Interview

Im Wettbewerb der Narrative

Fragen an Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder

von Nadja Al-Khalaf

Am 1. Juni 2018 trat Prof. Dr. Markus Hilgert sein Amt als Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder an. Der habilitierte Altorientalist lehrte an der Universität Heidelberg, bevor er ab 2014 das Vorderasiatische Museum auf der Berliner Museumsinsel leitete. Dort koordinierte er mit museum4punkt0 ein bundesweites Programm, das sich der digitalen Transformation in Museen widmet. Virtual Reality, Augmented Reality und 3D-Modellierung: Kultureinrichtungen entwickeln dabei digitale Prototypen, um neue Formen der Kommunikation, Partizipation, Bildung und Vermittlung in Museen zu ermöglichen. Markus Hilgert ist u. a. Gründungspräsident von „Blue Shield Deutschland“ und Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. Für Arsprototo sprach Nadja Al-Khalaf mit Markus Hilgert.

Herr Hilgert, wer online zu Ihnen recherchiert, wird unter den Suchergebnissen zuoberst auf Ihr Twitter-Profil stoßen. Unter dem Nutzernamen „textcultures“ teilen Sie Inhalte aus der Welt der Kunst und der Kulturpolitik, aber platzieren auch eigene Botschaften für Ihre knapp 3.600 Follower. Wie passen ein Altorientalist und der digitale Kurznachrichtendienst Twitter zusammen?

Man könnte natürlich antworten, dass auf Keilschrifttafeln ebenfalls nur Platz für eine geringe Anzahl von Zeichen war. 280 Zeichen, wie sie einem auf Twitter zur Verfügung stehen, könnten sogar hinhauen. Aber, lassen Sie mich diese Frage ernsthaft beantworten: Für mich ist Twitter vor allem ein Informationsmedium, über das ich Zugang zu Wissen erlange, auf das ich analog keinen so leichten Zugriff hätte. Wer denkt, Altorientalisten würden nicht in unserer Welt leben und könnten auf digitale Kommunikations- und Vernetzungswege verzichten, liegt falsch. Im Gegenteil: Die Altorientalistik als Wissenschaft der materiellen Hinterlassenschaften altorientalischer Gesellschaften hat ja vor allem in den letzten Jahren an Aktualität und Relevanz gewonnen. Als „kleines Fach“ ist sie besonders darauf angewiesen, ihre Kompetenzen durch ständigen Austausch auch langfristig garantieren zu können.

Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder; Foto: Götz Schleser
Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder; Foto: Götz Schleser

Bleiben wir noch einen Moment beim Thema digitaler Kommunikation. Sie haben das 2017 gegründete Verbundprojekt museum4punkt0 geleitet. Im Zuge des Projekts wurden und werden Strategien zur digitalen Transformation von Museen entwickelt. Inwieweit sind die dort gewonnenen Erkenntnisse auch für die Kulturstiftung der Länder (KSL) relevant?

Digitale Transformation bedeutet eine auf digitale Kommunikation und digitale Wertschöpfung ausgerichtete Neuorganisation sämtlicher musealer Prozesse. Im Rahmen des Projekts museum4punkt0 – dessen Ergebnisse allen Kultureinrichtungen zur Verfügung stehen – hat sich modellhaft gezeigt, mit welchen enormen Herausforderungen sich ein Museum, das sich oft in öffentlicher Trägerschaft befindet, und in dem Personal- und Budgetpläne vorgegeben sind, konfrontiert sieht: Denn, wer digital kommunizieren und vermitteln möchte, muss alle jene Bereiche, die letztlich in den Bereich der digitalen Vermittlung münden, neu organisieren. Das schließt die auf das jeweilige Zielpublikum ausgerichtete Kommunikationsstrategie, aber auch die Vernetzung von vorhandenen Datenbanken mit Social-Media-Kanälen oder mit einer Museums-App mit ein und geht bis hin zu Zusatzausbildungen, in denen beispielsweise Kuratoren in digitalen Kompetenzen geschult werden. Da sich in den kommenden Jahren viele Museen mit diesen Herausforderungen konfrontiert sehen werden und die Arbeit der KSL dort ansetzen soll, wo der Bedarf am stärksten ist, sind all diese Erkenntnisse auch für uns – als Kommunikator zwischen den Ländern – extrem relevant.

Als ehemaliger Direktor des Vorderasiatischen Museums des Pergamonmuseums haben Sie sich bereits ausführlich mit Herkunftsfragen von musealen Beständen beschäftigt. Auch die KSL verlangt, dass alle ihre Erwerbungen erforschte Provenienzen haben. Was muss, rund um das Thema Provenienzforschung, in Zukunft getan werden, um den Diskurs weiter voranzubringen?

Zunächst einmal darf man nicht vergessen, wie umfassend der Bereich der Provenienzforschung eigentlich ist. Darunter fallen Kulturgüter aus kolonialem Kontext, aber auch Objekte, die ihren rechtmäßigen Eigentümern durch die Verfolgung der Nationalsozialisten entzogen wurden. Bezüglich letzterer wurde in den vergangenen Jahrzehnten bereits enorme Vorarbeit geleistet, während sich bei dem Erbe aus kolonialem Kontext gerade erst ein neuer, riesiger Raum öffnet: Den der sogenannten tertiären Objekte. Also jener Kulturgüter, die koloniale Domination abbilden. Unter anderem mit diesen müssen wir uns in Zukunft verstärkt auseinandersetzen. Die Aufgabe der KSL als Vermittlerplattform ist es, darauf hinzuweisen, wie notwendig die Auseinandersetzung mit diesen Objekten ist. Außerdem müssen wir deutlich machen, dass sich Lösungen für den Umgang mit solchen Objekten nicht am grünen Tisch finden lassen, sondern sie in den einzelnen Institutionen, aus der Praxis heraus, entwickelt werden müssen.

Gegenüber der Deutschen Presseagentur sagten Sie, „dass eine aus Steuermitteln finanzierte Institution die Verpflichtung hat, sich an den großen politischen und kulturpolitischen Themen dieser Tage zu beteiligen“. Welche Themen sind das?

Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass eine Stiftung wie die KSL eine solche Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat, die sie ja nicht nur finanziell trägt, sondern sie vor allem auch mit der Erfüllung eines gewissen Auftrags betraut hat. Natürlich muss der Beitrag, den eine solche Institution leisten kann, auch in ihrem Kompetenzbereich – in unserem Fall dem der Kulturförderung – angesiedelt sein. Und genau dort sehe ich eine ganze Reihe von Themen, für die wir uns gewinnbringend einsetzen können. Dazu gehört die bereits genannte Auseinandersetzung mit unrechtmäßig erworbenem Kulturgut, genauso wie die digitale Transformation von Museen, aber auch die Debatte um Integration, die gerade in Deutschland geführt wird. Denn Integrationsprozesse laufen letztlich nicht nur auf struktureller oder sozialer, sondern vor allem auf kultureller Ebene ab. Die Frage, ob wir als Gemeinschaft Teil einer Interpretationsgesellschaft sind, muss letztlich zu einem großen Teil kulturell beantwortet werden. Als Kulturstiftung haben wir die Aufgabe, Erzählungen zu entwickeln, die so gut sind, dass sie im Wettbewerb der Narrative – und nichts anderes ist die Frage um Integration letztlich – attraktive Angebote der Teilhabe darstellen. Wenn wir es schaffen, die Geschichten, die mit unseren Kulturgütern verbunden sind, so zu erzählen, dass daraus Integrationsangebote werden, war unsere Arbeit erfolgreich.

„Kulturelle Vielfalt ist gleichbedeutend mit Kultur“

Die KSL vertritt als „Einkaufsgemeinschaft“ 16 Bundesländer. Lässt sich da bereits auf nationaler Ebene von einer kulturellen Vielfalt sprechen?

Absolut. Und das haben wir dem deutschen Kulturföderalismus zu verdanken. Er ist eine der wichtigsten Charakteristika unserer Kulturlandschaft. Viele halten ihn für ein sperriges und arbeitsintensives Erbe. Ich persönlich halte ihn für ein hohes Gut. Zum einen, weil er dem vorbeugt, was wir in der deutschen Geschichte schon einmal erlebt haben, nämlich, dass Kultur zentral – aus einer Stadt und von einigen, wenigen Organen – „verordnet“ wird und zum anderen, weil kulturelle Vielfalt gleichbedeutend mit Kultur ist.

Wie kann es gelingen, auf die vielfältigen und unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Länder einzugehen?

Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören. Wir müssen den Bedarf der einzelnen Länder wahrnehmen, die uns angetragenen Anliegen ernst nehmen und sie bündeln. Wenn wir feststellen, dass mehrere Länder ähnliche Anliegen haben, ist es an uns, den gegenseitigen Austausch von Expertisen unter diesen Ländern anzuregen. Damit die KSL auch weiterhin erfolgreich als Moderatorin zwischen den 16 Bundesländern agieren kann, darf sie vor allem nicht nivellieren wollen. Im Gegenteil: Sie muss die lokalen und regionalen Besonderheiten der einzelnen Länder respektieren.

Bevor Sie 2014 nach Berlin gingen, haben Sie sieben Jahre lang als Professor für Assyriologie an der Universität Heidelberg gelehrt. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Vieles von dem, was ich in Heidelberg gelernt habe, hat mich beruflich nachhaltig geprägt. Wer im Lehrbetrieb tätig ist, versteht, dass die Vermittlung von Wissen ein langwieriger und arbeitsintensiver Prozess ist. Bis ein Student, der im ersten Semester das wissenschaftliche Arbeiten aufnimmt, selbstständig forschen kann, vergehen Jahre. Vor allem aber muss er oder sie intensiv betreut und gefördert werden. Eine weitere Erkenntnis aus dieser Zeit ist, dass bestimmte, hochspezialisierte Fachexpertise an der Universität enorm wichtig ist. Neben meiner Lehrtätigkeit hatte ich einen DFG-Sonderforschungsbereich gegründet, für dessen Leitung ich verantwortlich war. Diese Arbeit hat gezeigt, wie wichtig hochspezialisierte Fachexpertise – wie zum Beispiel die der Altorientalistik – ist, aber auch verdeutlicht, dass sie erst im interdisziplinären Austausch mit anderen Fächern ihr ganzes Potential ausschöpft. Natürlich lernt man aber auch, was es kostet und welcher Infrastruktur es bedarf, ein solches Fach am Leben zu halten. Wer eine universitäre Laufbahn hinter sich hat, versteht, was für einer vielschichtigen und komplexen Infrastruktur es bedarf, um Kultur zu erhalten.

„Wir brauchen auf allen Ebenen ein verstärktes Bewusstsein vom Wert der Kultur“

Was muss sich kultur- und bildungspolitisch in Deutschland tun, um auch zukünftige Generationen für die Arbeit, die die KSL länderübergreifend seit drei Jahrzehnten leistet, interessieren zu können?

Wir brauchen auf allen Ebenen ein verstärktes Bewusstsein vom Wert der Kultur. Kultur ist nicht nur schmückendes Beiwerk. In vielen gesellschaftlichen und politischen Bereichen ist Kultur zu einem zentralen Instrument geworden. Wer sich die Erklärungen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen ansieht, wird feststellen, dass der Einfluss von Kultur dort auch in Bereichen wie der Sicherheitspolitik oder der Friedensbewahrung genannt wird. Wenn die Bedeutung von Kultur – weit über sogenannte kulturpolitische Belange hinaus – bereits erkannt worden wäre, müsste der Transfer von kulturpolitischen Themen in andere politische Bereiche längst verstärkt gefördert werden. An dieser Stelle müssen wir für einen kulturpolitischen Wandel sorgen. Und dieser kann selbstverständlich nur mit einer vermehrten Investition in die kulturelle Bildung gelingen.

Herr Hilgert, Sie übernehmen jetzt zum 30-jährigen Bestehen der Kulturstiftung der Länder deren Leitung. Lassen Sie uns zum Abschluss des Gesprächs einen Blick zurück werfen: Welche der bisherigen Errungenschaften der KSL-Erwerbungen, Beratungen, aber auch interne Projekte – waren besonders vorausschauend?

Das Engagement der KSL für die Provenienzforschung war bemerkenswert zukunftsweisend. Immerhin fand das zu einer Zeit statt, in der die Feuilletons noch kaum zu diesem Thema berichtet hatten. Die KSL hat sich des Themas früh angenommen; sie hat Geld in die Hand genommen und war unter den ersten, die konkrete Handlungsmodelle erarbeitet haben. Aber auch das frühe Engagement im Bereich der kulturellen Bildung vor fünfzehn Jahren halte ich für wirklich bemerkenswert. Auch dieses Thema wurde hier angegangen, bevor es im Mainstream angekommen war. In beiden Fällen hat die KSL als zuverlässiger Seismograph funktioniert. Aber auch Erwerbungsförderungen, wie beispielsweise die der Humboldt-Tagebücher, deren Wirkung ja bis heute spürbar ist, sind nachhaltige Investitionen in unser kulturelles Erbe gewesen.

Nadja Al-Khalaf

ist Literaturwissenschaftlerin in Berlin und schreibt als Autorin u. a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für ze.tt, das junge Onlinemagazin des ZEIT-Verlags. Twitter: @Birn_baum