Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Transkription des Interviews zur Ausstellung „Tina Blau. Im Freien“ im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern vom 31. Januar 2026 bis zum 25. Mai 2026.
Drei kurze Statements aus dem späteren Interview:
- Tina Blau war eine, ich sag mal, illustre Figur, aber auch eine sehr selbstbewusste und durchsetzungsfähige Frau
- Sie war zugleich, man kann sagen, Protagonistin, Pionierin der sogenannten Freilichtmalerei
- Und das ist durchaus ungewöhnlich, dass Frauen in dieser Zeit auch schon in Sammlungen angekauft wurden
Teaser: Ein Podcast von der Kulturstiftung der Länder.
Interviewer:
Ich grüße Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer weiteren Folge unseres Podcasts Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder. Darin stellen wir Ihnen immer herausragende Ausstellungen in ganz Deutschland vor, nämlich genau die, die wir fördern. Und dazu gehören insbesondere in jüngerer Zeit Ausstellungen über weibliche Künstlerinnen, die in einer doch männlich dominierten Kunstgeschichtsschreibung, insbesondere vor 100 Jahren, vergessen oder richtiger vielleicht marginalisiert wurden. Ein Beispiel ist eine österreichische Künstlerin, über die wir jetzt sprechen, deren Werke zu Lebzeiten auf drei Weltausstellungen präsentiert wurden und der jetzt das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern eine Ausstellung widmet.
Über die Ausstellung Tina Blau im Freien spreche ich mit Dr. Annette Reich. Sie ist stellvertretende Direktorin des Museums Pfalzgalerie und die verantwortliche Kuratorin. Ich grüße Sie, Frau Reich.
Annette Reich:
Ja, hallo, ich grüße Sie auch, Herr Moek. Ich freue mich über die Einladung. Vielen Dank.
Interviewer:
Frau Reich, wie der Titel Ihrer Ausstellung ja sagt, Sie widmen eine ganze Ausstellung einer Malerin. Wer war denn Tina Blau?
Annette Reich:
Also, Tina Blau war eine bedeutende österreichische Landschaftsmalerin im 19. Jahrhundert. Sie war zugleich, man kann sagen, Protagonistin, Pionierin der sogenannten Freilichtmalerei in ihrer Zeit und war da auch federführend in ihrer Maltechnik, in ihrer Überlegung, in ihrem Konzept, wie sie ihren Malstil entwickelt hat. Sie war, man kann sagen, geschäftstüchtig, eine starke Frau, die ihr Werk vorangebracht hat. Aber zugleich war sie auch im Lehrberuf. Sie war auch Lehrerin, hat sogar auch eine eigene, beziehungsweise zwei eigene Kunstschulen für Mädchen und junge Frauen gegründet. Sowohl in Wien als auch in München, diese beiden großen Zentren.
Interviewer:
Das ist ja ungewöhnlich, dass eine Frau zu dieser Zeit, wir sprechen ja über das frühe 20. Jahrhundert, als Lehrerin tätig war. Wie muss man sich einen solchen Lehrbetrieb vorstellen?
Annette Reich:
Ja, also es war durchaus wichtig, dass es diese Schulen gab. Die Frauen waren ja zu dieser Zeit nicht an Akademien zugelassen. Das war ja eine Männerdomäne. Insofern war es natürlich für die Frauen erstmal schwierig, sich in diesem Beruf überhaupt ausbilden zu lassen. Sie mussten sich sozusagen entweder Privatlehrern widmen, dann das eigene Studium in der Natur in dem Fall war natürlich ganz entscheidend. Aber eben diese Lehrbetriebe, die auch Tina Blau mitbegründet hat, waren ganz wichtig, um diese jungen Frauen und Mädchen an ihre Berufung heranzuführen und auszubilden. Es gibt in der Ausstellung auch ein nettes Zitat von Schülerinnen von Tina Blau, die sie auch als einerseits freundlich, humorvoll charakterisieren, aber auch so ein bisschen kurios, wenn man das so sagen kann, weil sie eben mit ihrem Malwagen, wie es überliefert ist, in den Prater fuhr und dort ihre Freilichtmalerei betrieb. Also mit einem großen Hut auf dem Kopf, einem Kostüm an und doch eine sehr illustre Figur, aber auch eine sehr selbstbewusste und durchsetzungsfähige Frau.
Interviewer:
Und eine sehr erfolgreiche, ich sagte das gerade, sie hat auf den Weltausstellungen in Antwerpen 1885, Paris 1889 und Chicago 1893 präsentiert. Warum war sie denn so erfolgreich?
Annette Reich:
Ja, ich denke mal, sie hatte natürlich verschiedene Strategien auch und interessant war in dieser Zeit, dass der Kaiser Franz Josef auch eine Vorliebe hatte, Ausstellungen zu besuchen. Er hat sich oft eben mit diesen Künstlerinnen, Künstlern auseinandergesetzt und es ist bemerkenswert und auch sehr interessant, dass Tina Blau schon in der österreichischen Galerie, bevor das Belvedere, das heutige Belvedere hieß, eines ihrer Bilder auch in die Sammlung geben konnte durch Ankauf. Das ist durchaus ungewöhnlich, dass Frauen in dieser Zeit auch schon in Sammlungen angekauft wurden. Und das ist etwas, was sie auch auszeichnet. Es gibt noch ein, zwei andere Frauen, die wir in der Ausstellung zeigen, die auch Erfolg hatten, aber der Großteil natürlich hat eben nicht diese Vorzüge gehabt, auszustellen und dann auch in große Sammlungen wie das Belvedere angekauft zu werden.
Interviewer:
Tina Blau war eine äußerst erfolgreiche Malerin und ist heute weitestgehend unbekannt. Wie kommt das?
Annette Reich:
Ja, also sie hat in ihrer Zeit 1890 eine große Ausstellung in München gehabt, die auch in große deutsche Städte weitergewandert ist. Heutzutage ist sie leider weitgehend vergessen. Wir haben ein großes Bild von ihr in unserer Sammlung und möchten daher dieses zum Ausgangspunkt nehmen und sie sozusagen wieder in die Kunstgeschichte einführen, sie bekannter zu machen, auch in Deutschland bekannter zu machen. In ihrer Heimat ist sie es nach wie vor. Die Gründe dafür liegen möglicherweise einerseits natürlich darin, dass die Kunst im 19. Jahrhundert auch zu Beginn des 20. noch männerdominiert war und wir jetzt einfach dafür sorgen möchten, auch aus der Sammlung heraus Frauen, die damals große Kunst, gute Kunst geschaffen haben, noch mal in den Fokus zu rücken. Das andere ist wahrscheinlich auch dem geschuldet, dass ihre Nachfahren, also ihre Nichten zum Beispiel, auch während des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Eine der Nichten ist dann im Konzentrationslager ermordet worden, auch ihre Bilder sind aus Museen konfisziert worden, also im Prinzip das gleiche Schicksal wie vielen, vielen anderen Künstlern zuteil geworden ist. Insofern ist es, denke ich, auch heutzutage wieder wichtig, aus der Sammlung heraus wichtige Namen wie Tina Blau wieder in den Mittelpunkt zurückzubringen.
Interviewer:
Wie kommt es, dass Sie jetzt einer mittlerweile in Deutschland völlig unbekannten Malerin eine Ausstellung widmen?
Annette Reich:
Das ist jetzt leider so und wir haben sie als festen Bestandteil in unserer Sammlung. Da sind wir auch sehr stolz drauf. Sie ist Teil der sogenannten Benzinosammlung. Hofrat Josef Benzino, ein Pfälzer Unternehmer. Die Vorfahren sind aus Italien eingewandert in die Pfalz. Er hat hier sein Unternehmen gegründet und hat hier in der Pfalz auch gelebt und gewirkt. Er ist dann, nachdem er als Privatier sich von seinen Unternehmungen getrennt hat, aufgrund auch der wirtschaftlichen Situation in der Pfalz, später nach München gegangen, war schon immer sehr kunstaffin, ist in einer Familie aufgewachsen, die sich immer mit bildender Kunst umgeben hat. Und er hat dann in München sich einen großen Kreis auch an bekannten Künstlern geschaffen. Er war auch politisch tätig, hat den Kaiser beraten, war in einer Ankaufskommission und hat direkt am Puls der Zeit Kunst angekauft. Und diese Privatsammlung kam dann Anfang des 20. Jahrhunderts 1903 in das Museum Pfalz Galerie, das heutige Museum Pfalz Galerie, damals Kunstgewerbemuseum. Und das war auch der Start, dass unser Museum dann in Richtung bildender Kunst, Malerei, Skulptur und heute eben dann die neuen Medien sich entwickeln konnte.
Interviewer:
Sie haben gerade erzählt, das Gemälde April-Tag haben Sie in Ihrem Bestand. Ich werde das jetzt in der YouTube-Variante dieses Podcasts mal einblenden. Und für all jene, die jetzt nicht auf YouTube gucken können, was ist denn auf diesem Bild zu sehen?
Annette Reich:
Ja, der April-Tag im Prater von 1889 bei uns in der Sammlung ist ein lichtdurchflutetes Bild, ein Ausschnitt aus der Prater-Landschaft. Den Prater, den sie so gerne immer gemocht hat als Thema. Sie hat viel in diesem großen Naturschutzgebiet gemalt. Und wir sehen auf der linken Seite eine Kutsche, die fast durchs Bild fährt. Also man hat die Anmutung, dass hier alles in Bewegung ist. Es sind kleine Staffage-Figuren im Bild zu sehen, die einen Spaziergang durch diese Frühlingslandschaft machen. In der Mitte, im Zentrum, sieht man eine aufrechte Figur in einem schwarzen, hochgeschlossenen Kleid. Sie trägt ein Schirmchen, wie das im 19. Jahrhundert auch so in der Aristokratie, im Großbürgertum üblich war. Und das ist im Zentrum diese kleine Figur. Aber außenrum ist im Prinzip der Raum das Wichtige, die monumentale Natur.
Interviewer:
Was zeigen Sie denn neben diesem Gemälde, das sehen wir in der Ausstellung, habe ich gerade verstanden. Was zeigen Sie denn sonst noch in der Ausstellung?
Annette Reich:
Also wir haben eigentlich fünf große Bereiche, haben dieses Konzept thematisch organisiert, innerhalb dieser Thematik auch chronologisch. Im Sinne von, dass wir frühe Arbeiten, ein ganz frühes Werk haben, das sie mit 17 Jahren gemalt hat, bis hin zum Alterswerk. Und in dieser Zeitschiene haben wir uns entschieden, das eher thematisch zu gliedern. Also in dem Raum, in dem unser Bild hängt zum Beispiel, sind weitere Prater-Motive zu sehen. Der erste Raum ist auch komplett mit Prater-Motiven, mit Landschaften bestückt. Und da sind wir sehr stolz, dass wir in Zusammenarbeit mit dem Belvedere in Wien eine große Anzahl an Leihgaben auch erhalten haben. Das ist eine wunderbare Zusammenarbeit und ergänzt unsere Ausstellung natürlich großartig. Der zweite Bereich wäre dann Wien und österreichische Motive, also St. Veit zum Beispiel, andere Städte, in die sie gereist ist. Dann haben wir Tina Blau und die Münchner Schule. Das ist natürlich ein wichtiger Kernpunkt, weil Josef Benzino, der die Sammlung an unser Haus gegeben hat, überwiegend Malerinnen und Maler der Münchner Schule gesammelt hat. Das ist ein Schwerpunkt. Da können wir sehr schön unsere Bilder, also Teile unserer Bilder von drei Landschaftsmalern mit Tina Blau kombinieren. Und man sieht dann auch sehr schön die Einflüsse. Dann gibt es einen Raum mit Fernreisen. Tina Blau hat sehr viele Reisen unternommen in die Niederlande, nach Frankreich, Italien, auch Deutschland. Und wir haben da jeweils Beispiele, um einfach ihre Reisetätigkeit zu dokumentieren. Und dann gibt es noch eine kleine Gruppe, zwei Zeitgenossinnen von Tina Blau, nämlich Marie Egner und Olga Wiesinger-Florian. Die beiden waren eben auch in dieser Zeit erfolgreich. Um die Jahrhundertwende konnten sie Bilder verkaufen, waren auch auf Weltausstellungen vertreten. Und das war uns wichtig, noch mal das Umfeld ein bisschen anzudeuten, um zu sehen, wie da die Netzwerke gelaufen sind. Also dass Künstlerinnen sich auch untereinander natürlich kontaktiert haben, versucht haben, zusammen auszustellen und dadurch mehr Erfolg zu haben.
Interviewer:
Wenn ich jetzt in Ihre Ausstellung gehe, was würden Sie sagen, was lerne ich in dieser Ausstellung über Geschichte, Kunstgeschichte, vielleicht auch über die Gegenwart oder über mich selbst, was würde ich dort aus Ihrer Ausstellung mitnehmen?
Annette Reich:
Ja, ich denke, unsere Ausstellung zeigt viele verschiedene Aspekte. Vorrangig natürlich erst mal, wie Künstlerinnen sich um die Jahrhundertwende positionieren konnten mit ihrer Malerei. Wir lernen auch den Aufbruch in die Moderne. Wir befinden uns ja da im Habsburger Reich noch, das ist ja noch Kaiserreich. Dann können wir über diese geografischen Punkte, die Tina Blau angesteuert hat, auch international erfahren, wie Einflüsse auf ihr Werk zum Beispiel zum Tragen kommen. Dann natürlich ganz interessant der Malstil, also sozusagen kunstgeschichtlich von den Anfängen, wie sich so ein Werk entwickeln kann, von einer anfänglich etwas romantischen Anschauung der Landschaft bis hin zu einer freien Malweise, die am Aufbruch der Moderne steht und in ihrer Zeit durchaus im Vergleich zu anderen Zeitgenossen eine Modernität aufweist.
Interviewer:
Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg mit der Ausstellung Tina Blau im Freien und viele interessierte Besucher. Vom 31. Januar bis zum 25. Mai 2026 ist sie im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern zu sehen. Und zu hören und vor allem zu finden sind alle Folgen unseres Podcasts Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder auf den einschlägigen Podcastforen und auf YouTube. Und weitere Hinweise auf unsere Förderung finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen Facebook, Instagram, Blue Sky und LinkedIn. Ihnen, Frau Dr. Reich, danke ich ganz herzlich für dieses Gespräch.
Annette Reich:
Ich danke Ihnen sehr, Herr Moek, und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Vielen Dank.
Im Podcast spricht die Kuratorin Dr. Annette Reich über die Ausstellung „Tina Blau. Im Freien“ im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, die erste umfassende Werkschau der österreichischen Malerin seit über einhundert Jahren.
Tina Blau. Im Freien.
–
Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern
Museumsplatz 1, 67657 Kaiserslautern
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr, Donnerstag 11–20 Uhr