Titelthema Erhalt schriftlichen Kulturguts

Zerfallende Bücher

Thomas Prinzler im Gespräch mit Ursula Hartwieg, der Leiterin der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK), und Isabel Pfeiffer-Poensgen, der Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, über die nationale Initiative zur Rettung des schriftlichen Kulturerbes

Schimmelpilze, Käfer, Tinten- und Säurefraß – vielfältig sind die Ursachen für die Zerstörung von Büchern, Zeitungen, Handschriften, Noten und Akten in den Archiven und Bibliotheken. „Der leise Tod der Bücher“ hat das kürzlich eine Autorin genannt. Was geschieht da in den Regalen der Bibliotheken und Archive?

Ursula Hartwieg: Da geschieht das, was wir selbst Tag für Tag erleben: Materie zerfällt. Kein Material ist für die Ewigkeit bestimmt. Es ist einfach nicht selbstverständlich, dass ein Buch, das wir heute im Regal haben, in 30 Jahren unverändert ist – da läuft ein Abbauprozess.

Wenn ein Buch tausend oder tausendfünfhundert Jahre alt ist, kann man sich vorstellen, dass da der Zahn der Zeit nagt. Aber betroffen sind auch jüngere Bücher?

Ursula Hartwieg: Richtig. Das sind einfach Schäden, die im Material angelegt sind. Das Hauptproblem ist, dass das Papier zerfällt. Säurefraß im Buch, in der Akte, in allem, was aus dem Papier hergestellt wurde, das es seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt. Damals wollte man immer mehr Schriften immer preiswerter herstellen und weiter ver­breiten. Die Papierherstellung indus­tri­alisierte sich: In das Papier, das vorher vor allem aus Lumpen produziert wurde, brachte man ab Mitte des 19. Jahrhunderts Holzschliff ein. Darin und in der für dieses Papier erforderlichen Harz­leimung sind Säurebestandteile enthalten, die das Papier auf die Dauer zersetzen. Papier­zerfall wird deshalb auch gern als tickende Zeitbombe bezeichnet.

Zur schleichenden Katastrophe tragen neben dem Säurefraß auch Schimmel und Insekten bei. Über welches Ausmaß reden wir?

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Alle sind betroffen, weil es Bibliotheken schon sehr lange gibt, und Archive ebenso. Es wird überall im Land versucht, allerdings mit viel zu geringen Mitteln, dieses Problems Herr zu werden. Denn in unseren Zeiten steht das schriftliche Kulturgut nicht unbedingt im Fokus, um das sich alle Parlamente oder auch Gemeinderäte, die Geld zur Verfügung stellen könnten, als erstes kümmern.

Ursula Hartwieg, Isabel Pfeiffer-Poensgen und Thomas Prinzler beim Gespräch
Ursula Hartwieg, Isabel Pfeiffer-Poensgen und Thomas Prinzler beim Gespräch

Das Ulmer Münster oder der Kölner Dom werden wahrgenommen, die Handschrift in der Bibliothek, die Akte im Archiv nicht. Es gibt 3,7 Mio. laufende Meter Archivmaterial, das ist etwa die Entfernung zwischen Berlin und Grönland. In zehn Jahren wird es die Entfernung von Berlin bis zum Nordpol sein. Und 50 Prozent sind dort betroffen.

Ursula Hartwieg: Maßgeblich ist das Problem des Papierzerfalls – das ist einfach flächendeckend in den Archiven präsent. Wenn wir über das Ausmaß des Problems in Bibliotheken sprechen, können wir schon – zum Glück – ein bisschen differenzieren. Bei Bibliotheken sprechen wir zum großen Teil von Mehrfachbesitz. Derselbe Titel ist einfach doch in vielen Bibliotheken vorhanden. Das, was in Bibliotheken an Druckproduktion vorhanden ist, muss nicht 1:1, kann auch gar nicht 1:1 gesichert werden. Dafür ist das Problem einfach zu groß und das Verfahren der Massenentsäuerung zu teuer. Alles, was Archive nach einer Bewertung in ihren Bestand übernehmen, muss komplett den nachfolgenden Generationen überliefert werden. Es ist insgesamt unikal. Was sich in Bibliotheken befindet, ist nur zum Teil unikal. Wenn wir über Handschriften sprechen oder auch über die frühe Buchproduktion bis Mitte des 19. Jahrhunderts oder ein Buch, in das Günter Grass eine Notiz hineingeschrieben hat, ist das natürlich alles einzigartig und unersetzbar. Das muss gerettet werden.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Als föderaler Staat nehmen die einzelnen Länder die Aufgabe mehr oder weniger intensiv wahr. Das dokumentiert sich am Ende immer ganz banal im Haushalt eines Landes: Werden Mittel für eine Restaurierung bereitgestellt?

Ab wann hatten Sie eine Ahnung vom Ausmaß der Schäden?

Ursula Hartwieg: Wenn Sie nach einem speziellen Schreckmoment fragen, würde ich tatsächlich sagen: die Ergebnisse unserer bundesweiten Umfrage. Die KEK alleine konnte natürlich nicht all die Zahlen ermitteln, die jetzt in den bundesweiten Handlungsempfehlungen stehen. Wir haben uns über die Kultusministerkonferenz für jedes Land Expertinnen und Experten für die Bestands­erhaltung benennen lassen, jeweils für den Bereich Archiv und für den Bereich Bibliothek. Mit diesem Expertenwissen wurden die Bestände, der Schadens- und der Gefährdungsgrad in den Einrichtungen beschrieben. Und diese Rückmeldungen fand ich schon erschreckend. Denn es ist ja nicht nur das Problem, dass Materie zerfällt, sondern es ist auch das Problem, dass das Material, eben die Archivalien, die Bücher vor Ort fach­gerecht versorgt werden müssen. Dazu brauchen wir Fachkompetenz und die ist in den Einrichtungen nicht ausreichend vorhanden.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Die wirklich großen Schadensfälle, Stichwort Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek oder der Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln, haben neben aller Schrecklichkeit vielleicht mehr Menschen deutlich gemacht, was da verloren gegangen ist. Trotzdem ist eine wesent­liche Erkenntnis aus dieser Erhebung und aus der ganzen Untersuchung ganz deutlich: Die sich langsam ereignenden Schadensfälle, dieser schleichende Zerfall aufgrund von Säurefraß, Tintenfraß oder Schimmel und was es da noch alles gibt, sind die größeren Probleme.

Offensichtlich braucht es dann genau solche dramatischen Ereignisse wie es der Brand in der Anna Amalia Bibliothek 2004 und der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 waren, um die Koordinierungsstelle für den Erhalt des schriftlichen Kulturguts, KEK, zu gründen.

Ursula Hartwieg: Ich würde es so auf den Punkt bringen: Ohne den Einsturz kurz vor Überreichung der Denkschrift „Zukunft bewahren“ der „Allianz Schrift­liches Kulturgut Erhalten“ wäre der politische Handlungsdruck nicht ausreichend hoch gewesen, um tatsächlich eine Koordinierungsstelle zu gründen. Wer hätte gedacht, dass man wirklich im Herbst 2009 im Koalitionsvertrag die Absicht formuliert, ein nationales Bestandserhaltungskonzept zu entwickeln, um das gefährdete schriftliche Kulturgut zu sichern?

Seit Oktober liegen die Handlungsempfehlungen der KEK vor mit dem Titel „Die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Archiven und Biblio­theken in Deutschland“. 2012 gab es 10,9 Millionen Euro für Maßnahmen der Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken, ist da zu lesen. Notwendig wären 63,2 Millionen Euro. Da ist eine große Lücke. Und nun?

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Zum ersten Mal haben wir belastbare Zahlen. Und Zahlen brauchen Sie immer, wenn Sie gegenüber der Politik Sachverhalte deutlich machen wollen. Jedes Parlament wird Sie zuerst fragen: Ja, schön, dieses Problem, interessant, aber was brauchen wir dafür, um es zu beheben? – Und diese Zahlen sind nun in aller Brutalität aufgeschrieben. Unser Plädoyer ist ganz klar: Es braucht Bundes- und Länderprogramme, um zum Beispiel das Problem der Massenentsäuerung in einem Umfang anzugehen, dass wir langfristig auch Erfolge damit haben.

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Die KEK hat einen Jahresetat von 600.000 Euro. 63 Millionen wären nötig. Was können Sie überhaupt erreichen?

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Wir haben uns zu Beginn gesagt, der Hauptauftrag ist es, die Handlungsempfehlungen wirklich fundiert zu erarbeiten als eine Grundlage, um strategisch langfristig die Sicherung des schriftlichen Kulturerbes abzusichern. Gleichzeitig wollten wir von Anfang an auch zeigen, wie sinnvoll das ist. Das kann man nur, indem man sehr konkrete Restaurierungsvorhaben landauf, landab fördert und so in jeder Kommune, in jedem Land sichtbar wird, dass damit Schätze gehoben werden, für die wir schönste Beispiele auch in dieser Ausgabe von Arsprototo zeigen.

Die KEK hat Projekte angeschoben nicht nur in großen Bibliotheken, nicht nur, um verblassende Schrift in Archiven der Leopoldina wieder sichtbar zu machen, sondern auch in Stadtarchiven wie Chemnitz, Karlsruhe oder im Kreis Teltow-Fläming bei Berlin.

Ursula Hartwieg: Ja, das ist richtig. Da können wir jetzt auf eine relativ stattliche Summe zurückblicken, 2,4 Mio. Euro über die Jahre 2010 bis heute.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Und knapp 200 Projekte…

…wie das Notizbuch, das Telefonbuch der Dadaistin Hannah Höch. Was war da die besondere Herausforderung, um es der Nachwelt zu erhalten?

Ursula Hartwieg: Da sprechen wir über ein Kunstobjekt. Es ist eine Künstlerin, die dort ihre Adressen in einer sehr interessanten Form verzeichnete. Hannah Höch hat ja im Grunde nur Lagen Papiers übereinander gelegt, eine stärkere Pappe drumherum gefügt, mit einer Kordel gebunden – das war’s. Sie hat natürlich selber Adressen hineingeschrieben, aber auch mit einer Stecknadel Adresszettelchen hineingeheftet und mit Tesafilm, was man aus der Perspektive der Restauratoren nie tun sollte, auch reingeklebt. Üblicherweise würde man bei einer Restaurierung das Objekt ‚enteisen‘, also alles Metall herausnehmen, weil auch das Metall natürlich einen Störfaktor darstellt, der beim Rosten zu Verfärbungen führt. Beim Adressbuch sollte aber alles drin bleiben, weil da ein Kunstobjekt auf dem Tisch der Restauratorin lag. Sie musste es Blatt für Blatt behandeln, ohne die innere Ordnung zu zerstören. Das war das Spannende daran.

Die Kulturstiftung der Länder hilft ja den einzelnen Einrichtungen auch beim Ankauf – sei es ein wertvolles August-Macke-Gemälde oder auch der Nachlass des Berliner Wagenbach Verlages. Wonach wählen Sie aus?

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Wir fragen uns: Ist es ein herausragendes Objekt oder Konvolut? Ist es etwas, das von überregionaler oder historisch-regionaler Bedeutung ist? Wir lassen uns immer auch extern von Gutachtern beraten. Wir fragen: Gehört es wirklich an den Ort, in den Kontext, für den es gekauft werden soll? Wir fragen uns zudem: Ist die Provenienz geklärt oder gibt es Frage­zeichen? Und last but not least fragen wir uns jedes Mal: Ist der Preis gerecht­fertigt? Auch das lässt sich ja deutlich überprüfen. – Das sind die Kriterien, mit denen wir uns ausführlich beschäftigen, bevor wir sagen, wir können uns vorstellen, eine solche Erwerbung für ein Museum beispielsweise oder eine Bibliothek, ein Archiv in unseren Gremien zu be­fürworten.

„Bestandserhaltung beginnt im Kopf, nicht im Geldbeutel“, hat Mario Glauert vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv geschrieben. Das heißt natürlich Priorisierung, Schwerpunktsetzung. Welche Kriterien legen Sie an?

Ursula Hartwieg: Grundsätzlich wollen wir natürlich alles retten, aber das ist nicht möglich. Speziell im Bibliotheksbereich muss koordiniert werden. Und im Archivbereich kann nicht alles auf einen Schlag gerettet werden. Es braucht Priorisierung. Damit sind wir bei dem, was wir als schleichende Katastrophen bezeichnen: Beim Schimmel und Papier­zerfall. Das sind fortschreitende Schadensbilder, die haben Vorrang und müssen zuerst behandelt werden. Im zweiten Schritt muss nach der Bedeutung gefragt werden, auch da muss eine Priorisierung erfolgen. Die Nutzung gibt zusätzlich Orientierung. Allerdings definiert sie sich immer wieder neu. Wir wissen heute ja noch nicht, was in drei, dreißig oder dreihundert Jahren den Forscher oder den Bürger wirklich interessiert, was wichtig wird.

„Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“, so Mephisto zu Faust. Erhaltung kostet viel Geld. Wir haben aber inzwischen eine hervorragende Digitalisierungstechnik. Warum reicht Digitalisieren nicht?

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Man muss beides machen! Wir wollen jetzt mal nicht von der Aura des Originals sprechen, aber von der Faszination kann man schon reden. Wenn eine Pianistin, ein Geiger zum ersten Mal über der originalen Handschrift eines Werks von Beethoven im Archiv sitzt, mit dem sie oder er sich seit Jahren beschäftigt, dann geht etwas ganz Unglaubliches mit diesem Künstler vor, weil eben diese Originalhandschrift anders aussieht als das, was wir in einer gut edierten Ausgabe sehen. Auf der anderen Seite ist das Digitalisieren einer solchen Handschrift natürlich absolut sinnvoll, weil sie damit sehr demokratisch weltweit im Netz zur Verfügung steht, auch für die Menschen, die weit weg sind von dem Original. Außerdem schonen wir das Original damit.

Ursula Hartwieg: Auf der anderen Seite ist der Referenzcharakter des Originals unersetzlich. Es stimmt einfach: Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Blicken wir nach Berlin zur Nofretete. Würde es uns denn reichen, wenn wir da eine 3D-Simulation hätten? Nie im Leben! Und auch, wenn es inzwischen schon 3D-Scans von schriftlichem Kulturgut gibt, die berührungslos und gestenbasiert bewegbar sind: Sie ersetzen nicht das Original. Das digitale Abbild ist manipulierbar. Als Referenz muss immer das Original im Blick gehalten werden. Und wir können uns entspannt zurücklehnen, denn wir wissen jetzt, was es kostet, die Originale zu erhalten. Wer sagt uns denn, was es kostet, all die Digitalisate, die es heute gibt, noch in hundert Jahren abzurufen?

Was erwarten Sie vom Bund oder von der Politik ganz allgemein? 63 Millionen Euro?

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Wir erwarten jetzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Handlungsempfehlungen auf allen politischen Ebenen. Dann hoffen wir als Kulturstiftung gemeinsam mit den Ländern und dem Bund ein Programm auf den Weg zu bringen, das – wir sind schließlich keine Traumtänzer – uns vielleicht nicht ab morgen 63 Millionen pro Jahr auf den Tisch legt, aber doch jedenfalls eine namhafte Steigerung, die es über die Jahre erlaubt, die Aufgaben anzugehen. Politik ist das Bohren dicker Bretter, aber wir haben jetzt eine belastbare Grundlage, um mit diesem Bohren zu beginnen.

Ursula Hartwieg: Angelegt ist unsere zentrale Empfehlung auf jährlich mindestens ein Prozent Sicherung des gefährdeten oder geschädigten schriftlichen Kulturguts. Daraus resultieren die 63 Millionen. Das heißt, es ist eigentlich ein Hundertjahresprojekt, aber wir haben ein Phasenmodell für die konkrete Umsetzung entwickelt. Denn es wäre eine unerträgliche Vorstellung, wenn bereitgestellte Gelder nicht abgerufen würden. Das heißt, wir brauchen Infrastrukturen in den hauseigenen Werkstätten und in den Häusern selbst Fachpersonal. Dieser Betrag von 63 Millionen Euro ist der prinzipielle Bedarf, den wir aber für eine sofortige Umsetzung nicht empfehlen können. Er lässt sich nur mit bundesweit gestärkten Infrastrukturen umsetzen. Wir wollen dahin kommen, dass wir wirklich mindestens dieses eine Prozent pro Jahr sichern. Das muss erreichbar sein!

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Thomas Prinzler ist Wissenschaftsredakteur im rbb Inforadio in Berlin.