Kulturelle Bildung

Kompetenz und Dialog

Überlegungen zur Neugestaltung der kulturellen Bildung in Baden-Württemberg

von Petra Olschowski

Diese Wochen und Monate, die unter dem Eindruck der Corona-Pandemie stehen, verändern unseren Blick auf die Welt. Noch wissen wir nicht, wie lang die Krise andauern und ob sie längerfristige Konsequenzen mit sich bringen wird. Aber wir merken, dass sie uns verändert. Immer wieder liest man zurzeit, dass es nach dieser Zeit keine Rückkehr zum Davor geben kann. Aber wenn man ehrlich ist, weiß man nicht, ob das wirklich stimmt und wir nicht doch schnell vergessen, und auch nicht, was diese Behauptung genau bedeutet. Das Virus hat uns überrascht und beherrscht im Moment unser Denken und Handeln. In der kommenden Zeit wird es aber auch darum gehen, aus der eher reagierenden Haltung heraus zu finden und die gemachte Erfahrung zu gestalten: Was wollen wir, das bleibt? Was kann und muss jetzt vielleicht tatsächlich anders werden? Wie sollte es werden?

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All dies gilt auch für die Kulturpolitik und für einen ihrer wichtigen Aspekte: die kulturelle Bildung. Es ist daher riskant, in einer solchen Phase des Wandels einen Text zu schreiben, der das Danach im Blick hat und auf Erfahrungen der Zeit davor beruht. Auch wenn – wie unter einem Brennglas – die Probleme in diesem Bereich gerade jetzt deutlich werden.

Daher zunächst ein kurzer Blick auf das Davor. Im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst haben wir in diesem Jahr kulturpolitisch ein klares Ziel formuliert, das durch die Haushaltsbeschlüsse des Landtags von Baden-Württemberg unterlegt ist: Das Thema kulturelle Bildung, Vermittlung und Teilhabe für alle Gruppen der Gesellschaft im außerschulischen Bereich soll entscheidend und langfristig gestärkt werden durch die Gründung eines spartenübergreifenden, interkulturell agierenden Kompetenzzentrums als Plattform und als strategischer Partner für die Institutionen sowie durch die deutliche Aufstockung von Personal- und Programmmitteln.

An der Vorarbeit zu diesem parlamentarischen Beschluss haben wir über Jahre gearbeitet. Es haben Gespräche im kleinen und großen Kreis stattgefunden, Experten haben getagt, Fachbeiräte haben ihre Empfehlungen abgegeben, die schwierige Grenzziehung zwischen schulischer und außerschulischer Bildung wurde wieder und wieder diskutiert. Darüber hinaus wurden Förderprogramme aufgelegt, einzelne Formate – zum Beispiel im Bereich Theaterpädagogik – wurden erprobt und das Potenzial digitaler Angebote insbesondere für die Vermittlungsarbeit der Museen deutlich gestärkt. Und immer hatten wir dabei die Frage im Blick, die seit so vielen Jahrzehnten relevant und doch noch nicht gelöst ist: Wie erreichen wir mehr Menschen und diversere Gruppen? Wie gewinnen wir sie für die Kunst? Wie ermöglichen wir den Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Lebensrealitäten über die Kunst?

Gerade dieser Dialog ist nun gestört. Gerade die Idee der Öffnung und Begegnung, die dahinter steht, ist beinahe unmöglich gemacht. Aber wird sie durch ein Virus grundlegend in Frage gestellt? Im Gegenteil.

Denn eins erfahren wir im Moment auch: Die Schließung aller Kultureinrichtungen über Monate hinweg hat vielen in der Gesellschaft gezeigt, wie schmerzlich sie das gemeinsame Erleben von Kunst und Kultur vermissen, was für eine zentral wichtige Rolle Museen, Theater, Konzerte, Oper, Ballett, Lesungen und Kino für unser Leben spielen. Für unser Miteinander.

Auch wenn viele Kultureinrichtungen durch digitale Angebote die Kluft zu ihrem Publikum auf originelle Weise zu überbrücken suchen und das zum kulturellen Bildungsauftrag gehört: Die Leerstelle bleibt. Der Platz neben einem ist nicht besetzt.

Dabei wäre die Kunst so wichtig, um zu verstehen, zu reflektieren, sich auszutauschen, zu verorten, was gerade mit uns als Individuen und als Gesellschaft passiert. Es könnte uns helfen, Bilder, Texte, Klänge zu erleben, die diese innere Spannung, die die Sorge, Trauer und existenzielle Angst, aber auch die Lust und Freude in der Schwere spiegeln und zugleich über den Alltag hinaus weisen. Dazu kommt ein weiterer Aspekt, der mich nachdenklich stimmt: In einer Krise wie dieser verstärken sich die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Bevölkerungsgruppen und auch zwischen den verschiedenen kulturellen Zugehörigkeiten – und das gilt insbesondere auch für Kunst und Kultur. Denn nur wer bereits Zugang hat, der findet jetzt die richtigen Bücher oder hört online Konzerte, sieht Ausstellungen, Theaterproduktionen, Performances und die spannenden digitalen Programme, die – Corona zum Trotz – entstehen.

Wenn unsere kulturellen Angebote Menschen auf unbestimmte Zeit nicht mehr in den direkten Austausch mit den Künsten und in den tatsächlichen Dialog miteinander bringen, geht das vor allem zu Lasten der Kinder und Jugendlichen, die im Elternhaus keine kulturellen Impulse bekommen können. Aber auch die Lebensqualität anderer Generationen leidet. Man denke an Alleinstehende oder an Seniorinnen und Senioren, die oft über ihr Engagement für Kunst und Kultur sozial eingebunden sind. Darüber hinaus finden viele migrantische Gruppen keinerlei Möglichkeit für den Austausch mit anderen mehr.

Ich verstehe Kulturpolitik in weiten Teilen auch als Gesellschaftspolitik. Kulturelle Bildung begreifen wir im Ministerium daher auch als lebenslangen Lern- und Auseinandersetzungsprozess des Menschen mit sich, seiner Umwelt, seiner Geschichte, der Gesellschaft und der Kultur selbst im Medium der Künste. Unser Ziel ist, dass kulturelle Teilhabe und Diversität daher mehr noch als bisher das Profil staatlicher und vom Land geförderter Einrichtungen und Projekte prägen muss. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass eine gezielte Projektförderung dabei eine wichtige Rolle spielen kann. Um die dort gemachten Erfahrungen aber zu verstetigen und besser weiterentwickeln zu können, um Best-Practice-Modelle sinnvoll zu evaluieren, um Ergebnisse aus der Forschung produktiv für beide Seiten in die Kulturarbeit einbringen zu können und um den Dialog zwischen den Sparten auf hohem Niveau halten und international vernetzen zu können, braucht es mehr als das.

Mit dem Kompetenzzentrum Kulturelle Bildung, Vermittlung und Teilhabe, das sich zunächst auf die außerschulische Bildung konzentriert, schaffen wir eine Einrichtung, die auf lange Sicht mehrere Ebenen im Blick behält. Dazu gehören professionelle Beratung, Expertise, Netzwerkfunktion, Prozess- und Strukturentwicklung, Erprobung neuer Formate, Wirkungsanalyse, Steuerung und Evaluierung, Fort- und Weiterbildung, Wissenstransfer in den Forschungs- und Schulbereich – und zwar von den international agierenden Kulturinstitutionen bis hin zur Amateurkunst.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und vom aktuellen Ausnahmezustand weit mehr bestärkt als gebremst, ist es unser Ziel, kulturelle Teilhabe – und damit ist immer auch interkulturelle Teilhabe gemeint – als Kernaufgabe neu zu denken, auszubauen und strukturell zu verankern.

All dies haben wir bereits vor März 2020 so formuliert und gedacht. Was nun hat sich seither geändert? Es ist in den letzten Wochen noch deutlicher geworden, welche Bedeutung dem Thema zukommt und wie dringlich es ist, dass die Kultur sich noch mehr aus ihren üblichen Kreisen und Zirkeln hinaus bewegt, damit sie auch in existenziell schwierigen Zeiten wie diesen eine breite Wirkung entfaltet. Es ist aber auch offensichtlich geworden, dass wir bei all unserem Werben für ein vielfältiges, interessiertes und offenes, ein neugieriges und dialogbereites Publikum die Einrichtungen selbst und die Künstlerinnen und Künstler nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Die Schließung der Einrichtungen zeigt uns nicht nur, wie sehr Kunst und Kultur uns fehlen, sie weist mit aller Klarheit darauf hin, wie prekär die Arbeitsverhältnisse im Kultur- und Kreativbereich sehr oft sind.

Ein Kompetenzzentrum, das es sich zur Aufgabe macht, kulturelle Bildung, Vermittlung und Teilhabe zu stärken, muss auch dafür sensibilisieren. Denn ohne die Künstlerinnen und Künstler und ihre Kraft, ihre Ideen, ihre Potenziale, wird es in Zukunft keine Kultur mehr geben. Das werden wir stärker als bisher vorgesehen berücksichtigen.

Vielleicht ist das Danach tatsächlich anders als das Davor. Wir werden sehen. Sicher ist, dass vieles, was wir gedacht und geplant haben, richtig und wichtig bleibt. Ein paar Monate später als ursprünglich geplant, wird unser Kompetenzzentrum hoffentlich zum Ende dieses Jahres an den Start gehen – mit einer Erfahrung im Gepäck, die wir nicht eingeplant hatten, die uns aber dabei hilft, unsere Aufgabe noch weiter zu präzisieren und mit noch mehr Energie voran zu treiben.

Petra Olschowski

ist Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.