Truhe bewahren

Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder ermöglichte die Restaurierung einer kostbaren Reisetruhe des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy

Als junger Mann von 20 Jahren brach Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) zu seiner ersten Englandreise auf. Nachdem seine Konzertveranstaltungen das englische Publikum begeistert hatten folgten anlässlich einer umfassenden Bildungsreise Aufenthalte in den wichtigsten Kulturmetropolen Europas: Von Leipzig führte die Reiseroute über Weimar, wo der junge Pianist Johann Wolfgang von Goethe traf, nach Wien, Venedig, Florenz und Rom. Pompei, Neapel, die Schweiz sowie zahlreiche deutschen Kunstzentren bildeten weitere Stationen, bevor der Reisende erneut London erreichte. Zeitlebens folgten immer wieder Aufenthalte in England. Hier fand der ambitionierte Komponist, Pianist und Organist nicht nur musikalisch eine zweite Heimat, sondern schloss darüber hinaus enge freundschaftliche Verbindungen. Als ein großzügiges Geschenk dreier befreundeter Damen aus wohlhabenden Familien brachte Mendelssohn Bartholdy 1844 nach seiner achten Englandreise eine besondere Kostbarkeit mit nach Deutschland: eine halbkreisförmige, kunstvoll mit bemaltem Leder bespannte Truhe von beachtlicher Größe. Sie zeigt ländliche Ansichten Englands und eine Londoner Straßenszene mit einer Kutschgesellschaft. Der Truhendeckel greift eine familiäre häusliche Kaminszene auf.

 

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In Erscheinungsbild, Qualität und Form stellt die Truhe selbst für englische Anfertigungen dieser Zeit eine außergewöhnliche Besonderheit dar. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Sonderanfertigung. Die von Mendelssohn Bartholdy scherzhaft als „bewusste lederne Reisetasche“ bezeichnete Reisetruhe mag zwar an Gepäckstücke der damaligen Zeit erinnern, diente jedoch fernab der rauen unmotorisierten Reisewirklichkeit des 19. Jahrhunderts wohl eher als so kostbares wie empfindliches Interieur im geschützten häuslichen Bereich.

Und dennoch, trotz sorgfältiger Aufbewahrung erst durch Nachfahren, dann durch die gewissenhafte museale Nutzung, wurde die Zeit den anfälligen Naturmaterialien Öl, Leder, Holz sowie Textil zum Verhängnis: Die Materialien reagierten auf verschiedene klimatische Bedingungen, der aufgebrachte Firnis verdunkelte die detailreichen Szenen zu einem schwer erkennbaren Ganzen, zahlreiche Kratzer sowie Fehlstellen im Leder taten ein Übriges. Frühere Retuschen zeugten von vorangegangenen, wenig geglückten Ausbesserungsversuchen. Dank der Förderung des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder konnte die repräsentative Reisetruhe Felix Mendelssohn Bartholdys restauriert werden und erstrahlt nach aufwändiger Detailarbeit wieder in ihrem ursprünglichen farbenprächtigen Erscheinungsbild. Als eines der wertvollsten und herausragenden Stücke des heutigen Mendelssohn-Hauses in Leipzig erfasst die Reisetruhe den weitgereisten Komponisten als weltläufigen Europäer par excellence und zeigt mit dem authentische Mobiliar zugleich eine private Facette.

Mit seiner Frau Cécile Charlotte Sophie und den gemeinsamen vier Kindern – eine weitere Tochter wurde kurz nach dem Umzug geboren – bezog Felix Mendelssohn Bartholdy 1845 seine dritte Wohnung in Leipzig in der Beletage eines neobarocken Hauses in der damaligen Königstraße 5. Die heute als Goldschmidtstraße 12 bekannte Adresse des original erhaltenen Wohn- und Sterbehauses war die letzte Privatadresse des einflussreichen Komponisten und liegt behagliche zweihundert Meter neben dem Leipziger Gewandhaus. Als erste Musikhochschule Deutschlands gründete Mendelssohn Bartholdy 1843 in Leipzig das „Conservatorium der Musik“, das sich schnell zu einer angesehenen Institution im kulturellen Europa entwickelte. Persönlich als Lehrer für die Ausbildung junger Musiker engagiert, ergänzte der Gewandhauskapellmeister nicht zuletzt das Gewandhausorchester mit hervorragend ausgebildeten Talenten.

Seit 1997 ist seine letzte Wohn- und Wirkstätte Bestandteil des von der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung gepflegten Museums im Mendelssohn-Haus. Nach einem umfangreichen Ankauf aus dem Nachlass eines Urenkels im Jahr 1970 durch die Stadt Leipzig für das stadtgeschichtliche Museum gelangten wertvolle Gegenstände aus dem Besitz des Komponisten zunächst ins Leipziger Alte Rathaus. Das dort eingerichtete „Mendelssohn-Zimmer“ machte die Lebenswirklichkeit des Wahl-Leipzigers erstmals Besuchern zugänglich. Als Dauerleihgabe des stadtgeschichtlichen Museums kehrte neben Büsten, Bildern und Mobiliar 1997 schließlich auch die kostbar bemalte Reisetruhe an den Ort zurück, an dem sie das Musikerleben tagtäglich begleitete.