Kriegsverluste deutscher Museen

Kulturelles Gedächtnis – Kriegsverluste deutscher Museen

Nach mehrjährigen Forschungen ist der abschließende Band in der Schriftenreihe „Studien zu
kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern“ erschienen.

von Dr. Britta Kaiser-Schuster

Mit Abschluss von Band 3 der Schriftenreihe „Studien zu kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern“ liegen Einzelrecherchen zu den folgenden Museen mit mehreren Sammlungsbereichen vor:

Museum Bautzen – Gemäldesammlung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg SPSG – Deutsches Historisches Museum (DHM) Berlin – Stiftung Stadtmuseum Berlin – Kunstsammlung der Akademie der Künste Berlin – Nationalgalerie SMB – Gemäldegalerie SMB – Skulpturensammlung SMB – Antikensammlung SMB – Museum für Asiatische Kunst SMB – Kupferstichkabinett, Sammlung der Zeichnungen SMB – Museum für Byzantinische Kunst SMB – Kunstgewerbemuseum SMB – Museum für Vor- und Frühgeschichte SMB – Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz – Musikinstrumenten-Museum SMB – Kunstsammlungen Chemnitz – Anhaltische Gemäldegalerie Dessau – Kulturstiftung Dessau-Wörlitz – Staatliche Kunstsammlungen Dresden – Gemäldegalerie Alte Meister – Galerie Neue Meister – Skulpturensammlung im Albertinum SKD – Stiftung Schloss Friedenstein Gotha – Stiftung Moritzburg Halle – Museum der Bildenden Künste Leipzig – GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig – Kulturhistorisches Museum Magdeburg – Staatliches Museum Schwerin – Von der Heydt-Museum Wuppertal.

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Dem verheerenden Aggressionskrieg des nationalsozialistischen Deutschland gegen die Sowjetunion fielen Millionen von Menschen zum Opfer, Städte und Kulturlandschaften wurden zerstört. Der Vernichtungsfeldzug im Osten brachte nicht nur unendliches menschliches Leid, er zielte auch auf die Auslöschung der dortigen Kultur: Russland beziffert seine Kriegsschäden heute auf 1,1 Millionen Objekte. Auf Raub und Plünderung der deutschen Wehrmacht in der UdSSR folgte der Abtransport deutscher Kulturgüter in die Sowjetunion.

Vor diesem Hintergrund war die Geschichte der Verlagerungen von russischem wie deutschem Kulturgut wissenschaftlich zu bearbeiten. Über 80 deutsche Museen, die von Kriegsverlusten betroffen sind, hatten im November 2005 auf Initiative der Kulturstiftung der Länder und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin den Deutsch-Russischen Museumsdialog DRMD gegründet. Deutsche Museen, vor allem Institutionen im Osten Deutschlands, vermissen noch heute rund eine Million Objekte, die infolge der Kriegshandlungen aus ihren Sammlungen verschwunden sind. Die vorhandenen Forschungslücken versuchte der DRMD mit seinen Projekten zu schließen. Dieser Zielsetzung entsprechend widmete sich der erste Band der Schriftenreihe „Studien zu kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern“ den Verlusten der russischen Museen: „Raub und Rettung. Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ (C. Kuhr-Korelev, U. Schmiegelt-Rietig, E. Zubkova, W. Eichwede, Köln 2019). Zu diesem Thema hatte der DRMD 2012 das zweite groß angelegte deutsch-russische Forschungsprojekt gestartet. Es wurde in enger Kooperation mit den russischen Museumskolleginnen und -kollegen durchgeführt und war der Aufarbeitung der Zerstörungen und Verluste von Kunstwerken und Kulturgütern der russischen Kultureinrichtungen gewidmet. Von den über 170 von Verlusten im Zweiten Weltkrieg betroffenen Institutionen wurden exemplarisch die Sammlungen in Novgorod und Pskov sowie die der Zarenschlösser Puškin (Carskoe Selo), Peterhof, Gatčina und Pavlovsk von 1941 bis in die frühen 1950er-Jahre rekonstruiert. Darüber wurde in Arsprototo mehrfach berichtet, zuletzt in Heft 2/2019.

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Mit dem nun vorliegenden dritten Band werden die Kriegsverluste der deutschen Museen nachvollziehbar. Im Dezember 2008 startete das umfangreiche Forschungsprojekt „Kriegsverluste deutscher Museen“ zur Auswertung der Transport-, Übernahme- und Verteilungslisten kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter des russischsprachigen Aktenbestands Akinscha/Koslow zur Tätigkeit der sowjetischen Trophäenbrigaden des Kunstkomitees beim Rat der Volkskommissare der UdSSR in den Jahren 1945 bis 1947. Die zur Verfügung stehenden, als Depositum im Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (GNM) aufbewahrten Archivalien umfassen in Kopie rund 70 Prozent des uns bekannten Fonds 962, dessen Originale im Russischen Staatlichen Archiv für Literatur und Kunst (RGALI) in Moskau aufbewahrt werden und ohne Angabe von Gründen seit einigen Jahren für die Benutzung gesperrt sind.

Die ersten sowjetischen Trophäenbrigaden wurden im Februar 1943 auf Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR gegründet. Sie sollten zunächst militärisch und kriegswirtschaftlich relevante Gegenstände an und hinter der Front sicherstellen. Nach der Konferenz von Jalta erweiterten sich die Aufgaben der Trophäenbrigaden: Ab Februar 1945 richtete sich deren Arbeit auf den Abtransport von Trophäengut „jeglicher Art“ und somit auch von Kulturgütern. Die für Auffindung, Bergung, Erfassung und Abtransport von Kulturgütern verantwortlichen Angehörigen der Brigaden waren zumeist Experten: Kunsthistoriker, Archäologen, Museumsmitarbeiter, Bibliothekare oder Hochschullehrer. Es begann der Abtransport von Kunstwerken aus deutschen Museen, Bibliotheken, Archiven, Schlössern und privaten Landsitzen. Im Laufe der ersten Nachkriegsmonate nahm die Suche systematische Züge an. Hintergrund für das Handeln auf sowjetischer Seite war das „Konzept der Äquivalente“, was bedeutete, dass mit als gleichwertig erachteten Kunstwerken die Schäden und immensen Verluste, die die Nationalsozialisten in der Sowjetunion verursacht hatten, kompensiert werden sollten. Letztendlich waren fünf oder sechs Gruppierungen unterschiedlicher Sowjetinstitutionen allein für den Abtransport von Kulturgütern im Einsatz: Die Hauptrolle kam den hier beleuchteten Trophäenbrigaden des Kunstkomitees zu, gefolgt von den Brigaden des Komitees der Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen. Zusätzlich waren die Brigaden der Akademie der Wissenschaften beteiligt, die sich auf Bücher und wissenschaftliche Ausrüstung sowie weitere Kulturgüter konzentrierten. Eine direkt der Kommunistischen Partei unterstellte Brigade war für Archivalien und Manuskripte eingeteilt. Ebenso suchten Einheiten der Smerš, der Dachorganisation verschiedener Geheimdienste, nach wichtigen Archiven, die von – dem Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKVD) unterstellten – Spezialbrigaden der Staatsarchivverwaltung abtransportiert wurden. Die Brigaden der Staatlichen Verwaltung des Staatsschatzes des Finanzministeriums (Gochran) suchten speziell nach Banktresoren, Edelmetallen und Edelsteinen. Neben diesen von Moskau aufgestellten Brigaden hatte die Ukrainische Sowjetrepublik zusätzlich zu den ukrainischen Trophäenbrigaden eigene Trophäenoffiziere in verschiedene Armeeeinheiten entsandt.

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Die Verlustgeschichte der betroffenen deutschen Museen und Sammlungen differenziert darzustellen, stand im Fokus der Forschungen: Tausende von verlagerten Kulturgütern konnten identifiziert sowie die innerdeutsche Rückkehr von bedeutenden Kunstwerken in ihre Ursprungssammlungen ermöglicht werden.

Die Arbeitsgruppe übersetzte die Dokumente ins Deutsche und wertete insgesamt 8.500 Blatt russischsprachigen Archivguts aus. Die Auswertung war nicht nur wegen der Menge aufwändig. Viele der maschinenschriftlichen wie handschriftlichen Dokumente ­– Briefe, Listen konfiszierter, zum Abtransport vorbereiteter bzw. in Leningrad oder Moskau ausgepackter Kulturgüter sowie Rechenschaftsberichte, häufig in Durchschlägen auf Papierqualität der Kriegszeit – waren nur schwer entzifferbar. Die Beschreibungen der in den Akten gelisteten Kunstwerke sind größtenteils knapp oder lückenhaft, da innerhalb kürzester Zeit Millionen von Kulturgütern verpackt und abtransportiert werden sollten. Künstler, Bildmotiv oder die Region, wo es entstanden ist, sind oftmals die einzigen charakteristischen Werkangaben. Im besten Fall ist eine Verwaltungs- oder Inventarnummer vermerkt. Waren entscheidende Informationen zu den Kunstwerken nicht vorhanden, musste die Arbeitsgruppe versuchen, die Werke anderweitig zu identifizieren. Hilfreich dabei waren die Ein- und Auspackprotokolle, aus denen teilweise der Herkunfts- und Bestimmungsort der Objekte hervorgeht. Die großen Sammelstellen der Trophäenbrigaden befanden sich in Berlin, Leipzig und Dresden. Von dort aus gelangten die Kulturgüter zumeist in das Moskauer Puschkin-Museum oder in die Eremitage in Leningrad. Damit konnten die Wege der einzelnen Kunstwerke zurückverfolgt werden. Teilweise ließ sich die Herkunft auch durch den „Kistenkontext“ erschließen: Konnte ein Werk identifiziert werden, erlaubte dies Rückschlüsse auf die Provenienz der restlichen Gegenstände in derselben Kiste. Oft befanden sich jedoch in einer Kiste Objekte aus unterschiedlichen Sammlungen, was die Recherchen erschwerte.

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Alle Informationen, die konkrete Kulturgüter betrafen, wurden in einer Datenbank erfasst. Sie enthält nun Informationen zu über 100.570 Kulturgütern, die 1945 bis 1947 in die Sowjetunion abtransportiert wurden. Die Gesamtzahl des bearbeiteten Kulturguts liegt jedoch weitaus höher, weil im Einzelfall auch eine Münzsammlung, eine Mappe mit Grafiken oder eine Kiste mit archäologischen Fundstücken in den Dokumenten und dadurch in den Datenbankeinträgen als je ein Objekt erfasst worden waren.

Seit 2012 wurde die Datenbank genutzt, um gezielt die Bestände betroffener Museen auf kriegsbedingt verlagertes Kulturgut zu untersuchen. In Kooperation mit den Museen konnte ein gemeinsames Vorgehen bei den anstehenden Recherchen erörtert werden. Ausgehend von den Bestands- und Verlustkatalogen der einzelnen Institutionen, den Suchmeldungen in der Lost Art-Datenbank und den Archivalien des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin wurden die Museumsbestände mit den Datenbankeinträgen des DRMD abgeglichen. So ließ sich feststellen, welche Objekte in den Nachkriegsjahren tatsächlich in die Sowjetunion gelangten, welche später zurückkehrten und welche bis heute noch in Russland zu vermuten sind. Auf Grundlage dieses Aktenbestands der Trophäenbrigade des Kunstkomitees wurden die Abtransporte in die UdSSR chronologisch und geografisch verfolgt.

Mit Abschluss dieser Publikation liegen Einzelrecherchen zu insgesamt 29 Museen mit mehreren Sammlungsbereichen vor. Für die Museen konnten im Projektverlauf in der DRMD-Datenbank 10.174 bis heute nicht oder vermutlich nicht restituierte Kulturgüter identifiziert werden (Stand März 2021). Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Mikroforschungen ist, dass nicht alle der infolge des Zweiten Weltkrieges verursachten deutschen Museumsverluste in Russland oder den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu vermuten sind. 1939 begannen in Deutschland die ersten Evakuierungen von Kunstwerken. Die Auslagerung Tausender Objekte in Bergwerksstollen, Bunkern, Tresorräumen, Museumskellern und anderen Schutzräumen war teilweise erst der Beginn einer jahrzehntelangen Odyssee. Es wurden jedoch bei weitem nicht alle Kunstwerke in die UdSSR transportiert und verschwanden dort in geheimen Depots der Moskauer und Leningrader Museen. Ein Teil ging infolge von Bränden, Bombenangriffen, Vandalismus für die Nachwelt endgültig verloren oder verschwand durch plündernde Zivilisten oder Armeeangehörige. Auch alliierte Soldaten gehörten zu dem verantwortlichen Personenkreis: Der Quedlinburger Kirchenschatz kehrte Ende der 1980er-Jahre durch Unterstützung der Kulturstiftung der Länder aus den USA zurück; er war von einem amerikanischen Soldaten per Feldpost nach Texas geschickt worden. Die Monuments Men Foundation hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Rückgaben zu befördern, durch sie konnten 2015 ebenfalls aus Texas drei Gemälde an die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau zurückgegeben werden, die 1945 im Salzbergwerk Solvayhall ausgelagert waren (s. dazu auch   Band 2 der Schriftenreihe: M. Schermuck-Ziesché, Gestohlen – Abtransportiert – Zurückgekehrt. Die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau im Zweiten Weltkrieg, Köln 2020).

Die Geschichte von kriegsbedingt verlagertem Kulturgut lässt sich also nicht auf die Tätigkeit der Trophäenbrigaden reduzieren. Die Recherchen zeigen, dass jedes Haus seine eigene Verlustgeschichte hat. Die Auswertungen mithilfe der Datenbank haben auch viele verschollene Werke identifiziert: So galten die 42 Entwurfszeichnungen von Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) für den Figurenschmuck am Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt aus der Kunstsammlung der Berliner Akademie der Künste als Kriegsverlust, tauchten aber 2014 auf einer Auktion auf und kehrten in die Sammlung zurück. Die Forschungen des DRMD legen nahe, dass sie nie in die UdSSR gelangt waren. Hundert der insgesamt 197 Gemälde, die das Museum der bildenden Künste Leipzig als vermisst gemeldet hat, sind zerstört worden.

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Andere vermisst geglaubte Kunstwerke befanden sich zwar in Deutschland, jedoch im falschen Museum. Diese „Irrläufer“ waren in den 1950er-Jahren an die DDR restituiert worden, jedoch nicht an den richtigen Ort zurückgekehrt: Als ein Beispiel unter vielen vermisste die Berliner Akademie der Künste das „Bildnis des Schauspielers Johann Friedrich Reinecke“ von Anton Graff. Es wurde 1958 an die DDR restituiert und befand sich seither in der Städtischen Galerie Dresden. Die Inventarnummer „ТБ-166“ („TB-166“) auf der Rückseite war bei früheren Recherchen zu den Kriegsverlusten der Akademie der Künste in der Datenbank aufgetaucht und einem „Männerbildnis eines Meisters des 18. Jahrhunderts“ zugeordnet gewesen. Die zweite russische Inventarnummer „З-Ж.1270“ („Z-Ž.1270“) auf der Gemälderückseite brachte weitere Erkenntnisse; dabei handelte es sich um eine zweite im Moskauer Puschkin-Museum vergebene Inventarnummer, unter der das Bild 1958 an die DDR zurückgegeben worden war. Sie fand sich in den Rückführungsakten des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin. Die eigentliche Identität des Bildes konnte nun über die Kontexte seiner Verbringung ermittelt werden: Es war im März 1946 mit einem Berliner Transport nach Moskau gekommen und wurde aus einer Kiste ausgepackt, in der sich mehrere Gemälde befanden, die bereits als Werke der Akademie der Künste identifiziert worden waren. 2015 kehrte es zum zehnjährigen Jubiläum des DRMD dorthin zurück.

Die Forschungen der Arbeitsgruppe lagen auch mehreren Ausstellungsprojekten zugrunde: der Ausstellung „Das verschwundene Museum“ 2015 im Berliner Bode-Museum sowie 2016 den Ausstellungen in Moskau bzw. 2017 in Gotha, die von der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha in Kooperation mit dem Puschkin-Museum in Moskau ausgerichtet wurde.

Die Publikation fasst nun die Ergebnisse der mehrjährigen Forschungen der Arbeitsgruppe „Kriegsverluste deutscher Museen“ zusammen: Dr. Ralph Jaeckel, Dr. Anne Kuhlmann-Smirnov und Anastasia Yurchenko MA gingen exemplarisch auf die Geschichte von Objekten ein, die im Laufe der Recherchen von ihnen identifiziert wurden. Als externe Autoren standen dem Team die Experten Dr. ­Konstantin Akinscha als Spezialist zum Thema Beutekunst sowie Dr. Jörn ­Grabowski, ehem. Leiter des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB), der die Geschichte der SMB im Krieg beforscht hat, zur Seite. In Zusammenarbeit mit den russischen und deutschen Museumskolleginnen und -kollegen gelang die Rekonstruktion der Verlustgeschichte der deutschen Museumssammlungen.

Finanziell ermöglicht wurde die Arbeit durch die langjährige großzügige finanzielle Unterstützung der Rike und Rainald Pohl Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Dr. Britta Kaiser-Schuster

ist seit 1999 Dezernentin der Kulturstiftung der Länder und Projektleiterin der Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog.