weiterführende Forschungen und hoffentlich auch Fragestellungen und Diskussionen zu entwickeln. Spannenderweise blieben bislang beispielsweise die Fotografien und Bühnenbildsammlungen weitgehend unberücksichtigt, ganz zu schweigen von den in dieser Kompilation einmaligen Rezensionen.

Dankenswerterweise wird seit Mai dieses Jahres das Projekt von der Kulturstiftung der Länder mit einer Anschubfinanzierung unterstützt. Sie bietet die Voraussetzung für die Antragstellung auf weitere Drittmittelfinanzierungen. Für das kommende Jahr ist eine Sonderausstellung im Eisenacher Stadtschloss unter dem Titel „Tristan und Mathilde – Inspiration, Werk, Rezeption“ geplant, mit ausgewählten Exponaten aus der Oesterlein-Sammlung. Das Projekt steht im intensiven Kontakt mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena, kooperiert eng mit dem Kulturdezernat und der Stadt Eisenach.

Prof. Dr. Helen Geyer

ist Direktorin des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.